Wo stumme und ewige Uhren ticken

Besuch im Uhrenmuseum Musée d’Horlogerie in Le Locle

Gwendolyn Benda
am 10. Juni 2017

Von der Uhrenindustrie im Neuenburger Tal – Zenith und Tissot haben dort ihren Stammsitz – ist hier oben nichts zu spüren: In den Wiesen und Wäldern über Le Locle können sich Besucher in das Château des Monts zurückziehen und mechanische Kunstwerke genießen, die weit weg von Serien- oder Massenproduktion sind.

Musée d’Horlogerie du Locle im Château des Monts
Musée d’Horlogerie du Locle im Château des Monts

Auf dem Rasen des Parks kann man sich gut eine Familie beim Sonntagskaffee vorstellen, und das Haus scheint mit seinem hohen Dach, der schlichten Fassade und den Fensterläden freundlich herunterzuschauen. Ein Kiesweg führt auf die Rückseite, es geht ein paar Steinstufen hinauf und durch eine Holztür hinein, die den Jura-Winter mühelos aufhalten kann. Drinnen geht man über knarrendes Parkett direkt in die gute Stube – oder zumindest kommt es einem so vor.

Natürlich sieht das Château des Monts nicht mehr genau so aus, wie zur Zeit von seines Erbauers Samuel DuBois, dessen Frau und Sohnes Philippe. Denn schließlich wohnten nach ihnen weitere Familien im Château: die von Philippes Sohn, Frédéric-William Du-Bois, und später dessen Nichte Adèle-Rose Favre. 1912 kaufte der Gründer der Uhrenfirma Doxa, Georges Ducommun, das Anwesen. Seine Tochter Hélène übernahm es später, sie war mit Jacques Nardin verheiratet, ein Enkel des Chronometermeisters Ulysse Nardin. Er arbeitete bei Doxa und übernahm später die Leitung des Unternehmens. Nach seinem Tod verkaufte seine Witwe das Château 1954 an die Gemeinde Le Locle. Nun bekam hier die Sammlung der Uhrmacherschule ihren Platz. Die Einrichtung blieb, wie sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts war, als das Haus von der Familie DuBois an die Ducommuns überging. Zwischen Sitzgruppen, Kommoden und Spiegeln, die sich um die alten Kamine gruppieren, reihen sich nun Großuhren oder Vitrinen mit Automaten und Kleinuhren ein.

Von Anfang an ist das Château mit der Uhrmacherei verbunden

Wenn das Château des Monts reden könnte, was würde es wohl erzählen? Seine Geschichte begann, als die Uhrmacherei Le Locle den Aufschwung brachte. Bereits in den 1630er-Jahren lebten die ersten Uhrmacher in dem kleinen Ort, der in 920 Metern Höhe im Schweizer Jura liegt. Doch zunächst blieb Le Locle ein Bauerndorf. Es dauerte noch mehr als 100 Jahre, bis die Uhrmacherei den Bewohnern ein leichteres Leben ermöglichte. Um 1700 gab es zwölf Uhrmacher im Ort, darunter Daniel Jeanrichard, der als ein Begründer der Uhrenindustrie im Neuenburger Jura gilt. 1750 waren es 77 Uhrmacher in Le Locle und im Jahr 1800 schließlich 850. Zu dieser Zeit wurde das Château des Monts erbaut, von Samuel DuBois (1739-1820), der auch die Verbindung zur Uhrmacherei schuf. Denn DuBois war Offizier, vereidigter Edelmetall-Prüfer der Gemeinde Valagnin – und Uhrmachermeister für Kleinuhren.

Die Werkstatt Jacques-Frédéric Houriets im Musée d’Horlogerie du Locle
Die Werkstatt Jacques-Frédéric Houriets, mit einem Automat in der Gestalt des Chronometermeisters.

Der einzige Raum, der tatsächlich so aussieht, wie man es von einem Museum erwartet, befindet sich im Dachgeschoss. Hier erhalten die Besucher eine Einführung in das Thema der Zeitmessung. Die einfachsten Mittel dafür sind die sogenannten Elementaruhren, die sich die Elemente für die Zeitmessung zunutze machen. So brennt eine Portion Öl in der japanischen Öluhr von 1837 genau so lange, wie damals vor Gericht ein Plädoyer dauern durfte. Ihr Ölbehälter hat die Form einer eine Ratte, sie symbolisiert die Mitternachtsstunde.

