Das mechanische Uhrwerk

Wie das mechanische Uhrwerk funktioniert und welche Innovationen entscheidendend waren

Als Kaliber oder Uhrwerk bezeichnet man den Mechanismus, der im Inneren einer Uhr für den Antrieb und die Zeitanzeige zuständig ist. Wie das mechanische Uhrwerk von Handaufzugs- oder Automatikuhren funktioniert und welche die entscheidenden Schritte in seiner Entwicklung waren, erläutert der folgende Artikel.

Mechanisches Uhrwerk von IWC, Kaliber Jones 1870

Mechanisches Uhrwerk von IWC, Kaliber Jones 1870

Vorab das Wichtigste zur Funktion eines Mechanikkalibers: Das mechanische Uhrwerk reicht vom Energiespeicher über mehrere Zahnrad-Getriebestufen, das sogenannte Räderwerk, und eine Hemmung bis zum Gangregler, der Unruh genannt wird. Vom Räderwerk führt ein Zweig zu den sich außerhalb befindenden Zeigern ab. Dieses sogenannte Zeigerwerk liegt mit Ausnahme der Zeiger auch im Innern einer Uhr, wird aber oft − wie die Aufzugsgewichte auch − nicht zum Uhrwerk gezählt. Eine detaillierte Beschreibung der Funktion finden Sie hier auf der Seite 2 des Artikels.

Ein Pionier für das mechanische Uhrwerk

Besonders angenehm war das Jahr 1717 für etliche Mitglieder der Uhrmacherzunft vermutlich nicht. Damals erschien das Buch „Règle artificielle du temps”, welches der englische Mathematiker und Uhrmacher Henry Sully in Versailles geschrieben hatte. Heftig führte er in den Kapiteln VII und VIII Klage über eine Reihe seiner Berufskollegen. Diese seien so boshaft, schlecht und unverschämt, auf ihre Erzeugnisse die Namen der besten Künstler Europas zu setzen, nur um dadurch einen guten Absatz zu haben. Was sich in den folgenden Jahrhunderten auf dem Gebiet der Fälschungen und Nachahmungen noch abspielen würde, ahnte Sully vermutlich noch nicht einmal im Traum.

Glashütter Uhrwerk, ca. 1871

Glashütter Uhrwerk, ca. 1871

Freilich erschöpfen sich Sullys Leistungen für die Welt der Uhrmacherei bei weitem nicht in seinem literarischen Wirken. Viele handfeste Erfindungen, darunter die Ölsenkung, haben entscheidend zur Fortentwicklung der Uhrmacherkunst beigetragen. Auch die erstmalige Verwendung des Begriffs Kaliber für das Uhwerk geht wohl auf Henry Sully zurück. Schon 1715 bezeichnete er damit die Anordnung und die Abmessung der verschiedenen Teile des Werks (Säulen, Räder, Federhaus etc.). Form, Größe und Eigenart des Werks ließen Rückschlüsse auf die Herkunft einer Uhr oder den Namen ihres Erbauers zu, ermöglichten also letztlich die exakte Identifikation. Die bekannten Kaliber „Jones” (IWC), „Jürgensen” oder „Glashütte” sind typische Beispiele hierfür.

Uhrwerk von Jules Jürgensen, 1867

Uhrwerk von Jules Jürgensen, 1867

Prinzipiell hat sich an der Kategorisierung und Klassifizierung der Uhrwerke bis zum heutigen Tage nicht viel geändert. Immer noch stehen die Namen des Herstellers im Vordergrund. Allerdings reicht dieser alleine längst nicht mehr aus, um ein bestimmtes Kaliber unmissverständlich zu definieren. Deshalb steht hinter dem Namen zumeist eine Nummer, Buchstabenkombination oder die Kombination aus beidem. Anhand einer solchen Kaliberbezeichnung (z.B. Eta 2892-A2, Sellita SW500, oder Patek Philippe CHR 29-535 PS Q) ist es möglich, Ersatzteile zu bestellen. Heute kann man absolut sicher sein, dass sie exakt passen und lediglich eingebaut werden müssen. Gelegentliche Anpassungsarbeiten waren früher an der Tagesordnung.

