Interview: Hans-Jürgen Mühle über die Glashütter Uhrenindustrie

Hans-Jürgen Mühle erzählt von der wechselvollen Geschichte des Familienunternehmens.

Hans-Jürgen Mühle erzählt aus dem reichen Fundus von über 50 Jahren in der Glashütter Uhrenindustrie mit Höhen und Tiefen.

Mühle Glashütte: Hans Jürgen und Thilo Mühle
Hans-Jürgen Mühle mit Sohn Thilo, der das Unternehmen heute in fünfter Generation leitet. (Bild: Jungnickel-fotografie.de)

Herr Mühle, die Unternehmensleitung liegt heute in den Händen Ihres Sohnes Thilo und auch Enkel Dustin ist bereits mit von der Partie. Bringen Sie sich auch noch in das Tagesgeschäft ein?
Nein, aus dem Tagesgeschäft habe ich mich völlig zurückgezogen. Bei meinem Sohn Thilo ist es in den besten Händen und ich freue mich, dass mein Enkel Dustin nun auch schon einige Jahre mit an Bord ist. Darüber hinaus arbeiten schon lange mein Sohn Thomas, meine Schwiegertochter Mandy und mein Schwiegersohn Uwe im Unternehmen mit.

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Die Bezeichnung Familienunternehmen kann man bei uns also absolut wörtlich nehmen. Ich übernehme sehr gerne noch Repräsentatives. So reise ich zu Events unserer Fachhändler oder übernehme Manufaktur-Führungen. Ab und zu schaue ich unseren Mitarbeitern auch einmal über die Schulter. Wenn man mit zwei Leuten angefangen hat und sieht, was daraus geworden ist, fällt es einem schwer, nur zu Hause zu sitzen.

Hans Jürgen Mühle bei der Übergabe der S.A.R. Rescue Timer an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger
Hans Jürgen Mühle bei der Übergabe der S.A.R. Rescue Timer an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der DGzRS ?
Unsere erste Armbanduhr hatten wir 1995 auf Anfrage einer Werft entwickelt, und mit der Herren-Sport-Taucheruhr sowie der Marinefliegeruhr-I bewegte sich auch unsere erste Kollektion im nautischen Umfeld. Diese wollten wir gern ausbauen, und haben im März 2001 Kontakt mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) aufgenommen. Viele Mitglieder beschädigten ihre privaten Uhren bei Einsätzen und hatten Bedarf an einer sehr robusten Uhr. Wir rannten mit unserem Vorschlag offen Schotten ein und haben ein Jahr lang an Design, Funktionalität und Robustheit einer speziellen Uhr gearbeitet. Diese haben wir im Februar 2002 an die ersten Vormänner und in den folgenden sechs Monaten insgesamt 56 S.A.R. Rescue-Timer an die Seenotretter übergeben.

Mühle Glashütte: S.A.R. Rescue Timer Lumen Edelstahl
Die neueste Ausführung des S.A.R. Rescue-Timers ist mit einem komplett nachtleuchtenden Zifferblatt ausgestattet. Preis: 1850 Euro.

Auf welche technischen Errungenschaften sind Sie im Rückblick besonders stolz?
Nach 25 Jahren in der neuzeitlichen Glashütter Uhrenfertigung gibt es schon einige Dinge, die uns sehr gut gelungen sind. Ich würde hier aus jedem unserer Produktionszweige gerne eines nennen: Besonders stolz bin ich zu meinen auf den S.A.R. Rescue-Timer, der nun seit fast 20 Jahren bei den Seenotrettern im Dauereinsatz ist. Dabei ist noch keine Uhr und vor allem keines der vier Millimeter starken Saphirgläser zu Bruch gegangen. Wir hatten das Gehäuse der Uhr, das eigentlich “nur” bis 100 Bar druckfest sein soll, nach der Entwicklung auch einem Härtetest unterzogen. Erst bei über 200 Bar hat es der Belastung nachgegeben, in dem sich der Gehäuseboden nach innen verformte, so dass der Rotor sich nicht mehr bewegen konnte. Dicht war es weiterhin, so dass die Uhr die Zeit noch 38 Stunden hätte anzeigen können. Im Bereich der mechanischen Armbanduhrenwerke ist es unsere patentierte Spechthals-Feinregulierung, auf die ich sehr stolz bin, weil sie sehr stoßsicher ist und in Einsatzuhren wie dem S.A.R. Rescue-Timer und anderen sportlich genutzten Uhren einen echten Vorteil bietet. Sie kommt auch in den Robert-Mühle-Kalibern unserer Manufakturlinie zum Einsatz. Dazu kommen unsere intelligenten Nebenuhrwerke im Bereich der Schiffsuhren. Diese waren so fortschrittlich, dass sie uns viele Jahre die technologische Vorherrschaft bei automatisierten Uhrenanlagen gesichert haben. Viele bekannte Kreuzfahrtschiffe und Großyachten wurden damit ausgestattet.

Mühle Glashütte: S.A.R. Rescue Timer Lumen Edelstahl
Spechthalsregulierung

Was sind Ihre Hobbies und Freizeitbeschäftigungen?
Auch hier lässt mich die nautische Welt nicht wirklich los: Ein- bis zweimal pro Jahr gönne ich mir eine Kreuzfahrt auf einem AIDA-Kreuzfahrtschiff. Dieses hat mich auch einmal nach Schottland geführt, wo wir die dortigen Brennereien besichtigt haben. Seitdem interessiere ich mich für schottischen Whisky und schätze einen guten Tropfen. Bis vor zwei Jahre habe ich zudem noch Golf gespielt. Heute widme ich mich jedoch am liebsten meinen sieben Urenkeln.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Menschen, die sich heute für den Beruf des Uhrmachers interessieren, mit auf den Weg geben?
Uhrmacher werden in Glashütte immer gesucht. Daher wären wir Unternehmen eher dankbar für einen Tipp, wie wir genügend Auszubildende ins etwas abgelegene Glashütte bringen können. Mein Tipp an junge Menschen ist dabei, dass sie sich auf jeden Fall bei uns bewerben sollen (lacht). Darüber hinaus sollten sie ihren Beruf nicht in erster Linie wegen der guten Karriereaussichten wählen, sondern mehr aus Liebe zu unseren schönen Uhren und aus Leidenschaft für die filigrane Arbeit.

Glashütte, wofür steht das? Ist es ein Ort, Heimat, ein Qualitätsstandard, oder ist es alles auf einmal?
Wenn eine Familie seit dem 14. Jahrhundert in der Gegend rund um Glashütte lebt und nun in sechster Generation in der Uhrmacherei und Feinmechanik arbeitet, hat man wohl ein ganz besonderes Verhältnis zu dieser kleinen Erzgebirgsstadt. Für mich ist Glashütte deshalb nicht nur ein Ort wie jeder andere, sondern Heimat, Produktionsstandort und auch Qualitätsstandard. Glashütte steht dabei nicht nur für Präzision und Qualität, sondern vor allem auch für seine Innovationsfreude. Was wohl noch eine Nachwirkung der früheren Meisterausbildung der Deutschen Uhrmacherschule ist. Jede Meisteruhr musste hier mit einer Innovation ausgestattet werden, was Glashütte enorm weitergebracht hat.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Glashütte?
Glashütte hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Tanzsaal vor der Wende war einer meiner Favoriten. Heute ist mein Lieblingsort das frühere Wohnhaus meiner Eltern beziehungsweise das heutige Haus meiner Tochter, wo ich oft und gerne zu Besuch bin.

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