Interview: Breitling-Designchef Guy Bove über die Navitimer 8

Über das Design der Navitimer ohne Rechenschieberlünette und den neuen Markenauftritt

Rüdiger Bucher
von Rüdiger Bucher
am 13. Oktober 2018

Guy Bove stößt zu Breitling in dem Moment, als eine neue Führung die gesamte Marke umkrempelt. So kann er nicht nur eine neue Produktlinie gestalten, sondern den gesamten Markenauftritt. Rüdiger Bucher sprach mit dem Designchef über diesen doppelten Kreativprozess.

Guy Bove gestaltete das neue Gesicht von Breitling
Guy Bove gestaltete das neue Gesicht von Breitling

Sie kamen im November 2017 als Creative Director zu Breitling – wenige Monate, nachdem Breitling einen neuen Besitzer und mit Georges Kern einen neuen CEO erhalten hatte. Was war das Erste, das Sie taten? Ich habe sofort damit begonnen, die Produkte der neuen Linie Navitimer 8 zu designen. Parallel dazu haben wir aber auch an der Corporate Identity gearbeitet. Da ging es unter anderem um die Einrichtung der Boutiquen, die Gestaltung der Anzeigen, das Feintuning der Website, die Definition von Farben. Und vor allem gehörte das Kreieren eines neuen Logos dazu.

Wie lautete das Briefing, das Ihnen Georges Kern zur Navitimer 8 gab? Es war von Anfang an klar, in welche Richtung wir gehen wollten, nämlich „back to the cockpit“. Breitling hat ja schon in den 1930er Jahren Borduhren für Flugzeuge produziert, und ich habe mir diese Uhren angeschaut. Nun ist es allerdings so, dass die alten Fliegeruhren bei vielen Herstellern sehr ähnlich aussahen, denn sie wurden ja nach den Spezifikationen des Militärs gebaut. Ich suchte also unter den alten Borduhren nach Elementen, mit denen wir uns von anderen unterscheiden konnten. Und da fand ich bei einem Modell mit der Referenz 634 die außen ums Zifferblatt laufende Eisenbahnminuterie mit den nach innen weisenden Dreiecken für alle fünf Minuten sowie den nach innen verlängerten Strichen für die Minuten und dazwischen Teilstrichen für die Sekundenbruchteile.

Breitling-Anzeige von 1941 mit der Borduhr 634
Breitling-Anzeige von 1941 mit der Borduhr 634

Das Briefing von Georges Kern lautete dann sinngemäß: „Das Zifferblatt der historischen Referenz 634 muss modern und zeitlos für den Kunden von heute neu interpretiert werden!“ Ganz am Anfang sprachen wir gar nicht über das Thema Navitimer. Es ging darum, die ersten Schritte, die Breitling einst in die Welt des Fliegens tat, aufzunehmen und neu zu interpretieren.

Sie haben sich also bei der Navitimer 8 stark an den alten Bord- und Fliegeruhren orientiert. Nur beim Zifferblatt. Die Idee war nicht, eine alte Uhr eins zu eins nachzubauen, sondern Elemente davon zu nehmen und eine Uhr für die heutige Zeit zu kreieren. Zum Beispiel stammen die Bandanstöße grundsätzlich von der Navitimer 1. Allerdings ist die Oberfläche der Bandanstöße bei der Navitimer 1 gerade und relativ lang. Für die Navitimer 8 haben wir kürzere, stärker gewölbte Bandanstöße entwickelt. Außerdem gibt es an der Kante noch eine polierte Facette: Sie schafft einen stärkeren optischen Eindruck, vor allem, wenn man die Uhr von der Seite betrachtet, und durch den zusätzlichen Glanz macht sie das Ganze etwas lebendiger. Diese Art Facetten hat Breitling schon zwischen den dreißiger und sechziger Jahren häufig benutzt.

