Die vor über 70 Jahren vorgestellte Portugieser der Schaffhauser Uhrenmanufaktur IWC gilt heute als klassische Uhrenschönheit. Das war nicht immer so, fand die “Armbandtaschenuhr” doch zunächst kaum Anklang. Erst in den letzten zwanzig Jahren avanciert sie zu einem der beliebtesten IWC-Modelle – sodass sie aktuell in einer neuen Modellgeneration auftritt.
Wir schreiben das Jahr 1938. Eine Zeit, in der sich die Armbanduhr schon lange etabliert hat und die Taschenuhr als gängigen Zeitmesser verdrängt ist. Zu jener Zeit erfreuen sich zierliche Armbanduhren, eckig oder rund im Stil des Art déco, besonderer Beliebtheit. Ausgefallene Tonneau-Uhren sind gerade der letzte Schrei. Kein Wunder, dass man in der Schaffhauser Uhrenmanufaktur IWC einigermaßen erstaunt auf eine Anfrage zweier Geschäftspartner aus Portugal reagiert. In einem Brief an die Firmenleitung äußern die Uhrenimporteure Rodríguez und Teixeira aus Lissabon und Porto den Wunsch nach einer “großen Armbanduhr in Stahl”. Für ein solches Produkt bestehe auf dem portugiesischen Uhrenmarkt derzeit eine lebhafte Nachfrage.

Mut zur Größe seit über 70 Jahren: Die aktuelle Portugieser Handaufzug (Ref. 5454) repräsentiert mit ihren minimalistischen Designelementen die typische Schlichtheit der Linie.
Bei der IWC hält man dies zunächst für ein Missverständnis und fragt nach, ob man nicht mit einer moderneren Uhr behilflich sein könne. Immerhin hat die Manufaktur zu jener Zeit kleine Werke wie das 10-linige Cal. 62, das für Armbanduhren entwickelte Cal. 83 oder das Cal. 87 Tonneau im Programm. Es wäre ein leichtes, mit diesen ein speziell auf den portugiesischen Uhrenmarkt zugeschnittenes Modell zu kreieren. Doch die Herren aus Portugal insistieren: Eine gewisse Klientel – Kapitäne und Offiziere der portugiesischen Handelsflotte – wünsche eine “richtig große Uhr” im Stil eines exakt laufenden Marinechronometers, aber am Arm zu tragen.
Ein großes Werk im kleinen Gehäuse

Die erste Portugieser erscheint 1939 mit schwarzem oder silbernem Zifferblatt. In ihrem Stahlgehäuse tickt ein Taschenuhrkaliber
Der Wunsch der Portugiesen ist der IWC Befehl und man schalt das bestehende Herrentaschenuhrkaliber 74H4, das sich als Savonnette mit der kleinen Sekunde im 90-Grad-Winkel zur Krone für die Übertragung gut eignet, in ein Armbanduhrengehäuse ein. Das 1913 erstmals produzierte Werk mit Einzelbrücken, chatonierten Steinelagern, geschlitzter Bimetallunruh, Breguet-Spirale und Schwanenhals-Feinregulierung verfügt über ein sehr gutes Gangverhalten, allerdings nicht über eine Stoßsicherung. Es misst 38,35 Millimeter und ist nur 4,2 Millimeter hoch. Diese Dimensionen übertreffen bereits erheblich die Ausmaße der damals üblichen Armbanduhren.
Die ersten Portugieser debütieren 1939 in kleiner Stückzahl in einem an sich schlichten, jedoch stolze 41,5 Millimeter messenden Gehäuse, das mit einer gekehlten Lünette für das weniger zerbrechliche Acrylglas, einem Mittelteil und einem aufgesprengten Stahlboden dreiteilig konstruiert ist. Die Krone ist ebenfalls entsprechend großzügig angelegt, um das Aufziehen zu erleichtern. Das Gesicht der Dreizeiger-Uhr ist in seiner Schlichtheit kaum zu übertreffen und wirkt stilbildend für alle nachfolgenden Portugieser-Generationen: schmale, blattförmige Zeiger kreisen über klaren arabischen Ziffern auf silbernem oder schwarzem Hintergrund.
Wie nicht anders zu erwarten, scheint die Zeit für eine “Armbandtaschenuhr” noch nicht reif, und nur einige hundert Exemplare werden zwischen 1939 und 1944 verkauft. Daran ändert auch die technische Umrüstung in der Mitte der 1940er Jahre nichts, als IWC das Modell mit den Kalibern 74 und 98, die auf den in den 1930er Jahren entwickelten Taschenuhrkalibern 67 (Lépine) und 68 (Savonnette) basieren, ausrüstet. Von 5,5 auf vier Millimeter Bauhöhe verschlankt und als Cal. 97 und 98 weitergeführt, sind sie mit feiner IWC-Taschenuhrtechnik (Rubinlager für die Räder, geschlitzte Bimetallunruh mit Breguet-Spirale und Schwanenhals-Feinregulierung) ausgestattet, besitzen aber weiterhin weder eine Stoßsicherung noch eine nennenswerte Wasserdichtheit.
Trotz der inneren Aufwertung ist der Portugieser erneut kein Erfolg beschieden. So werden mit dem neuen Werk bis circa 1958 nur wenige hundert Stück gebaut; die Uhr scheint Geschichte zu sein.
Unmittelbar vor der Quarzkrise zu Beginn der 1970er Jahre gibt IWC dem übergroßen Uhrenmodell eine weitere Chance und lanciert versuchsweise eine limitierte Edition in übrig gebliebenen Originalgehäusen auf dem deutschen Markt. Sie wird angetrieben vom Cal. 982, dem IWC-Standardwerk für Taschenuhren mit Sprungdeckel. Dieses ist inzwischen auch mit Stoßsicherung und einer monometallischen Glucydurunruh ausgestattet und besitzt zusätzlich zur Schwanenhals-Feinregulierung auch noch Feinstregulierexzenter auf den Unruharmen. Die Reanimation hat durchaus Erfolg, da aber die Restbestände aufgebraucht sind, bleibt es vorläufig bei dieser einen Edition, bis dann im Jahr 1993 das 125. Firmenjubiläum ansteht.
Ein später Erfolg

