Interview: IWC-Chef Christoph Grainger-Herr über die Neuheiten 2021

Die Große Fliegeruhr wird kleiner

Im Zentrum der IWC-Neuheiten 2021 steht die kleiner gewordene Big Pilot. Im Interview sagt IWC-CEO Christoph Grainger-Herr, warum sie auch mit 43 Millimetern Durchmesser noch immer eine “Große” Fliegeruhr ist und geht dabei ins Detail.

IWC-CEO-Christoph-Grainger-Herr
IWC-CEO-Christoph-Grainger-Herr

Die neueste Variante der Großen Fliegeruhr misst jetzt statt 46 nur noch 43 Millimeter. Das historische Vorbild hatte einen Durchmesser von 55 Millimetern. Kann man die Neue überhaupt noch als „Große“ Fliegeruhr bezeichnen?
Auf jeden Fall. Eine Große Fliegeruhr muss sich auch anfühlen wie eine Große Fliegeruhr. Genau das war die Herausforderung für uns: Finden wir eine tragbare Größe und eine verbesserte Ergonomie, ohne das Tragegefühl und den Look der Großen Fliegeruhr nachhaltig zu verändern? Ich denke, das ist uns sehr gut gelungen. Wir haben die Uhr nicht gleichmäßig herunterskaliert, sondern jedes Detail gesondert betrachtet. So haben wir etwa der Lünette mehr Höhe gegeben, damit sie sich weiterhin deutlich von einer Mark XVIII unterscheidet. Auch die Krone ist im Verhältnis größer, damit sie ihren typischen Charakter behält. Die Bandanstöße dagegen haben wir schlanker gestaltet: Die Hörner sitzen enger beieinander als beim 46-Millimeter-Modell, um besser mit der Größe des Armbands zu harmonieren.

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IWC: Große Fliegeruhr 43 mm
IWC: Große Fliegeruhr 43 mm

Ersetzt die neue Große Fliegeruhr die alte?
Nein, beide werden nebeneinander existieren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Kunden dieses spezielle Design lieben, die 46er aber zu groß für ihr Handgelenk ist. Bei den kleineren Durchmessern setzen wir puristische Zifferblätter ein, also zum Beispiel ohne Datum und Gangreserveanzeige.

Wie sieht Ihre Werkestrategie aus?
Wir statten immer mehr Modelle mit unseren eigenen Kalibern aus, und zwar in ­allen Preispunkten. Dazu benötigen wir eine gewisse Flexibilität, und dabei hilft uns unser Manufakturzentrum: Es ermöglicht eine viel bessere Kommunikation zwischen den Mitarbeitern, sodass wir ständig dazulernen. So können wir Prozesse optimieren und gewinnen an Schnelligkeit und Qualität. Dadurch können wir auf eine wechselnde Nachfrage oder auf Krisensituationen wie eine Pandemie viel schneller reagieren. Außerdem investieren wir sowohl in die Werktechnik wie in die Gehäuse- und Zifferblattfertigung sowie in unterschiedliche Zukunftstechniken.

Worauf haben Sie beim Design des neuen Metallbands geachtet?
Mein Ziel war eine Metallbanduhr, die man kaum am Handgelenk spürt. Im Gegensatz zum recht wuchtigen Band der bisherigen Großen Fliegeruhr haben wir jetzt schmalere Anstöße, und das Band verjüngt sich leicht in Richtung Schließe. Daraus ergibt sich eine bessere Ergonomie. In die Schließe integriert ist ein Schnellverstellsystem samt Verstelltaste und Tastensicherung, mit dem man das Band um fünf Millimeter verlängern kann. Die fünf Glieder haben seitlich wenig Spiel, woraus ein toller Tragekomfort resultiert. Ein Metallband dieser Qualität kann man bei Uhren unter 10.000 Euro lange suchen.

Viele Marken setzen zurzeit auf Metallbänder, weil sie gegenüber Lederbändern immer begehrter werden. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?
Wir beobachten zwei Dinge: Durch die Beliebtheit der integrieren Stahl-Sportuhren werden heute mehr Stahlbänder nachgefragt – das heißt aber nicht, dass die Kunden von heute auf morgen nur noch Stahl wollen. Und mit dem generellen Shift zu Sportuhren und zu einem weniger formalen Dresscode – verstärkt durch vermehrtes Arbeiten im Home Office – gewinnt die Schiene der sportlich ausgelegten Uhren deutlich an Beliebtheit. Nicht nur im Westen, wo das schon viele Jahre lang zu sehen ist, sondern auch in Asien. Dort beginnt jetzt der Geschmack zu wechseln von sehr klassischen hin zu sportlicheren Modellen.

