Panerai: Luminor 1950 3 Days GMT im Uhrentest

Panerai Luminor 1950 3 Days GMT

 
Die Uhrenmarke Panerai baut Uhren, die sich an der Geschichte der Marke als Ausrüster italienischer Kampftaucher orientiert. Heute wirken die Modelle wie aus einer besseren Zeit an den Strand der Gegenwart gespült. Mit dem neuen eigenen Automatikkaliber bekommen sie einen zeitgemäßen Motor.
 

Vorzüge | Nachteile
+ gelungenes Retrodesign
+ Manufakturwerk
+ Sekundenrückstellung über Krone
- keine Minutenskala
- kleinere Verarbeitungsmängel

Mit der Kaliberfamilie P.9000 stellte Panerai 2009 seine zweite eigene Werkelinie vor. Sie besitzt eine kürzere Gangautonomie – drei statt acht Tage –, verfügt dafür aber über einen Automatikaufzug und ist wesentlich preisgünstiger als die P.2000-Kaliber. Zwar gab es unter diesen mit dem Kaliber P.2003 auch eine Automatikversion, die sogar über zehn Tage Gangautonomie verfügt, aber die entsprechende Uhr ist mit 11400 Euro doppelt so teuer wie die getestete Luminor 1950 3 Days GMT. Dabei hat die 3 Days GMT fast alles, was die 10 Days auch hat: eine zweite Zeitzone (allerdings ohne Tag-Nacht-Anzeige für den Zwölf-Stunden-Zeiger), eine Gangreserveanzeige (allerdings auf der Rückseite und nicht linear) und sogar die Sekundenrückstellung beim Ziehen der Krone in Zeigerstellposition. Neben dem getesteten P.9001 gehören zu dieser Kaliberfamilie das P.9000 ohne zweite Zeitzone und ohne Gangreserve und das P.9002 mit Gangreserve auf der Vorderseite.

Kaliber P.9001 mit technischer Anmutung und Gangreserveanzeige

Kaliber P.9001 mit technischer Anmutung und Gangreserveanzeige

Typisch Panerai
Die Testuhr ist wie alle Modelle der italienisch-schweizerischen Marke sofort als eine echte Panerai zu erkennen. Typisch sind das satinierte kissenförmige Gehäuse mit polierter Lünette, der Schutzbügel mit dem Hebel, der die Krone an das Gehäuse drückt und die Zifferblattgestaltung mit arabischen Ziffern und Stundenindexen. Das Design geht zurück auf das Modell Luminor von 1950. Die Testuhr ist eine gelungene Interpretation dieses Themas, allerdings unterscheidet sie sich auch nicht wesentlich von anderen Panerai-Modellen. Die hohe Familienähnlichkeit ist Stärke und Schwäche der Marke zugleich. Schwäche, weil jemand, dem das Design nicht gefällt, auch kein anderes Modell der Marke wählen kann. Stärke, weil jede Panerai als solche zu erkennen ist. Zudem ist das Retrodesign keiner weiteren Alterung unterworfen, weshalb die Luminor 3 Days auch in zehn Jahren noch gut aussehen wird, was man nicht von jeder aktuellen Uhr behaupten kann. Zudem besitzt die 3 Days GMT einige Details, die sie von vielen anderen Modellen der Marke unterscheiden. So ist die Schrift der Datumsscheibe nicht ganz weiß, sondern leicht beige. Dankenswerterweise verzichtet die 3 Days auch auf die manchmal bei Panerai anzutreffende runde Datumslupe. Trotz der Funktionsvielfalt bleibt das Zifferblatt aufgeräumt: Der Zeiger der zweiten Zeitzone lässt sich unter dem Stundenzeiger für die Ortszeit verstecken, und die Gangreserve befindet sich auf der Werkseite. Das sonst bei der Manifattura-Kollektion stark gewölbte Glas ist hier flacher gewölbt, was uns besser gefällt.

Das von historischen Panerai-Modellen bekannte Sandwichzifferblatt verleiht der Uhr Tiefe und sorgt für hell leuchtende Ziffern und Indexe.

