Das Tourbillon

Unnötig oder ästhetisch? Fliegend oder unter Brücken? Diese Komplikation provoziert

 Redaktion
von Redaktion
am 21. Dezember 2016

Das Tourbillon, erfunden und 1801 patentiert von Abraham Louis Breguet, repräsentierte einen wichtigen Vorwärtsschritt im unermüdlichen Bemühen um ganggenaue Räderuhren. Bei modernen Armbanduhren dient es vor allem der Freude an komplexer Mechanik und dem ästhetischen Empfinden. Wir stellen die Komplikation mit allen wichtigen Informationen, Bildern und Videos vor.

Breguet: Classique Tourbillon
Breguet: Classique Tourbillon

So auch bei der 2014 vorgestellten Classique Tourbillon, mit der das Swatch-Group-Unternehmen Breguet an die Erfindung seines Marken-Ahnherrn erinnert. Eine Tourbillon-Glaubensfrage lautet heute: Lieber fliegend oder lieber unter einer Brücke? Doch beginnen wir am Anfang. Im englischsprachigen Video erklärt der Uhrenexperte Jeff Kingston anhand des L-evolution C Tourbillon von Blancpain die Funktionsweise des Tourbillons:

Das Tourbillon – wozu eigentlich?

Gerade bei den zumeist in vertikaler Position getragenen Taschenuhren stört die Erdanziehungskraft das Gangverhalten ganz beträchtlich. Und zwar dann, wenn der Schwerpunkt von Unruh und Spirale nicht im Zentrum der Unruhwelle liegen. In diesem Fall gibt es nämlich eine Stelle am Unruhreif, die dem Erdmittelpunkt beharrlich entgegen strebt. Diesem leidigen Problem begegneten die Uhrmacher einst durch gewissenhaftes Regulieren des Unruh-Unruhspirale-Ensembles. Doch selbst bei größter Akribie ist der aufwändige Balanceakt nur von begrenzter Dauer. Irgendwann kehren die lästigen Schwerpunktfehler zurück, beschleunigen oder bremsen die Unruh-Rotationen. Die Folge: spürbare Gangabweichungen. Die Auswirkungen der Schwerkraft beschäftigten Abraham-Louis Breguet über Jahre. Dabei reifte in ihm die Erkenntnis, dass sich daraus resultierende Schwerpunktfehler mit den bekannten Mitteln nicht dauerhaft eliminieren lassen.

Das Tourbillon: Schwing- und Hemmungssystem sitzen in einem Drehgestell – im Bild eine Konstruktion von Girard-Perregaux. (Foto: patriceschreyer.com)
Das Tourbillon: Schwing- und Hemmungssystem sitzen in einem Drehgestell – im Bild eine Konstruktion von Girard-Perregaux. (Foto: patriceschreyer.com)

Der Königsweg bestand in einem kontinuierlichen Ausgleich der unliebsamen Interdependenz zwischen Schwerpunktfehler und Gravitation. Ende des 18. Jahrhunderts, vermutlich 1795, hatte Breguet eine trickreiche Lösung gefunden: Er montierte das Schwing- und Hemmungssystem – Unruh, Unruhspirale, Anker und Ankerrad – in einem Drehgestell, das einmal pro Minute um seine Achse rotierte. Somit hoben sich beschleunigende und bremsende Momente in senkrechter Position der Uhr gegeneinander weitgehend auf. Das Erfolgsrezept für dieses Nullsummenspiel mit dem Namen Tourbillon erlangte 1801 Patentschutz. Die uhrmacherische Umsetzung dieser Idee verlangte nach kompetenten Handwerkern. Auch nach dem Tode des Erfinders waren nur Spitzenkräfte in der Lage, die geniale Konstruktion so zu realisieren, dass sie ihren Zweck erfüllte. Zu ihnen gegehörten unter anderem Georges Favre-Bulle, Sylvian Jeanmairet, Urban Jürgensen, Victor Kullberg, Albert Pellaton-Favre, Jämes Pellaton und Constant Girard-Perregaux.

So funktioniert Breguets Tourbillon

Breguet positionierte die Unruh im Zentrum des Drehgestells. Wie allgemein üblich, lagerte er die Zapfen ihrer Welle oben und unten. Darüber hinaus war eine Lagerung des Drehgestells selbst vonnöten. Sie befand sich ebenfalls oben und unten in einer Linie mit der Unruhwelle. Das Ankerrad- oder Hemmtrieb ragte unten ein wenig aus dem Drehgestell heraus. Unten im Zentrum hatte der Meister auch das Sekundentrieb befestigt. Das zugehörige Sekundenrad hatte er starr und konzentrisch dazu mit der unteren Platine verschraubt. Somit setzte das Kleinbodenrad als letztes Mobil des normalen Räderwerks das Sekundentrieb und damit auch das Drehgestell in Bewegung. Die Zähne des Hemmtriebs griffen in diejenigen des fixierten Sekundenrads.

