Vergleichstest: Breitling gegen IWC

Himmel und Erde: Breitling Chronomat B01 im Vergleich mit IWC Große Ingenieur Chronograph

Himmel und Erde: Breitling Chronomat B01 im Vergleich mit IWC Große Ingenieur Chronograph

 

Breitling rollt mit der Chronomat B01 sein erstes Manufakturkaliber aus dem Hangar. Zieht die Fliegeruhr an der doppelt so teuren und für Abenteuer auf dem Boden konzipierten IWC mit ebenfalls eigenem Chronographenwerk vorbei?

  • Text: Jens Koch
  • Fotos: Nik Schölzel

BREITLING CHRONOMAT B01
Vorzüge | Nachteile
+ gelungenes Design
+ tolle Schließe
+ angemessener Preis
+ gute Gangwerte
- kein Glasboden
- schwergängiger Startdrücker

IWC GROSSE INGENIEUR CHRONOGRAPH
Vorzüge | Nachteile

+ ausgezeichnet ablesbar
+ hervorragend verarbeitetes Gehäuse
+ ausgezeichnete Gangwerte
- Datum schaltet langsam
- hoher Preis

Manufakturbesichtigung: Breitling-Kaliber B01 mit Schaltrad und vertikaler Kupplung, IWC-Kaliber 89360 mit Schaltrad und Schwingtrieb

Manufaktur- besichtigung: Breitling-Kaliber B01 mit Schaltrad und vertikaler Kupplung, IWC-Kaliber 89360 mit Schaltrad und Schwingtrieb

Ein eigenes Chronographenwerk ist etwas ganz Besonderes. Selbst bekannte Manufakturen haben oft kein eigenes Werk mit Stoppfunktion. So hat beispielsweise Patek Philippe erst vor vier Jahren einen Manufakturchronographen entwickelt. Kein Wunder: Ein Chronograph stellt eigentlich eine große Komplikation dar, der mechanische Aufwand ist enorm. Nur die weite Verbreitung von einfachen und seit Jahrzehnten gebauten Werken wie dem Valjoux 7750 der Eta lässt günstige Chronographen überhaupt zu. Auch Sportuhrenmarken wie IWC und Breitling besaßen lange kein eigenes Chronographenwerk. Das änderte sich zumindest bei diesen beiden Marken vor Kurzem: Auf der Baselmesse 2009 stellte Breitling sein seit langem erwartetes erstes eigenes Werk vor: das Kaliber B01. Das neue Modell, das als vorerst einziges mit diesem Werk arbeitet, heißt passenderweise Chronomat B01. Auch IWC hat die Große Ingenieur Chronograph erst Anfang 2009 in Genf präsentiert. Das eigene Chronographenkaliber ist ebenfalls noch jung: Seinen ersten Einsatz hatte es 2007 in der Da Vinci Chronograph.

Breitling-Fliegeruhrdesign
Der Chronomat B01 steht ganz in der Fliegeruhrentradition von Breitling. Das bedeutet zeitgemäßes Design und funktionale Details wie die Drehlünette. Aber auch Design-Elemente, die eher dekorativen als funktionalen Charakter haben. So zeigt das Zifferblatt viel Liebe zum Detail: Im Zentrum gibt es ein Quadrat, dessen Ränder durch die Zentren der drei Hilfszifferblätter bestimmt wird. An diesem Rand ändern sich auch die Rillenstruktur der Hilfszifferblätter: Außerhalb des Quadrats verläuft sie kreisförmig, innerhalb des Quadrats gibt es senkrechte Rillen. Beim unteren Stundenzähler findet sich sogar eine Viertelung. Die Zeiger der Hilfszifferblätter nehmen das Quadrat am Zeigerzentrum wieder auf, und auch die Reiter der Lünette sind quadratisch. Sogar die Typografie der Ziffern auf den Hilfszifferblättern und der Lünette mit ihrer eckigen Null passt dazu. Insgesamt tummeln sich aber auf der Uhr Ziffern in drei verschiedenen Schriftarten: Hier wäre weniger mehr gewesen. Zudem ist die Schrift auf der Lünette gewöhnungsbedürftig. Insgesamt wirkt das Design der Chronomat B01 aber gelungen.