Gehäusebau: Wie bei einem Schiff ensteht die Form der Luminor durch sich schneidende Bögen

Gehäusebau: Wie bei einem Schiff ensteht die Form der Luminor durch sich schneidende Bögen

Schön wie immer ist das Sandwichzifferblatt mit der unteren Superluminova-Leuchtschicht und dem darüber liegenden Schablonenzifferblatt mit Aussparungen für die Stundenziffern und Indexe. Es verleiht der Uhr Tiefe, ist historisch bedingt und auch der Grund für die offene Form der Ziffern „6″ und „9″. Es sorgt für ausgesprochen hell leuchtende Ziffern und Indexe und ist entsprechend gut im Dunkeln ablesbar. Daneben wurde der Zeiger für die zweite Zeitzone mit Leuchtmasse versehen, und sogar der Zeiger der kleinen Sekunde und vier ihrer Indexe leuchten. Auch tagsüber lässt sich die Zeit schnell erfassen. Da es aber keine Minutenstriche gibt, bleibt die Genauigkeit beim Ablesen manchmal auf der Strecke. Die Gangreserveanzeige auf dem Werk besteht in einem Fenster, unter dem sich eine Scheibe dreht. Kurz vor Ablauf ändert sich die Farbe von Schwarz zu Rot. Wenn man genau hinsieht erkennt man auf den Zeigern Staub, zudem wurden sie etwas dünn ausgestanzt und biegen sich daher zum polierten Zeigerauge hin. Auch am Gehäuse gibt es über den Bandanstoßhörnern einen deutlichen Absatz in der Satinierung.

 
Schneller Bandwechsel
Ansonsten ist das Gehäuse gut verarbeitet und besitzt in den Bandanstößen ein durchdachtes Bandschnellwechselsystem: Betätigt man mit dem mitgelieferten Werkzeug den Drücker auf der Unterseite eines Bandanstoßes, kann man den Steg einfach hinausschieben und das ebenfalls mitgelieferte Kautschukband montieren. Dann kann es dank der Wasserdichtheit bis 300 Meter auch mal ins Meer gehen.

Das vormontierte, breite und mit der Maschine genähte Schnittband aus Krokoleder ist sehr sauber verarbeitet. Das gilt für die Dornschließe im Format eines Kronkorkenöffners nur, wenn man nicht die Lupe zu Hilfe nimmt. Zum Glück machen sich die scharfen Kanten am Arm nicht negativ bemerkbar. Überhaupt trägt sich die Luminor 1950 3 Days GMT trotz der Größe von 44 Millimetern recht angenehm; auch wenn sie wegen der nicht ganz weit heruntergezogenen Bandanstöße eine Tendenz zum Hin-und-her-Rutschen hat. Befürchtungen, der Kronenschutz könnte unangenehm in den Handrücken drücken, erweisen sich als unbegründet.
 

Leichte Bedienbarkeit
Auch die Bedienung erschwert der Kronenschutz nicht: Der Hebel ist schnell aufgeklappt, und die Uhr kann dann auch am Arm einfach bedient werden. Dank der griffigen Krone mit großem Durchmesser sind alle Einstellungen ein Kinderspiel. In der ersten Position wird aufgezogen, in der zweiten kann der Stundenzeiger für die Ortszeit in Stundenschritten verstellt werden – sehr praktisch, wenn man in eine andere Zeitzone reist. Dabei springt auch das Datum vor oder zurück, es lässt sich also trotz fehlender echter Schnellverstellung recht flott korrigieren. Zieht man die Krone in die dritte Position, schnellt der Sekundenzeiger auf null; die Unruh wird gestoppt, und man kann Stunden und Minuten normal einstellen. Am einfachsten lässt sich die Krone dann wieder über das Zurücklegen des Hebels in die gesicherte Position bringen. Dabei startet auch der Sekundenzeiger wieder. Über die schon von A. Lange & Söhne eingesetzte Sekundenrückstellung, die es auch bei historischen Panerai-Modellen gab, lässt sich die Uhr sehr leicht mit einem Zeitzeichen oder einer Funkuhr synchronisieren. Für die Sekundennullstellung drückt im Innern des Werks ein Hebel wie bei einem Chronographen auf ein Nullstellherz, das auf der Sekundenzeigerwelle sitzt.

Gegenüber einem vergleichbaren Eta-Werk verlangt Panerai für das neue Manufakturwerk mit drei Tagen Gangreserve nur 700 Euro Aufpreis.

