IWC: Portugieser

Vom Ladenhüter zum Erfolgsmodell aus Schaffhausen - alles Wissenswerte über die IWC Portugieser

 Redaktion
von Redaktion
am 11. September 2017

Die vor mehr als 75 Jahren vorgestellte Portugieser der IWC aus Schaffhausen gilt heute als klassische Uhrenschönheit. Das war nicht immer so, fand die “Armbandtaschenuhr”, wie sie auch genannt wurde, doch zunächst kaum Anklang. Erst in den letzten zwanzig Jahren avanciert sie zu einem der beliebtesten IWC-Modelle – und ihre Kollektion wird lebhaft gepflegt. Der folgende Artikel zeigt die wechselhafte Geschichte der Uhr bis hin zu aktuellen Modellen wie der IWC Portugieser Automatic oder dem ersten Jahreskalender in der Portugieser-Kollektion.

Aktueller Vertreter der Uhrenlinie: der 2017 überarbeitete IWC Portugieser Chronograph Classic (21.900 Euro)
Aktueller Vertreter der Uhrenlinie: der 2017 überarbeitete IWC Portugieser Chronograph Classic (21.900 Euro)

Wir schreiben das Jahr 1938. Eine Zeit, in der sich die Armbanduhr schon lange etabliert hat und die Taschenuhr als gängigen Zeitmesser verdrängt ist. Zu jener Zeit erfreuen sich zierliche Armbanduhren, eckig oder rund im Stil des Art déco, besonderer Beliebtheit. Ausgefallene Tonneau-Uhren sind gerade der letzte Schrei. Kein Wunder, dass man in der Schaffhauser Uhrenmanufaktur IWC einigermaßen erstaunt auf eine Anfrage zweier Geschäftspartner aus Portugal reagiert. In einem Brief an die Firmenleitung äußern die Uhrenimporteure Rodríguez und Teixeira aus Lissabon und Porto den Wunsch nach einer “großen Armbanduhr in Stahl”. Für ein solches Produkt bestehe auf dem portugiesischen Uhrenmarkt derzeit eine lebhafte Nachfrage.

So kam die IWC Portugieser zu ihrem Namen

Bei der IWC hält man dies zunächst für ein Missverständnis und fragt nach, ob man nicht mit einer moderneren Uhr behilflich sein könne. Immerhin hat die Manufaktur zu jener Zeit kleine Werke wie das 10-linige Cal. 62, das für Armbanduhren entwickelte Cal. 83 oder das Cal. 87 Tonneau im Programm. Es wäre ein leichtes, mit diesen ein speziell auf den portugiesischen Uhrenmarkt zugeschnittenes Modell zu kreieren. Doch die Herren aus Portugal insistieren: Eine gewisse Klientel – Kapitäne und Offiziere der portugiesischen Handelsflotte – wünsche eine “richtig große Uhr” im Stil eines exakt laufenden Marinechronometers, aber am Arm zu tragen.

Der Wunsch der Portugiesen ist der IWC Befehl, und man schalt das bestehende Herrentaschenuhrkaliber 74H4, das sich als Savonnette mit der kleinen Sekunde im 90-Grad-Winkel zur Krone für die Übertragung gut eignet, in ein Armbanduhrengehäuse ein. Das 1913 erstmals produzierte Werk mit Einzelbrücken, chatonierten Steinelagern, geschlitzter Bimetallunruh, Breguet-Spirale und Schwanenhals-Feinregulierung verfügt über ein sehr gutes Gangverhalten, allerdings nicht über eine Stoßsicherung. Es misst 38,35 Millimeter und ist nur 4,2 Millimeter hoch. Diese Dimensionen übertreffen bereits erheblich die Ausmaße der damals üblichen Armbanduhren.

Wie die erste IWC Portugieser aussah

Die ersten Portugieser debütierten 1939 in kleiner Stückzahl in einem an sich schlichten, jedoch stolze 41,5 Millimeter messenden Gehäuse, das mit einer gekehlten Lünette für das weniger zerbrechliche Acrylglas, einem Mittelteil und einem aufgesprengten Stahlboden dreitei­lig konstruiert war. Die Krone war ebenfalls entsprechend großzügig angelegt, um das Aufziehen zu erleichtern. Das Gesicht der Dreizeiger-Uhr ist in seiner Schlichtheit kaum zu übertreffen und wirkt stilbildend für alle nachfolgenden Portugieser-Generationen: schmale, blattförmige Zeiger kreisen über klaren arabischen Ziffern auf silbernem oder schwarzem Hintergrund.