Kampf der Formen: weiche Rundungen bei Breitling, kantiges Design bei IWC

Kampf der Formen: weiche Rundungen bei Breitling, kantiges Design bei IWC

IWC-Design mit Maschinenbauanleihen
Das Gesagte gilt im Grunde genauso für die IWC. Sie ist aber reduzierter und wirkt wegen des größeren Durchmessers massiger. Die Typografie der Ziffern ist hier überall in der gleichen Ingenieur-typischen Art ausgeführt. Auffälligstes Merkmal der Großen Ingenieur Chronograph sind die beiden oben und unten angeordneten Hilfszifferblätter, die sich mit silberner Rillenstruktur vom schwarzen Zifferblatt abheben. Den inneren Teil des Zifferblatts füllen H-förmige Ingenieur- Logos aus, die auch die gestalterische Grundidee für die Indexe – die Leuchtmasse liegt vertieft zwischen zwei silberfarbenen Schienen – und den schienenförmigen Stunden- und Minutenzeiger vorgeben. Vor allem das Gehäuse der Ingenieur macht dem Modellnamen alle Ehre: Die in den Kronenschutz übergehenden rechteckigen Drücker und die Lünette mit ihren Löchern zur Werkzeugaufnahme sehen nach Maschinenbau aus. Dazu passt, dass die Ingenieur nur in einer Zifferblatt- und zwei Gehäuseversionen (Stahl und Gold) erhältlich ist. Demgegenüber gibt es die Chronomat B01 in zahlreichen Zifferblattvarianten mit Indexen oder römischen Ziffern, in Stahl, Gold oder verschiedenen Kombinationen daraus und einer Vielzahl von Bändern.

Auf dem schwarzen Zifferblatt der Breitling-Testuhr lassen sich Zeit und Datum gut ablesen. Das gilt allerdings nur eingeschränkt für die Stoppminuten und -stunden. Hier heben sich die silbernen Zeiger zu wenig von den kleinen Hilfszifferblättern ab.
Die Ingenieur punktet hier gleich doppelt: Zum einen ergeben, überraschenderweise, die silbernen Zeiger auf dem silbernen Hilfszifferblatt einen besseren Kontrast. Zum anderen werden Stoppminuten und -stunden auf dem oberen Hilfszifferblatt zusammengefasst und lassen sich dank der 12-Stunden- und 60-Minuten-Einteilung komfortabel wie eine zweite Zeitzone ablesen. Der Effekt wirkt sich bei längeren Stoppzeiten stärker aus als bei kurzen. Ziffern für die Stundenskala wären ebenfalls hilfreich. Aber allein die enorme Größe des Zifferblatts erleichtert das Ablesen deutlich.

Während Breitling eine feinstufige Verlängerungs möglichkeit einbaut, macht sich die IWC-Faltschließe besonders flach

Während Breitling eine feinstufige Verlängerungs möglichkeit einbaut, macht sich die IWC-Faltschließe besonders flach

Die Kehrseite der Medaille: Das 45,5 Millimeter große Gehäuse verlangt nach einem starken Arm. Normale Handgelenke lässt die Große Ingenieur mager erscheinen, und sie liegt dann nicht gut an. Zudem zeigt sie sich selbst mit Stahlband kopflastig und muss sehr eng getragen werden, wenn sie nicht hin und her schlackern soll.
Die Chronomat wirkt dagegen trotz ihrer 43,5 Millimeter nicht zu groß und trägt sich auch angenehmer: Sie liegt fest am Arm, woran auch das geschmeidige Kautschukband mit der feinstufigen, in die Schließe integrierten Bandschnellverlängerung großen Anteil hat. Die Breitling-Schließe mit den zwei Sicherheitsdrückern ist sehr schön, leicht zu bedienen und ausgezeichnet verarbeitet. Das Kautschukband wirkt dagegen etwas schmucklos. Es gibt für den Chronomat allerdings auch Kroko-, Rindsleder- oder Metallbänder.