Klassisches Tourbillon von IWC
Klassisches Tourbillon von IWC

Bedingt durch die Rotationen des Drehgestells blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als permanent abzurollen, das Ankerrad zu drehen und die Unruhschwingungen auf übliche Weise über den Anker mit seiner Gabel aufrecht zu erhalten. Bei dieser Anordnung rotiert die Unruh samt Hemmung beständig um 360 Grad. Generell macht es übrigens keinen Unterschied, ob die Unruh zentral oder dezentral im Tourbillonkäfig angebracht ist. Die mittige Positionierung bedingt einen lateralen Anker mit seitlicher Gabel, dezentrale Platzierung gestattet hingegen die Verwendung eines klassischen Ankers mit rückwärtiger Gabel.

Nicht verwechseln: Tourbillon und Karussell

Bei der letztgenannten Konstruktion handelt es sich übrigens nicht, wie man manchmal fälschlicherweise liest, um ein Karussell. Beim Karussell wird das Drehgestell nicht vom Sekunden-, sondern vom Kleinbodenrad aus betätigt. Mit anderen Worten: Die Frage Tourbillon oder Karussell lässt sich nicht aus der Position der Unruh heraus, sondern nur bezogen auf die Antriebsform beantworten. Bei Tourbillons sind – im Gegensatz zum Karussell – die Drehungen des Käfigs für das Schwingen der Unruh und damit für die Funktion unverzichtbar. Stoppt der Käfig, steht das ganze Uhrwerk. Beim Karussell dagegen läuft das Uhrwerk konstruktionsbedingt auch bei angehaltenem Drehgestell weiter. Im folgenden englischsprachigen Video zeigt der unabhängige Uhrenexperte Jeff Kingston die Unterschiede der beiden Komplikationen:

Glashütter Spezialität: Das “fliegende” Tourbillon

Ein feiner, aber deutlich sichtbarer Unterschied bei Tourbillon-Konstruktionen geht auf Alfred Helwig zurück: die “fliegende” Lagerung des Drehgestells. Sie debütierte vermutlich 1922 in einer Taschenuhr mit der Nummer 3022. Bei ihr störte keine Lagerbrücke den Blick auf die unentwegten Rotationen des filigranen Drehgestells. Natürlich kam auch der Glashütter Meisteruhrmacher und Lehrer an der dortigen Uhrmacherschule nicht an zwei Lagern vorbei.

Das "fliegende" Tourbillon: Gangmodell von Alfred Helwig aus dem Jahr 1927, Deutsches Uhrenmuseum Glashütte
Das “fliegende” Tourbillon: Gangmodell von Alfred Helwig aus dem Jahr 1927, Deutsches Uhrenmuseum Glashütte

Allerdings versteckte Helwig sie unterhalb des Drehgestellbodens. Der Antrieb erfolgt beim fliegenden Tourbillon gleichfalls über ein Trieb. Das jedoch sitzt auf der langen hinteren Welle des Drehgestells. Die abnehmbare Lagerung fliegender Tourbillons bezeichnen Uhrmacher wegen des länglichen Aufbaus gerne als “Turm”. Er ist mit der Platine verschraubt. Der Trick bei der Montage besteht darin, dass Uhrmacher die hintere Lagerplatte entfernen und das im Presssitz montierte Sekundentrieb abziehen können. Heute findet man “fliegende” Tourbillons etwa bei Ulysse Nardin und Tourbillon-Spezialisten Wilhelm Rieber aus Tiefenbronn im Schwarzwald. Glashütte Original baut ausschließlich die “fliegend” gelagerte Variante des Tourbillons.

Wie das Tourbillon ans Handgelenk kam

Obwohl das Tourbillon ursprünglich für Taschenuhren erfunden worden war, fand es auch ans Handgelenk. Zunächst gab es Armband-Tourbillons in homöopathischen Kleinstmengen, gefertigt als Unikate und um bei Chronometerwettbewerben triumphieren zu können. 1945 versah André Bornand ein rundes, 30 Millimeter großes Taschenuhrwerk mit einem Anker-Tourbillon. Auftraggeber war Patek Philippe. 1949, 1951 und 1953 nahm dieses Kaliber an Chronometerwettbewerben teil. 1950 machten sich André Zibach und Eric Jaccard an das tonneauförmige Kaliber 34, dessen Fläche von 702 Quadratmillimetern zur Wettbewerbskategorie D passte. Einmal mehr war André Bornand für das Drehgestell zuständig. Die kostbaren Kaliber 34 T nahmen von 1958 bis 1966 an Wettbewerben des Genfer Observatoriums teil. 1962 erreichten zwei die ersten beiden Plätze.

