Armbandwecker

Alarmfunktion fürs Handgelenk

Uhren zeigen die Zeit und verfügen im besten Fall über einen genauen Gang – halten sich jedoch dezent im Hintergrund. An das Verrinnen der Zeit – und vor allem an wichtige Zeitpunkte – erinnert eine Uhr nur, wenn sie auch betrachtet wird. Die ablaufende Parkuhr, das anstehende Meeting, der Flug zum nächsten Geschäftstermin in zwei Stunden: ein Weckruf ist oft wünschenswert. Seit 100 Jahren erinnern mechanische Armbandwecker an alles, was dem Uhrenträger wichtig ist.

Nur wenige Zeitzeichen markieren den Tag und sorgen für eine Erinnerung an den Ablauf der Stunden und Minuten – selten sind es noch die Kirchturmuhren, vielmehr haben heute Outlook und Smartphone diese Aufgabe übernommen. In den 40er-Jahren sieht es noch kärglicher aus – für manche Uhrenher­steller ein Grund, sich einen ausgereiften Wecker für das Handgelenk zu wünschen. Auf den Nachttischen stehen schon lange Uhren mit Handaufzug, Klangkörpern und einem Schlagwerk, die allerdings meist nur morgens für wache Menschen sorgen und zudem nicht transportabel sind. Die Uhrenindustrie be­müht sich um eine Verkleinerung.

Die ersten Armbandwecker

Vulcain Cricket: Die erst ein großer Serie aufgelegte Weckeruhr wird 1947 prä­sentiert. Auch die Präsi­denten der USA vertrauen über Jahrzehnte der Alarmfunktion der »Grille«.

Bereits 1914 finden die ersten mechanischen Wecker den Weg an das Handgelenk. Der Uhrenhersteller Eterna stellt auf der Berner Nationalausstellung das Weckerwerk Kaliber 68 vor. Mit einem Durch­messer von knapp 30 Millimetern ist es eine Ableitung der damaligen Taschenuhrkaliber mit Wecker. Die Weckzeit wird mit einer dreh­baren Lünette eingestellt.
Mit einem deutlich größeren Durchmesser transformiert im Jahr 1920 die Uhrenmarke Zenith ein Taschenuhr­werk an das Handgelenk. Diese Uhrenmodelle sind heute selten zu finden – bereits damals ist den Uhren kein großer Verkaufserfolg beschieden.
Das Rennen um eine wirklich serienmäßige und -taugliche Uhr mit Weckfunktion ge­winnt Vulcain, die Cricket wird 1947 präsen­tiert. Bereits im Jahr 1943 beginnen die Arbei­ten dafür unter der Leitung von Paul Ditis­heim. Ein maßgebliches Ziel wird mit der Un­terstützung des französischen Physikers Paul Langevin erreicht: eine deutliche Lautstärke des Wecktons. Die Handaufzugsuhr sorgt mit einem mechanisch angetriebenen Hammer in ihrem Inneren für ein kaum zu überhörendes – und zudem auch fühlbares – Schnarrge­räusch. Der Weckerhammer schlägt dabei auf einen doppelten Boden, der als Resonanzkör­per dient. Das Prinzip schaut man sich bei der Natur ab – die Grille steht Pate. Der Uhr ist ein enormer Erfolg beschieden – sogar die amerikanischen Präsidenten Truman, John­son und viele weitere tragen die “Grille” und lassen sich an wichtige Termine erinnern.

Das erste Cricket-Werk zeigt Besonderheiten: Eine Krone spannt Geh- und Weckwerkfeder. Rechts der Hammer, welche auf den Gehäuseboden als Resonanzkörper schlägt

Alle Hersteller kämpfen mit einem Pro­blem: dem Platz. Das Schlagwerk – bestehend aus einem Schlaghammer und einem Reso­nanzkörper wie Gehäuseboden oder Tonfeder – braucht Raum. Von der verwendeten Lö­sung hängt auch die Stimme ab – klangvoll oder nicht. Mit einem ebenfalls schnarrenden Ton tritt 1949 auch Jaeger-LeCoultre an und präsentiert die Memovox. Die lateinischen Worte »Memorare« und »Vox« sorgen für den Namen der »Stimme der Erinnerung«, die mit einer zweiten Krone eingestellt wird. Eine drehbare Scheibe mit einem Pfeil ist das sicht­bare Detail, mit dem sich die Uhr von ge­wöhnlichen Dreizeigeruhren unterscheidet. Ist die Weck- oder Alarmzeit eingestellt, erin­nert punktum ein schnarrendes Geräusch an alles, was der Uhrenträger sich hat merken wollen. Platz findet das Wunderwerk in einem 35 Millimeter großen Gehäuse.