Zum 125. Firmenjubiläum lässt IWC im Jahr 1993 die Portugieser mit dieser limitierten Sonderedition nach über fünfzig Jahren wieder aufleben
Auf Initiative des Marketing- und Verkaufsdirektors Hannes Pantli, der zu diesem Anlass neben der prestigeträchtigen, auf 125 Exemplare limitierten großen Komplikation Il Destriero Scafusia auch ein dem normalen Uhrenliebhaber zugängliches Modell für strategisch sinnvoll hält, verhilft der damalige IWC-Chef Günter Blümlein der Portugieser zu ihrer dritten Geburtsstunde.
Übrigens trägt sie nun auch erstmals offiziell den Namen Portugieser, zuvor ist sie einfach unter der Bezeichnung “große Armbanduhr” in den Geschäftsbüchern geführt worden. Optisch kopiert die Neuauflage das Original mit ihrer schlanken Silhouette, dem matt versilberten Zifferblatt, den arabischen Reliefzahlen und den schmalen, blattförmigen Zeigern perfekt, macht aber nun durch einen Glasboden das fein verzierte Taschenuhrwerk sichtbar, das bisher von einem Stahlboden verdeckt war. Die Gravur auf den dekorierten Brücken verweist auf das Jubiläum: International Watch Co. 1868 – 1993.
Das in fünf Lagen einregulierte Werk mit Handaufzug firmiert hier als Cal. 9828. Ansonsten entspricht es dem bewährten Uhrwerk, konzipiert als Cal. 98, respektive 982 für die Sprungdeckeltaschenuhr.
Die Limitierungsnummer der 1000 Exemplare in Edelstahl, 500 in Rotgold und 250 in Platin wird seitlich ins schlanke Gehäuse eingraviert. Eine kleine Auflage von 125 Modellen erscheint als Dreierset. Uhrenfans sind begeistert von dieser klassischen Alltagsuhr, und die Neuauflage erweist sich dieses Mal als alles andere als ein Ladenhüter. Vielmehr entspricht sie mit ihrem großzügig dimensionierten Auftritt dem Trend zu größer werdenden Armbanduhren und begründet eine neue IWC-Uhrenfamilie.
Es wird kompliziert

