Interview: Michel Parmigiani über seine Karriere und Uhren-Design

Der Meisteruhrmacher über Parmigiani Fleurier

Michel Parmigiani ist Meisteruhrmacher, Restaurator sowie Gründer und Ehrenpräsident der Schweizer Marke Parmigiani Fleurier, die 2021 ihr 25-jähriges Bestehen feierte. Wir sprechen mit ihm über seine Karriere, harmonisches Design und die Rettung der traditionellen Uhrmacherei.

Parmigiani: Toric Hertitage
Michel Parmigiani: Genialer Uhrmacher, leidenschaftlicher Restaurator, erfolgreicher Gründer einer Luxus-Manufaktur

Herr Parmigiani, Ihr Interesse an Architektur hat Ihr Uhrendesign stets beeinflusst. Was haben die beiden Bereiche gemeinsam?
Architektur ist eine fantastische Grundlage für Kreativität, da wir in ihr dieselben Aspekte finden wie in der Natur, vor allem eine besondere Harmonie der Proportionen. Letztere hat meine Zeitmesser immer beeinflusst. Ich versuche, den Goldenen Schnitt aus der Kunst und die Fibonacci-Folge aus der Wissenschaft auf das Uhrendesign anzuwenden.

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Die Uhrenmarke Parmigiani Fleurier gibt es seit 1996, aber die Ursprünge liegen bereits in Ihrem Restaurationsgeschäft, das Sie schon 20 Jahre zuvor, also mitten in der sogenannten Quarzkrise, gestartet haben. Was gab Ihnen das Vertrauen, dass die mechanische Uhrmacherei Bestand haben würde?
Ich habe immer daran geglaubt, dass mechanische Uhren zeitlos sind. Wir werden stets den Drang verspüren, sie zu pflegen – und sie zu reparieren, wenn sie beschädigt sind. Manchmal muss man nur ein kleines Teil tauschen, aber es geht immer darum, einen Zeitmesser am Leben zu halten. Die Uhrmacherei ist eine Kunst, die bewahrt werden muss. Das Restaurieren ist ein Weg, das Wissen der vergangenen Generationen von Uhrmachern zu erhalten.

Parmigiani: Tonda GT Rose Gold Blue am Handgelenk
Parmigiani: Tonda GT Rose Gold Blue am Handgelenk

Welche Zukunft sahen Sie zum Zeitpunkt der Markengründung für die Uhrenindustrie, und wie reagierte Ihr Umfeld?
Während der Vorbereitungen versuchten mich alle zu überreden, einen sicheren Weg einzuschlagen und zum Beispiel in die Versicherungsbranche zu gehen. Damals war die Uhrmacherei natürlich keine große Industrie, und die Zeit alles andere als perfekt, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Alle ehemaligen Uhrmacherstädte der Schweiz wollten die Menschen dazu bringen, in andere Branchen zu wechseln, da die Banken ihr Geld von der Uhrenindustrie fernhielten. Viele Leute hielten mich für verrückt, aber ich kämpfte weiter für meinen Traum, das traditionelle Uhrmacherwissen für folgende Generationen zu bewahren.

Parmigiani PF044 Automatikwerk
Sportlich-elegant: Die Tonda GT Rosé Gold Blue vereint ein Goldgehäuse mit einem Kautschukarmband (24.900 Euro).

Was hat Parmigiani Fleurier in die Uhrenwelt gebracht, das vorher vielleicht gefehlt hat?
Ich denke, manche Aspekte der Uhrmacherei waren durch die Industrialisierung verloren gegangen. Ich wollte Zeitmesser erschaffen, die kostbar sind in Bezug auf Finishing, Qualität und Komplikationen. Zudem wollte ich traditionelle Techniken wie das Emaillieren oder die Zifferblattgravur erhalten und noch wichtiger – die Künstler, die diese Disziplinen beherrschen, wieder ins rechte Licht rücken. Diese Ziele waren mit der industriellen Uhrmacherei nicht vereinbar.

Parmigiani: Tondagraph GT Steel Silver Black
Sportlich-kompliziert: Der Tondagraph GT Steel Silver Black mit Stoppfunktion und Jahreskalender (18.500 Euro).

Warum wollten Sie später die Produktion von Gehäusen, Zifferblättern und Werken unter einem Dach zusammenbringen?
Das Hauptziel war, Uhren genau nach meinen Vorstellungen zu schaffen. Und wenn man für jeden Bestandteil einer Uhr den richtigen Lieferanten gefunden und diese an einem Ort versammelt hat, ist das viel einfacher. Selbstverständlich dauert das seine Zeit und kostet viel Geld. Aber es ist wichtig für eine Marke, die einzigartige Uhren bauen will. So ist es zum Beispiel leicht, zur Vaucher Manufacture Fleurier zu gehen, um nach einem neuen Werk für eine spezielle Uhr zu fragen, weil Vaucher ein Teil der Parmigiani-Familie ist. Sie feierten 2020 Ihren 70. Geburtstag.

Erzählen Sie uns von der Toric Heritage, die dazu erschien.
Die Uhr kam für mich völlig überraschend! Die Idee stammte von unserem Product Department und den Leuten, die viele Jahre mit mir zusammengearbeitet haben. Als Designgrundlage wählten sie die Toric, weil sie für mich eine typische Parmigiani-Uhr ist und das erste Modell war, das ich unter meiner eigenen Marke herausbrachte. Außerdem ist die Toric die Kollektion, die wohl am stärksten von der Natur und der Architektur inspiriert ist mit ihrem organischen Muster auf dem Zifferblatt und der Kannelierung der Lünette, die an griechische Säulen erinnert.

 

Parmigiani Fleurier: Toric Héritage
Parmigiani Fleurier: Toric Héritage

Die Uhrenindustrie sieht heute ganz anders aus als im Jahr 1996. Hat sie die Entwicklung während der letzten 25 Jahre in irgendeiner Weise überrascht?
Es hat mich auf erfreuliche Weise überrascht, dass viele Marken einen Schritt zurückgetreten sind, um wieder zeitlose Uhren zu fertigen und die hohe Uhrmacherkunst zu bewahren. Damals hat niemand an mich geglaubt. Heute bin ich jedoch glücklich darüber, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

Fragen: Mark Bernardo
Übersetzung: Alexander Krupp

Produkt: Download: Einzeltest Bulgari Octo Finissimo Automatik
Download: Einzeltest Bulgari Octo Finissimo Automatik
Das UHREN-MAGAZIN testet die derzeit flachste Automatikuhr der Welt, die Octo Finissimo Automatik von Bulgari. Wie trägt sich die Titanuhr am Handgelenk?

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