Breitling: Navitimer 8 B01 in Rotgold
Ohne Rechenschieberlünette: Breitling Navitimer 8 B01 in Rotgold

Auch die gerändelte Lünette ist anders als bei der Navitimer-1-Modellen. Ja. Wenn Sie sich die Rändelung genau anschauen, haben Sie bei der ­Navitimer 1 halbkreisförmige Aussparungen, und die erhabenen Teile dazwischen sind parallel. Bei der Navitimer 8 aber sind die hervorstehenden Mittelteile konisch geformt und stehen in einem anderen, nicht parallelen Winkel zu den Vertiefungen. Dadurch fällt das Licht anders ein, und die hochglanzpolierten Aussparungen ergeben mehr Glanzeffekte. Insgesamt wirkt das Gehäuse damit wuchtiger. Ich wollte damit an die Frühzeit der Fliegerei erinnern, als es noch schwerer war, ein Flugzeug zu steuern und das Fliegen oft eine gefährliche Angelegenheit. Trotzdem wirkt die Uhr nicht wie eine Fliegeruhr aus den dreißiger Jahren, sondern sehr zeitgemäß.

Breitling: Seitenansicht der Navitimer 8
Breitling: Die Rändelung der Lünette unterscheidet sich bei der Navitimer 8 (Bild) von der der Navitimer 1

Schaut man sich die verschiedenen Modelle der Navitimer 8 an, gibt es mal eine polierte, mal eine mattierte Lünette. Der Unterschied ist: Die Uhren mit Manufakturwerk haben eine polierte Lünette und einen Glasboden, um das Werk zu sehen. Die Uhren mit zugekauften Werken besitzen eine matte Lünette und einen geschlossenen Boden.

Das Spannende bei der Navitimer 8 ist, dass sie eine unverkennbare Fliegeruhren-DNA besitzt, ohne sich aber auf eine reinrassige Fliegeruhr festlegen zu lassen. Sie ist auch eine elegante Uhr. Elegant ja, wobei: Sie sollte ruhig ein bisschen „Ecken und Kanten“ haben. Man könnte sie mit „contemporary vintage“ charakterisieren. Die Navitimer 8 sollte weder wie die Navitimer 1 aussehen noch wie irgendeine andere Fliegeruhr auf dem Markt. Letztlich erzählt die Navitimer 8 den Teil der Fliegeruhrengeschichte Breitlings, der vor der Einführung der Navitimer im Jahr 1952 liegt. Bei der Navitimer 8 findet man viele Elemente von Uhren, die Breitling in den 1930er und 1940er Jahren fertigte. Zum Beispiel die Drehlünette: Sie ist inspiriert vom Chronomat mit Rechenschieberlünette von 1942. Wir haben sie aber etwas breiter gemacht, weil wir auf ihr noch eine Dreiecksmarkierung unterbringen wollten. Das Gehäuse stammt in seiner Grundform von der Navitimer 1, ist aber auf kleinere Handgelenke ausgerichtet. Außerdem gibt es bei der Navitimer 8 noch mehr matte und polierte Flächen und Elemente als bei der Navitimer 1.

Breitling: Navitimer 8 Chronograph mit von Breitling getuntem Eta-Valjoux 7750 und mattierter Lünette
Breitling: Navitimer 8 B35 Automatic Unitime 43 mit Manufakturkaliber und hochglanzpolierter Lünette

Das Erste, was allen an der Navitimer 8 auffiel, war, dass es jetzt eine Navitimer ohne Rechenschieberlünette gibt. Das sorgte für heftige Kontroversen unter den Breitling-Fans. Ja, aber schon wenige Jahre nach der ersten Navitimer von 1952 brachte Willy Breitling eine ohne Rechenschieber, und später gab es auch ein Quarzmodell ohne. Ich finde es zu dogmatisch, wenn man sagt, eine Navitimer müsse unbedingt einen Rechenschieber haben.

Sie suchen beim Gestalten nach Elementen in historischen Breitling-Uhren, die Sie wiederverwenden können. Anscheinend müssen diese Elemente nicht zwangsläufig von bekannten oder weit verbreiteten Modellen stammen. Ist es für Sie genauso wichtig, wenn sie von einem seltenen Modell kommen? Wie oft es ein Modell gab, spielt für mich keine Rolle. Wir nutzen historische Vorbilder als Inspiration, bauen aber eine Uhr, die heute schön aussieht. Um das zu erreichen, verändern wir viele Details: So verwendete Breitling früher Zeiger, in denen die Leuchtmasse in eine rechteckige Aussparung eingesetzt war. In der Navitimer 8 aber ist sie nicht rechteckig, sondern hat die Form eines Doppelpfeils. Auch die oben angesprochenen kleinen Dreiecke in der Minuterie sind heute weniger spitz als damals. Die Größenverhältnisse sind anderes, die arabischen Ziffern sind anders. Wir wollen dem Vorbild nicht sklavisch folgen. Die Zutaten sind gleich, aber das Rezept ist ein anderes.

Die mit Leuchtmasse ausgefüllten Ziffern und Dreiecke auf der Minuterie sind typische Merkmale der Breitling Navitimer 8
Die mit Leuchtmasse ausgefüllten Ziffern und Dreiecke auf der Minuterie sind typische Merkmale der Breitling Navitimer 8

Sie arbeiten an winzigen Details, die dem Betrachter gar nicht bewusst sind, die er vielleicht gar nicht bemerkt. Aber sie wirken. Das ist das Entscheidende. Das ist ähnlich wie bei einer Schrift.

Aber wie genau sollen sie wirken? Welche Emotionen rufen Sie damit hervor? Das Ziel eines guten Designs ist, dass die Uhr einem das Gefühl gibt, sie habe immer existiert. Wie ein alter Freund. Und gleichzeitig passt sie voll und ganz in unsere Zeit.

Ist Schönheit eigentlich eine subjektive oder eine objektive Größe? Eine subjektive. Sonst gäbe es nur eine Uhrenmarke auf der Welt (lacht).

Aber gibt es nicht auch objektive Kriterien, so etwas wie den Goldenen Schnitt? Etwas, das alle Menschen schön finden? Vielleicht kann man es mit Chili vergleichen. Wenn Sie es zum ersten Mal probieren, ist es interessant, aber es brennt auch. Sie probieren es ein zweites Mal, und irgendwann wollen Sie nicht mehr auf Chili verzichten. Es ist für mich in Ordnung, wenn mein Design nicht immer Liebe auf den ersten Blick ist. Aber auf den zweiten Blick und langfristig sollte es interessant sein.

Sie meinen, es darf nicht zu glatt sein; es muss Haken und Ösen geben, die dazu führen, dass man sich damit auseinandersetzt. Ja.

Willy Breitling (gestorben 1979)
Willy Breitling (gestorben 1979)

Sie haben im Herbst 2017 nicht nur gleich an den neuen Uhren gearbeitet, sondern auch an der Corporate Identity, unter anderem am Logo. Dabei sind Sie zum geschwungenen „B“ im Schreibschriftstil zurückgekehrt, das aus dem ersten Breitling-Logo stammt. Breitling verwendete nach der Gründung 1884 fast 50 Jahre lang kein Logo auf dem Zifferblatt. Erst in den frühen dreißiger Jahren begann man damit. In den Sechzigern führte Willy Breitling den Breitling-Schriftzug in Versalien in einer serifenlosen Schrift ein und stellte darüber ein geschwungenes „B“, das dem des ursprünglichen Logos sehr ähnlich war.

Warum haben Sie auf die Flügel und den Anker des Logos der letzten 35 Jahre verzichtet? Man muss unterscheiden zwischen dem Logo auf den Produkten und der Corporate Identity. Als CI brauchen wir eine Identität, die der Marke entspricht. Die Marke steht ja nicht nur für Fliegeruhren, sondern wir machen auch eine Transocean, eine Superocean und bewegen uns in den Elementen Wasser, Erde und Luft. Daher brauchen wir ein generisches Logo. Wohingegen wir auf den Produkten beide Varianten einsetzen. Das neue Logo mit dem „B“ kommt etwas leichter und moderner daher. Wir verwenden das Flügel-Anker-Logo weiterhin bei einigen Produkten, aber es ist nicht mehr das Logo für die Marke selbst.

Breitling: Altes Firmenlogo auf einer Anzeige von 1946
Breitling: Das bekannte Logo mit Anker und Flügeln
Breitling: Das neue, flügellose Logo von 2018

Welche Werte wollen Sie generell mit Ihrem Design ausdrücken? Es geht um Authentizität. Darum, dass die Uhren viel Persönlichkeit haben. Sie sind sehr zeitgemäß, durchaus kräftig, und sprechen ein urbanes ­Publikum an. Und nicht nur Männer, auch Frauen.

