Besuch bei Mühle-Glashütte, Moritz Grossmann und Wempe

UHREN-MAGAZIN-Leserreise 2017 nach Glashütte

Thomas Wanka
von Thomas Wanka
am 20. September 2017

Nicht nur die Schweiz baut zuverlässige und präzise mechanische Uhren. Auch das kleine Erzgebirgsstädtchen Glashütte genießt unter Uhrenkennern weltweit einen erstklassigen Ruf. Die Teilnehmer der diesjährigen UHREN-MAGAZIN-Leserreise konnten sich vor Ort persönlich ein Bild von Wirken und Schaffen der dortigen Uhrmacher verschaffen.

Moritz Grossmann

Dazu führte der Weg von Dresden aus entlang der Müglitz zunächst bis zum steil aufragenden und spitz zulaufenden Manufakturgebäude von Moritz Grossman. Hier begrüßte Geschäftsführerin Christine Hutter die Teilnehmer und betonte die hoher Fertigungstiefe der Manufaktur, welche beim Werk bei 85 Prozent liegt. Anders sei das Ziel der pefekten mechanischen Uhr auch gar nicht zu erreichen.

Geschäftfsführerin Christine Hutter begrüßte die Teilnehmer in der Manufaktur Moritz Grossmann.
Das moderne Manufakturgebäude von Moritz Grossmann.
Trotz geringer Stückzahlen verfügt Mortitz Grossmann über eigene Elektroerosionsmaschinen.
Nur wenige Uhrenfirmen geben hier Einblick: Die Konstruktionsabteilung von Moritz Grossmann.
Beeindruckt sind die Gäste bei Moritz Grossmann vom hohen Veredelungsgrad.
Thomas Michalski ist Brand Manager bei Moritz Grossmann.
Moritz Grossmann stellt als einzige Manufaktur in Glashütte auch die Zeiger selbst her.

Die derzeitige Kapazität der Manufaktur betrage gerade einmal 500 Uhren je Jahr. Damit sind derzeit 50 Mitarbeiter beschäftigt. Eine Etage ist noch frei, damit mit weiteren 50 Mitarbeitern einmal maximal 1.000 Uhren im Jahr gefertigt werden könnten. Brand Manager Thomas Michalski und Pressesprecher Rainer Kern führten zwei Gruppen anschließend durch die Kleinteilefertigung im Erdgeschoss und die Montage – welche übrigens zweimal erfolgt – in der dritten Etage. Aber auch vor den Türen der Konstruktion musste die Neugierde der UHREN-MAGAZIN-Leser keinen Halt machen. Stolz gewährte man Einblicke in die Vielzahl eigener Konstruktionen, darunter ein Tourbillon, das nicht nur auf elf Sekunden pro Woche genau läuft, sondern auch noch in hundert Jahren von einem Uhrmacher repariert werden kann und dessen Sekundenstopp mit Hilfe eines menschlichen Haares funktioniert. Erster Höhepunkt des Tages war die Kollektion von Moritz Grossmann, eindrucksvoll inszeniert im Show-Room im vierten Stock, der einen imposanten Ausblick über die Glashütter Uhrenmeile bietet und den Lesern das Programm der beiden Tage sinnbildlich zu Füßen legte.

Mühle-Glashütte

Am südlichen Ende dieser Uhrenmeile befinden sich die Gebäude von Mühle-Glashütte. Firmengründer Hans-Jürgen Mühle und sein Sohn und Geschäftsführer Thilo Mühle präsentierten mit viel Leidenschaft ihre wechselhafte Firmengeschichte. Sie gaben sich als einziges ortsansässiges Unternehmen zu erkennen, welches tatasächlich im Besitz einer Glashütter Familie ist. Bereist seit 1869 baute die Familie Messinstrumente für die Glashütter Uhrmacherschule. Schon damals im von Ferdinand Adolph Lange in die Glashütter Uhrmacherei eingeführten metrischen System. Robert Mühle fertigte auch Tachometer für Horch in Zwickau, wie die Firma auch in den DDR-Zeiten Getriebe für die Druckindustrie fertigte, bevor sie 1972 verstaatlicht wurde und später in den Glashütter Uhrenbetrieben aufging.

Thilo Mühle erläutert seinen Gästen die Spechthalsfeinregulierung.
Hans-Jürgen Mühle, Gründer der Mühle Nautischen Instrumente erläutert die Anfoderungen an maritime Uhren.
Die imposanten Fräsmaschinen im Erdgeschoss fertigen auf den tausendstel Millimeter genau Uhrwerkskomponenten.
Die Werkskomponenten werden bei Mühle Glashütte mit Schliffen versehen.
Im obersten Stockwerk findet die Montage und Reglage der Werke statt.
Die Werke werden auf eine Vorgang von Null bis maximal acht Sekunden je Tag in sechs Lagen reguliert.
Die Unruh mit Spechthalsfeinregulierung wird eingebaut.
Der Rescue Timer von Mühle Glashütte feiert seinen 15. Geburtstag.

Nachdem der erfolgreiche Neubeginn als Familienbetrieb zunächst mit Schiffsuhren begann, mit denen man bis heute beispielsweise die Aida-Kreuzfahrtschiffe ausrüstet, ist Mühle-Glashütte auch mit einer sportlich ausgerichteten Armbanduhrenkollektion erfolgreich. Mittlerweile wurden insgesamt rund 120.00 Uhren gefertigt, deren Revision ebenfalls vor Ort stattfindet. Die hierfür benötigten Uhrmacher bildet das Unternehmen selbst aus, im Schnitt sind es drei Lehrlinge pro Lehrjahr der dreijährigen Ausbildung. Basis der Kollektion sind Schweizer Werke, an denen aber 50 Prozent der Wertschöpfung vor Ort hinzukommen, um die entsprechende Glashütter Regel zu erfüllen. Auf computergestützten Fräsmaschinen von Kern, deren Anschaffung etwa 475.000 Euro kostet, arbeitet man im Tausendstelmillimeter-Bereich. Das klingt wenig, summiert sich aber in einem Uhrwerk mit seinen bis zu 300 Komponenten. “Die Summe aller Toleranzen ist die Genauigkeit”, erläutert Thilo Mühle. Doch auch über die Finissage mit Schliffen, Polituren und Kreisschliffen bekommen die Mühle-Uhren ihre Werthaltigkeit. Ebenso mit der eigenen Feinreglage, entwickelt von Hans-Jürgen Mühle und bezeichnet als Spechthalsfeinreulierung. Hinzu kommt eine Reglage in sechs Lagen. Ausgeliefert werden die Modelle mit einer Vorgabe von maximal acht Sekunden Vorlauf je Tag.

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte

Frisch gestärkt, gekrönt durch die Geburtstagstorte zu 15 Jahren Rescue Timer, ging es zurück in die Ortsmitte von Glashütte. Diese wird beherrscht vom Gebäude der Deutschen Uhrmacherschule. Dort befindet sich seit 2008 das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte, dessen Leiter, Reinhard Reichel, persönlich die Führung übernimmt.

Reinhard Reichel, Leiter des Deutsche Uhremuseums Glashütte übernimmt die Führung persönlich.
Die astronomische Görtz-Uhr besteht aus 1.756 Einzelteilen.
Diese Taschenuhr mit Chronograph, Mondphase und ewigem Kalender ist die komplizierteste jemals gefertigte Schuluhr.
Glashütte wurde am letzten Kriegstag bombardiert, doch die Demontage löste weitaus größere Schäden aus.

An deren Beginn steht die einmalige astronomische Uhr von Hermann Görtz. Dieses Kunstwerk zeigt außer der mitteleuropäischen Zeit auch Tage, Wochen, Monate und das Jahr an. Ablesen kann man auch Auf- und Untergang von Sonne und Mond über Mondzeiten, Sternbilder und Tierkreiszeichen. Und sie läuft dabei mit einer Präzision von 15 bis 20 Sekunden im Monat. Eine Sonderausstellung belegt derzeit, dass Glashütte auch ein bedeutender Standort zur Fertigung von Rechenmaschinen war. Das feinmechanische Wissen brachte aber Ferdinand Adolf Lange am 7. Dezember 1845 in den völlig verarmten Gebirgsort. Er bildete mit Hilfe der sächsischen Staatsregierung 15 Uhr- und Werkzeugmacher aus und begründete so die Präzisionsuhrmacherei. Aus seinen Wanderjahren, die ihn in die Schweiz und bis Paris geführt hatten, brachte er das arbeitsteilige Verlagssystem nach Glashütte. Jeder Uhrmacher konzentrierte sich auf die Fertigung derer Werkskomponenten, die er am besten beherrschte, anstatt halbfertige Werke abzuliefern. Diese wurden ebenfalls in Glashütte eingeschalt und anschließend verkauft. Ferdinand Adolph Lange ermunterte seine Lehrlinge, sich selbstständig zu machen und schaffte sich so seine kompetente Zuliefererindustrie. 1878 symbolisierte die Gründung der Deutschen Uhrmacherschule den Erfolg dieses Unterfangens. Da die Meister für ihre Prüfung eine Komplikation vorlegen mussten, welche es bis dahin nicht in Glashütte gegeben hatte und dieses geistige Eigentum bei der Schule verblieb, gewann die Uhrmacherei in Glashütte schnell internationales Ansehen und Auszeichnungen. Das Uhrenmuseum dokumentiert auch eindrücklich die Folgen beider Kriege und das Überleben der mechanischen Uhrmacherei in den Zeiten des Sozialismus bis zur Renaissance der Mechanik ab den 1990er-Jahren.

