Leserreise Glashütte 2015

Glashütte wächst

In Glashütte werden seit über einem Jahrhundert Uhren gebaut. Das klingt zunächst einmal nicht besonders spannend. Tatsächlich verändert sich aber nicht nur immer wieder das Stadtbild, auch die ortsansässigen Uhrenmarken wachsen und entwickeln sich. Wir nehmen im Rahmen der Uhren-Magazin-Leserreise 2015 die Veränderungen bei fünf Marken und das Deutsche Uhrenmuseum unter die Lupe.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Deutsches Uhrenmuseum

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Deutsches Uhrenmuseum

Das Ortsschild kündigt an: »Willkommen in Glashütte! Hier lebt die Zeit.« Direkt dahinter ragt ein gelber Baukran in die Luft. Die schmale Hauptstraße entlang entdecken wir weitere kleine Baustellen. In Glashütte lebt nicht nur die Zeit, sie wächst auch. Bereits vor zwei Jahren demonstrierten die dort ansässigen Uhrenfirmen ihren Erfolg mit Gebäudeumbauten und geplanten Erweiterungen.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Finissage an Werksteilen bei Moritz Grossmann

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Finissage an Werksteilen bei Moritz Grossmann

So auch bei Moritz Grossmann, die wir als erstes besuchen. Noch vor zwei Jahren war man in der jungen Manufaktur damit beschäftigt, eine eigene Kollektion aufzubauen. Heute führt die Marke sechs Modelle im Programm und konzentriert sich nun vor allem auf den Vertrieb und das Marketing. Man wolle bekannter werden und sich als feste Größe in Glashütte etablieren, heißt es von Geschäftsführerin Christine Hutter.Grossmann Uhren GmbH, wie die 2008 von ihr gegründete Firma heißt, ist sich ihrer Verpflichtung gegenüber der Glashütter Traditionen in der Uhrmacherei sehr bewusst. Nicht umsonst trägt die Uhrenmarke den Namen eines der bedeutendsten Uhrmacher des 19. Jahrhunderts: Moritz Grossmann.

Von dem harmonischen Zusammenspiel von Tradition und Moderne überzeugt sich die Reisegruppe beim Rundgang durch die Manufaktur. Wir starten im untersten Stockwerk der Manufaktur, wo moderne CNC-gesteuerte Maschinen Einzelteile des Uhrwerks aus Metallstücken herausfräsen oder erodieren. Im Herzstück der Manufaktur, dem Finish, gibt es dagegen nur reine Handarbeit.

Etwa 70 Prozent der Arbeitskraft und -zeit werden allein für das Finish genutzt, erklärt Rainer Kern, Leiter für Kommunikation im Haus. Auch in weiteren Ausarbeitungen unterscheidet sich Grossmann von den Kollegen vor Ort. Statt Rubinen werden weiße Saphire eingearbeitet und sämtliche Schrauben bekommen dank eines Brennvorgangs eine bräunlich-violette statt blaue Färbung.

Nomos Glashütte investiert weiter in den Ausbau seiner Manufaktur

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Firmeneingang Nomos Glashütte

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Firmeneingang Nomos Glashütte

Nur zögerlich verabschieden sich die Teilnehmer der Leserreise von Grossmann. Sei ihnen doch bewusst geworden, dass sie hinter die Pforten »des neuen Sterns am deutschen Uhrenhimmel« schauen durften, kommentiert ein Teilnehmer den Besuch. Direkt gegenüber von Grossmann, auf der anderen Seite der Bahngleise, befinden sich die Geschäftsführung, Verwaltung und Fertigung von Nomos Glashütte in den Räumen des alten Bahnhofs.

In den letzten zwei Jahren wusste Nomos mehrfach zu überraschen, zuletzt mit der Präsentation der eigenen Hemmungsbaugruppe, von Nomos »Swing-System« genannt, und einem neuen besonders flachen Automatikwerk. Die Fertigungstiefe liegt nunmehr je nach Werk bei bis zu 95 Prozent. Das erfordert mehr Mitarbeiter und die brauchen Platz. Neben dem alten Bahnhof besitzt das Unternehmen bereits die sogenannte Chronometrie am Erbenhang in Glashütte. Dort erfolgt der Zusammenbau von Werk und Uhr.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Nomos, Einblick in Uhrmachertätigkeiten

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Nomos, Einblick in Uhrmachertätigkeiten

Auch ein neues Gebäude schräg gegenüber des alten Bahnhofs gehört nun zu Nomos und der letzte Parkplatz in Glashütte soll bald mit einem Haus der Firma besetzt werden. Frau Fischer-Graf, Pressesprecherin des Hauses, führt uns zunächst durch die Werkzeug- und Kleinteilefertigung im alten Bahnhof. Anschließend dürfen wir Uhrmachern in der Chronometrie dabei zusehen, wie sie das Swing-System zusammenbauen.