Die Große Ingenieur Chronograph ist entweder mit Krokolederarmband oder mit Edelstahlarmband ausgerüstet. Das Metallband lässt sich in bester Ingenieur-Manier ohne Schraubendreher kürzen, und vor allem die Schließe mit dem einseitigen Sicherheitsdrücker macht sich angenehm flach. Die beiden Scharnierteile der Schließe bestehen allerdings nur aus Blech und sollten im offenen Zustand nicht zu sehr belastet werden. Ansonsten glänzen Band und Schließe aber mit ausgezeichneter Verarbeitung. Mit den aufwendig abgeschrägten und polierten Kanten des ansonsten satinierten Bands passt es perfekt zum ebenso aufwendig hergestellten Gehäuse.

Verschraubte Drücker – ein Vorteil?
Vor allem die großen Drücker der Ingenieur sorgen dabei für leichte Bedienbarkeit. Auch die verschraubte Krone ist angenehm groß und lässt sich leicht ziehen und drehen. Sekundenstopp und Datumsschnellverstellung helfen bei genauer Zeiteinstellung und Tageskorrektur.
Auch Breitling verfügt über diese beiden modernen Helfer. Anders als beim Valjoux 7750 lässt sich bei beiden Manufakturkalibern das Datum auch kurz vor zwölf Uhr verstellen, ohne dass die Werke beschädigt werden könnten. Die griffige Krone der Chronomat lässt sich gut aufschrauben und bedienen, die Drücker sind ebenfalls verschraubt, was das Einschalten des Chronographen etwas umständlich macht. Dafür sind die Drücker gegen Schläge besser geschützt und die Wasserdichtheit konnte auf 500 Meter erhöht werden. Allerdings muss für den Startvorgang viel Kraft beim Drücken aufgewendet werden, was an der Konstruktion der Chronographenhebel liegt. Die einseitig drehbare Lünette des Chronomats besitzt eine feine 240er Rastung und lässt sich ausreichend leicht drehen, könnte aber griffiger sein.
Interessanterweise unterscheiden sich die beiden Werke in den Abmessungen nur minimal. Auch die Gangdauer fällt bei beiden mit über drei Tagen angenehm lang aus. Zudem ziehen beide Werke beidseitig auf und verfügen über eine elegante Steuerung via Schaltrad. Schaut man sich die Werke aber an – dazu muss man bei der Breitling den Boden abschrauben – fallen die Unterschiede sofort auf: Während IWC auf die schon aus dem Ingenieur-Kaliber 80111 bekannte Automatikfederbrücke zurückgreift, sieht das Breitling-Kaliber etwas konventioneller aus. Breitling punktet aber mit einem patentierten Selbstzentrierungssystem der Herzhebel für die Nullstellung und einem Kalender mit augenblicklich schaltendem Datum. Vor allem verfügt der Chronograph über eine moderne vertikale Kupplung, die das Anfangshüpfen des Sekundenstoppzeigers verhindert.

Breitling setzt ein stoßgesichertes Ankerrad ein; das macht das Werk unempfindlicher gegen Stöße. Was man selten sieht: Breitling befestigt die Unruhfeder selbst am Unruhreif. Dafür müssen erst geeignete Paarungen ermittelt werden. Hintergrund ist, dass das B01, wie jedes Breitling-Werk, die Chronometernorm erfüllen muss. Und die Paarung von Unruhreif und Unruhfeder entscheidet in hohem Maße über die spätere Ganggenauigkeit. Breitling produziert zudem die Platinen und Brücken selbst und setzt die Lagersteine.
IWC hat für das Chronographenkaliber 89360 ein am markentypischen Pellaton-Aufzug orientiertes neues Doppelklinken-Aufzugssystem entwickelt. Mit zwei Aufzugsdoppelklinken spannen doppelt so viele Klinken wie bisher die Aufzugsfeder durch Ziehen und Schieben. Gesteuert werden sie nun nicht mehr über eine Kurvenscheibe, sondern wie in einem Automotor von einer Kurbelwelle. Die Klinken sind so angeordnet, dass sie auch bei geringen Bewegungen des Rotors eine Aufzugsleistung erbringen. Der Aufzug soll 30 Prozent effizienter sein als der Vorgänger, sodass auch das Rotorgewicht und damit der Verschleiß reduziert werden konnte. Die Feinregulierung erfolgt rückerlos über Feinstellschrauben auf dem Unruhreif, ein Zeichen hochwertiger Werke. Auch die Flyback-Funktion, die sich bei der Großen Ingenieur Chronograph nicht wie meist üblich in der Modellbezeichnung widerspiegelt, erfordert hohen konstruktiven Aufwand. Die Stoppminute springt nicht, sondern läuft langsam mit. Störender ist das langsam schaltende Datum: Ab elf Uhr bewegt sich die Scheibe deutlich.

