Nomos: Modell Zürich im Uhrentest

Nomos Glashütte Zürich

Nomos Glashütte Zürich

 

Für das Modell Zürich ließ die deutsche Uhrenmarke Nomos in der Schweiz ein eigenes Gehäuse entwerfen. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Vorzüge | Nachteile
+ stimmiges, elegantes Design
+ schönes Manufakturwerk
+ hoher Trage-/Bedienkomfort
- eingeschränkte Ablesbarkeit
- einfaches Armband

Fast jeder Uhrenfan kennt das typische Gehäuse der Nomos-Modelle Tangente und Tangomat: topfförmig, kantig, mit dünnen, abgewinkelten Bandanstößen. Alles ist schön schlicht, aber auch ein bisschen einfach gestaltet. Varianten sind die weicher geformte Orion und ihr Schwager Ludwig, die rundliche Club und die quadratische Tetra. Gemeinsam sind allen Gehäusen ihre zusammen mit den Hörnern in einem Stück gefertigten Mittelteile und – außer bei der Club – die durchbohrten Bandanstöße.

Für das neueste Modell, die werktechnisch dem Tangomat entsprechende Automatikuhr Zürich, wollte Nomos etwas völlig anderes und vor allem Aufwändigeres. Deshalb beauftragte die Glashütter Manufaktur bereits im Herbst 2006 das Zürcher Designbüro studio hanneswettstein mit der Neuentwicklung. Was drei Jahre später herauskam, erinnert entfernt an einen Tangomat mit Orion-ähnlichen Bandanstößen; die Ausführung ist jedoch deutlich komplexer. Was bei den bekannten Modellen dreiteilig war, besteht nun aus acht Komponenten: Extra produziert und nachträglich angeschweißt werden die vier Bandanstöße und der Kronensockel. Letzterer ermöglicht einen besonders leichten Zugriff auf die Krone und damit den höchstmöglichen Bedienkomfort.

Die Bandanstöße erinnern zwar an die Orion, ragen jedoch – die separate Produktion macht’s möglich – an ihrer Wurzel vom Gehäusemittelteil bis zur Lünette hinauf. Außerdem bieten ihre in mehrere Richtungen abfallenden Flächen dem geschulten Auge eine raffinierte verwundene Optik. Der Gehäusekorpus verjüngt sich, im Gegensatz zur Topfform des Tangomaten, nach unten hin. Hierbei wölben sich die Flanken von Lünette und Mittelteil leicht nach außen. Freilich bietet die aufwendigere Konstruktion keine praktischen Vorteile wie eine erhöhte Wasserdichtheit oder Stoßfestigkeit. Im Gegenteil: Mehrteilige Gehäuse sind grundsätzlich empfindlicher. Es geht Nomos vielmehr um ein neues, elegantes Äußeres mit spannenden, wenn auch dezenten Details.

Selbst konstruiert und fein verziert: das Automatikkaliber Epsilon

Selbst konstruiert und fein verziert: das Automatikkaliber Epsilon

Doch nicht nur das Gehäuse fällt komplexer aus als bei Tangomat & Co.: Das weiß versilberte Zifferblatt trägt wie die Orion aufgesetzte Indexe; diese sind jedoch weitaus vielschichtiger geformt als die bekannten stabförmigen Appliken. Die rhodinierten Messingindexe der Zürich werden zum Zifferblattrand hin immer breiter und gleichzeitig höher und besitzen zudem facettierte Oberflächen. Die sich verjüngende Form wird von den Zeigern wiederaufgenommen; damit ist die Zürich die bislang einzige Nomos-Uhr, die keine geradlinigen Stabzeiger besitzt. Die Länge der Zeiger ist perfekt gewählt, aber der Kontrast zum Zifferblatt ist gering und das nicht entspiegelte Deckglas reflektiert stark.
Noch nicht genug der Unterschiede? Zu guter Letzt hat Nomos das Manufakturkaliber Epsilon leicht verändert: Alle sichtbaren Oberflächen wurden mit einer dunklen Goldlegierung galvanisiert, sodass die nun anthrazitfarbenen Brücken und Kloben mit dem stahlfarbenen Rotor kontrastieren. Die sonstigen technischen und optischen Vorzüge wie Sekundenstopp, beidseitiger Selbstaufzug, Glucydur-Unruh, Glashütter Gesperr, temperaturgebläute Schrauben und die vielfältigen Zierschliffe sind dieselben geblieben. Die Gangwerte fielen auf der Zeitwaage sehr gut aus, wie das Datenblatt zeigt. Beim Tragetest erhöhte sich der durchschnittliche Vorgang auf immer noch gute fünf Sekunden pro Tag.

Abgesehen vom Werk ist nur in Sachen Armband alles beim Alten: Nomos verwendet nach wie vor Pferdeleder – hier in Schwarz –, das selbstfettend und damit verhältnismäßig unempfindlich gegen Feuchtigkeit ist. Dass es schon nach kurzer Zeit Gebrauchsspuren aufweist, lässt sich unter dem Stichwort „Patina” unter Umständen positiv deuten. Ebenfalls hinzunehmen sind die einfachen Nähte, Verklebungen und Schnittkanten sowie das Wackeln an den Bandanstößen, wenngleich diese Eigenschaften in starkem Kontrast zum relativ hohen Materialpreis des besonderen Leders stehen. Echte Enttäuschung löst dagegen die allzu einfache Dornschließe aus, deren Namensprägung zudem grober ausfiel als bei früheren Testuhren. Zu den besonders preisgünstigen Modellen wie Tangente oder Club Handaufzug passt die Schließe, die immerhin einen gefrästen, individuell geformten Dorn aufweist. Für 2.400 Euro kann der Träger jedoch mehr erwarten. Unabhängig von der Verarbeitung punktet das Armband beim Tragekomfort: Das geschmeidige Leder und die schlanke Schließe liegen – wie auch das Gehäuse – perfekt am Arm.

Auf verschiedenem Niveau: Das detailreiche, gut verarbeitete Gehäuse übertrifft Armband und Schließe bei Weitem

Auf verschiedenem Niveau: Das detailreiche, gut verarbeitete Gehäuse übertrifft Armband und Schließe bei Weitem

Abgesehen von Armband und Schließe ist der Preis, der gut 700 Euro über demjenigen des Tangomaten liegt, gerechtfertigt, da nicht nur am Gehäuse, sondern auch am Zifferblatt viel Arbeit geleistet wurde. Die Zürich ist ganz einfach die etwas edlere Nomos – und für so manchen sicherlich genau diejenige, die im Portfolio noch gefehlt hat. ak

Dieser Test ist der Zeitschrift CHRONOS Ausgabe 2/2010 entnommen. Für das Testergebnis und das spezifische Datenblatt werfen Sie doch einen Blick in die Print-Ausgabe.
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