Wie die mechanischen Uhrwerke zu ihren Namen kommen

In engem Zusammenhang mit den Kalibern steht deren Größe. Sie bezeichnet den Gehäusepassungs-Durchmesser, welcher beispielsweise bei der Neuentwicklung von Mechanikuhren entscheidende Bedeutung hat. Die Werksgrößen werden von der Schweizer Uhrenindustrie seit geraumer Zeit in metrischen Maßen (mm) dargestellt. Größenangaben runder Uhrwerke beziehen sich auf deren Durchmesser, bei Formwerken werden Länge und Breite genannt. Sie alleine sind mittlerweile ausschlaggebend für das exakte Maß eines Uhrwerks. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass im traditionellen Uhrmacherhandwerk immer noch die Linie (“‘) gebräuchlich ist. Diese alte Uhren-Maßeinheit, abgeleitet vom „Pied du Roi”, dem königlichen Fuß, entspricht 2,2558 mm.

Mechanik muss nicht rund sein

Bei den Kaliberformen ist die runde mit Sicherheit die meist verwendete. Davon zu unterscheiden sind die so genannten Formkaliber, welche alle anderen Arten (oval, rechteckig, stabförmig, tonnenförmig …) umfassen. Entsprechend der Gestalt und Anordnung der Brücken und Kloben unterscheidet man in der Uhrmacherei zwischen Brückenkalibern, bei denen jedes Organ des Uhrwerks unter einer eigenen Brücke oder einem eigenen Kloben gelagert ist. Ob die Brücken gerade oder geschwungen gestaltet sind, ist letztlich nur eine ästhetische Frage. Die Funktion wird dadurch nicht beeinflusst.

Dreiviertelplatine von Mühle-Glashütte

Dreiviertelplatine von Mühle-Glashütte

Bei Kalibern mit Dreiviertel-Brücke, beispielsweise bei Glashütter Uhrwerken, sind alle Organe mit Ausnahme des Ankerrads und der Unruh unter einer Brücke angeordnet, die etwa ¾ der Werksoberfläche überdeckt.

Französische Mechanik für die Taschenuhr und für die Armbanduhr

Die Brückenkaliber gehen zurück auf den französischen Uhrmacher Jean Antoine Lépine (1720-1814). Er ersetzte dadurch die seinerzeit gebräuchlichen Uhrwerke mit zwei, von Pfeilern gehaltenen Platinen. Brückenkaliber wurden ab 1789 in Genf serienmäßig hergestellt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden fast alle hochwertigen Taschenuhr-Werke in der neuen Brückenbauweise.

Als Lépine-Kaliber werden in der Uhrenindustrie aber auch Werke bezeichnet, bei denen das Sekundenrad in einer Linie mit der Aufzugswelle angeordnet ist. Diese Bauweise findet man zumeist bei Werken für die „offene” Taschenuhr mit Krone bei der Zwölf und kleiner Sekunde bei der Sechs. Gelegentlich gab und gibt es auch für die Armbanduhr Lépine-Kaliber. Bei ihnen befindet sich die kleine Sekunde bei der Neun oder die Krone bei der Zwölf.

Das Lépine-Uhrwerk Unitas 6497 in einer Panerai Luminor

Das Lépine-Uhrwerk Unitas 6497 in einer Panerai Luminor

Bei Savonnette-Kalibern steht das Sekundenrad in einem 90-Grad-Winkel steht zur Aufzugswelle. Diese Anordnung war und ist gebräuchlich bei Uhrwerken für Sprungdeckel-Taschenuhren oder Armbanduhren mit kleiner Sekunde bei der Sechs.

Skizze eines Savonnette-Kalibers

Skizze eines Savonnette-Kalibers

Weiter auf Seite 2 des Artikels:
Wenn die Mechanik zum Leben erwacht

Seiten:    1   2   3 




Das könnte Sie auch interessieren:

 

 

 
Close Icon
Schließen

Schade, dass Sie uns schon verlassen wollen. Wenn Sie weiterhin erstklassige Informationen rund um die mechanische Uhr erhalten möchten, dann abonnieren Sie doch unsere Newsletter:

Anrede
Nachname
Vorname
E-Mail*
Best-of-Newsletter
werktäglicher Newsflash