Nach der Mittagspause, zu der uns Nomos in das Café »Drogerie« einlädt, geht es zu Fuß durch Glashütte zum Deutschen Uhrenmuseum. Hier befindet sich derzeit eine Sonderausstellung, die das Leben und Arbeiten in Glashütte zur DDR-Zeit veranschaulicht. Wir sind von der Produktivität der Menschen, die in jener Zeit die Uhrmacherei in Glashütte aufrecht gehalten haben, beeindruckt.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Gruppenbild vor dem Deutschen Uhrenmuseum

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Gruppenbild vor dem Deutschen Uhrenmuseum

Museumsleiter Reinhard Reichel weist uns immer wieder auf interessante Details hin, und führt uns anschließend durch die Dauerausstellung des Museums. Sie umfasst mit 450 Exponaten auf 1400 Quadratmetern die gesamte Geschichte der Uhrmacherei in Glashütte: Von Ferdinand A. Langes ersten Schritten in Glashütte über die folgenreichen Jahre der zwei Weltkriege bis hin zu den Neugründungen der Uhrenfirmen in den 1990er-Jahren.

Einen ebenfalls bedeutenden Beitrag für die Uhrmacherei in Glashütte leistet Juwelier Wempe. Er erwirbt im Jahr 2005 die Ruine auf dem Ochsenkopf und richtet dort Produktionsstätten für eine eigene Uhrenmarke ein. Dort empfängt uns Gunter Teuscher, Leiter der Fertigung in Glashütte. Vor zwei Jahren erzählte er, dass die Idee des Juweliers Wempe, eine eigene Uhrenlinie zu schaffen, auf so große Nachfrage gestoßen sei, dass man den Neubau bereits erweitern musste. Heute treffen wir in diesen neuen Räumlichkeiten auf freundliche Mitarbeiter, die uns gerne all unsere Fragen zu ihren Arbeiten beantworten.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Wempe, Chronometerprüfung

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Wempe, Chronometerprüfung

Zum Schluss geht es in den Keller: Dort befindet sich die einzige deutsche Chronometerprüfstelle. Hier wird der Gang einer jeden Uhr im Gehäuse über mehrere Tage hinweg geprüft. Damit könne man Abweichungen am Handgelenk weitestgehend ausschließen, so Chef-Techniker Kay Gahrig. Er erklärt weiter, dass keine zwei Uhren die gleichen Werte erzielen. Man könne sich also mit dem Kauf eines Chronometers sicher sein, eine ganz besondere Uhr sein Eigen nennen zu dürfen.

Krönender Abschluss des ersten Tages ist ein Dinner mit den CEOs

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Dinner

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Dinner

So viele neue Eindrücke wollen erst einmal verarbeitet werden. Beim abendlichen Cocktailempfang mit anschließendem Dinner tauschen sich die Teilnehmer über die Erlebnisse aus. Auch einige CEOs und wichtige Markenvertreter der ortsansässigen Uhrenmarken, die in diesen zwei Tagen besucht werden, sind unserer Einladung gefolgt. Bei gutem Wein und erlesenen Speisen entstehen so angeregte Gespräche, die auch lange nach dem Dessert noch nicht abbrechen wollen. Die Nacht wird daher kurz, aber alle freuen sich auf die Besichtigung der großen traditionsreichen Manufakturen Glashütte Original und A. Lange & Söhne.

