Armbandwecker

Mechanische Uhren mit Weckfunktion

Eine mechanische Armbanduhr mit integriertem Wecker kann uns aus den Träumen reißen oder an einen wichtigen Termin erinnern. Geräuschvoll macht sich der Armbandwecker bemerkbar und ist so ein nützlicher Begleiter.

Die ersten Armbandwecker

Den ersten Armbandwecker stellte Eterna bereits 1914 mit dem Weckerwerk Kaliber 68 vor, das mit einem Durch­messer von knapp 30 Millimetern eine Ableitung der damaligen Taschenuhrkaliber mit Wecker war. Die Weckzeit stellt der Träger über eine dreh­bare Lünette ein.

Armbandwecker von Zenith: Das Modell Alarm von 1920

Armbandwecker von Zenith: Das Modell Alarm von 1920
Quelle: www.armbandwecker.at

Auch Zenith brachte 1920 mit der Zenith Alarm ein Taschenuhr­werk an das Handgelenk, dessen Alarm 45 Sekunden andauert. Diese Uhrenmodelle sind heute selten zu finden, denn damals war diesen Uhren kein großer Verkaufserfolg beschieden. Warum? Zu dieser Zeit trugen die meisten Menschen noch Taschenuhren und so konnte sich der Armbandwecker nicht durchsetzen.

Vulcain Cricket Armbandwecker von 1947

Vulcain Cricket: Die erste in Serie aufgelegte Weckeruhr wurde 1947 präsentiert. Auch die Präsi­denten der USA vertrauten über Jahrzehnte der Alarmfunktion der »Grille«.

Das Vulcain Calibre Cricket für den Armbandwecker

Das erste Cricket-Werk: Die Krone spannt Geh- und Weckwerkfeder. Der Hammer rechts schlägt auf den Gehäuseboden, der gleichzeitig der Resonanzkörper ist.

Zwei Jahrzehnte später war die Zeit reif für den Armbandwecker. 1947 löste Vulcain mit ihrem Handaufzugsmodell Cricket einen regelrechten Wecker-Boom aus. Die Arbei­ten dafür begannen bereits 1943 unter der Leitung von Paul Ditis­heim. Mit der Un­terstützung des französischen Physikers Paul Langevin gelang es den Uhrmachern, einen besonders lauten Weckton zu erzeugen, indem sie mit doppelten Böden arbeiteten. Der innere der beiden Böden diente als Membran, der äußere war mit Löchern versehen und verstärkte so den Schall. Außerdem sorgte er dafür, dass der innere Boden frei schwingen konnte. Mit diesem System war es sogar möglich, wasserdichte Gehäuse zu bauen. Die Uhr wurde unter dem Namen „Grille“ bekannt, denn das Prinzip schaute sich der Hersteller bei dem Insekt ab. Das kaum zu überhörende – und zudem auch fühlbare – Schnarrge­räusch beschied Vulcain einen enormen Erfolg. Die amerikanischen Präsidenten Truman, John­son und viele weitere trugen die “Grille” und ließen sich an wichtige Termine erinnern. Somit gewann Vulcain das Rennen um eine wirklich serienmäßige und -taugliche Uhr mit Weckfunktion.

2015 vorgestellt: Die 50s Presidents' Watch im 42 Millimeter großen Edelstahlgehäuse

2015 vorgestellt: Die 50s Presidents’ Watch im 42 Millimeter großen Edelstahlgehäuse

Das Prinzip des Cricket-Kalibers von Vulcain

Das Prinzip des Cricket-Kalibers von Vulcain

Platzmangel im Armbandwecker

Bei der Konstruktion eines Armbandwekcers kämpfen alle Hersteller mit einem Pro­blem: dem Platz. Denn das Schlagwerk, bestehend aus einem Schlaghammer und einem Reso­nanzkörper wie Gehäuseboden oder Tonfeder, benötigt Raum. Davon abhängig ist auch der Klang. Mit einem ebenfalls schnarrenden Ton trat 1949 auch Jaeger-LeCoultre an und präsentierte die Memovox. Die lateinischen Worte »Memorare« und »Vox« bedeuten »Stimme der Erinnerung«, die über eine zweite Krone eingestellt wurde. Die drehbare Scheibe mit einem Pfeil unterschied die Uhr von ge­wöhnlichen Dreizeigeruhren. Platz fand das erste Weckerkaliber 489 aus dem hause Jaeger-LeCOultre in einem 35 Millimeter großen Gehäuse.