Die erste Portugieser erscheint 1939 mit schwarzem oder silbernem Zifferblatt. In ihrem Stahlgehäuse tickt ein Taschenuhrkaliber
Die erste Portugieser erscheint 1939 mit schwarzem oder silbernem Zifferblatt. In ihrem Stahlgehäuse tickt ein Taschenuhrkaliber

Wie nicht anders zu erwarten, scheint die Zeit für eine “Armbandtaschenuhr” noch nicht reif, und nur einige hundert Exemplare werden zwischen 1939 und 1944 verkauft. Daran ändert auch die technische Umrüstung in der Mitte der 1940er-Jahre nichts, als IWC das Modell mit den Kalibern 74 und 98, die auf den in den 1930er-Jahren entwickelten Taschenuhrkalibern 67 (Lépine) und 68 (Savonnette) basieren, ausrüstete. Von 5,5 auf 4,0 Millimeter Bauhöhe verschlankt und als Cal. 97 und 98 weitergeführt, waren sie mit feiner IWC-Taschenuhrtechnik (Rubinlager für die Räder, geschlitzte Bimetallunruh mit Breguet-Spirale und Schwanenhals-Feinregulierung) ausgestattet, besaßen aber weiterhin weder eine Stoßsicherung noch eine nennenswerte Wasserdichtheit.

Die Neuauflage bringt dem Ladenhüter aus Schaffhausen Erfolg

Trotz der inneren Aufwertung war der IWC Portugieser kein Erfolg beschieden. So wurden mit dem neuen Werk bis circa 1958 nur wenige hundert Stück gebaut; die Uhr schien Geschichte zu sein. Unmittelbar vor der Quarzkrise, zu Beginn der 1970er-Jahre gab IWC dem übergroßen Uhrenmodell eine weitere Chance und lanciert versuchsweise eine limitierte Edition in übrig gebliebenen Originalgehäusen auf dem deutschen Markt. Sie wird angetrieben vom Cal. 982 mit Handaufzug, dem IWC-Standardwerk für Taschenuhren mit Sprungdeckel. Dieses ist inzwischen auch mit Stoßsicherung und einer monometallischen Glucydurunruh ausgestattet und besitzt zusätzlich zur Schwanenhals-Feinregulierung auch noch Feinstregulierexzenter auf den Unruharmen. Die Reanimation hat durchaus Erfolg, da aber die Restbestände aufgebraucht sind, bleibt es vorläufig bei dieser einen Edition, bis dann im Jahr 1993 das 125. Firmenjubiläum ansteht.

Zum 125. Firmenjubiläum lässt IWC im Jahr 1993 die Portugieser mit dieser limitierten Sonderedition nach über fünfzig Jahren wieder aufleben
Zum 125. Firmenjubiläum lässt IWC im Jahr 1993 die Portugieser mit dieser limitierten Sonderedition nach über fünfzig Jahren wieder aufleben

Auf Initiative des Marketing- und Verkaufsdirektors Hannes Pantli, der zu diesem Anlass neben der prestigeträchtigen, auf 125 Exemplare limitierten großen Komplikation Il Destriero Scafusia auch ein dem normalen Uhrenliebhaber zugängliches Modell für strategisch sinnvoll hält, verhilft der damalige Chef der IWC, Günter Blümlein, der Portugieser zu ihrer dritten Geburtsstunde. Übrigens trägt sie nun auch erstmals offiziell den Namen Portugieser, zuvor ist sie einfach unter der Bezeichnung “große Armbanduhr” in den Geschäftsbüchern geführt worden. Optisch kopiert die Neuauflage das Original mit ihrer schlanken Silhouette, dem matt versilberten Zifferblatt, den arabischen Reliefzahlen und den schmalen, blattförmigen Zeigern perfekt, macht aber nun durch einen Glasboden das fein verzierte Taschenuhrwerk sichtbar, das bisher von einem Stahlboden verdeckt war. Die Gravur auf den dekorierten Brücken verweist auf das Jubiläum: “International Watch Co. 1868 – 1993.” Das in fünf Lagen einregulierte Werk mit Handaufzug firmiert hier als Cal. 9828. Ansonsten entspricht es dem bewährten Uhrwerk, konzipiert als Cal. 98, respektive 982 für die Sprungdeckeltaschenuhr. Die Limitierungsnummer der 1.000 Exemplare in Edelstahl, 500 in Rotgold und 250 in Platin wird seitlich ins schlanke Gehäuse eingraviert. Eine kleine Auflage von 125 Modellen erscheint als Dreierset. Uhrenfans sind begeistert von dieser klassischen Alltagsuhr asu Schaffhausen, und die Neuauflage erweist sich dieses Mal als alles an­dere als ein Ladenhüter. Vielmehr entspricht sie mit ihrem großzügig dimensionierten Auftritt dem Trend zu größer werdenden Armbanduhren und begründet eine neue Uhrenfamilie der IWC.