Im Jahr 2000 präsentiert IWC nach fünf Jahren Entwicklung das neue Kaliber 5000 mit sieben Tage Gangreserve in der Portugieser Automatic
Das nächste Kapitel in der Geschichte schlägt das neue Automatikkaliber 5000 auf. Das Uhrwerk, das anfangs mit 2,5 Hertz beziehungsweise 18.000 Unruhhalbschwingungen pro Stunde im Gleichklang mit einer traditionellen Taschenuhr tickt, wird später auf eine Unruhfrequenz von drei Hertz erhöht und mit einem modernen, rückerlosen Hemmsystem ausgestattet. Es tickt erstmals in der limitierten Portugieser Automatic 2000, die sich schnell als Sammlerobjekt etabliert. Zur kleinen Sekunde mit Stoppvorrichtung ist als zusätzliche Indikation die Gangreserveanzeige für sieben Tage hinzugekommen. Beide Anzeigen in horizontaler Anordnung bei neun und drei Uhr sorgen für ein harmonisches Zifferblattdesign.
Kurt Klaus, der Erfinder des hauseigenen Ewigen Kalendariums mit der berühmten vierstelligen Jahreszahl, erkennt das Potenzial, welches das geräumige Gehäuse der Portugieser in technischer Hinsicht bietet, und passt dieses daran an. Mithilfe einiger Zwischenräder und eines Schaltrades mit deutlich mehr Zähnen gelingt es ihm sogar, eine noch exaktere Mondphase zu schaffen: In 577,5 Jahren weicht sie nur noch um einen Tag vom tatsächlichen Mondumlauf ab.
Doch damit nicht genug, zusätzlich bietet die Portugieser Ewiger Kalender, die 2003 erscheint, mit dem so genannten Hemisphärenmond, eine doppelte Darstellung der aktuellen Position des Erdtrabanten – eine für die nördliche und eine für die südliche Halbkugel. Dieses Novum in der Uhrenwelt wird vom Cal. 50611 mit siebentägiger Gangreserve bewerkstelligt. Ein großer Erfolg für IWC, der in kommenden Jahren wie auch die anderen Mitglieder der Familie in vielen Material- und Zifferblattvarianten erscheinen wird.
Und noch komplizierter
2004 trägt die Portugieser Tourbillon Mystère zu dem neuen Trend der Tourbillons bei und stellt sich als eine der interessantesten Vertreterinnen dieser Spezies vor. Ihr filigraner Käfig mit seinen 81 Miniaturteilen zeigt sich bei der Zwölf unverstellt dem Betrachter. Die fliegend, also einseitig gelagerte Hemmung, scheint frei im Raum zu schweben. Vier Jahre später wird die Uhr kunstvoll skelettiert und vom Meisterguillocheur Jochen Benzinger dekoriert in einer weiteren Kleinauflage erscheinen.

Stelldichein der großen Komplikationen: Das Tourbillon Mystère Rétrograde (Ref. 5044), der Ewige Kalender (Ref. 5023) und die Minutenrepetition (Ref. 5449)
Doch zunächst kommt 2005 als weitere große Komplikation eine Minutenrepetition hinzu. Zur Freude von Mechanikfans präsentiert sich hier das komplexe Zusammenspiel von Schaltsternen, Staffeln, Rechen, Rädern, Hämmern und Tonfedern des Taschenuhrwerks Cal. 95911 in allen Details durch das skelettierte Zifferblatt. Viele der 240 Komponenten des Repetitionsmechanismus sind ebenfalls skelettiert.
Mit der Portugieser F. A. Jones erweisen die IWC-Ingenieure 2005 dem Firmengründer, der 1868 von Boston nach Schaffhausen kam, um hochwertige Taschenuhren für den amerikanischen Markt zu fertigen, eine Hommage. Die 43 mal 11,7 Millimeter große Sonderedition wird im bekannt schlicht-eleganten Kleid vorstellig und verweist mit ihrer durch einen Saphirglasboden dargestellten inneren Ausstattung – Dreiviertelplatine aus Neusilber, Hemmung mit überlangem Rückerzeiger zur Regulierung der Unruhspirale, mit drei Schrauben befestigte Aufzugsräder und historische inspirierte Dekorationen – an die Gründerzeit der IWC. Moderne Komponenten des Cal. 98290 sind hingegen die Sekunde mit Stoppvorrichtung, die Glucydurunruh, die Feinstregulierexzenter auf den Unruharmen und die Stoßsicherung.
Das puristisch anmutende Zifferblatt der Portugieser scheint wie geschaffen für eine weitere Uhrengattung, bei der es auf die klare Ablesbarkeit von Minuten und Sekunden ankommt – dem Regulator. So bringt IWC 2006 ein 43,1 Millimeter großes Modell mit dem modifizierten Cal. 98245 auf dem Markt. Ihm folgt 2007 die limitierte Portugieser Régulateur Tourbillon, deren großflächiges Zifferblatt nicht nur in guter Regulator-Manier die Anzeige von Stunde und Minute getrennt darstellt, sondern auch einen Wirbelwind bei neun Uhr sichtbar macht. Den Antrieb bildet das vernickelte, à la IWC fein dekorierte Handaufzugskaliber 98845, das mit 28800 Halbschwingungen pro Stunde das schnellste IWC-Taschenuhrwerk ist.
Die neue Generation