Ur-Memovox: 1949 erscheint die Memovox. Ihr charakteristisches Gehäuse verbirgt das Kaliber 489 mit Handaufzug über zwei Kronen – je eine für das Geh- und Weckwerk

Es herrscht Enge im Gehäuse

Das erste Weckerkaliber 489 aus dem Hause Jaeger-LeCoultre wird von zwei Federhäusern angetrieben, die über jeweils eine Krone aufgezogen werden. Mit einem knapp 20 Sekun­den dauernden Ton erinnert es hör- und fühlbar an den gewählten Zeitpunkt. Der Resonanzboden ist mit einem kleinen Stift aus­gestattet, gegen den der Weckerhammer schlägt. Ist die Uhr dabei abgelegt, wird der freischwingende Boden in seiner Gänze ge­nutzt – die Lautstärke ist ausreichend, um ei­nen Schlafenden aus dem Reich der Träume zu holen. Am Handgelenk getragen ertönt nur ein dezentes Rasseln, da das Schwingverhal­ten des Bodens auf der Haut ein anderes ist.

In der Schweiz bieten mehrere Hersteller Armbandwecker an – doch auch in der deut­schen Uhrenindustrie sind Unternehmen auf dem Sprung in die Zukunft. Im Schwarzwald entwickelt Junghans das Kaliber J89, das 1949 zum Patent angemeldet wird. Das Uhrwerk mit 20 Steinen verfügt über drei Kronen: eine zur Einstellung der Weckzeit, eine für Aufzug des Gehwerks und Einstellung der Uhrzeit sowie eine zum Ein- und Ausschalten der Weckfunktion.

Deutscher Weckruf: Die Marke Junghans meldet 1949 die Minivox zum Pa­tent an. Dieser Armband­wecker mit dem Kaliber J89 bezieht die Kraft für Wecker und Gehwerk aus einem Federhaus

Anders als bei Schweizer Kalibern kommt die Energie für Wecker- und Gehwerk aus einem Federhaus. Eine integrierte Sperre sorgt dafür, dass die Zugfeder während des Weckvorgangs nicht komplett abläuft. Auf den Markt kommt das Kaliber mit seinen 12 1/2 Linien Größe unter der Mo­dellbezeichnung »Minivox« – frei übertragen mit viel Stimme auf kleinem Raum.

Ebenfalls in Deutschland sorgt der Uhrenher­steller Hanhart für wache Geister und bringt 1951 die Sans Souci auf den Markt. Auch hier bietet ein Federhaus allein genügend Kraft für Wecker und Laufwerk. Nur sechs Jahre nach der Konstruktion erfährt das Uhrenmodell einen immensen Wandel: Sein vollständig mit Steinlagern konstruiertes Werk wird für einen Großauftrag aus den Vereinigten Staaten in ein billiges Stiftankerkaliber umkonstruiert und unter dem Namen “Timex Wrist-Alarm” verkauft. Von diesen Wegwerfuhren existieren heute nur noch wenige Exemplare.

Werkehersteller in der Schweiz beginnen ebenfalls in den 50er-Jahren mit der Kons­truktion und Produktion von Weckerwerken. Mit dem Kaliber 230 präsentiert Venus 1953 ein Großserienwerk, das von zahlreichen Her­stellern eingeschalt und verwendet wird. Aus­gerüstet mit 17 oder 20 Steinen schlägt es mit beschaulichen 18.000 A/h. Ein Fenster auf neun Uhr verrät in Grün oder Rot, ob der Alarmmechanismus an ist. Auch kleinere Marken nutzen das Werk, weshalb es auf dem Gebrauchtmarkt einen hohen Wert hat. Je kleiner das Label, desto geringer ist oft die Auflage – bis hin zum lokalen Juwelier und Goldschmied, der nur wenige Dutzend Stück fertigt. Mit zwei Lautstärken geht Pierce ins Rennen und stellte 1954 die Duo Fon vor. Ihr 13-liniges Werk mit 21 Steinen und Doppel­federhaus bietet zwei unterschiedliche Weck­intensitäten – für die dezente Erinnerung über Tag und den wirklichen Weckruf am Morgen. Dieses Kaliber 135 ist das erste und leider auch letzte eigene Weckerwerk von Pierce.

 

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