Mr. Tourbillonman

Stephen Forsey und Robert Greubel: Tourbillon-Hype

Es schien der Anfang vom Ende des Tourbillons. Auf der Baselworld 2004 wurden so viele neue Varianten des Drehgestells gezeigt wie nie zuvor. Jetzt gab es auf dem Markt schon über 100 verschiedene Uhrenmodelle; um die einstmalige Exklusivität dieser Komplikation war es geschehen. Noch schlimmer: Selbst Uhrenmarken, die bislang nichts mit der hohen Uhrmacherkunst zu tun gehabt hatten, boten auf einmal Tourbillons an – oder planten, dies in absehbarer Zeit zu tun. Das Tourbillon drohte vom begehrten Objekt für Kenner zum Spielzeug für Superreiche zu werden. Viele Uhrenenthusiasten machten sich sogar über das neue „Massenprodukt“ lustig.

Stephen Forsey mit einem Modell des Double Tourbillon 30°

Stephen Forsey mit einem Modell des Double Tourbillon 30°

In einer stillen, wenig frequentierten Ecke der riesigen Messehalle standen auch die beiden Uhrmacher Stephen Forsey und Robert Greubel und präsentierten in ihrer einzigen Vitrine ein brandneues, 380.000 Schweizer Franken teures Tourbillon, das erste Modell ihrer kurz zuvor gegründeten Uhrenmarke Greubel Forsey. „Damals herrschte auf der Messe eine geradezu tourbillonfeindliche Stimmung“, erinnert sich Forsey. Die Leute beklagten sich darüber, dass sich inzwischen jeder eines fertigen lassen könne, daher sei, so die allgemeine Stimmung, „das Thema durch“.

Doch Greubel und Forsey ließen sich nicht unterkriegen. Sie hatten auch keine andere Wahl, denn schließlich hatten sie fast fünf Jahre lang an ihrer Uhr gearbeitet und jeden Cent in die fünf Musterexemplare gesteckt, die sie nach Basel gebracht hatten. „Wir mussten einfach Kunden dafür finden“, so Forsey. Glücklicherweise – und aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz – gelang ihnen dies auch. Kunden und Journalisten waren gleichermaßen von dem kleinen „Wirbelwind“ beeindruckt, der so völlig anders war als alle bislang gesehenen. Es handelte sich um ein Doppeltourbillon, das sich in verschiedenen Geschwindigkeiten um zwei Achsen dreht und bei dem das innere Drehgestell in einem Winkel von 30 Grad zum äußeren gelagert ist. Sie nannten die Uhr ganz einfach „Double Tourbillon 30°“. Die Käufer kauften, und die Journalisten kritzelten in ihre Notizblöcke, was das Zeug hielt.

Der andere Part der Uhrenmarke: Robert Greubel

Der andere Part der Uhrenmarke: Robert Greubel

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die in La Chaux-de-Fonds ansässige Uhrenmarke hat es zu einer Berühmtheit gebracht, die in keinem Verhältnis zu den rund 100 Uhren steht, die sie pro Jahr fertigt. Ein Grund dafür sind ihre unorthodoxen Werkedesigns, ein anderer die Tatsache, dass sie ausschließlich Tourbillons herstellt und damit die einzige Marke ist, die ihr Repertoire auf diese Weise limitiert. Ein weiterer Grund ist die viel gepriesene Verarbeitungsqualität der Uhrenmarke, insbesondere die sorgfältige und ungewöhnliche Finissierung ihrer Werke. Ganz zu schweigen von ihren Preisen, die bei etwa 225.000 Euro beginnen und damit zu den höchsten in der Uhrenwelt zählen. 