Nur im Dachgeschoss sieht es aus wie in einem Museum

Die komplizierteren Instrumente repräsentiert etwa ein Astrolabium, dessen Erfindung bereits Hipparch im zweiten vorchristlichen Jahrhundert zugeschrieben wird. Taschenuhren beweisen wiederum die Kunstfertigkeit der Gehäusemacher. Doch auch die Uhrwerke selbst zeigen dem Besucher bewundernswertes Dekor.

Zur Spezialität aus Le Locle und dem benachbarten La Chaux-de-Fonds entwickelten sich die Präzisionsuhren. Ein um 1770 von Jacques-Frédéric Houriet (1743-1830) gebaute Regulator, heute im Château, soll einer der genauesten seiner Zeit gewesen sein. Houriet lernte und arbeitete in Le Locle und Paris, bevor er sich in Le Locle niederließ und sich einen Namen als “Vater der Schweizer Chronometrie” machte, wie er bis heute genannt wird. Houriets Verdienste um die Präzisionsuhren nehmen Chronometermeister wie Ulysse Nardin und die Familie Jürgensen auf. Ihre im 19. Jahrhundert gegründeten Unternehmen bestehen noch immer. Ulysse Nardin baute erst hochpräzise Taschenuhren, später Marinechronometer und heute vor allem Armbanduhren, die auch in Chronometergüte zu haben sind.

Ewige Uhren und Chronometer

Doch auch für Taschenuhren hält Le Locle eine Spezialität bereit: den automatischen Aufzug; sein Erfinder Abraham-Louis Perrelet (1729-1826) stellte ihn 1770 vor. Ähnlich wie beim automatischen Aufzug für Armbanduhren nimmt eine Vorrichtung am Werk die Bewegungsenergie des Trägers auf und spannt damit die Zugfeder. Daher hieß Perrelets Erfindung zunächst einmal “Erschütterungsuhr” (montre à secousses), später nannte man Zeitmesser ihrer Art auch “ewige Uhren”, weil sie niemals von Hand aufgezogen werden müssen. Zwei Exemplare aus Le Locle, die Perrelet zugeschrieben werden, besitzt das Museum.

Taschenuhr Jules Jürgensen, Copenhagen, 19. Jahrhundert Taschenuhr Jules Jürgensen, Copenhagen, 19. Jahrhundert (Foto: Musée d'Horlogerie du Locle)
Die Taschenuhr vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt die Zeit für zwei Zeitzonen an. Jules Jürgensen, Copenhagen Taschenuhr Jules Jürgensen, Copenhagen, 19. Jahrhundert (Foto: Musée d’Horlogerie du Locle)

Vier bekannten Männern aus der Region und ihren Sammlungen widmet das Museum weitere Räume. Der Schriftsteller Maurice-Yves Sandoz (1892-1958) stammte aus Les Ponts-de-Martel südlich von Le Locle. Zu seiner Sammlung gehören auch Kleinuhren, Pendulen und Penduletten, vor allem aber Automaten. Das bekannteste Stück daraus ist wohl die “Böse Fee”, die Figur einer alten Frau aus getriebenem und vergoldetem Kupfer (England, 19. Jahrhundert). Setzt man ihren Mechanismus in Bewegung, geht sie mühevoll auf Stöcke gestützt. Berühmt im Zusammenhang mit Automaten ist der Name des Uhrmacheres Pierre Jaquet-Droz (1721-1790). Er baute unter anderem drei Automaten in Menschengestalt, die von komplizierter Mechanik angetrieben schreiben, zeichnen und Orgel spielen. Von Pierre Jaquet-Droz und Jean-Frédéric Leschot aus La Chaux-de-Fonds stammt eine Tischpendeluhr in der Sammlung Sandoz, über deren Zifferblatt ein Singvogel in seinem Käfig sitzt (Ende 18. Jahrhundert). Das Kunstwerk aus Gold, Email, Perlen, Glasspiralen, Messing und Federn zeigt zwar stets die Zeit an, zieht aber besonders zur vollen Stunde die Aufmerksamkeit auf sich: Dann beginnt der Vogel zu singen, während der Sockel des Käfigs sich öffnet und den Blick auf einen winzigen Springbrunnen mit zwei badenden Schwänen freigibt.