Im Luxusbereich sind viele Marken scharf positioniert. Jede Marke braucht ihre eigenen Codes, an denen man sie erkennt. Sie wollen aber gleichzeitig viele Menschen erreichen. Ist das nicht ein Widerspruch? Ich glaube nicht. Die Uhren von Willy Breitling waren Toolwatches, aber sie waren gleichzeitig auch sehr elegant. Elegante Toolwatches: Das war und ist Breitling. Mit den neuen Modellen sind wir unseren Wurzeln treu. Unter Ernest und Theodore Schneider hat Breitling das Thema Fliegen stark betont. Aber in den Jahrzehnten vor dem Verkauf 1979 gab es Taucheruhren, Breitling sponserte die Tour de France und den Giro d’Italia, es gab Anzeigenmotive mit Motorrädern und Rennautos. Legendäre Formel-1-Fahrer wie Jack Brabham, Jim Clark und Graham Hill trugen Breitling, auch berühmte Schauspieler. Damals war Breitling weltoffen und nicht so sehr auf den Fliegerbereich begrenzt. Heute bewegen wir uns wieder dahin zurück, wo Breitling unter der Gründerfamilie positioniert war.

Wie gehen Sie mit dem Thema Farbe um? Bleibt Gelb der alles beherrschende Ton? Wir nutzen Gelb nach wie vor, aber weniger plakativ. Das Gelb zeigt sich unter anderem im neuen Logo: ein gelbes „B“ auf einem tiefblauen Grund. Durch diesen entsteht ein starker Kontrast, der das Gelb noch interessanter macht. Gleichzeitig ist dieser Kontrast raffinierter als der zwischen Gelb und Schwarz. Wir nutzen das Gelb weiterhin, auch auf Anzeigenmotiven und in Boutiquen.

2018 eröffnet: Breitling Flagship Store in Shanghai
2018 eröffnet: Breitling Flagship Store in Shanghai

Aber der Farbton des Gelb ist etwas anders als zuvor, oder? Ja. Es ist die Farbe 123C auf der Pantoneskala.

Kommen wir zum Thema Datum. Die Datumsanzeige ist vom Designstandpunkt her oft ein Kompromiss, weil sie die Symmetrie des Zifferblatts beeinträchtigt. Beim Manufakturchronographen Navitimer 8 B01 haben Sie das Datum zwischen vier und fünf Uhr platziert. Gab es auch die Idee, ganz auf das Datum zu verzichten? Meine Erfahrung ist: Wenn ich zehn Leute frage, ob sie auf der Uhr ein Datum wollen, sagen fünf ja und fünf nein. Beim Manufakturchronographen ist das Datumsfenster so positioniert, dass man es dann sieht, wenn man es sehen will. Will man es nicht sehen, sieht man es kaum. Anders verhält es sich mit der Daydate: Bei dieser Uhr sind Datum und Wochentag Programm. Wer die Daydate kauft, bezahlt dafür, dass er ein Datum hat. Also muss es besonders gut sichtbar sein. Deswegen sind Datums- und Wochentagsscheibe in einer anderen Farbe gehalten als das Zifferblatt. Bei der Automatic dagegen hat die Datumsscheibe die gleiche Farbe wie das Zifferblatt, weil es sich nicht in den Vordergrund drängen soll.

Guy Bove im Gespräch mit Rüdiger Bucher
Guy Bove im Gespräch mit Rüdiger Bucher

Wie sehen Sie das Thema Ziffern vs. Indexe? Willy Breitling hat beides in ganz verschiedenen Varianten verwendet. Für die Navitimer 8 stellte sich die Frage nicht, da wir ja, wie oben erwähnt, von einem historischen Zifferblatt mit arabischen Ziffern ausgegangen sind. Für mich spielt aber eine andere Frage eine wichtige Rolle: der Unterschied zwischen Appliken – sie eignen sich besser für elegante Uhren – und gedruckten Ziffern oder Indexen, die besser für eine Toolwatch geeignet sind. Bei der B01 in Gold verwenden wir Appliken.

Können Sie die Grundsätze des aktuellen Breitling-Designs in drei Stichworten beschreiben? Distinctive. Cool. Authentic. buc

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