IWC Pilot’s Watch Chronograph 41
IWC Pilot’s Watch Chronograph 41

Warum haben Sie sich gegen ein integriertes Band entschieden?
In den Linien Portugieser, Portofino und Fliegeruhren haben wir klassische Hörneruhren. Bei allen neuen Fliegeruhren gibt es jetzt das neue EasX-Change-System, mit dem der Kunde leicht das Armband wechseln kann, ohne zum Juwelier oder in die Boutique gehen zu müssen. Integrierte Bänder gibt es in zwei anderen Produktfamilien und dort werden wir in den kommenden Jahren noch die eine oder andere Neuheit sehen.

In welchen Linien wird es künftig Wechselbänder geben?
Ich sehe das generell für die gesamte Kollektion. Im Hintergrund steht dabei immer die Frage, warum man ein Band wechseln möchte. Bei den sportlichen Modellen steht die Praktikabilität im Vordergrund, etwa wenn man zwischen Kautschuk, Leder und Metall switchen will. Bei den klassischen Uhren geht es oft mehr um die Farbe. Für den Kunden ist es jedenfalls einfach, ein neues Band über unsere Website zu bestellen und selbst anzubringen.

Sie bringen den neuen Fliegerchrono mit blauem und grünem Zifferblatt. Wie weit im Voraus planen Sie neue Farben?
In der Regel zwölf Monate vorher. Glücklicherweise sind die Trendzyklen in unserer Branche langfristiger als in der Mode. Blaue Zifferblätter bieten wir schon seit rund 20 Jahren an, und in den letzten drei Jahren sehen wir, dass das Grün immer stärker wird.

IWC: Fliegerchrono 41 mm in Grün
IWC: Fliegerchrono 41 mm in Grün

Sehen Sie Grün mehr als Trend oder mehr als etwas Bleibendes?
Viele Kunden suchen etwas, das etwas mehr Tiefe hat als ein schwarzes Zifferblatt. Blau war bei uns immer am stärksten bei den Sportuhren. Grün ist auch bei klassischeren Modellen wie dem Portugieser Chronograph sehr beliebt sowie bei Damenuhren wie der Portofino 34 mit Edelstahlgehäuse und olivgrünem Zifferblatt.

Wie wichtig ist IWC das Thema Nachhaltigkeit?
Mechanische Armbanduhren ist eine prinzipielle Nachhaltigkeit zu eigen, da sie per se langlebig sind. Hier gibt es keine eingebaute Obsoleszenz. Im Prinzip bauen wir ein Produkt für die Ewigkeit, das wir auch in 150 oder 200 Jahren noch warten können. Allein, dass man nur seine Handbewegungen beziehungsweise seine Fingerspitzen einsetzen muss, um die für die Uhr nötige Energie bereitzustellen. All das bildet einen großen Kontrast zu der Art, wie wir heute konsumieren. Ein anderer Aspekt kommt jetzt während der Pandemie stark zum Tragen: der Bezug zur Lokalität. Es gibt nicht mehr viele Industrien, in denen Unternehmen sich wie IWC 150 Jahre nach ihrer Gründung noch am selben Ort befinden. Und da haben wir alles versammelt: vom ersten Designstrich bis zu Herstellung und Industrialisierung – und das im Herzen Europas, in einem Hochlohnland wie der Schweiz. Unsere Produkte fliegen nicht mehrfach um den Globus, bis sie beim Endkunden ankommen. Und wie unser Gründer F. A. Jones 1868 nutzen wir noch heute die den Rhein als Energiequelle, über das nur wenige hundert Meter entfernte Wasserkraftwerk. Und seit neuestem haben wir die Chain-of-Custody-Zertifizierung vom Responsible Jewellery Council. Das bedeutet, dass jede Uhrenkomponente aus Gold oder Platin bis zum Ursprung zurückverfolgbar ist.

Ab wann wird man die Manufaktur wieder besuchen können?
Sobald es in der Schweiz erlaubt ist und wir das vom Sicherheitskonzept her zulassen können. Unser Museum kann, wie die Boutiquen, bereits seit dem 1. März wieder besucht werden.

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