Henri Jeanmaire kam 1914 in Biel zur Welt und lebte von 1988 bis zu seinem Tod 1992 in Les Brenets, unweit von Le Locle. Als gelernter Optiker erfand er Visiersysteme und andere optische Apparate, er restaurierte jedoch auch Boulle-Intarsien. Diese Technik der Einlegearbeit ist nach André Charles Boulle (1642-1732) benannt und zeigt die Ornamente, die für die Zeit des französischen Königs Ludwig XIV. typisch sind: Pflanzenmotive und Bänder, aber auch Muscheln, Tiere oder Tänzer, Musiker und Narren. Die von Jeanmaire gesammelten Boulle-Uhren stammen vornehmlich aus London und Paris. Seine Sammlung umfasst jedoch auch sogenannte Long-case-Uhren, Standpendeluhren aus England. Sie umschließen Werk, Zifferblatt und Pendel mit hohen, schmalen Gehäusen. Das Eiche-Exemplar von Thomas Stubbs etwa zeigt darauf Einlegearbeiten aus Elfenbein, Oliven- und Ebenholz (London, Ende 17. Jahrhundert). Neben der Uhrzeit und einem Schlagwerk für die Viertelstunden und Stunden bietet es eine Datumsanzeige.

Stumme Uhrwerke und Flötenspiel

Auch der Maler Alfred Huguenin (1911-2001) hat seine Spuren im Château des Monts hinterlassen. Als Restaurator für Pendeluhrengehäuse aus der Schweiz und Frankreich sammelte er Neuenburger Wandpendeluhren des 18. und 19. Jahrhunderts, 13 davon gehören heute dem Museum. Neben den einfachen Exemplaren mit robustem Uhrwerk, schwarzem Gehäuse und Verzierungen aus Messing gibt es die aufwändigeren: Sie wurden etwa für die im Jura ansässigen Industriellen gefertigt. Die Gehäuse zeichnen sich durch auffälligere Farben aus und sind mit Blumen und Pflanzenmotiven bemalt, in ihnen arbeiten sogenannte stumme Uhrwerke, die nur auf Verlangen die Viertelstunden und Stunden schlagen. Eine Weiterentwicklung des Stils zeigt die Wandpendeluhr, die wohl von Abraham-Louis Robert aus La Chaux-de-Fonds (tätig um 1756-1787) stammt: Sie ziert eine auf die Konsole aufgemalte ländliche Szene. Die letzte Stilausprägung nimmt wieder Abstand von solchen szenischen Darstellungen und nutzt häufig Grande-Sonnerie-Schlagwerke.

Die ganz luxuriösen Wand- und Kaminuhren findet man in der Sammlung von Frédéric Savoye (1916-1993), dem früheren Direktor und Verwalter von Longines. Die ihm gewidmeten Räumlichkeiten sind passend zu den Uhren ganz im Stil der Zeit Ludwigs XVI. eingerichtet. Bronze, Messing und Vergoldungen betonen die muschelartigen Rocailleformen, die Konsolen zeigen Bemalungen und Intarsien. Auch die Uhrwerke unterstreichen die Kunstfertigkeit ihrer Meister: Die Wandpendeluhr mit der Signatur von Pierre Jaquet-Droz etwa verfügt über achtzehn Flöten, die sechs manuell wählbare Melodien spielen können (letztes Viertel 18. Jahrhundert).

Neuenburger Pendeluhr im Stil Ludwigs XVI.
Neuenburger Pendeluhr im Stil Ludwigs XVI. mit Dreiviertel-Schlagwerk, um 1790, siginiert von Courvoisier, Le Locle.

Verlässt man das Château des Monts wieder, dann wird man von Großuhren im Park verabschiedet. Die Rückseite des Hauses flankiert eine Pendeluhr aus Stahl, für die Schweizerische Landesausstellung 1964 von Emilio Stanzani gebaut, auf der Vorderseite thront eine Sonnenuhr in Gestalt einer Steinstele. In einem Pavillon hat die Rekonstruktion einer Wasseruhr ihren Posten, die der arabische Gelehrte Al Jazarî im Jahr 1205 entwarf. Sie hat die Gestalt eines Elefanten, der hinter einem Mahut eine Sänfte auf dem Rücken trägt. gb

Musée d’Horlogerie du Locle
www.mhl-monts.ch

Route des Monts 65
CH-2400 Le Locle
+41 (0) 32 / 933 89 80

Mai bis Oktober: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet
November bis April: Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr
an Feiertagen auch montags geöffnet
Führungen für Gruppen nach Voranmeldung

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