Zenith: „Wir müssen den Kunden wieder in den Mittelpunkt stellen“

Zenith-CEO Julien Tornare im Interview

Die Baselworld 2018 steht bevor. Vom 22. bis 27. März stellen zahlreiche Uhrenmarken ihre Neuheiten vor. Auch Zenith gehört als Mitglied des LVMH-Gruppe zu den Ausstellern und zeigt in Halle 1 ihre neuen Modelle. Melanie Feist, verantwortliche Online-Redakteurin von Watchtime.net, traf Zenith-CEO Julien Tornare vergangene Woche in Paris zum Interview. Er gibt einen exklusiven Ausblick auf die Messeneuheiten und erklärt, wie er Zenith wieder zu neuem Leben erwecken will.

Julien Tornare ist seit Mai 2017 CEO von Zenith
Julien Tornare ist seit Mai 2017 CEO von Zenith

Seit fast einem Jahr sind Sie der CEO von Zenith. Was waren Ihre ersten Schritte?
In der ersten Zeit wollte ich so viele Menschen wie möglich treffen – von Uhrmachern über das mittlere und oberste Management bis hin zu Vertretern der Konzernmutter – um die Situation zu verstehen und eine gute erste Analyse zu liefern. Acht Wochen nach meinem Antritt fand ein erstes Meeting mit der LVMH statt, bei dem ich eine Strategie präsentieren sollte. Das war natürlich eine Herausforderung, aber deshalb war es mir auch so wichtig, die Ausgangslage zu kennen und richtig einzuschätzen.

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Welche Ausgangslage fanden Sie vor und wie reagierten Sie darauf?
Ich erkannte sofort, dass Zenith ein riesiges Potenzial hat. Die Marke ist beliebt, aber durch viele Richtungsänderungen in den letzten Jahren wurde sie etwas unscharf und wirkte instabil. Also mussten wir wieder für Stabilität sorgen. Stabilität im Management, aber auch hinsichtlich der Strategie. Zuerst arbeiteten wir an den Uhren, denn sie sind das Kerngeschäft. Ich überprüfte, wie viele Referenzen und Produktlinien es gab und es waren eindeutig zu viele. Nun konzentrieren wir uns auf 100 Referenzen und vier Produktlinien. Genauso ging ich mit dem Vertrieb vor. Doch einer der wichtigsten Aspekte war die Stimmung, die nicht besonders gut war. Le Locle ist nicht gerade der aufregendste Ort der Welt und ich erkannte, dass die Menschen etwas deprimiert waren. Also musste ich ihnen neue Energie geben. Ich erklärte ihnen, dass wir die Marke voranbringen wollen, indem wird den Kunden wieder in den Mittelpunkt stellen und dass ich sie dafür an meiner Seite brauche. Ich bin selbst Schweizer, also darf ich es sagen: Wir neigen dazu, stolz auf das zu sein, was wir tun – sei es eine Uhr, eine Anzeige oder ein Marketing-Konzept. Aber ist es wirklich das, was der Kunde will? Trifft es wirklich seinen Geschmack? Ich bat also alle darum, sich immer zu fragen: Ist es gut für den Kunden? Wartet der Kunde auf diese Uhrenbox? Sucht der Kunde nach diesem Design? Das war in der letzten Zeit vernachlässigt worden und ich setzte es wieder auf die Tagesordnung.

Das Zenith-Manufakturgebäude in Le Locle
Das Zenith-Manufakturgebäude in Le Locle

Was braucht eine Uhrenmarke heutzutage, damit Uhrenfans von ihren Produkten begeistert sind?
Man muss sich abgrenzen und einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Und man muss darüber sprechen. Zenith verfügt über einen großen Wettbewerbsvorteil dank ihrer einzigartigen Markenbesonderheiten, aber sie wurden nie wirklich kommuniziert. Keiner weiß, dass wir eine einhundertprozentige Manufaktur sind. Keiner weiß, dass wir die höchsten Qualitätsstandards erfüllen. Also müssen wir den Menschen davon erzählen. Wenn man eine Zenith-Uhr zum richtigen Preis kauft, kauft man die beste Leistung zum besten Preis. Auch die Preisgestaltung ist entscheidend. Bei viele Marken liefen die Preise völlig aus dem Ruder. Zenith-Uhren liegen immer noch bei einem vernünftigen Preis, um auch regionale Kunden anzusprechen und nicht nur nach China zu verkaufen.