Ur-Memovox: 1949 erscheint die Memovox von jaeger-LeCoultre. Ihr charakteristisches Gehäuse verbirgt das Kaliber 489 mit Handaufzug über zwei Kronen – je eine für das Geh- und Weckwerk

Ur-Memovox: 1949 erscheint die Memovox von Jaeger-LeCoultre. Ihr charakteristisches Gehäuse verbirgt das Kaliber 489 mit Handaufzug über zwei Kronen – je eine für das Geh- und Weckwerk

Es wurde von zwei Federhäusern angetrieben, die über jeweils eine Krone aufgezogen wurden. Mit einem knapp 20 Sekun­den andauernden Ton erinnerte die Uhr hör- und fühlbar an den gewählten Zeitpunkt. Den Resonanzboden stattete die Manufaktur mit einem kleinen Stift aus­, der gegen den Weckerhammer schlug. Lag die Uhr dabei auf dem Nachttisch, wurde der freischwingende Boden in seiner Gänze ge­nutzt. So war die Lautstärke ausreichend, um ei­nen Schlafenden aus dem Reich der Träume zu holen. Am Handgelenk getragen ertönte nur ein dezentes Rasseln, da das Schwingverhal­ten des Bodens auf der Haut ein anderes war. 1956 führte Jaeger-LeCoultre die erste Automatikuhr mit Alarmfunktion ein.

Aktuelles Memovox-Modell von Jaeger-LeCoultre

Aktuelles Memovox-Modell von Jaeger-LeCoultre für 9.450 Euro

Deutsche Armbandwecker

Auch deut­schen Uhrenhersteller boten Armbandwecker an. Im Schwarzwald entwickelt Junghans das Kaliber J89, das 1949 zum Patent angemeldet wurde. Das Uhrwerk verfügte über drei Kronen: eine zur Einstellung der Weckzeit, eine für den Aufzug des Gehwerks und die Einstellung der Uhrzeit sowie eine zum Ein- und Ausschalten der Weckfunktion.

Junghans Minivox

Deutscher Weckruf: Die Marke Junghans meldete 1949 die Minivox zum Pa­tent an. Dieser Armband­wecker mit dem Kaliber J89 bezog die Kraft für Wecker und Gehwerk aus einem Federhaus

Anders als bei den Schweizer Kalibern kam die Energie für Wecker- und Gehwerk aus einem Federhaus. Eine integrierte Sperre sorgte dafür, dass die Zugfeder während des Weckvorgangs nicht komplett ablief. Auf den Markt kam das Kaliber unter der Mo­dellbezeichnung Minivox – frei übertragen bedeutet dies “mit viel Stimme auf kleinem Raum”. Auch der Hanhart brachte 1951 mit der Sans Souci einen Armbandwecker auf den Markt. Auch hier bot ein Federhaus allein genügend Kraft für Wecker und Laufwerk. Nur sechs Jahre nach der Konstruktion erfuhr das Uhrenmodell einen immensen Wandel: Sein vollständig mit Steinlagern konstruiertes Werk wurde für einen Großauftrag aus den Vereinigten Staaten in ein billiges Stiftankerkaliber umkonstruiert und unter dem Namen “Timex Wrist-Alarm” verkauft. Von diesen Wegwerfuhren existieren heute nur noch wenige Exemplare.

Armbandwecker in den 1950er-Jahren

Mit dem Kaliber 230 präsentiert Venus 1953 ein Großserienwerk, das von zahlreichen Her­stellern eingeschalt und verwendet wurde. Aus­gerüstet mit 17 oder 20 Steinen schlug es mit beschaulichen 18.000 A/h. Ein Fenster auf neun Uhr verriet in Grün oder Rot, ob der Alarmmechanismus eingeschaltet ist. Auch kleinere Marken nutzen das Werk, weshalb es auf dem Gebrauchtmarkt einen hohen Wert verzeichnet. Denn je kleiner das Label, desto geringer war meist die Auflage – bis hin zum lokalen Juwelier und Goldschmied, der nur wenige Dutzend Stück fertigte. Mit zwei Lautstärken ging Pierce ins Rennen und stellte 1954 die Duo Fon vor. Ihr 13-liniges Werk mit 21 Steinen und Doppel­federhaus bot zwei unterschiedliche Weck­intensitäten – für die dezente Erinnerung am Tag und den wirklichen Weckruf am Morgen. Dieses Kaliber 135 war das erste und einzige eigene Weckerwerk von Pierce.