Im Grad der Verzierungen ähneln sich die Werke: Zierschliffe, Perlage der Grundplatine und polierte Schraubenköpfe. Dank des skelettierten IWC-Rotors sieht man viel vom Werk. Gebrochene und polierte Kanten an den Platinen fehlen aber weitgehend.
IWC verwendet bei der Chronographenkupplung einen Schwingtrieb, wie ihn auch das Valjoux 7750 besitzt. Diese Lösung wurde entwickelt, um den Chronographen zu vereinfachen, hat sich aber bewährt. Dabei wird die Achse des Kupplungsrades nur auf einer Seite bewegt und so die Räder in Eingriff gebracht. Immerhin verpasst IWC dem Chronozentrumsrad 240 Zähne mit besonderem Zahnprofil, um den Startsprung des Sekundenstoppzeigers zu minimieren.
Bei beiden Kalibern erinnern die polierten Blechhebel an die des Valjoux 7750. Gefräste Hebel wären deutlich schöner gewesen. Beide Werke hinterlassen also ein gemischtes Bild und kombinieren technisch hochwertige Konstruktionen mit Merkmalen, die man sonst eher in Einsteigerkalibern findet.

Chronographen aufbau des Breitling B01

Chronographen aufbau des Breitling B01

Chronometergenaue Gangwerte
Die Ganggenauigkeit beeinträchtigt das aber nicht: Beide Uhren laufen sehr präzise. Von Breitling erwartet man das wegen des Chronometerzertifikats auch. Schließlich wurde jedes Werk von der COSC 14 Tage lang geprüft und muss dabei strenge Vorgaben einhalten. In unserer Testuhr erfüllte das Kaliber B01 diese Normen mit einer größten Abweichung zwischen allen Lagen von fünf Sekunden und einer mittleren Abweichung von lediglich +0,2 Sekunden. Das IWC-Kaliber 89360 hält mit: Die gemittelte Abweichung aller Lagen beträgt +1,3 Sekunden, die größte Abweichung zwischen den Lagen lediglich drei Sekunden. Zudem kann das IWC-Werk bei laufendem Chronographen seine ausgezeichneten Werte fast halten.
Liegen die Testuhren bis jetzt auf Augenhöhe, trennt der Preis sie auf unversöhnliche Weise: 5470 Euro kostet die Chronomat B01, 12370 Euro die Große Ingenieur Chronograph. Selbst wenn beide mit einem vergleichbaren Band ausgerüstet sind, kostet die IWC noch doppelt so viel wie die Breitling. Ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis also bei Breitling, zu hoher Preis bei IWC. Beide Marken haben allerdings ein starkes Image und einen vernünftigen Werterhalt.
Sowohl die Breitling Chronomat B01 als auch die IWC Große Ingenieur Chronograph sind empfehlenswerte Uhren. Wer also nicht auf den Preis schauen muss, kann nach dem Design wählen.

Dieser Test ist der Zeitschrift CHRONOS Ausgabe 1/2010 entnommen.
Für das Testergebnis und das spezifische Datenblatt werfen Sie doch einen Blick in die Print-Ausgabe.
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