Manufakturkaliber P.9001

Manufakturkaliber P.9001

Das neue Manufakturwerk
Das Kaliber P.9001 ist gut durch den Saphirglasboden auf der Rückseite zu sehen, gibt sich aber trotz des skelettierten Rotors recht verschlossen: Eine große Platine bedeckt das ganze Werk und spart nur die Unruh mit ihrem Kloben aus. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man noch ein sichelförmiges Fenster für das Ankerrad und ein kleines Fenster, durch das man eine Sperrklinke des Automatikaufzugs sieht. Und die Gangreserveanzeige: Im Fenster erscheint ein roter Bereich, wenn die Gangreserve zu gering wird. Ansonsten sind Rotor, Platine und Unruhkloben mit Streifenschliff verziert. Zusammen mit den blau ausgelegten Schriftgravuren ergibt sich eine schöne, technische Anmutung, die gut zu der Uhr passt. Gut sehen auch die polierten Schraubenköpfe aus, die teilweise gebläuten Schrauben sowie die – wenn auch nur zum Teil und schmal – anglierten und stellenweise sogar polierten Kanten. Dagegen fällt das aus Blech gestanzte und nicht sorgfältig polierte Deckplättchen der Unruh etwas ab.

Der beidseitig über Sperrklinken aufziehende Rotor läuft in einem verschleißarmen Keramikkugellager und zieht die zwei Federhäuser mit 72 Stunden Gangautonomie auf. 29 Steine sorgen für reibungsoptimierte Lagerung. Insgesamt besteht das Werk aus 227 Teilen. Gut gelöst wurde die rückerlose Feinregulierung über vier Schrauben an der Unruh: ein konstruktives Merkmal, das bis vor wenigen Jahren noch Uhren der Haute Horlogerie vorbehalten war.
Die Panerai ist auch tatsächlich gut einreguliert: Zwar geht die Uhr am Arm acht Sekunden am Tag vor, aber auf der Zeitwaage ergibt sich ein mittlerer Vorgang von lediglich +3,7 Sekunden. Und auch die größte Abweichung zwischen den Lagen geht mit fünf Sekunden in Ordnung. Die Amplitude bleibt in allen Lagen hoch. Angemessen fällt auch der Preis aus: Uhren mit dem neuen Kaliber kosten nur einen moderaten Aufpreis gegenüber den bisherigen Modellen mit Eta-Werken: In seiner einfachsten Form P.9000, also ohne Gangreserve, zweite Zeitzone und Sekundenrückstellung, kostet das Manufakturkaliber lediglich 700 Euro Aufpreis gegenüber dem abgespeckten Valjoux 7750 ohne Chronographenmechanismus, das bei Panerai Kaliber OP III genannt wird und viele Modelle nach wie vor antreibt.
1.000 Euro mehr muss bezahlen, wer die Testuhr mit zweiter Zeitzone, Gangreserveanzeige auf der Rückseite und Sekundenrückstellung haben möchte. Für 5.900 Euro gibt es wenige Manufakturuhren, die bei gleichem Funktionsumfang deutlich günstiger sind. Für diesen Preis kann man eine ausgezeichnete Verarbeitungsqualität erwarten. Diesen Anspruch erfüllt die Testuhr allerdings nur mit Ausnahmen (Zeiger und Satinierung über den Bandanstößen).

Panerai Luminor 1950 3 Days GMT

Panerai Luminor 1950 3 Days GMT

Die Luminor 1950 3 Days GMT ist damit nicht nur eine gelungene Uhr mit Manufakturkaliber, sondern auch das heimliche Flaggschiff der Panerai-Kollektion: Eleganter als die Manufakturmodelle mit acht oder zehn Tagen Gangreserve, weil sie ohne die Gangreserveanzeige auf dem Zifferblatt auskommt. Dabei nur halb so teuer und mit drei Tagen Gangreserve immer noch ausdauernd. Zudem bietet sie mit dezenter zweiter Zeitzone, Gangreserveanzeige auf der Rückseite und praktischer Sekundenrückstellung viele sinnvolle Funktionen, ohne dabei die ruhige Erscheinung der Uhr zu stören. Vor allem das gelungene Retrodesign stellt einen Ruhepol in unserer schnelllebigen Zeit dar, auf dem die Augen immer wieder verweilen. jk
 

Dieser Test ist der Zeitschrift CHRONOS Ausgabe 2/2010 entnommen. Für das Testergebnis und das spezifische Datenblatt werfen Sie doch einen Blick in die Print-Ausgabe.
Hier können Sie die Ausgabe bestellen!




Das könnte Sie auch interessieren: