Wachablösung bei Montblanc

Kommentar zum Führungswechsel

Gisbert L. Brunner
von Gisbert L. Brunner
am 10. Mai 2013
Führungswechsel bei Montblanc
Führungswechsel bei Montblanc
[Foto: ©Francis HAMMOND]

Personalwechsel an der Spitze von Unternehmen vor Erreichen der Altersgrenze kommen immer wieder vor, meistens aber nicht von ungefähr. So auch bei Jaeger-LeCoultre wird mit Sack und Pack von Le Sentier nach Hamburg umziehen. So etwas passiert natürlich nicht aus heiterem Himmel heraus. Vor allem dann, wenn man das Naturell von Johann Rupert ein wenig kennt. Der Richemont-Chairman ist allem voran natürlich ein Geschäftsmann mit viel Gespür für Zahlen. Andererseits besitzt er aber auch eine sehr menschliche Note. Im Gegensatz zu anderen Gruppen, wo „hireandfire“ durchaus an der Tagesordnung ist, wird Loyalität von oben nach unten bei Richemont sehr groß geschrieben. In diesem Sinne dürfte die Entscheidung, dass Lutz Bethge fortan „nur“ noch die Spitzenposition im Montblanc Verwaltungsrat einnimmt, nicht leichtfertig gefallen sein. Und es gab in der Tat wohl einige handfeste Gründe, die letzten Endes in der Perfomance des Luxusmultis während der zurückliegenden Jahre begründet sind. Nachzulesen ist alles in den Richemont-Bilanzen, wo Montblanc im Gegensatz zu den anderen Uhrenmarken nicht konsolidiert, sondern mit harten Fakten als eigener Geschäftszweig ausgewiesen wird. Speziell 2011 lag Montblanc bei Umsatzwachstum und Gewinn deutlich hinter den anderen Konzernmarken. Die offizielle Begründung: Schließung zahlreicher Verkaufspunkte rund um den Globus mit allen Umsatz-Konsequenzen. Auch 2012 endete nicht so erfolgreich, wie wahrscheinlich in Genf und Südafrika erwartet.

Summa summarum ist Montblanc jedoch eine globale Erfolgsgeschichte mit mehreren Anläufen. Nicht nur einmal sah es trist aus um die Zukunft. 1909 und 1914 können ebenso als Schicksalsjahre betrachtet werden wie 1945 und die frühen 1970-er Jahre. 1977 hieß der Weiße Ritter Dunhill. 1994 brachte die Auflösung der Dunhill Holding und die Gründung der neuen Dachgesellschaft VendômeLuxury Group SA, Luxembourg, in der sämtliche Luxuswaren-Aktivitäten der Unternehmensgruppe Rothmans International zusammenfasst wurden. Montblanc gelangt dadurch unter das Dach eines der weltweit größten und umsatzstärksten Luxuskonzerne, welcher heute Richemont heißt. Ab 1988 verknüpfte sich der Weg nach oben mit Norbert A. Platt. Ihm ist 1997 das Lancement der Montblanc-Uhren zu verdanken. Seitdem entwickelten sich Zeitmesser neben Schreibgeräten, Lederwaren und anderen Luxusaccessoires zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder. Die jährlichen Umsätze beeindruckten. Diese umfassenden Leistungen belohnte Richemont 2004 mit der Berufung Platts an die Konzernspitze. Im gleichen Jahr avancierte Lutz Bethge, der 1990 als Finanzmanager von der Mars GmbH zur Montblanc Simplo GmbH gestoßen war, zum Geschäftsführer der Montblanc International GmbH. Die Ernennung zu deren CEO erfolgte 2007.

Norbert Platt hatte in der Tat sehr große Fußstapfen hinterlassen, die es nun nicht nur auszufüllen sondern tunlichst auch noch zu vergrößern galt. Zur Erinnerung an dieser Stelle nur so viel: Ab 1992 entstand ein internationales Netz eigener Boutiquen. 1997 zählte man ca. 150. Inzwischen sind es mehr als 400, welche heute maßgeblich zum letztjährigen Bruttoumsatz von 723 Millionen Euro beitragen. Die anfänglich mit dem Spruch „Wo füllt man da die Tinte ein?“ belächelten Montblanc-Uhren überschritten schon im „verflixten siebten Jahr“ die magische Grenze von 100.000 Stück. Per annum, versteht sich. Quantitatives Wachstum war freilich nicht das erklärte Ziel von Norbert Platt. Sein Credo: „Viel wichtiger ist das Wachsen über den Wert jeder verkauften Uhr.“ Hier hat Montblanc durch exklusive Uhrwerke und die Manufakturtätigkeit nach 16 Jahren definitiv schon sehr viel erreicht. Zu den exklusiven Rieussec-Kalibern gesellten sich ab 2006 Minerva und damit Uhrwerke mit höchstem Anspruchsniveau. Bereits vor 2011 war zwischen den Zeilen eine gewisse Trübung der Beziehungen zu spüren: „Unmittelbar begeistert zeigten sich nur einige. Aber der Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen. Der Zuwachs an uhrmacherischem Profil überzeugte nach und nach auch die anfänglichen Skeptiker.“
Zu denen soll dem Vernehmen nach auch Lutz Bethge gehört haben. Möglicher Weise stieß der studierte Diplomkaufmann als ausgewiesener Spezialist für Controlling und Finanzen angesichts zunehmender Herausforderungen hinsichtlich des breiten Produkt-Portfolios, der Strukturierung des internationalen Vertriebs samt der damit verknüpften Marketing-Erfordernisse und der Erfordernis ständigen Umsatzwachstums irgendwann an seine Grenzen. Kritik war 2011 im Zusammenhang mit der „CollectionGrace de Monaco“ zu hören. Der Tenor: Die kreierte Schmucklinie schöpfe das vorhandene Potenzial bei weitem nicht aus, werde den hohen Erwartungen sowie den getätigten Investitionen nicht gerecht. Solchen Tadel zu bestätigen, steht dem externen Chronisten nicht zu.
Dennoch ist zu konstatieren, dass in den zurückliegenden Monaten der Druck im Hamburger Kessel stetig wuchs. Zur Explosion kam es glücklicher Weise nicht. Mit der Ernennung von Jérôme Lambert zum Montblanc-CEO und der Delegation von Lutz Bethge in den Verwaltungsrat der Montblanc International GmbH wurde nämlich rechtzeitig Dampf abgelassen. Dass die Wahl ausgerechnet auf den umfassend qualifizierten Franzosen fiel, verwundert nicht. Jérôme Lambert formte Jaeger-LeCoultre zu einer international anerkannten Luxusuhrenmarke mit herausragender Komplikationen-Kompetenz. Er sorgte dafür, dass A. Lange & Söhne nach der Demission von Fabian Krone wieder auf die Beine kam und nun unter Wilhelm Schmid besser da steht als jemals zuvor. Der engagierte Manager verfolgte klare Zielsetzungen und spricht gradlinig aus, was er denkt. Politik ist nicht seine Sache. Daher kann und wird er an der Waterkant extrem viel Positives bewirken und Montblanc produkt-, vertriebs- sowie zahlenmäßig fit für die Zukunft machen. Außer Zweifel stehen dürfte die Tatsache, dass Jérôme Lambert dem wachstumsträchtigen Standbein Uhren dabei besonders große Aufmerksamkeit widmen wird. Wenn die Hamburger Mission gelingt, dürfte das die weitere Karriere bei Richemont ungemein beflügeln, denn mit gerade einmal 44 Jahren ist der studierte Betriebswirt noch relativ jung. glb

 

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