Patek Philippe: Referenz 130 mit Kaliber 34 T
Patek Philippe: Referenz 130 mit Kaliber 34 T

Das Tourbillon des Kalibers 34 T befindet sich auf der Werkrückseite
Das Tourbillon des Kalibers 34 T befindet sich auf der Werkrückseite

Marcel Vuilleumier, Direktor der Uhrmacherschule in Le Sentier, setzte sich 1948 mit dem Wirbelwind fürs Handgelenk auseinander. Sein Credo: Dort unterliegen Tourbillons wesentlich stärkeren Beanspruchungen als in der Tasche. Deshalb setzte er auf 7,7 Minuten Umlaufzeit. Auf diesem gedanklichen Fundament fertigte Jean-Pierre Matthey-Claudet aus Evilard für Omega zu Versuchszwecken zehn Armband-Tourbillons. Schließlich experimentierte im französischen Besançon die Manufaktur Lip. Ihr Unikat basierte auf einem Formwerk. Die Besonderheit: Das Minuten-Tourbillon mit Ankerhemmung und einem Drehgestell-Durchmesser von stolzen 11,5 Millimetern rotierte in einem Zifferblatt-Ausschnitt.

Mit Audemars Piguet ging das Tourbillon in Armbanduhren-Serie

Mit dem ersten Serien-Tourbillon wartete Audemars Piguet im Jahre 1986 auf. Das Formwerk war nicht nur das kleinste und flachste seiner Art, sondern auch das erste Exemplar mit Selbstaufzug. Wie bei der Ende der 1970er-Jahre konstruierten, von verschiedenen Herstellern realisierten superdünnen Rekorduhr “Delirium” oder bei der Swatch diente der Gehäuseboden als Werkplatine. Das winzige Drehgestell bestand aus Titan. Mit dieser Armbanduhr trat Audemars Piguet eine Lawine los.

Audemars Piguet: Royal Oak Offshore Selfwinding Tourbillon Chronograph
Audemars Piguet: Royal Oak Offshore Selfwinding Tourbillon Chronograph

Der beispiellose Tourbillon-Boom währt bis in die Gegenwart. Modernste Technologien wie computergesteuertes Fräsen oder Funkenerosion eröffnen ungeahnte Möglichkeiten bis hin zum Billig-Tourbillon aus der Volksrepublik China. Der Vielfalt des kleinen Wirbelwindes sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Ein sehr sportliches Beispiel aus dem Hause Audemars Piguet ist der 2015 vorgestellte Royal Oak Offshore Selfwinding Tourbillon Chronograph.

Fliegend oder unter einer Brücke – welches Tourbillon ist das bessere?

Klassische Konstruktionen mit Brücke über dem Drehgestell treten gegen fliegende Bauweisen an. Dabei ist die klassische die zuverlässigere – sowohl hinsichtlich Stoßsicherheit als auch in Sachen Ganggenauigkeit. Gangprüfungen in verschiedenen vertikalen Lagen haben ergeben, dass die Unterschiede beim fliegenden Tourbillon sehr groß sind, bei der klassischen Konstruktion hingegen recht viel ausgewogener. Die fliegende Bauweise bringt keine Vorteile, aber sie ist subjektiv die ästhetischere, wogegen das berühmte Tourbillon unter drei Brücken von Girard-Perregaux zahlreiche schöne Gestaltungsmöglichkeiten aufweist – von edel bis abgefahren: 2015 ist die Uhr als Neo-Tourbillon in schwarzem Titan erschienen.

Girard-Perregaux: Neo-Tourbillon mit drei Brücken
Girard-Perregaux: Neo-Tourbillon mit drei Brücken

Tourbillon unter drei Goldbrücken von Girard-Perregaux
Tourbillon unter drei Goldbrücken von Girard-Perregaux

Fliegende Drehgestelle können zarter und leichter konstruiert werden. Sie sind aber auch viel schwieriger zu realisieren. Doch für die Faszination Tourbillon lohnt sich die Mühe. Man kann die Konstruktion leicht erhaben, etwas aus dem Zifferblatt herausragend anbringen. Ein Tourbillon darf heute als ein Kunstwerk betrachtet werden, einen wirklichen gangregulierenden Nutzen wie zu Breguets Zeiten hat es nicht mehr. Die technische Höchstleistung rechtfertigt sein Dasein und zieht zweifellos jeden Betrachter in seinen Bann.

Text von Gisbert L. Brunner und Martina Richter

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