Wenn auch nicht auf den ersten Blick zu sehen, aber auch bei Glashütte Original hat sich etwas verändert. In den letzten zwei Jahren ist die Mitarbeiterzahl von 500 auf etwa 650 gestiegen. Um ausreichend Platz für die neuen Uhrmacher und Feinmechaniker zu schaffen, zog die Verwaltung der Marke aus dem Hauptgebäude »über den Hof«, wie uns Pressesprecherin Ulrike Kranz beim Sektempfang im großen Foyer erzählt. Nachwuchs kommt bei Glashütte Original unter anderem von der eigenen Ausbildungsstätte.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte: Uhrmacherschule "Alfred Helwig"

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte: Uhrmacherschule “Alfred Helwig”

Die Uhrmacherschule »Alfred Helwig« sitzt im gleichen Gebäude wie das Deutsche Uhrenmuseum, genau dort, wo einst die erste Uhrmacherschule in Glashütte gegründet wurde. Nach einem Rundgang durch die Produktionsstätte von Glashütte Original dürfen sich die Reiseteilnehmer unter der Anleitung der anwesenden Auszubildenden selbst als Uhrmacher versuchen. An einem gängigen ETA-Werk werden die Räderbrücke und die Räder ausgebaut und anschließend wieder eingesetzt. Andere versuchen mit Uhrmacherwerkzeug einen Draht in die Form des »G«, wie es im Logo von Glashütte Original zu sehen ist, zu biegen.

Ein Auszubildender erklärt, dass dies übliche Einstiegstests seien, damit die Bewerber und auch die Lehrer prüfen können, ob sich ein junger Mensch für den Beruf des Uhrmachers eignet. Für den Test am ETA-Werk haben die Bewerber etwa zwölf Minuten Zeit. Unter diesem Zeitdruck stehen wir freilich nicht, sind dann aber doch froh, als alle Uhrwerke wieder funktionieren und die Form der gebogenen Drähte zu erkennen ist. Anschließend lädt Glashütte Original zum Mittagessen ein und Pressesprecherin Ulrike Kranz zeigt uns gemeinsam mit ihren Kollegen die Kollektion.

Wir sind die ersten Besucher des neuen Lange-Gebäudes

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Teilnehmer schauen sich die Kollektion von A. Lange und Söhne an

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Teilnehmer schauen sich die Kollektion von A. Lange und Söhne an

Ansehen dürfen wir uns die umfangreiche Kollektion von A. Lange & Söhne am Ende der Leserreise auch. Doch zunächst empfängt uns Wilhelm Schmid, Geschäftsführer des Traditionsunternehmens seit Januar 2011. Bei seiner Begrüßung entschuldigt er sich, dass das neue Manufakturgebäude zwar schon eröffnet worden sei, aber noch nicht alle Räumlichkeiten fertig gestellt und bezogen seien.

Kommunikationschef Clemens von Walzel ergänzt später, dass zukünftig in den beiden nun mit einer Brücke verbundenen Gebäuden die komplette Produktion, also die Teilefertigung und Werkmontage sowie Finissierung, erfolgen soll. Die Mitarbeiter der Finissage seien aber noch nicht umgezogen. Dafür können wir den Graveuren in den neuen Räumlichkeiten über die Schulter schauen. Jeder Graveur hat seine eigene Handschrift. So kann der Besitzer einer Lange-Uhr anhand der Gravur auf dem Unruhkloben erkennen, welcher Graveur ihn bearbeitet hat.

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Bei A. Lange Und Söhne bearbeiten Mitarbeiter Teile von Hand

UHREN-MAGAZIN Leserreise Glashütte 2015: Bei A. Lange Und Söhne bearbeiten Mitarbeiter Teile von Hand

Beim Gang durch die Fertigungsstätten besuchen wir auch die Regulateure. Diese Uhrmacher sind darauf spezialisiert, eine Unruh auszuwuchten und einzuregulieren. Staunend beobachten wir, wie ein Uhrmacher Scheiben von einem Zehntausendstel Millimeter Dicke auf die Schrauben einer Unruh steckt und diese anschließend auf den Reif schraubt. Mit bloßem Auge sind die Scheiben kaum zu erkennen. Diese Geschicklichkeit und Sorgfalt sehen wir auch bei den Mitarbeitern der Finissage, unserer letzten Station bei A. Lange & Söhne.

Alle Mitarbeiter, wie auch schon in den anderen Manufakturen, sind sehr freundlich und aufgeschlossen gegenüber den neugierigen Besuchern. Von dort aus begeben wir uns schweren Herzens auf den Weg nach Hause. Doch wer weiß, wohin sich die sächsische Uhrmacherei in den nächsten Jahren entwickeln wird. Eine Wiederkehr lohnt sich in jedem Fall, denn Glashütte wächst.

Text: Melissa Gößling

Sie wollen mit dem UHREN-MAGAZIN ausgewählte Marken in Glashütte besuchen?

Hier erfahren Sie alles über die Leserreisen 2016!

 

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