Antoine Preziuso: Der Schweizer Uhrmacher im Porträt

Der Uhrmacher Antoine Preziuso verwirklicht seine Ideen in Einzelstücken

 Redaktion
von Redaktion
am 10. Januar 2018

Seit etwa 20 Jahren treten Uhrmacher, die zuvor eher im Hintergrund Komplikationen für große Marken konstruiert haben, aus dem Schatten und vermarkten ihre Uhren unter eigenem Namen. Christophe Claret, Richard Mille, Peter Speake-Marin oder Franck Mueller sind nur einige Beispiele. Viele kommen nach einigen Jahren der Selbstständigkeit auch unter das schützende Dach eines Konzerns.

Antoine Preziuso fertigt seit 1991 unter seiner eigenen Uhrenmarke Zeitmesser in Einzelstücken und Kleinserien.
Antoine Preziuso fertigt seit 1991 unter seiner eigenen Uhrenmarke Zeitmesser in Einzelstücken und Kleinserien.

Antoine Preziuso gehört zu den Einzelkämpfern in der Uhrenbranche. Seit 1991 gibt es seine Uhrenmarke. Vor der Finanzkrise 2009 produzierte er bis zu 900 Uhren im Jahr. Seither ist Preziuso wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Viele Uhren sind Unikate, von einigen Modellen stellt er Kleinserien her. Die Frage der Limitierung, mit der große Marken oft künstlich bemüht Individualität herstellen wollen, stellt sich hier gar nicht.

Antoine Preziuso arbeitete viele Jahre bei Patek Philippe als Uhrmacher

Antoine Preziuso wächst in den 1950er-Jahren mitten in einem alten Uhrmacherviertel von Genf auf. “Wenn ich in den Gassen spielte, bediente ich mich der ausrangierten Utensilien und Teile von Uhrenwerken, die die kleinen Uhrmacherwerkstätten zur Entsorgung vor ihre Tür stellten”, erinnert er sich. Sein Vater arbeitete bei einem Uhrenhersteller und er zeigte seinem Sohn, wie man das Uhrwerk eine Weckers oder einer Pendeluhr auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Das machte ihm großen Spaß, und diese frühen Erfahrungen veranlassten den Teenager Antoine, eine Ausbildung in der berühmten Genfer Uhrmacherschule zu absolvieren.
Vier Jahre lang lernte er dort. In dieser Zeit zog es ihn immer wieder zu den Uhrmachern in seinem alten Viertel. Hier traf er auch, ohne es zu wissen, auf später weltberühmte und erfolgreiche Uhrmacher wie Gérald Genta. Gentas Uhren gefielen ihm sehr und er bat, bei ihm arbeiten zu dürfen. “Doch er antwortete, ich solle erst mal die Schule fertig machen”, erzählt Preziuso.

Die Repetitionsuhr Quarter Repeater Rotating Bezel besitzt ein Zifferblatt aus Gibeon Meteorit. Antoine Preziuso fertigte diese Uhr 1989.
Die Repetitionsuhr Quarter Repeater Rotating Bezel besitzt ein Zifferblatt aus Gibeon Meteorit. Antoine Preziuso fertigte diese Uhr 1989.

Preziuso ist ein begnadeter Erzähler. Man könnte ihm stundenlang zuhören, wenn er Geschichten aus seiner Vergangenheit schildert. Er ist Romantiker, Kunstliebhaber und ein realistischer Träumer – denn die meisten seiner Ideen verwirklicht er auch. Das Know-how erwarb der junge Uhrmacher in den zwei Jahren seiner Tätigkeit bei Patek Philippe. Da er Jahrgangsbester war, zögerte das traditionsreiche Haus nicht, den Novizen einzustellen. “Ich lernte sehr viel, vor allem, was Qualität bedeutet und wie Komplikationen funktionieren”, beschreibt er diese Zeit. Es sei pures Vergnügen gewesen, doch eines Tages unterhielt er sich mit einem Kollegen, der kurz vor dem Ruhestand war. “Er meinte, ich würde mich wundern, wie schnell die Zeit vergeht”, erinnert sich Preziuso. Das war der Auslöser für eine Wende im Leben: Er kündigte und ging mit seiner Freundin und späteren Ehefrau auf Reisen. “Ich wollte mein Leben nicht in einer Fabrik verbringen.”

Als selbstständiger Uhrmacher entwickelt Antoine Preziuso besondere Komplikationen

Sein Weg führte ihn nach einiger Zeit wieder zurück nach Genf, doch eine Festanstellung reizte ihn nicht mehr. Er machte sich selbstständig, reparierte alte Uhren von Antiquitätenhändlern und vom Flohmarkt, die dadurch teurer verkauft werden konnten. Eher nebenbei entwarf er seine ersten eigenen Uhren. Eines der ersten Modelle überhaupt, die Siena, stellt er bis heute her. Die Einzeigeruhr ist der Turmuhr in Siena nachempfunden. Als er sie auf der Baselworld am Stand der unabhängigen Uhrmacher zeigte, bekundete ein japanischer Geschäftsmann Interesse und wollte 200 Stück bestellen. Preziuso war erschrocken und reagierte abwehrend. Seine Frau stand neben ihm und sagte sofort zu: »Das machen wir, das schaffen wir.« Und so kam die Marke Antoine Preziuso in Gang, die bis heute in Japan viele Liebhaber hat. Große Aufträge folgten: Eine namhafte Uhrenmarke bestellte eine Uhr mit Repetitionsschlagwerk und mit ewigem Kalender, eine bis dahin nicht erreichte Kombination höchster Uhrmacherkunst. Preziuso konstruierte die ersten Uhren mit Komplikationen für Harry Winston, als die Marke Uhren in ihr Programm aufnahm.

Antoine Preziuso und sein Sohn Florian gewannen 2015 zwei Auszeichnungen für ihr Tourbillon of Tourbillons.
Antoine Preziuso und sein Sohn Florian gewannen 2015 zwei Auszeichnungen für ihr Tourbillon of Tourbillons.

Heute arbeitet Preziuso kaum noch für andere Marken. Er ist damit ausgelastet, seine eigenen Ideen zu verwirklichen. Einzelkämpfer ist er aber nicht mehr: Sein Sohn Florian ist mittlerweile selbst Uhrmacher und er war es auch, der nach jahrelangem Tüfteln herausfand, wie man eine Uhr mit drei Tourbillons konstruiert. “Wir hatten schon sehr lange daran gearbeitet, als Florian eines Tages sagte: Ich hab’s!” Vater Antoine war etwas skeptisch. Die beiden bauten einen Prototyp in großem Maßstab und es funktionierte.

Das Tourbillon of Tourbillons besitzt dre Tourbillonkäfige auf einer Drehscheibe und wurde 2015 mit gleich zwei Auszeichnungen beim Grand Prix d'Horlogerie de Genève prämiert.
Das Tourbillon of Tourbillons besitzt drei Tourbillonkäfige auf einer Drehscheibe und wurde 2015 mit gleich zwei Auszeichnungen beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève prämiert.

“Dann haben wir das Ganze verkleinert und die Uhr gebaut.” Mit der Tourbillon of Tourbillons gelangen Vater und Sohn drei patentgeschützte Erfindungen. Die Uhr gewann damit den “Uhren-Oscar”, den Grand Prix d’Horlogerie de Genève, in gleich zwei Kategorien: den Publikumspreis und den Innovationspreis. “Das war ein sehr großer Moment für uns”, erinnert sich Antoine Preziuso.
Auch bei der Suche nach neuen Materialien geht der Genfer voran. Als erster verarbeitete er bereits 1991 Meteoritengestein in einer Uhr. Sein jüngstes Modell ist die Stella Polare, deren Gehäuse aus Gestein des Meteoriten Muonionalusta besteht – einem aus Eisen bestehenden Brocken, der 1906 in Nordschweden gefunden wurde. Um die Widmannstätten-Struktur des Eisenmeteoriten sichtbar zu machen, muss das Material geschliffen und mit Säure behandelt werden. Dabei entsteht eine einzigartige, kristalline und schraffierte Oberfläche.

Gehäuse und Krone der Stella Polare Tourbillon Muonionalusta bestehen aus Meteoritengestein. Preis auf Anfrage.
Gehäuse und Krone der Stella Polare Tourbillon Muonionalusta bestehen aus Meteoritengestein. Preis auf Anfrage.

»Das ist eine Uhr, die der Zeit widersteht«, sagt Preziuso. Er liebt solche Paradoxe und vielen seiner Fans geht es ebenso. Wenn er und sein Sohn wieder ein paar schöne Stücke fertig gestellt haben, geht die Familie auf Reisen und präsentiert sie den Liebhabern der Marke in Dubai, Tokyo, Singapur, Seoul oder in den USA. Und meistens sind die ausgefallenen Zeitmesser dann verkauft.

Text: Katrin Nikolaus

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