Deutscher Meister des Tourbillons: Alfred Helwig

Porträt über den Uhrmacher, Lehrer und Fachautor

Alfred Helwig war einer der bedeutendsten Uhrmacher und einer der profiliertesten Lehrer an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte. Er widmete sein Leben ganz der sächsischen Uhrmacherkunst und ihrer Präzision. Begabung, Ausdauer und Kreativität waren ihm in die Wiege gelegt. Eine Persönlichkeit, die bis heute fasziniert.

Alfred Helwig
Alfred Helwig (1886 – 1974): Ein genialer Uhrmacher, begnadeter Lehrer und international anerkannter Fachautor.

Der Glashütter Meisteruhrmacher Alfred Helwig ist bis heute bekannt für seine außergewöhnliche Begabung – eine Kombination aus handwerklicher Fertigkeit in Perfektion und hoher Kreativität bei der technischen Weiterentwicklung mechanischer Uhren. Sein ganzes Leben widmete er dem Streben nach größtmöglicher Genauigkeit. Dafür steht seine genialste Erfindung: das fliegende Tourbillon, das bis heute Liebhaber und Connaisseurs in seinen Bann zieht. Alfred Helwig kam am 5. Juli 1886 auf die Welt. Im Jahr seiner Geburt fuhr zum ersten Mal ein Auto mit Benzinmotor, Ottmar Mergenthaler erfand die Linotype-Setzmaschine und der erste Zug durchquerte den Gotthard-Eisenbahntunnel. Obwohl der junge Alfred fernab von den pulsierenden Großstädten lebte – sein Vater war Pächter der Badeanstalt Sorau –, keimte in ihm der Wunsch, selbst etwas Fortschrittliches zu tun: Er wollte die Uhrmacherkunst erlernen, denn dieser Beruf stellte Mitte des 19. Jahrhunderts die Speerspitze der Feinmechanik dar. Glashütte war hierzulande das Zentrum für hochwertige Präzisionsuhren. Später, als Lehrer, trug Alfred Helwig selbst im großen Stil dazu bei, dass der Name weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde. Das fliegende Tourbillon assoziiert man bis heute mit feinster Uhrmacherkunst, seine wissenschaftliche Arbeit an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte wird auch heute noch lebendig gehalten und manche seiner vor über siebzig Jahren verfassten Fachschriften tragen bis heute Gültigkeit.

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Alfred Helwig an der Drehbank
Alfred Helwig an der Drehbank

Alfred Helwig lag die Uhrmacherei im Blut. Gustav Dunkel, bei dem er ab 1900 die Grundlagen des Handwerks erlernte, beobachtete, wie durchdacht und präzise sein Schüler die ihm aufgetragenen Arbeiten erledigte. Er riet dem Lehrling, sein Können an der renommierten Deutschen Uhrmacherschule Glashütte zu verfeinern. Dort wurde Alfred Helwig im Oktober 1904 als Schüler mit der Nummer 729 aufgenommen. Da es noch kein Schülerinternat gab, wohnte er bei Malermeister Theden auf der heutigen Dresdner Straße 17. Zwei beachtenswerte Uhren baute er während seiner Ausbildung: eine Herren-Ankertaschenuhr mit Bügelaufzug und eine Damen-Ankertaschenuhr, die der Lehrling seiner Mutter Pauline widmete. Teile dieser Uhr hatte er selbst konstruiert. Der Rückdeckel war guillochiert, das heißt mit einem Muster aus mehreren ineinander verwickelten Linien versehen. Er trug das Monogramm PH. Das Uhrwerk mit Schwanenhalsfeinreglage war in ein 18-Karat-Goldgehäuse ohne Sprungdeckel eingesetzt. 1905 schloss Helwig die Ausbildung mit Bestnoten ab. In der Tasche trug er eine außerordentlich gute Empfehlung für künftige Arbeitgeber.

Im Anschluss daran begab sich der frischgebackene Uhrmacher auf Wanderschaft. Zunächst zog es ihn nach Hof zu Georg Braun. Im Anschluss arbeitete er in der Glashütter Präzisions Uhrenfabrik AG unter Leitung von Ernst Kasiske. Mit dessen Hilfe vertiefte er sich in die Königsdisziplin der Uhrmacherei: den Chronometerbau, bei dem es auf höchste Präzision ankommt. Von 1908 bis 1910 vervollkommnete er bei William Meyer in den Chronometerwerken Hamburg sein Wissen. Ein Jahr später meldete Helwig in Glashütte seine eigene Werkstatt an.