Die IWC Portugieser bekommt ihre Automatik

Das nächste Kapitel in der Geschichte der IWC Portugieser schlägt das Automatikkaliber 5000 auf. Das Uhrwerk, das anfangs mit 2,5 Hertz beziehungsweise 18.000 Unruhhalbschwingungen pro Stunde im Gleichklang mit einer traditionellen Taschenuhr tickte, erhielt später eine erhöhte Unruhfrequenz von drei Hertz und ein modernes, rückerloses Hemmsystem. Es tickte erstmals in der limitierten Portugieser Automatic 2000, die sich schnell als Sammlerobjekt etablierte. Zur kleinen Sekunde mit Stoppvorrichtung kam als zusätzliche Indikation die Gangreserveanzeige für sieben Tage hinzu.

Im Jahr 2000 präsentiert IWC nach fünf Jahren Entwicklung das neue Kaliber 5000 mit sieben Tage Gangreserve in der Portugieser Automatic
Im Jahr 2000 präsentiert IWC nach fünf Jahren Entwicklung das neue Kaliber 5000 mit sieben Tage Gangreserve in der Portugieser Automatic

Kurt Klaus, der Erfinder des ewigen Kalenders der IWC mit der berühmten vierstelligen Jahreszahl, erkannte das Potenzial, welches das geräumige Gehäuse der Portugieser in technischer Hinsicht bot, und passte dieses daran an. Mithilfe einiger Zwischenräder und eines Schaltrades mit deutlich mehr Zähnen gelang es ihm sogar, eine noch exaktere Mondphase zu schaffen: In 577,5 Jahren weicht sie nur noch um einen Tag vom tatsächlichen Mondumlauf ab. Doch damit nicht genug, zusätzlich bietet die Portugieser Ewiger Kalender, die 2003 erscheint, mit dem so genannten Hemisphärenmond, eine doppelte Darstellung der aktuellen Position des Erdtrabanten – eine für die nördliche und eine für die südliche Halbkugel. Dieses Novum in der Uhrenwelt wird vom Cal. 50611 mit siebentägiger Gangreserve bewerkstelligt. Ein großer Erfolg für IWC, der in kommenden Jahren wie auch die anderen Mitglieder der Familie in vielen Material- und Zifferblattvarianten erscheinen wird.

Wie die IWC Portugieser kompliziert wurde

2004 trug die Portugieser Tourbillon Mystère zu dem neuen Trend der Tourbillons bei und stellte sich als eine der interessantesten Vertreterinnen dieser Spezies vor. Ihr filigraner Käfig mit seinen 81 Miniaturteilen zeigt sich bei der Zwölf unverstellt dem Betrachter. Die fliegend, also einseitig gelagerte Hemmung, scheint frei im Raum zu schweben. Vier Jahre später erschien die Uhr skelettiert und vom Meisterguillocheur Jochen Benzinger dekoriert in einer weiteren Kleinauflage.

Die IWC Portugieser Grande Complication (Ref. 3774)
Die IWC Portugieser Grande Complication (Ref. 3774)

Doch zunächst kam 2005 als weitere große Komplikation eine Portugieser Minutenrepetition hinzu. Zur Freude von Mechanikfans präsentiert IWC hier das komplexe Zusammenspiel von Schaltsternen, Staffeln, Rechen, Rädern, Hämmern und Tonfedern des Taschenuhrwerks Cal. 95911 in allen Details durch das skelettierte Zifferblatt. Viele der 240 Komponenten des Repetitionsmechanismus sind ebenfalls skelettiert. Ein Relaunch der Kollektion brachte der IWC Portugieser zu ihrem 70-jährigen Bestehen die Grande Complication mit ihrem eindrucksvollen Repertoire an Komplikationen – ewiger Kalender, Minutenrepetition und Chronograph, ermöglicht vom berühmten Kaliber 79091 mit 657 Teilen – ein. Diese erschien nun erstmals in einem 45 Millimeter großen Portugieser-Kleid. Ihr Gehäuseboden trug als Referenz an das maritime Thema die Gravur eines Sextanten.

