Seiko und die Leichtathletik-WM in London: Wie die Sportzeitmessung funktioniert

Warum die Sportzeitmessung ein wichtiger Meilenstein für Seiko war

Zahlreiche Uhrenmarken sind eng mit der Zeitmessung verschiedener Sportarten verknüpft. Tissot beispielsweise ist offizieller Zeitnehmer der Tour de France, Omega zeigt sich schon seit 1932 für die Zeitmessung bei den Olympischen Spielen verantwortlich und TAG Heuer ist offizieller Partner der Bundesliga. Für die Zeitmessung aller Leichtathletikweltmeisterschaften des Weltverbandes IAAF ist Seiko zuständig. Bei den Weltmeisterschaften in London 2017 gewährte der japanische Uhrenriese Einblicke in die komplexe Technik, die logistischen Herausforderungen eines weltweit medial verbreiteten Ereignisses und die bedeutsamen Innovationen, die aus der Sportzeitmessung entstanden sind.

Im Londoner Queens Stadion fanden die Leichtathletikweltmeisterschaften 2017 statt.
Die Leichtathletikweltmeisterschaften 2017 fanden im Londoner Queens Stadion statt.

So funktioniert die Zeitmessung bei der Leichtathletik-WM

Die Startpistole gibt keinen Ton von sich. Auch wenn die Waffe großkalibrig wirkt und aus Sicherheitsgründen nur mit einem Transport-Safe in das Stadion gelangt. Ihren Knall hören die Sportler wie die Zuschauer im gewaltigen, 60.000 Sitzplätze bietenden, Queens Stadium in London nur dank angeschlossener Lautsprecher – die Startpistole selbst bleibt stumm.

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Die Startpistole gibt keinen Ton von sich. Der Knall wird elektronisch per Lautsprecher überall zeitgleich im Stadion verbreitet.
Die Startpistole gibt keinen Ton von sich. Der Knall wird elektronisch per Lautsprecher überall zeitgleich im Stadion verbreitet.

Damit sie von allen Athleten gleichzeitig gehört wird – wichtig bei allen versetzt startenden Rennen – ist in jedem Startblock ein Lautsprecher angebracht. Die Anlage ist auf eine 1/10.000 Sekunde genau kalibriert. Einen Fehlstart, nach dem der Athlet sofort disqualifiziert wird, registrieren die Startblöcke durch permanente Überwachung des Drucks auf die Blöcke. Einen Fehlstart signalisiert das System durch einen Piepen innerhalb von 0,6 Sekunden.

Die Startblöcke sind druckempfindlich. Im Hintergrund der Lautsprecher für das Startsignal.
Die Startblöcke sind druckempfindlich. Im Hintergrund der Lautsprecher für das Startsignal.

Doch nicht nur auf den korrekten Start kommt es an, entscheidend ist der Zieleinlauf. Diesen erfassen drei elektronische Kameras. Eine steht im Innenbereich, die beiden äußeren sind exakt in der Höhe und Abstand zur Ziellinie positioniert, eine davon dient als Backup. Aufgenommen wird nur die Ziellinie durch einen schmalen, etwa einen Millimeter breiten, Schlitz hinter der Linse. Erst der Computer setzt die 2.000 Fotos, die das System in einer Sekunde schießt, zu einem kontinuierlichen Bild zusammen. Anschließend bestimmt ein Seiko-Operator mittels einer Hilfslinie, an welcher Stelle der Torso des Athleten – nur dieser ist für die Zeitmessung entscheidend – die Ziellinie überschritten hat. Ob er diese Hilfslinien gemäß den Regularien der IAAF gesetzt hat, bewerten abschließend deren Schiedsrichter, die im gleichen Raum hoch über der Wettkampfarena untergebracht sind.

Das Foto-Finish-System erfasst jeden einzelnen Sportler bei seinem Zieldurchlauf und macht seine Zeiten sichtbar.
Das Foto-Finish-System erfasst jeden einzelnen Sportler bei seinem Zieldurchlauf und macht seine Zeiten sichtbar.

Die Ergebnisse werden sofort an die vier riesigen Displays und an die angeschlossenen Fernsehanstalten sowie an die Arbeitsplätze der Sportjournalisten übermittelt. Dabei handelt es sich zunächst um die inoffizielle Zeit. Erst nach der beschriebenen Überprüfung am Computermonitor, ob nicht etwa eine Hand oder Arm das Signal ausgelöst hat, wird diese Zeit zur offiziellen.

Mit 2.000 Bildern je Sekunde wird jeder Sportler bei der Überschreitung der Ziellinie festgehalten, die Hilfslinien zeigt, wann er diese überschritten hat.
Mit 2.000 Bildern je Sekunde wird jeder Sportler bei der Überschreitung der Ziellinie festgehalten, die Hilfslinien zeigt, wann er diese überschritten hat.

Auch die Wettbewerbe der Wurf- und Springdisziplinen werden von Seiko überwacht und ermittelt. Ebenso die Laufwettbewerbe außerhalb des Stadion, hier befinden sich Transponder in den Startnummern der Athleten, deren Funksignale der Ermittlung der gelaufenen Zeiten dienen. Eine wichtige Rolle kommt auch der Windmessung zu. Strömungssensoren messen die Luftbewegungen bei Kurzstreckenläufen und Weitsprungwettbewerben. Sie dürfen in Wettbewerbsrichtung nicht mehr als zwei Meter je Sekunde betragen, sonst bliebe einem Weltrekord die Anerkennung versagt. Auch diese Ergebnisse werden in Echtzeit auf separaten Anzeigetafeln angegeben und an die Zeitnahmezentrale übermittelt.