Das Doppeltourbillon mit seiner geneigten Unruh

Das Doppeltourbillon mit seiner geneigten Unruh

Uhren statt Autos

Wie hat das Duo es so weit gebracht? Chronos traf Forsey, den technischen Leiter des Unternehmens – Greubel konzentriert sich auf das Kreative –, in der neuen Uhrenmanufaktur in La Chaux-de-Fonds, um die Geschichte der Gründer und ihrer Firma zu hören. Für Forsey begann der Weg zum Tourbillon-Ruhm genau damit: mit dem Weg. 1967 geboren, wuchs er im rund 35 Kilometer nördlich von London gelegenen St. Albans auf. Sein Vater war ein Bentley-Liebhaber und verbrachte seine Freizeit mit der Restauration von Oldtimern. Noch während er die Grundschule besuchte, half er seinem Vater bei dessen Hobby, indem er ihm immer den passenden Schraubenschlüssel für den nächsten Handgriff heraussuchte. „Mir hat das von Anfang an Spaß gemacht“, sagt Forsey über seine Tätigkeit als Handwerkergehilfe.

Als er 10 oder 12 Jahre alt war, fachte sein Großvater, ein Ingenieur, Stephens wachsende Begeisterung für alles Technische noch weiter an, indem er ihm die Bedienung einfacher Werkzeugmaschinen beibrachte. Forsey schien für eine Ingenieurslaufbahn bestimmt zu sein, bis ihn eine zufällige Begegnung in eine andere Richtung lenkte. Einer seiner Bekannten, ein Autoliebhaber, der auch ein Faible für Uhren hatte, besaß eine Werkstatt für die Restauration antiker Uhren. „In dieser Werkstatt eröffnete sich mir ein Weg, der die Technik mit einer künstlerischen Tätigkeit verband“, sagt Forsey. Statt Ingenieurswissenschaften zu studieren, wie es seine Eltern und sein Großvater gehofft hatten, beschloss Forsey, gleich mit der Uhrmacherei anzufangen. Mit einigen Schwierigkeiten – es war Mitte der achtziger Jahre, und das Revival der mechanischen Uhr hatte noch nicht stattgefunden – fand er eine Uhrmacherausbildung am Hackney Technical College in London. Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete er in der Abteilung für Uhrenrestauration des berühmten Luxus-Kaufhauses Asprey in London. Während der fünf Jahre dort war er nicht nur über drei Jahre lang Leiter dieses Bereichs, sondern absolvierte auch zwei Kurse an der Uhrmacherschule WOSTEP in Neuchâtel.

 

Das Double Tourbillon 30° Vision, eine Variante mit größerer Zifferblattöffnung als das Original, gewährt einen ungehinderten Blick auf die Doppeltourbillons

Das Double Tourbillon 30° Vision, eine Variante mit größerer Zifferblattöffnung als das Original, gewährt einen ungehinderten Blick auf die Doppeltourbillons

Es war eine unsichere Zeit für die Uhrmacherkunst, erinnert sich Forsey: „Als ich zur WOSTEP kam, war alle sechs Monate die Rede davon, die Schule zu schließen. Damals gab es nur noch drei solcher Schulen in der Schweiz. Das letzte Wort über den Fortbestand der mechanischen Uhr war noch nicht gesprochen.“ Ermutigt wurde er durch eine kleine Gruppe unerschütterlicher Mechanikliebhaber, die wussten, dass Uhren mit Hand- oder Automatikaufzug eines Tages ihr Comeback feiern würden. Einer von ihnen war George Daniels, der berühmte britische Uhrmacher, den Forsey 1986 über seinen Vater kennen gelernt hatte. Daniels bestärkte ihn durch seine Fähigkeit, eine Uhr im Wesentlichen von A bis Z zu fertigen. „Er zeigte mir, dass ein Einzelner sämtliche Arbeitsschritte für die Fertigung einer mechanischen Uhr beherrschen kann“, sagt Forsey.

1992 beendete Forsey seine Mitarbeit bei Asprey und machte sich auf ins Mekka der Zeitmesser, die Schweiz, um seine Träume von einer Uhrmacherkarriere zu verwirklichen. Einer seiner Freunde arbeitete bei dem Werkehersteller Renaud & Papi in Le Locle und arrangierte ein Vorstellungsgespräch. Forsey traf den stellvertretenden Geschäftsführer, einen Franzosen namens Robert Greubel. Dieser war zuvor bei IWC tätig gewesen, wo er an der berühmten Grande Complication gearbeitet hatte. Obwohl Forsey kein Französisch sprach und Greubel nur wenig Englisch, einigten sich die beiden, und Forsey trat dem Unternehmen bei.

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