Werkstoffe und Materialien mechanischer Uhren: Kunststoff

Die Plastik-Erfolgsstory

Gisbert L. Brunner
von Gisbert L. Brunner
am 12. September 2013
Tissot: Idea 2001
Tissot: Idea 2001

Wer meint, Tissot völlig neue Wege in der Uhrenfertigung. Unter der Bezeichnung Idea 2001 präsentierte die Marke eine erstaunliche mechanische Uhr mit transparentem Kunststoffgehäuse, die als Wegbereiterin der Swatch gelten kann. Ihre Genese resultierte nicht zuletzt aus der beruflichen Herkunft Edouard-Louis Tissots. Bis zu seinem Eintritt ins Familienunternehmen hatte er nichts mit der Uhrenindustrie zu tun. Nicht zuletzt deshalb brachte der Elektroingenieur viele unkonventionelle Ideen mit. Die betrafen auch das Uhrwerk selbst, das nach regelmäßiger Schmierung verlangt. Aus seinem früheren Betätigungsfeld wusste Edouard-Louis Tissot, dass Stahlachsen in Kunststofflagern ohne Schmierung rotieren können. Deshalb beauftragte er eine kleine Abteilung mit zwei Spezialisten, dieses System für die Uhrenfertigung nutzbar zu machen. Zunächst wurden verschiedene Kaliber modifiziert. Weil auf den Lagern eines mechanischen Uhrwerks jedoch permanenter Druck lastet, erwies sich dieser Weg als nicht gangbar. Umdenken und Experimentieren war angesagt. So lange, bis ein komplettes mechanisches Kunststoffkaliber entstanden ist. Doch damit nicht genug: Auch die erforderlichen Fertigungsmaschinen entstanden auf den Tissot-Reißbrettern. So schlug Anfang der 1970er Jahre die Geburtsstunde der – eigentlich – genialen Plastikuhrwerke Sytal oder Astrolon, bei denen sich die Stahlteile „selbstschmierend” in Kunststoff drehten.

Tissot: Kaliber Astrolon
Tissot: Kaliber Astrolon

Die Freude über den konstruktiven Erfolg mündete allerdings in einem schwerwiegenden Marketingfehler. Zu schnell und noch nicht vollständig serienreif sollten die Kaliber 2250, 2270 (mit Datum) und 2280 (mit Datum und Wochentag) auf den Markt, denn die Quarzwelle rollte heran und die Furcht vor Konkurrenz war groß. Also kehrte man bekannte Probleme kurzerhand unter den Tisch. „Wenn man diese Uhr ständig trug,“, so ein damaliger Mitarbeiter, „liefen die Räder mit Stahlachsen immer besser. Und schließlich hatte im ganzen Mechanismus die Feder im Verhältnis zur Spirale auf der Unruh zu viel Kraft. Die Uhr prellte, das heißt sie lief viel zu schnell. Weil das Werk nicht demontierbar war, musste man es auswechseln.“ Uhrmacher vertraten die Ansicht, dass Plastik eines mechanischen Uhrwerks und insbesondere einer Tissot nicht würdig wäre. Deswegen scheiterten weitere Versuche, in Tissot-Kalibern Plastikbestandteile zu verwenden. Die Zeit war einfach noch nicht reif für Kunststoff.

Die wahre Plastik-Erfolgsstory begann dann 1979 unter dem Namen „Delirium vulgaris” (korrekt natürlich „Delirium vulgare”). Der Werkehersteller Eta sollte eine Kunststoffquarzuhr mit analoger Zeitanzeige entwickeln. Das Konstruktionsprinzip formulierte Dr. Konstantin Theile aus der Eta-Chefetage wie folgt: „Eine Spritzgussschale, welche auch die Funktion der Trägerplatte hat, enthält in ihrem Innern alle für die verschiedenen Bestandteile notwendigen Befestigungsvorrichtungen…“ Gegenüber herkömmlichen Analogquarzuhren begnügte sich das Entwicklungsprojekt mit nur 51 Einzelteilen. Die Montage von oben sowie vorgefertigte Module bescherten beträchtliche Kostenvorteile. Ende 1981 präsentierten der Kunststoffingenieur Elmar Mock, der Uhreningenieur Jacques Müller und der Designer Hans Zaugg fünf handgefertigte Prototypen, alsbaldige Ausfallquote 100 Prozent. Erst 1983 erlangte das patentierte Kaliber ESA 500 seine Serienreife. Die geniale Swatch war geboren.

Eta Kaliber C01.211
Eta Kaliber C01.211: Anker und Ankerrad (unter der Unruh) bestehen aus grauem Kunststoff

Aus mechanischen Uhrwerken verschwand Kunststoff nach dem Tissot-Desaster übrigens nicht vollständig. Das 1973 lancierte Valjoux 7750 und das Lemania 5100 besaßen durchaus langfristig funktionstüchtige Plastikteile. Das gilt auch für das 2009 lacierte Eta C01.211, ein 5100-Derivat. Analog zum weltraumerprobten Vorbild besitzt die Neukonstruktion der Eta ebenfalls eine zifferblattseitig montierte Kulissenschaltung zur Steuerung der zeitschreibenden Funktion. Mit von der Partie sind auch eine vertikale Reibungskupplung mit Kunststoffkomponenten sowie andere Plastikteile, zu denen auch die komplette Hemmung aus Hochleistungskunststoff zählt. Auf diesem Gebiet verfügt die Eta allerdings über einschlägige Erfahrungen. Das 1991 vorgestellte Kaliber Eta 2840, welches die Automatik-Swatch beseelt, verfügte ab 1997 über einenKunststoffanker und ab 2002 auch über eine Ankerrad aus diesem Material. glb

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