Montblanc: Schwingende Türme

Montblanc Tourbillon Bi-Cylindrique

 Redaktion
von Redaktion
am 26. Mai 2011
Das neue Tourbillon Bi-Cylindrique von Montblanc
Das neue Tourbillon Bi-Cylindrique von Montblanc

Mit Hilfe ihrer Werkeschmiede Minerva präsentiert die Uhrenmarke Montblanc ein Tourbillon mit zwei konzentrischen Turmspiralen.

Was die Unruhspirale angeht, die konzentrisch zur Unruhwelle und möglichst gleichmäßig schwingen soll, gaben sich die Uhrmacher des 18. Jahrhunderts sehr experimentierfreudig. Sie erprobten unterschiedlichste Ausprägungen, zum Beispiel zylindrische, kugelförmige oder konische Spiralfedern.
Turmförmig ausgeprägte oder zylindrisch geformte Unruhspiralen gehen auf John Arnold und das Jahr 1782 zurück: Der englische Uhrmacher entwickelte diesen Typus für Marinechronometer, bei denen präzises Unruhschwingen eine überragende, die Bauhöhe andererseits keine sonderliche Rolle spielt. Ganz anders sah es bei Zeitmessern für die Tasche oder später fürs Handgelenk aus: Hier begrenzt das Thema Tragbarkeit die Bauhöhe von vornherein.

Einen Kompromiss ersann Abraham-Louis Breguet 1795: die später nach ihm benannte Breguet-Spirale. Ihr Erkennungszeichen ist das hochgebogene äußere Ende, das das Schwingverhalten spürbar optimiert.
Nicht zuletzt auf Bitten von Breguets Nachkommen beschäftigte sich der französische Mathematikprofessor Edouard Phillips ab etwa 1860 ausgiebig mit der Spiralfeder und ihren Formen. Seine tiefgreifenden Untersuchungen, die ab 1861 publiziert wurden, haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Die Phillips’schen Tabellen und eine Menge grafischer Vorlagen verkörpern unabdingbares chronometrisches Basiswissen.

Selbstverständlich entstehen die klassischen Spiralfedern mittlerweile mit Hilfe ultrapräziser Maschinen. Aus komplexen Metalllegierungen mit den Bestandteilen Eisen, Nickel, Beryllium, Titan, Mangan und Silizium werden flache Spiralfedern gefertigt, die gegen gangschädliche Temperaturschwankungen weitgehend unempfindlich sind. Und das mit Toleranzwerten im Bereich weniger Zehntausendstelmillimeter.
Allein das Hochbiegen der Breguet-Endkurve verlangt nach den geschickten, erfahrenen und geduldigen Händen qualifizierter Regleure.

Turm- und Doppelspiralen gibt es schon lange. Brandneu ist dagegen ein konzentrisches Spiralenduo mit gleichem Drehmoment.

 

Zwei Türme

Noch höhere Ansprüche stellt die Herstellung einer zylindrischen Spirale. Diese Bauart fand erst 225 Jahre nach ihrer Erfindung den Weg in die Armbanduhr: in Form des 2008 lancierten Gyrotourbillon 2 von Jaeger- LeCoultre mit sphärischem Käfig, der schon aufgrund seiner einzigartigen Form die erforderliche Höhe besitzt.

Und im Januar 2011 debütierte das Tourbillon Bi-Cylindrique aus der Collection Villeret 1858 von Montblanc, in dem sogar zwei dieser ultraleichten und hochkomplexen Turmspiralen zur Optimierung der Gangleistungen zusammenwirken. Ein Spiralenduo kennt der Uhrenfreund beispielsweise aus dem Handaufzugskaliber 2899 der Cabinet Nr. 5 von Audemars Piguet. Hier sind die Spiralen übereinander positioniert, mit gegenüberliegenden Ansteckpunkten. Das Ensemble schwingt gegenläufig, was neben einem höheren Gleichgewicht auch den Vorteil besserer Regulierungsmöglichkeiten mit sich bringt. Ein Tourbillon mit klassischer Doppelspirale präsentierte kürzlich der ehemalige Patek-Philippe-Uhrmacher Laurent Ferrier, der sich 2008 nach 37 Jahren frühpensionieren ließ und nun selbst Zeitmesser baut.