Die Portugieser Grande Complication (Ref. 3774) führt als uhrmacherisches Flaggschiff die neue Kollektion an.
In ihrem 80. Jahrzehnt feiert IWC ihre Uhrenikone mit einem umfassenden Relaunch, der bereits Bekanntes in neuen Materialausführungen, Größen und modifizierten Werken umfasst – wie zum Beispiel die Minutenrepetition (nun im 44 Millimeter großen, limitierten Platin- oder Rotgoldgehäuse und dem Cal. 98950), das Tourbillon Mystère Rétrograde mit zurückspringender Datumsanzeige und Gangreserveindikation (limitiert in Rotgold und Platin in der neuen Gehäusegröße von 44 Millimetern Durchmesser sowie mit neuem Zifferblattdesign), die Automatic mit dem Großkaliber 51011 und sieben Tagen Gangreserve (nun in Rot- statt in Roségold und einer neuen Stahlausführung mit Argentézifferblatt und vergoldeten Zeigern) oder den Ewigen Kalender (in einer besonders aparten Ausführung mit nachtblauem Zifferblatt im Weißgoldgehäuse sowie in Rotgold mit schwarzem Zifferblatt) – aber auch echte Premieren bereithält.

Dezent luxuriös wirkt die neue Edelstahlvariante der Portugieser Automatic (Ref. 5001) mit ihren rosévergoldeten Zeigern, Zahlen und Stundenindices.
So schlüpft die erstmals vor 20 Jahren vorgestellte Grande Complication mit ihrem eindrucksvollen Repertoire an Komplikationen – ewiger Kalender, Minutenrepetition und Chronograph, ermöglicht vom berühmten Kaliber 79091 mit 657 Teilen – nun erstmals in ein 45 Millimeter großes Portugieser-Kleid. Ihr Gehäuseboden trägt als Referenz an das maritime Thema die Gravur eines Sextanten.
Bei eingefleischten IWC-Fans dürfte die Portugieser Yacht Club Chronograph (Ref. 3902) mit Flyback-Funktion besondere Aufmerksamkeit erregen, kombiniert sie doch das elegante Erscheinungsbild der Linie mit der Sportlichkeit einer der erfolgreichsten IWC-Uhren des letzten Jahrhunderts, der Yacht Club. Ihr beträchtliches, 45,4 Millimeter großes Gehäuse aus Edelstahl oder Rotgold, das wasserdicht bis sechs bar ist, umschließt das Kaliber 89360 mit Flybackschaltung und analoger Anzeige der langen Stoppzeiten über zwei Zeiger auf einem Innenzifferblatt. Als einzige Portugieser trägt sie nachleuchtende Zeiger und Indizes auf ihrem Zifferblatt.

Der Portugieser Chronograph (Ref. 3714) in Edelstahl aus dem Jahre 1998 gilt als Klassiker. Sie ist aktuell in einer neuen Stahlvariante mit Argenté-Zifferblatt und rosévergoldeten Zeigern und Ziffern erhältlich.
Mit der Portugieser Handaufzug erscheint im Jahr 2010 schließlich die wohl stilechteste Neuauflage des Originals, die das minimalistische Schönheitskonzept der Uhrenikone nicht besser verkörpern könnte, denn ihr Äußeres ist direkt vom Ursprungsmodell inspiriert. In ihrem 44 Millimeter großen Edelstahlgehäuse tickt wie im Original ein großes, sehr präzises Handaufzugswerk, das Cal. 98295 mit Stilzitaten der ersten Jones-Werke, wie der Dreiviertelbrücke aus Neusilber und dem überlangen Rückerzeiger zur Feineinstellung. Und auf ihrem Argenté oder schwarzen Zifferblatt mit vergoldeten Indizes und Zeigern sowie der charakteristischen Eisenbahnminuterie setzt sich lediglich die Kleine Sekunde groß in Szene.


































