TAG Heuer: Monaco V4 – Am Riemen gerissen

TAG Heuer Monaco V4
Die Monaco V4 wurde von der Uhrenmarke TAG Heuer 2004 als Konzeptuhr vorgestellt. Damals bezweifelten viele, dass sich der Riemenantrieb realisieren lässt. Doch nun ist die Serienuhr fertig.

 

Vorzüge | Nachteile
+ spektakuläres Aussehen
+ innovative Technik
+ von vorn sichtbare Mechanik
- scharfkantiges Gehäuse
- hoher Preis
- lautes Aufzugsgeräusch

Bella Macchina:Die vier Federhäuser sind um 13 Grad gekippt, der Rotor bewegt sich linear. Drei Saphirgläser verschaffen Einblicke

Bella Macchina:Die vier Federhäuser sind um 13 Grad gekippt, der Rotor bewegt sich linear. Drei Saphirgläser verschaffen Einblicke

Der Auftritt der Monaco V4 ist spektakulär: Deutlich sind drei Zahnriemen in der Räderwerkskette von vorne zu sehen. Ebenso lassen sich die Unruh, einige V-förmige Brücken und die zwei um 13 Grad gekippten Räder der Federhäuser erkennen. Auch die Rückseite sieht ähnlich aufregend aus: Der Aufzugsbarren bewegt sich hoch und runter, links und rechts daneben sind die geneigten Federhäuser mit dem Riemenantrieb sichtbar.

Die Monaco V4 ist das, was die Italiener Bella Macchina nennen, eine schöne Maschine. Dass diese Bezeichnung sonst meist im Automobilbereich benutzt wird, ist kein Zufall. Die Monaco V4 wurde von Anfang an in der Welt der Motoren angesiedelt. Die „4″ steht sozusagen für die Zylinderzahl, hier für die Anzahl der Federhäuser, das V für die Bauart: Wie bei V-Motoren sind die Federhäuser der V4 V-förmig, in einem Winkel von 26 Grad zueinander, angeordnet. Und natürlich stammt auch die Idee der Kraftübertragung via Zahnriemen aus dem Automobilbau. Da passt auch die Modellreihe ins Bild: Die 1969 vorgestellte fast quadratische Monaco hat am Arm von Schauspieler Steve McQueen und in seinem Rennfahrerepos „Le Mans” große Berühmtheit erlangt.

Als die Monaco V4 vor sechs Jahren als Konzeptuhr vorgestellt wurde, waren die Bedenken groß, ob sie jemals als funktionsfähige Serienuhr realisiert werden könnte. Das ist nun im 150sten Jubiläumsjahr von TAG Heuer geschafft worden, 150 Exemplare werden gebaut. Allerdings ließen sich nicht alle ambitionierten Vorgaben der Konzeptuhr realisieren: Die schräggestellten Federhäuser und das lineare Aufzugsgewicht wurden verwirklicht, aber von den geplanten 13 Zahnriemen haben es nur fünf in die Serienuhr geschafft. Dafür sind sie viel dünner als damals vorgesehen. Und von den ursprünglich geplanten 39 Kugellagern sind noch elf in der Serienuhr wiederzufinden. Das Ziel, ohne Rubinlager und ohne konventionelle Zahnräder auszukommen, wurde also nicht ganz erreicht.

Die Zahnriemen im Räderwerk sind dünner als ein menschliches Haar. Nirgendwo sonst werden so feine Zahnriemen verwendet.

Dennoch stellt die Monaco V4 einen einzigartigen Technologieträger dar. Die größten Probleme bereitete der Riemenantrieb: Noch nie ist so etwas in einer Armbanduhr verwirklicht worden. Dabei musste ein Spezialist gefunden werden der die Zahnriemen in den erforderlichen Dimensionen herstellen kann, denn so feine Zahnriemen hat es bisher auch in anderen Anwendungen nicht gegeben. Die drei Riemen im Räderwerk sind nur 0,25 Millimeter breit und nur 0,07 Millimeter dick. Das ist dünner als ein menschliches Haar. Rund doppelt so breit und dick sind die zwei Zahnriemen für die Federhäuser. Dafür können sie aber auch zehnmal mehr ziehen: bis zu 1,3 Kilogramm. Alle Riemen sind aus dem Kunststoff Polyether-Block-Amid (PEBA) hergestellt. Dieses thermoplastische Elastomer findet sich in hochwertigen Lauf- oder Basketballschuhen als Dämpfer oder wird für die Außenhülle von elektrischen Kabeln verwendet.

