1988: Die emanzipierte Armbanduhr

Strahlen am Horizont: Santos-Werbung 1988

In den Achtzigern blühte Cartier mächtig auf, nicht zuletzt dank der legendären Santos, der ersten richtigen Armbanduhr für Herren.Hätte Louis Cartier nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts den brasilianischen Flugpionier Alberto Santos-Dumont bei einer Abendgesellschaft des Baron Deutsch de la Meurthe kennengelernt – dann hätten wohl die bei Männern damals wenig beliebten Armbanduhren noch lange so ausgesehen wie ans Handgelenk geschnallte Taschenuhren. So aber legte der Südamerikaner dem Franzosen Folgendes ans Herz: Mit den üblichen Taschenuhren sei die Zeit am Steuerknüppel nur schwer zu kontrollieren. Dort brauche man nämlich seine beiden Hände für andere Dinge. Louis Cartier ließ sich so etwas nicht zweimal sagen. Noch im gleichen Jahr, 1904, war eine quadratische Armbanduhr mit abgerundeten Ecken und verschraubtem Glasrand fertig. Sie begleitete Santos-Dumont bei seinem spektakulären Hüpfer mit dem neuen Motor-Fluggerät „14 bis”. Doch erst sieben Jahre später gelangte eine Kleinserie der vom Taschenuhrendesign befreiten Armbanduhr in die Geschäfte. In den vierziger Jahren verblasste der Glanz des Hauses. Am 23. Juli 1942 starb Louis Cartier. Familienmitglieder wie Pierre, Jean-Jacques und Claude Cartier konnten dem genialen Desig­ner nicht das Wasser reichen. Es begann eine Epoche der Orientierungslosigkeit und Uneinigkeit zwischen den verschiedenen Cartier-Stämmen. Einige Jahre lang zehrte das Unternehmen noch vom Renommée der Gründer-Generationen. Die High Society kaufte bei Cartier des großen Namens wegen. Doch Innovatives brachte die Marke auf dem Uhrensektor nicht mehr. Neben den hauseigenen Klassikern verkaufte Cartier in dieser Phase des Übergangs Uhren namhafter Schweizer Hersteller wie Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre, Movado, Patek Philippe, Piaget oder Vacheron & Constantin. Erst 1962 setzte sukzessive ein erfolgreicher Neubeginn ein. Claude Cartier verkaufte seine Cartier-New-York-Aktien an Edward Goldstein, einen Mitinhaber der Schmuckfirma Black Star Forest. Nach dem Tod Pierre Cartiers im Jahre 1965 gingen die Aktien von Cartier Paris an die Gebrüder Danzinger. Mit der Übernahme der Cartier-Paris-Aktien von durch eine Gruppe cleverer Finanziers um Joseph Kanoui brach ab 1972 an der Pariser Rue de la Paix endgültig eine neue Epoche an. Robert Hocq, Vater des erfolgreichen Feuerzeugs wurde zum Präsidenten der Gesellschaft bestellt. Die Marketingabteilung übernahm Alain-Dominique Perrin. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg war die Linie Must de Cartier, 1973 ins Leben gerufen. Unter diesem – eher zufällig – kreierten Slogan sollten künftig Feuerzeuge, Kugelschreiber, Brillen, Parfum und natürlich Armbanduhren zusammengefasst werden. Perrin, inzwischen Generaldirektor, sollte die Must-Philosophie internationalisieren. 1976 gab es die erste Must-Uhrenkollektion in vergoldetem Sterlingsilber, zwei Jahre später erlebte die Santos in einer volkstümlicheren Stahl-Gold-Version mit verschraubtem Glasrand ihr Comeback. Mit der Zusammenfassung aller weltweiten Beteiligungen unter dem Dach von Cartier Monde wurde 1979 ein wichtiger Schritt zum Global Player getan. Die Fusion der Cartier Joaillerie SA und der Les Must de Cartier SA sowie die Ernennung von Perrin zum Präsidenten der Cartier SA und der Cartier International taten 1981 ein übriges: Cartier glänzte wie in alten Tagen. Die abgebildete Anzeige aus dem Jahr 1988 zeigt den sportlichen Klassiker Santos als echtes Must-have.

Gisbert L. Brunner, aus Chronos 5-2008




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