Wempe Glashütte

Auch die Sternwarte am Ochsenkopf über Glashütte stammt aus den großen Zeiten der Uhrmacherei. Im Jahr 1910 nahm sie auf Betreiben der Glashütter Uhrmacherverbände ihren Betrieb auf und ersetzte das Zeitzeichen, das bis dahin mit mäßiger Zuverlässigkeit aus Berlin übertragen wurde. Otto Lange, Enkel des Begründers der sächsischen Uhrenindustrie Ferdinand A. Lange, und Herbert Wempe, Inhaber der Wempe Chronometerwerke, gründeten in den 1930er-Jahren gemeinsam die Arbeitsgemeinschaft “Sternwarte Glashütte”, um hier ein gemeinsames Forschungs- und Bildungszentrum zu initiieren. Der Krieg und der Sozialismus verhinderten die weitere Zusammenarbeit.

Die Sternwarte in Glashütte ist Fertigungsstätte der Chronometerwerke, dient aber auch der Sternbeobachtung.
Gunter Teuscher ist der Geschäftsführer von Wempe Glashütte.
Elisabeth Gläser leitet die Uhrmacherausbildung bei Wempe Glashütte.
Der Erweiterungsbau von 2010 wurde bereits 2013 erneut erweitert.
Kay Gahrig leitet die einzige Chronometerprüftslle in Deutschland.

Im Frühjahr 2004 erwarb der Hamburger Juwelier Wempe das historische Gebäude, stattete es wieder mit astronomischen Geräten aus und setzte das Observatorium für die Sternbeobachtung instand. Zudem ist die Sternwarte seit 2005 und ihr Erweiterungsbau seit 2010 Produktionsstätte der beiden Uhrenserien Zeitmeister und Chronometerwerke. Die erste Linie setzt auf Schweizer Werke, in der zweiten kommen Manufakturkaliber zum Einsatz. Beiden gemeinsam ist ihr Zertifikat, das ihnen von einer unabhängigen staatlichen Prüfgesellschaft vor Ort erstellt wird. Denn die Sternwarte ist auch die einzige Chronometerprüfstelle in Deutschland.

Gunter Teuscher, Geschäftsführer von Wempe Glashütte, begrüßte die Teilnehmer der Leserreise. An dem 2013 nochmals erweiterten Standort fertigt man derzeit rund 8.000 Uhren im Jahr. Aber auch die Lehringsausbildung von Wempe findet hier statt. Unter Leitung von Elisabeth Gläser erlenen bis zu fünf Auszubildenden pro Lehrjahr den Beruf des Uhrmachers mit drei Ausrichtungen: als Service-Fachkraft in den Niederlassungen, als Reparatur-Kraft in der Werkstatt in Hamburg oder Glashütte und als Fertigungsuhrmacher in der Sternwarte. Alle Auszubildenden schließen bei Wempe unter den besten 90 Prozent aller Auszubildenden im Landesvergleich ab. Kay Gahrig ist ebenfalls Mitarbeiter von Wempe, aber als Leiter der Chronometerprüfung untersteht er dem thüringischer Landesamt für  Verbaucherschutz in dessen Auftrag er die Prüfergebnisse zertifiziert. Jede Uhr muss die Prozedur nach DIN 8319 bestehen. Diese sieht eine 15-tägige Kontrolle vor, der ebenfalls die Uhren anderer Marken unterzogen werden.

Die UHREN-MAGAZIN Leserreise kehrt für diesen Tag nach Dresden zurück, wo die Teilnehmer im Taschenbergpalais in Drei-Gänge-Menü ebenso erwartete wie Angehörige der Glashütter Manufakturen, sodass der Gesprächsstoff nicht ausging. Wie die Leserreise am zweiten Tag bei Glashütte Original und A. Lange & Söhne weiterging, erfahren Sie hier. tw

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