Offenherzig: Die Riemen des Räderwerks sind gut zu sehen

Offenherzig: Die Riemen des Räderwerks sind gut zu sehen

Der prinzipielle Vorteil eines Riemenantriebs ist die Wartungsfreiheit und die formschlüssige Kraftübertragung: es gibt keine Zahnluft wie bei Zahnradübertragungen. Und geschmiert werden muss der Zahnriemen ebenfalls nicht. Der Wirkungsgrad von 96 Prozent ist nur unwesentlich schlechter als bei gut geschmierten Zahnradverbindungen (99 %) und bleibt erhalten, während das Zahnradgetriebe auf 93 Prozent Wirkungsgrad abrutscht, wenn die Schmierung nachlässt.
Eine weitere Besonderheit: Bauartbedingt drehen sich zwei durch Riemen verbundene Räder in die gleiche Richtung, während bei Zahnradverbindungen die beiden Räder in entgegengesetzte Richtungen drehen. Da bei der Monaco V4 die Unruh umgedreht ist, dreht sich schon das Ankerrad im Uhrzeigersinn, sodass man kein Zahnradgetriebe für die Änderung der Drehrichtung benötigt. Allerdings müssen die Triebe für den Zahnriemen größer sein als Triebe bei einer Zahnradverbindung, damit der Riemen nicht durchrutscht. Da man auf der anderen Seite das Zahnrad wegen der Platzprobleme nicht beliebig groß machen kann, benötigt man für die extreme Untersetzung eines Uhrwerks vom schnellen Ankerrad über das Sekundenrad bis zum langsamen Minutenrad bei der Riemenübertragung doppelt so viele Zahnräder wie bei der Zahnradübertragung. Dafür lassen sie sich aber recht frei platzieren, da die Länge des Zahnriemens nicht funktional vorgegeben ist.

Gegenüber dem Riemenantrieb, der auch von den in der Uhrenwelt üblichen CAD-Konstruktionsprogrammen nicht simuliert werden kann, war die Realisierung der um 13 Grad gekippten Federhäuser und des linearen Aufzugs ein Kinderspiel. Das zwölf Gramm schwere Aufzugsgewicht aus dem Schwermetall Wolfram bewegt sich auf einer Schiene auf und ab und wird von einem Zahnrad, das in seine verzahnte Unterseite greift, auf Distanz gehalten. Über zwei seitliche, um 13 Grad gekippte Zahnrechen zieht er die beiden Federhauspaare auf. Auf der Vorderseite bei der Zwölf wird die Kraft der vier Federhäuser wieder zusammengeführt: Da eine normale Verzahnung bei den gekippten Rädern nicht funktionieren würde, greifen die beiden um 13 Grad gekippten Räder in ein Kegelrad mit auf den Winkel abgestimmter Verzahnung.

Während die Riemen von einem spezialisierten Zulieferer stammen, werden die meisten Bestandteile des Werks selbst hergestellt. Jede V4 wird bei TAG Heuer in La Chaux-de-Fonds von dem Uhrmachermeister Denis Badin zusammengebaut. Wie jede Uhr von TAG Heuer muss auch die Monaco V4 alle internen Tests, darunter den Vibrationstest und den Falltest aus einem Meter Höhe, bestehen. Sie soll Temperaturen zwischen -10 und +60 Grad aushalten.

Lesehilfe: Trotz des fehlenden Zifferblatts heben sich die breiten blauen Zeiger gut vom skelettierten Werk ab

Lesehilfe: Trotz des fehlenden Zifferblatts heben sich die breiten blauen Zeiger gut vom skelettierten Werk ab

Dem spannenden Innenleben wird auch das technische Design mit den V-förmigen Brücken und das raffinierte Gehäuse mit dem gewölbten und seitlich facettierten Saphirglas gerecht. Die gebläuten breiten Zeiger heben sich von den silberfarbenen Werkteilen deutlich genug ab. Die vier aufgesetzten Indexe sind aber ungleich verteilt und bieten ähnlich wie die nur schwach zu erkennende eingravierte Minuterie lediglich eine grobe Orientierung. Im Dunkeln leuchten nur die Zeiger, nicht die Indexe, was ebenfalls eine genaue Zeitaussage erschwert. Die Bedienung der Monaco V4 gibt hingegen keine Rätsel auf: Die griffige Krone lässt sich gut drehen und ziehen; es existiert nur eine gezogene Position für das Zeigerstellen, in der die Uhr allerdings weiterläuft.