Die IWC Portugieser Handaufzug aus dem Jahr 2010.
Die IWC Portugieser Handaufzug aus dem Jahr 2010.

Mit der Portugieser Handaufzug erschient im Jahr 2010 schließlich die wohl stilechteste Neuauflage des Originals, die das minimalistische Schönheitskonzept der Uhrenikone nicht besser verkörpern könnte, denn ihr Äußeres ist direkt vom Ursprungsmodell inspiriert. In ihrem 44 Millimeter großen Edelstahlgehäuse tickte wie im Original ein großes, sehr präzises Handaufzugswerk, das Cal. 98295 mit Stilzitaten der ersten Jones-Werke, wie der Dreiviertelbrücke aus Neusilber und dem überlangen Rückerzeiger zur Feineinstellung. Und auf ihrem Zifferblatt in Argenté oder Schwarz setzt sich neben vergoldeten Indexen und Zeigern sowie der charakteristischen Eisenbahnminuterie lediglich die kleine Sekunde groß in Szene.

Die IWC Portugieser heute

Im Jahr 2015 feierte IWC das 75-jährige Bestehen der Portugieser mit zahlreichen Neuerungen. So erhielt die Portugieser Automatic mit dem 52010 ein neues Manufakturkaliber, ihr Zifferblatt mit den arabischen Appliken und der Eisenbahnminuterie blieben erhalten. Die Kaliberfamilie 52000 folgt der 50000 und ist technisch weiterentwickelt. Keramikelementen sorgen nun für einen verschleißfreien automatischen Klinkenaufzug. Zudem stehen dem Uhrwerk nun zwei Federhäuser anstatt nur einem zur Verfügung, sie bieten eine Gangreserve von sieben Tagen. Auf der anderen Seite oszilliert die Unruh mit vier anstatt nur mit drei Hertz. Auch der ewige Kalender in der Portugieser-Kollektion, der IWC Portugieser Perpetual Calendar in Rotgold, wurde mit einem neuen Uhrwerk aus der 52000er-Familie ausgestattet.

IWC: Portugieser Perpetual Calendar Single Moon
IWC: Portugieser Perpetual Calendar Single Moon

Ebenfalls 2015 präsentierte IWC den ersten Jahreskalender in der Kollektion Portugieser, dieser brachte das neue Automatikkaliber 52850 mit sich. Die Anzeigen für Monat, Datum und Tag stehen in der oberen Zifferblatthälfte zwischen elf und ein Uhr. Die amerikanische Reihenfolge ist nicht nur technisch und gestalterisch bedingt – sie soll auch eine Hommage an F. A. Jones sein, den amerikanischen Gründer von IWC.

Den überarbeiteten Portugieser Chronograph Classic von IWC gibt es in Rotgold, Edelstahl und einer Variante mit blauem Zifferblatt (Edelstahlversionen: 11.900 Euro)
Den überarbeiteten Portugieser Chronograph Classic von IWC gibt es in Rotgold, Edelstahl und einer Variante mit blauem Zifferblatt (Edelstahlversionen: 11.900 Euro)

2017 überarbeitete IWC das Zifferblatt des IWC Chronographen Classic, der erstmals 2013 vorgestellt wurde. Der Chronograph erhält nun eine klassische Eisenbahnminuterie und erscheint ohne die Sekundenunterteilung. Das verleiht dem Chronographen eine elegante Silhouette. Dabei werden die gestoppten Minuten und Stunden im kombinierten Zähler bei der Zwölf angezeigt, die kleine Sekunde befindet sich bei der Sechs. Im Innern der 42 Millimeter großen Uhr arbeitet das automatische Manufakturkaliber 89361 mit Flyback-Funktion.

Die jüngstes Mitglieder der Portugieser-Familie zeigen sich in Blau. IWC stellt die Portugieser Automatic und den Portugieser Chronograph in Edelstahl mit blauem Zifferblatt vor. Die Automatik-Version wird vom bewährten Manufakturkaliber 52010 angetrieben. Über die verbleibende Gangreserve – sie beträgt sieben Tage – informiert die Anzeige bei drei Uhr, die kleine Sekunde befindet sich bei der Neun. Die blaue Version des Portugieser Chronographen, der 40,9 Millimeter im Durchmesser misst, kommt mit dem Kaliber 79350, das auf dem Eta-Valjoux 7750 basiert.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, ursprünglich online gestellt im Dezember 2011.

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