Bei Glashütte Original und A. Lange & Söhne auf Manufaktur-Besuch

Zu Besuch bei Glashütte Original und A. Lange & Söhne

Thomas Wanka
von Thomas Wanka
am 21. September 2017

Die UHREN-MAGAZIN-Leserreise 2017 führte am zweiten Tag erneut von Dresden nach Glashütte. Nach dem Besuch bei Mühle-Glashütte, Moritz Grossmann und Wempe am ersten Tag standen nun die beiden Großmanufakturen im Zentrum des Interesses.

Das Atrium von Glashütte Original ist Ausgangspunkt unserer Führung.
Das eindrucksvolle Atrium von Glashütte Original ist Ausgangspunkt unserer Führung.

Glashütte Original

Schon am Vorabend gab Dieter Pachner, Vice President Sales,  den UHREN-MAGAZIN-Lesern die Ehre und stand bei Abendessen für alle Fragen zur Verfügung. Am anderen Morgen begrüßte er sie in der Manufaktur von  Glashütte Original. Hier führten Elvira Rühlemann und Michael Hammer die beiden Gruppen durch die Uhrenfertigung. Dabei folgt der Lehrpfad, der alle Fertigungsschritte zusätzlich auf Monitoren veranschaulicht, dem Werdegang einer Uhr. Erste Entwürfe für Uhren entstehen dabei meist auf Papier und werden früh am Computer umgesetzt; alle Konstrukteure bei Glashütte Original sind Ingenieure. Wichtiger Schritt ist der hauseigene Werkzeugbau, dieser fertigt die Halterungen, um die Bauteile auch herstellen zu können. Die Gruppe schritt von der Komponentenfertigung über Finissierung, Gravuren und Galvanik bis zur Montage der Uhren voran. Die Fertigungstiefe wird bei Glashütte Original übrigens mit beachtlichen 97 Prozent angegeben, nur vier Werkskomponenten werden extern bezogen.

Selbst die Räder entstehen auf Langdrehautomten, und die Verzahnung mit bis zu 100 Zähnen findet im Haus statt. Die kleinste Schraube hat dabei einen Kopf mit 0,5 Millimetern Durchmesser, ein metrisches Gewinde von 0,35 Millimetern und einen 0,1 Millimeter breiten Schlitz. Auch die Zifferblattproduktion gehört zu Glashütte Original, befindet sich aber in Pforzheim. Schon zu DDR-Zeiten belieferte sie die Manufaktur und wurde 2012 von ihr übernommen. Aus Pforzheim stammen auch die Gehäuse eines unabhängigen Zulieferers. Diese kommen bereit vormontiert an, die Werke müssen nur noch eingeschalt werden. Bevor es zum Mittagessen ging, erhielten die Teilnehmer der Leserreise zwei Lektionen in Theorie und Praxis. Zum praktischen Teil lud uns Thomas Büttner. Er demonstrierte nicht nur den Unterschied zwischen der Politur auf Papier und der Zinnflachpolitur, sondern auch das Anlassen der Schrauben mittels eines Lötkolbens. Anschließend versuchten sich die Gäste an dem Umgang mit den winzigen Uhrenkomponenten. Noch etwas größer sind die Bauteile, an denen der erste Jahrgang der Uhrmacherschule seine Übungen absolviert. Die firmeneigene Alfred-Helwig-Schule bildet derzeit zwölf Uhrmacher und drei Feinmechaniker aus. Nicht nur von Glashütte Original, auch von der Swatch Group werden die Absolventen übernommen, einen guten Notendurchschnitt vorausgesetzt. Nachdem die Gäste der UHREN-MAGAZIN-Leserreise die Kollektion von Glashütte Original ausgiebig begutachtet hatten, ging es einige hundert Schritte weiter zur benachbarten Manufaktur.

Wilhelm Schmid, CEO vonA. Lange & Söhne begrüßt die Gäste vor der Manufaktur in Glashütte.
Wilhelm Schmid, (ganz links) CEO von A. Lange & Söhne, begrüßt die Gäste vor der Manufaktur in Glashütte.

A. Lange & Söhne

Wilhelm Schmid, der CEO von A. Lange & Söhne begrüßte die Gäste vor dem Produktionsgebäude, mit Blick auf den neu errichtete Manufakturkomplex gegenüber. Die Manufaktur beruft sich auf die Tradition von Ferdinand Adolph Lange. Als sein Ur-Enkel Walter Lange 145 Jahre nach diesem die Vision der Marke wieder zum Leben erweckte, legte er wieder den Wert auf die hohen uhrmacherischen Fähigkeiten, derer es bedarf, Uhren höchster Qualität zu erstellen. Alle Uhren von A. Lange & Söhne sind in allen Lagen auf null bis acht Sekunden Vorgang je Tag reguliert. Und alle erfahren das gleiche aufwändige Finish, von der Zweizeigeruhr bis zur Großen Komplikation. Dazu gehört auch die Gravur des Unruhklobens von Hand unter einem Mikroskop. Durch eine angeschlossene Kamera lässt sich diese Arbeit auch auf einem Monitor gut verfolgen. Übrigens ist steht für den arbeitsaufwändigen Prozess der Veredelung die zahlenmäßig größte Abteilung im Haus zur Verfügung.

Gefertigt ist der Kloben wie das Werk aus Neusilber. Die Legierung ist anfänglich metallisch hell, bekommt jedoch über die Jahre eine Patina, da man bewusst auf eine galvanische Behandlung verzichtet. Lediglich das Messing der Laufwerksräder wird vergoldet. Diese werden von der klassische Glashütter Dreiviertelplatine gesichert. Das Räderwerk wird vormontiert und die Höhenluft der Räder eingestellt. Funktioniert alles reibungslos, wird das Werk wieder zerlegt, gereinigt, entfettet und finissiert. Erst dann erfolgt die Endmontage. In der Abteilung Zeitwerk wird ebenfalls zweimal montiert. Allerdings ist die Herstellung der digitalen Zeitanzeiger diesen Namens so komplex, dass ein Uhrmacher von Anfang bis Ende für eine Uhr verantwortlich ist. Die geringe Stückzahl lässt eine sinnvolle Arbeitsteilung nicht zu. Noch mehr gilt das in der Abteilung Komplikationen. Hier entstehen die besonders anspruchsvollen Modelle. Etwa das Lange 1 Tourbillon Ewiger Kalender oder die Neuheit Tourbograph Perpetual Pour le Mérite. Nicht nur die 684 Komponenten seines Kalibers L133.1 sind eine Herausforderung. Hinzu kommt der filigrane Kette-Schnecke-Mechanismus, der eine gleichmäßige Antriebskraft während der gesamten Gangdauer sicherstellt. Die winzige Antriebskette besteht aus 636 Einzelteilen, welche zu 212 Gliedern zusammengefügt werden müssen. Nachdem die Fragen der Leserreise-Teilnehmer im direkten und offenen Gespräch mit allen Uhrmachern beantwortet wurden, ging es in das Stammhaus weiter. Hier standen alle Modelle aus der aktuellen Kollektion zur intensiven Begutachtung bereit. Eine seltene Gelegenheit, von der die UHREN-MAGAZIN-Leser reichlich Gebrauch machten, bevor man sich nach zwei intensiven Tagen wieder voneinander verabschieden musste. tw

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