Das Platingehäuse, das TAG Heuer in Cornol bei Porrentruy herstellt, ist sehr sauber verarbeitet und raffiniert gestaltet: So zieht sich das vordere, gewölbte Saphirglas mit zwei deutlichen Facetten in die Flanken des Gehäuses. Es gibt einen schönen Kontrast zwischen polierten und satinierten Oberflächen. Auch die drei Saphirfenster auf der Rückseite zeugen von Detailverliebtheit. Die unteren Ecken des Gehäuses sind aber viel zu spitz. Hier wird auf Dauer jede Hemdmanschette zerschnitten, und man kann sich sogar verletzen. Auch sonst ist die Uhr am Arm unangenehm: Die abgewinkelten und leicht überstehenden Fenster auf der Rückseite lassen die schwere Uhr hin- und herwackeln und drücken in den Handrücken.

Dagegen schmiegt sich das gut verarbeitete und von Hand genähte Krokolederband eng und weich an den Arm – auch dank der praktischen Platinfaltschließe. Ihr Klemmsystem erlaubt es, das Band stufenlos in der Länge zu verstellen. Zwei Sicherheitsdrücker sorgen dafür, dass sich die Schließe nicht unbeabsichtigt öffnet. Dass sie etwas hoch gebaut ist, stört kaum.

Das gilt auch für das Werk: Fast einen Zentimeter misst das Kaliber in der Höhe. Auch die anderen Abmessungen sind üppig. Es füllt das Gehäuse gut aus, und das ist erfreulich. Ob der Riemenantrieb und die verbauten Kugellager einen konstruktiven Vorteil darstellen, muss die Zukunft zeigen. Die Federhäuser wurden sicher eher aus optischen Gründen schräggestellt. Schön wäre eine Feinregulierung über Unruhgewichte gewesen, die die Spirale frei atmen ließe. Die verbaute Feinregulierung über Rücker und Exzenterschraube ist nicht standesgemäß.

Die Verzierungen sind es hingegen schon: Die Kanten wurden angliert und poliert, Räder und Schraubenköpfe poliert. Die satinierten Oberflächen unterstreichen das technische Design. Und alles ist schön von vorne, während man die Uhr am Arm trägt, zu sehen.

Praktisch stufenlos: Die Faltschließe aus Platin erlaubt mit ihrem Klemmsystem eine freie Wahl der Bandlänge

Praktisch stufenlos: Die Faltschließe aus Platin erlaubt mit ihrem Klemmsystem eine freie Wahl der Bandlänge

Die Ganggenauigkeit konnte leider nicht im gleichen Maße überzeugen: Die von TAG Heuer angekündigte Genauigkeit von ±4 Sekunden am Tag erreichte unser Exemplar nicht, dafür war es mit einer mittleren Abweichung von +17,8 Sekunden zu stark ins Plus reguliert. Immerhin unterbot die Uhr mit 13 Sekunden die als größte Abweichung zwischen den Lagen vom Werk vorgegebenen 15 Sekunden.

Dass der Preis für eine Uhr mit derartig hohem Entwicklungsaufwand nicht niedrig sein kann, ist klar. 70.000 Euro sind aber trotzdem viel Geld. Auch die Limitierung auf 150 Exemplare dürfte in dieser Preiskategorie kein wichtiges Argument sein. Bisher ist TAG Heuer noch nicht so bekannt für hochpreisige Uhren. Nach wie vor stellen Stahlchronographen zwischen 2.000 und 4.000 Euro das Kerngeschäft der Marke dar. Zudem ist nicht vorherzusehen, wie sich der Wert entwickeln wird. Allerdings gibt es keine vergleichbare Uhr, also auch keine günstigere Alternative.

Auch wenn TAG Heuer sein ambitioniertes Ziel, vollständig auf Zahnradverbindungen und Lagersteine zu verzichten, nicht ganz erreicht hat, bleibt die Monaco V4 eine innovative Uhr mit spektakulärer Technik. Zudem gibt es nur wenige Uhren, bei denen man von vorne so viel von der Technik sieht. Gut, dass TAG Heuer sich am Riemen gerissen und die Konzeptuhr Monaco V4 zur Serienreife gebracht hat. jk

Dieser Test ist der Zeitschrift CHRONOS Ausgabe 3/2010 entnommen. Für das Testergebnis und das spezifische Datenblatt werfen Sie doch einen Blick in die Print-Ausgabe.
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