Letztes Jahr stellten Sie das neue El-Primero-Kaliber 9004 vor. Wie wichtig ist das neue Uhrwerk für Zenith?
Enorm wichtig, nicht nur, weil wir ein neues Produkt eingeführt haben, das wesentlich zeitgemäßer ist, sondern auch, weil Herr Biver selbst an der Einführung erheblich beteiligt war. Als ich an Bord kam, übernahm ich seine Mission, eine historische Marke wie Zenith, die mittlerweile 153 Jahre alt ist, in eine zeitgemäße Marke zu verwandeln. Dafür braucht man den Geist eines Start-ups, aber man braucht auch die Weitsicht, um den Markenkern nicht zu verändern. Es ist ein großer Vorteil, eine lange Unternehmensgeschichte zu haben. Aber in der Schweizer Uhrenindustrie haben sich viele Marken komplett ihrer Vergangenheit verschrieben. So kommt nichts wirklich Neues mehr. Auch Zenith blickt auf eine reiche Geschichte zurück. Doch wir wollen sie zeitgemäß interpretieren. Das beste Beispiel dafür ist das El Primero 21, das Kaliber 9004. Dabei verwenden wir unser legendäres El-Primero-Uhrwerk, das nun statt einer Zehntelsekunde auf eine Hundertstelsekunde genau die Zeit stoppen kann und das in einem sehr coolen, zeitgemäßen Design. So kaufen Uhrenfans das Erbe einer Marke, aber nicht die Uhr ihrer Eltern oder Großeltern. Stattdessen besitzen sie eine Uhr des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, das ist die Zukunft.

Zenith: Defy El Primero 21
...mit dem neuen Kaliber El Primero 9004

Die UHREN-MAGAZIN-Redaktion hat die Defy El Primero 21 mit dem neuen Kaliber 9004 bereits getestet. Wie die Uhr abschneidet, erfahren Sie hier.

Mit dem Silizium-Oszillator präsentiert Zenith eine weitere technische Innovation, die aber nur in einer limitierten Auflage von zehn Stück zum Einsatz kam. Werden Sie die neuartige Technik in Serie produzieren?
Ja, das werden wir. Von Anfang an sprach ich darüber mit Herrn Biver. Er fragte mich: „Was wollen Sie damit machen? Die Technik ist revolutionär, aber speziell.“ Und ich sagte: “Uhrenfans haben genug von Konzepten und Prototypen, die niemals ein echtes Produkt werden, das man kaufen kann.“ Mir gefiel das schon als Kind nicht, wenn ich mit meinen Eltern Autoshows besuchte. Ich ärgerte mich immer, diese schönen High-End-Designs und innovativen Technologien der Autos zu sehen, die dann niemals auf den Markt kamen. Es ist großartig, etwas Neues zu zeigen, aber man muss sich dafür einsetzen, dass es auch in Produktion geht. Doch wie macht man so etwas, ausgehend von zehn Stück? Deswegen nannten wir die Uhr Defy Lab, weil die Kunden tatsächlich ein Stück Forschung kauften. Dies in einige hundert Stück zu übertragen, ist eine Aufgabe, die noch ein bisschen Zeit benötigt. Mein persönliches Ziel ist, dass wir im zweiten Halbjahr 2018 eine limitierte Auflage von 200 oder 300 Stück präsentieren können.

Sehen Sie im Video die Zenith Defy Lab in Aktion:

Das wäre schön für die Kunden.
Ganz genau. Ich bin mit der Defy Lab um die ganze Welt gereist und die Leute warten darauf, dass sie kommerzialisiert wird. Handwerklich ist es relativ leicht, aus einem Konzept ein bis zehn Uhren zu fertigen. Daraus eine Serie zu machen, ist eine ganze andere Geschichte. Wir haben bereits eine fantastische Leistung erbracht, aber für mich ist der eigentliche Erfolg erst erreicht, wenn wir einige hundert Stück davon herausbringen können.

Mit einer Frequenz von 15 Hertz – das sind 108 000 Halbschwingungen in der Stunde – und einer beachtlichen Gangautonomie von 60 Stunden erreicht die Zenith Defy Lab eine durchschnittliche Genauigkeit von 0,3 Sekunden pro Tag.
Mit einer Frequenz von 15 Hertz – das sind 108 000 Halbschwingungen in der Stunde – und einer beachtlichen Gangautonomie von 60 Stunden erreicht die Zenith Defy Lab eine durchschnittliche Genauigkeit von 0,3 Sekunden pro Tag

Was wird mit der Basis-Kollektion geschehen?
Wir behalten sie. Es gibt die Elite- und die Chronomaster-Kollektion. Die Elite ist eine sehr elegante Linie, bestehend aus Zwei- und Deizeigeruhren. Die Chronomaster zeigt sich mit den drei Totalisatoren bei drei, sechs und neun Uhr. Diese beiden Kollektionen sind als Klassiker sehr gut etabliert. Unsere moderne Seite zeigen wir mit der Defy inklusive der Defy Lab, der Defy 21 und einer weiteren Defy, die es in einigen Wochen in Basel zu sehen gibt. Bei dieser Kollektion geht es um Innovation, Kreativität und Weiterentwicklung. Aber auch die Pilot-Linie ist sehr gefragt. Sie ist Teil des erfolgreichen Retro-Trends, der trotzdem sehr modern ist. Deshalb zähle ich die Pilot-Linie ebenfalls zum modernen Teil der Marke, der den klassischen ein Vorbild ist.

Glauben Sie, dass uns der Retro-Trend auch in diesem Jahr begleitet? Welche anderen Trends sehen Sie für 2018?
Ja, ich denke, dass der Vintage-Style cool ist und bleiben wird. Mit unserer Pilot-Kollektion bieten wir tolle Modelle in diesem Stil, aber Zenith konzentriert sich nicht nur auf Retro-Uhren. Allgemein suchen Kunden nach mehr Authentizität. Marketing ist ein fantastisches Werkzeug, aber die Uhrenkäufer durchschauen es, wenn Produkte künstlich größer gemacht werden als sie tatsächlich sind.

Zenith: Pilot Cronometro Tipo CP-2 in Bronze
Zenith: Pilot Cronometro Tipo CP-2 in Bronze

Können Sie uns einen Vorgeschmack auf die Neuheiten der Baselworld geben?
Natürlich verrate ich Ihnen ein paar Geheimnisse. Die wichtigsten Neuheiten gibt es in der Defy- und in der Pilot-Linie. Nach der Defy 21, bei der es um die Chronographenfunktion geht, und der Defy Lab, die sich ganz um den Silizium-Oszillator dreht, werden Sie zum einen eine klassische Defy sehen, die alle typischen Merkmale hinsichtlich der Form und des Designs zeigt. Eine ihrer Besonderheiten wird das Zifferblatt sein. Zum anderen stellte Zenith immer große Komplikationen in der Academy-Linie vor, die sehr klassisch ist. Doch nun werden wir unsere großen Komplikationen auf eine modernere Art und Weise als „Haute Horlogerie Contemporaine“ zeigen. Auch in der Pilot-Linie dürfen Sie Neuheiten erwarten. Begonnen haben wir dort bereits mit der neuen Pilot Cronometro Tipo CP-2 Flyback.

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