Montblanc geht noch einen Schritt weiter und verwendet zwei zylindrisch gestaltete Unruhspiralen unterschiedlichen Durchmessers, die ineinanderstecken. Hinsichtlich ihrer Funktionsweise besteht zwischen der flachen und der zylindrischen Spirale kein grundsätzlicher Unterschied. In beiden Fällen handelt es sich um einen flachen Draht, der mehrfach aufgewunden wird. Bei herkömmlichen Spiralfedern liegen die Windungen nebeneinander und nehmen im Durchmesser zu, was zu einer winzigen, hinsichtlich des Schwingverhaltens aber doch spürbaren Exzentrizität des Schwerpunkts führen kann. Im Gegensatz dazu weisen die übereinander liegenden Windungen der Zylinderspirale vollkommen identische Durchmesser auf, was dem Schwerpunktfehler entgegenwirkt. Außerdem „atmen“ Turmspiralen konzentrisch und symmetrisch. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für ein isochrones Schwingverhalten.

Ein Getriebe dreht zwei Saphirglasscheiben mit aufgedampften Zeigern
Ein Getriebe dreht zwei Saphirglasscheiben mit aufgedampften Zeigern

 

Gleiches Drehmoment

Die beiden Spiralen besitzen exakt dasselbe Drehmoment. Während sich der eine Part öffnet, zieht sich der andere zusammen. Dieses System ist eine echte Weltpremiere in einer Armbanduhr und speziell in einem Tourbillon. Die Minerva-Ateliers in Villeret, die seit einigen Jahren Montblanc gehören, betrachten es als Ehren sache, die verwendeten Spiralen von A bis Z selbst zu produzieren. An Monique Wyssmueller, Minervas „Seelenmacherin“, führt in diesem Zusammenhang kein Weg vorbei. Seit ihrer zweijährigen Ausbildung zur Regleuse lebt sie für Spiralen. Und auch während der 20 Jahre, die sie ihren Beruf wegen der Quarzkrise nicht ausüben konnte, verlor die Handwerkerin nichts von ihrem Enthusiasmus. Für ihren Job nutzt sie einen kleinen Regulierapparat, den schon ihr Großvater verwendet haben könnte. Natürlich ginge so etwas im Computerzeitalter auch elektronisch und damit wesentlich schneller, aber bei Minerva gelten die Gesetze der Tradition.

Monique Wyssmueller kommt es zu, die Spiralen so anzupassen, dass sie im Zusammenwirken mit der Unruh den Zeittakt täglich auf zehn Sekunden genau einhalten. Alles Weitere obliegt später den Uhrmachern beim endgültigen Regulieren des 47 Millimeter großen Tourbillon Bi-Cylindrique.

Die mysteriöse Zeitanzeige mittels Saphirglasscheiben statt Zeigern stammt von Montblancs 2008 vorgestelltem Grand Tourbillon Heures Mystérieuses. Dieses besaß noch eine normale Breguet-Spirale. An den Newcomer weitervererbt wurde neben der Scheibenanzeige auch die Neusilberplatine mit einem stattlichen Durchmesser von 38,4 Millimetern. Den braucht es auch, um dort ein 18,4 Millimeter großes Minutentourbillon unterzubringen, das aus 95 Einzelteilen besteht und nur 0,96 Gramm auf die Mikrowaage bringt. Im Inneren bewegt sich eine massereiche Glucydur-Unruh mit sage und schreibe 14,6 Millimetern Durchmesser. Dass ein derart opulentes Gebilde nicht schneller als mit 2,5 Hertz oszillieren kann, verwundert nicht.

Das gesamte Handaufzugskaliber besteht aus 284 Komponenten. Von vorn einsehbar sind erstmals die Antriebsräder der mysteriösen Zeitanzeige. Die künftigen Besitzer und die zum Staunen Eingeladenen können nun genau nachvollziehen, wie das Werk die beiden Scheiben, auf die die Zeiger aufgedampft sind, antreibt.

Große Stückzahlen sind bei diesem Technikmonument natürlich nicht realisierbar: Montblanc stellt limitierte Editionen von jeweils acht Exemplaren in Weiß- und in Rotgold für 230.000 beziehungsweise 220.000 Euro zur Wahl. glb

Immer informiert bleiben

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an und bleiben Sie immer am Puls der Zeitmesser.

Anrede
Vorname
Nachname
E-Mail*
* Pflichtfeld
Die Datenschutzbestimmungen habe ich gelesen und akzeptiere diese.

Uhren-Datenbank

In der weltweit größten Datenbank finden Sie aktuell 31454 Modelle von 781 Herstellern.

Datenbank-Suche