Venus, Adolf Schild und Seiko

In Grenchen nahm die Firma Adolf Schild, kurz AS genannt, 1954 die Fertigung des Kalibers 1475 auf. Bis 1970 wurden davon 781.000 Stück erzeugt. Auch heute noch fin­den sich auf dem Gebrauchtmarkt zahlreiche Uhrenmodelle mit diesem Antrieb, zu teilweise günstigen Preisen. Auch das 1475 verwenden – ähnlich wie die Venus-Werke – viele kleine Private Label-Hersteller. Nach dem Produkti­onsende in der Schweiz wurden die Anlagen für die Herstellung nach Russland exportiert. Der Poljot (die erste Moskauer Uhrenmanufaktur) führt den Siegeszug des Armbandweckers auch jenseits Westeuropas fort. Nicht zu vergessen Japan: Mit der Bell-Matic stellt auch Seiko ein Weckmodell mit automatischem Aufzug vor – jedoch erst in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Der Armbandwecker Quadriga 2008 von Askania

In der Quadriga 2008 der Berliner Uhrenmarke Askania tickt das Adolph-Schild-Kaliber 1475. Kostenpunkt: 4.595 Euro

Eine Seiko Bell-Matic von 1967

Eine Seiko Bell-Matic von 1967

1973 präsentierte Adolf Schild das auto­matische AS 5008. Ausgestattet mit Wecker, Tag und Datumsanzeige kam das Werk knapp zu spät – die Quarzkrise hatte zu dieser Zeit bereits begonnen. Nach nur einem Jahr wird die Produktion eingestellt, hohe Lagerbestände blieben liegen. Erst Jahrzehnte später – die mechanische Weckeruhr feierte ihr Comeback – wurden diese übrig gebliebenen Kaliber genutzt. Heute baut der Werkehersteller La Joux-Perret aus La Chaux-de-Fonds das AS 5008 als LJP 5800 weiter.

Die Jaeger-LeCoultre Memovox

Unter allen Weckern genießt die Memovox seit der erste Stunde das Image der Uhr für den aktiven Herrn, der auch auf internationa­lem Parkett zu finden ist. So präsentierte die Manufaktur 1959 ein Modell mit Weltzeitindikation. Eine Herausforderung stand bei den Armbandweckern aber noch be­vor: das Tauchen. 1959 erschien die Memovox Deep Sea. Ihr Alarmton ist auch unter Wasser zu hören, mittels einer dritten Krone stellt man die Lünette unter dem Uhrglas auf die Tauchzeit. Heute zählen diese Modelle zu den begehrtesten der Memovox-Klassiker und erzielen Preise im fünfstelligen Bereich – wenn sie überhaupt zu haben sind.

Jaeger-LeCoultre Memovox DeepSea

Memovox Deep Sea für den amerikanischen Markt. Im Unterschied zum europäischen Modell ist das Zifferblatt nur mit LeCoultre versehen. Das darin tickende Kaliber 815 ist mit einer Pedelschwungmasse ausgestattet.

Armbandwecker heute

Bis heute sind Armbandwecker bei zahl­reichen Herstellern fest im Programm. Neben der Memovox ist auch die Cricket noch immer aktuell, ebenso zahlreiche Uhrenmodelle mit histori­schen Kalibern von Adolf Schild. Das heute von La Joux-Perret wieder gebaute ehemalige AS 5008 erfreut sich großer Beliebtheit und wird bei Herstellern wie Oris – dank besonde­rer Klangfeder – eingesetzt.

Diese Variante der Artelier Alarm von Oris ist mit dem La-Joux-Perret-Kaliber 5800 ausgestattet und kostet aktuell 5.350 Euro

Diese Variante der Artelier Alarm von Oris ist mit dem La-Joux-Perret-Kaliber 5800 ausgestattet und kostet aktuell 5.350 Euro

Auch Zenith setzt weiterhin auf Uhren mit Alarmfunktion. Die El Primero Doublematic kostet mit Roségoldgehäuse (45 Millimeter Durchmesser) 29.400 Euro. Das Schnellschwingerkaliber El Primero 4046 versorgt neben dem integrierten Wecker auch einen Chronographen, eine Gangreserveanzeige, ein Großdatum und eine Weltzeitfunktion für mindestens 50 Stunden mit Energie.

Zenith: El Primero Doublematic

Zenith: El Primero Doublematic

Die mechanische Uhr mit Weckfunktion ist kein Relikt der Vergangenheit. Es gibt sie noch heute – die Uhr, die an besondere Termine und Momente erinnert.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im Oktober 2012.

Weitere Themen unserer Reihe “Uhren-Komplikationen” finden Sie hier:




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