Die Sportzeitmessung ist kein Profitcenter

Eines der vier großflächigen Displays alleine kostet etwa 500.000 Euro. Insgesamt besitzt Seiko acht Stück davon und begleitet den internationalen Leichtathletikverband seit 1985 auf mittlerweile über 150 Veranstaltungen, bei denen bisher 24 Weltrekorde aufgestellt wurden.

Seiko baute die erste elektronische Anzeigetafel bereits 1964 anlässlich der Olympiade in Tokyo.
Seiko baute die erste elektronische Anzeigetafel bereits 1964 anlässlich der Olympiade in Tokyo.

In London waren 60 Ingenieure bei einem Wettkampf mit der Zeitmessung beschäftigt. Ihr Equipment benötigt acht Container und ist mit zehn Millionen Pfund versichert. Bei Seiko gibt man sich als Überzeugungstäter. Die beiden Teams der Seiko-Zeitmessung aus Japan und dem Vereinigten Königreich erbringen ihre vertraglichen Zusicherungen überwiegend dank dieser Sachleistungen, darüber hinaus wird noch ein kleinerer Betrag überwiesen, denn schließlich ist dieses Engagement auch sehr öffentlichkeitswirksam. Die Weltmeisterschaft in London besuchten mehr als 700.000 Zuschauer im Stadion, 200.000 Zuschauer kamen zum Marathon und insgesamt wurden über Fernsehen und Internet weltweit sechs Milliarden Menschen erreicht. Dennoch ist die Zeitmessung kein Profitcenter. Da bei Abschluss und Verlängerung der Verträge die Austragungsorte nicht bekannt sind, lassen sich die Kosten im Voraus kaum abschätzen.

Seiko wurde erst durch die Sportzeitmessung bekannt

Ein Blick auf die Geschichte von Seiko mag die wahren Beweggründe enthüllen. 1964 fanden die olympischen Spiele in Tokyo statt. Sie waren ein nationales Erweckungsereignis. Die Besatzung durch die Amerikaner endete 1952 und seit 1956 war Japan Vollmitglied der UN. Gleichzeitig erlebte das Land einen Wirtschaftsaufschwung sondergleichen. Mit der Olympiade vollzog sich die Wiedereingliederung Japans in die Weltgemeinschaft.

Die inoffizielle Zeit wird schon während des Rennen signalisiert. Offiziell wird sie erst nach der Auswertung durch die Schiedsrichter.
Die inoffizielle Zeit wird schon während des Rennen signalisiert. Offiziell wird sie erst nach der Auswertung durch die Schiedsrichter.

Die Vergabe der Zeitmessung wurde damals noch von der austragenden Stadt bestimmt. Der Großvater des heutigen Vorsitzenden Shinji Hattori bewarb sich um deren Ausrichtung. Seiko, damals bereits erfolgreich, aber dennoch ein Uhrenunternehmen unter vielen, erhielt den Zuschlag und wurde zur landesweit bekannten Uhrenmarke. Es wurden 1.278 neue Instrumente zur Zeitmessung von 172 Ingenieuren komplett neu entwickelt. Die Kosten sind bis heute unbekannt.

Für die olympischen Spiele 1964 in Tokyo entwickelte Seiko die weltweit erste elektronische Anzeigetafel
Seiko entwickelte die erste transportable Quarzuhr für die Olympiade 1964 in Tokyo
Der von Seiko entwickelte Zeitmesser mit gedruckter Papierausgabe legte den Grundstein für die Entstehung der Seiko-Tochter Epson

Aber technologisch machte die Marke durch diesen Entwicklungsaufwand einen Riesensprung nach vorne. Als augenfälligste Neuerung gehörte die erste elektronische Anzeigentafel der Welt dazu. Mit der ersten tragbaren Quarzuhr zur Zeitmessung wurde der Anstoß zur späteren Quarzrevolution bei Armbanduhren gegeben. Und die erste Zeitmessstation, welche ihre Ergebnisse nicht nur elektronisch übermitteln sondern auch vor Ort ausdrucken konnte, war der Grundstein zum Unternehmen Epson. Dieses Tochterunternehmen von Seiko betreibt heute ein Druckergeschäft und ist um ein vielfaches größer als sein Mutterhaus.

Der schwarze Schriftzug auf gelbem Grund ist der besseren Sichtbarkeit im Fernsehen geschuldet.
Der schwarze Schriftzug auf gelbem Grund statt des historischen weiß-blauen ist nicht zuletzt der besseren Sichtbarkeit im Fernsehen geschuldet.

Es waren die Herausforderungen der Sportzeitmessung, durch deren technische Fortschritte sich Seiko erst zu dem Konzern formte, der es heute ist. Nicht zuletzt verdankt das Unternehmen seine heutigen Farben diesem Engagement. Statt des weiß-blauen Logos verwendet man heute den schwarzen Schriftzug auf leuchtend gelbem Untergrund: er ist im Fernsehen einfach besser sichtbar. tw

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