41 Lehrjahre – 800 Auszubildende

Als man ihn 1913 bat, einen Lehrer-Engpass an der örtlichen Uhrmacherschule zu überbrücken, zögerte er nicht lange. Bei seinem Dienstantritt am 1. April 1913 ahnte er wohl nicht, dass dies der Beginn einer 41-jährigen Lehrerlaufbahn werden sollte, während der er 800 junge Talente ausbildete und mit wichtigen Entwicklungs- und Forschungsaufgaben betraut wurde. Die Schüler schätzten ihren neuen Lehrer. Helwig war nicht nur ein Uhrmacher der Spitzenklasse, sondern er besaß auch die seltene Gabe, den Stoff anschaulich und verständlich zu vermitteln. Die jungen Zuhörer waren begeistert. Sein pädagogischer Ansatz ging weiter über das reine Vermitteln von Fachwissen hinaus. So prägte er folgenden Leitspruch für die Schule: »Hier werden nicht Menschen zu Uhrmachern gemacht, sondern Uhrmacher zu Menschen erzogen.« Kein Wunder, dass Helwig sowohl im Kollegium als auch bei den Schülern beliebt war. Zum 25. Jubiläum am 1. April 1938 erlaubte sich der Jahrgang einen Scherz und überreichte ihm als Präsent eine Schwarzwälder Kuckucksuhr.

Alfred Helwig beim Regulieren einer Taschenuhr
Alfred Helwig beim Regulieren einer Taschenuhr

Als praktischer Lehrer war er hauptsächlich dafür zuständig, dass die Schüler den Umgang mit Werkzeugen wie Lupe, Pinzette und Schraubendreher erlernten. Im Jahr 1923 wurde er zum Oberlehrer, zehn Jahre später zum Gewerbestudienrat ernannt. Für seinen Unterricht legte er ein Skizzen- und Zeichnungsbuch an. Darin dokumentiert er den Bau selbst entworfener Schul-Tourbillon-Uhren. Bei der Feinreglage der Lehrstücke unterstützte er stets. Doch sein Tätigkeitsfeld beschränkte sich nicht nur auf die Schule. Seinen Freund Hermann Goertz (1862 – 1944) half er beim Bau der äußerst komplizierten astronomischen Kunstuhr mit der Berechnung aller astronomischen Anzeigen. Als Goertz im Jahr 1936 in ein Pflegeheim umzog, kümmerte sich Alfred Helwig um die Wartung der Kunstuhr und leitete 1956 ihre erste umfangreiche Restaurierung. Die Uhr, die aus sage und schreibe 1765 Einzelteilen besteht, liefert bis heute exakte Daten. Die Datumsschaltung ist bis in das Jahr 2899 vorprogrammiert. Sie steht heute im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte, wo einst die Schule untergebracht war.

Die Deutsche Uhrmacherschule
Die Deutsche Uhrmacherschule um das 19. Jahrhundert. Die Institution zog junge Menschen aus ganz Deutschland an

Helwig und Goertz waren leidenschaftliche Konstrukteure. Sie testeten Ideen zur besseren Ölhaltung, unter anderem in einer Präzisionspendeluhr. Helwig stattete sie mit Ölkammern an den Innenseiten der Radlagerstellen und großen Zapfenansätze aus. Der Langzeittest war erfolgreich: Auch dieser Zeitmesser läuft bis heute exakt.

Das fliegende Tourbillon begeistert die Uhrenwelt

Dieses Streben nach der Verbesserung der Ganggenauigkeit beschäftigten ihn sein ganzes Berufsleben lang. Er wollte seine Uhren immer präziser konstruieren. Das ist besonders bei tragbaren mechanischen Uhren schwierig – Bewegungen und Temperaturunterschiede beeinflussen ihre Genauigkeit. Ein Schwerpunkt seiner Forschung war das Tourbillon, zu Deutsch Wirbelwind, von Abraham-Louis Breguet. Der geniale Uhrmacher hatte einst einen Mechanismus entworfen, der Unruh, Spiralfeder und Hemmung in ein offenes Gestell integrierte. Da es ständig um sich selbst rotierte, konnte es den schwerpunktbedingten, negativen Einfluss der Erdanziehungskraft ausgleichen.

Alfred Helwig mit einer Meisterklasse
Alfred Helwig mit einer Meisterklasse. Er war bei seinen Schülern sehr beliebt und bildete über 800 junge Talente aus.

In Helwigs Kopf entstand die Idee eines »Fliegenden Tourbillons«, das noch bessere Gangergebnisse erzielen sollte als das Breguet’sche. Die heute noch erhaltenen Skizzen zeigen, wie er sich intensiv mit dieser Königsklasse der Komplikationen beschäftigte und Schritt um Schritt eine Filigranarbeit hervorbrachte, deren Gewicht und Maße staunen ließen:

Handmuster einer Fliegerarmbanduhr
1937 konstruierte Helwig das Handmuster einer Fliegeruhr mit Gradmaß-Zifferblatt und Rattrapante-Funktion

Das Drehgestell mit Goldfutter, Steinen und Schrauben wog weniger als ein halbes Gramm, die Gangfeder war an der dünnsten Stelle mikroskopische 0,025 Millimeter stark. Helwig lagerte sein Tourbillon nur auf einer Seite, zwei Lager in geringem Abstand führten die Räderwelle. So konnten Drehgestell und Hemmung ohne oberen Kloben eingesetzt werden. Damit war der Blick auf das Tourbillon frei, es schien zu fliegen. Der Mechanismus kam nicht nur mit weniger Material aus, er war auch wesentlich leichter, weniger träge und erzielte zu seiner Zeit die besten Gangergebnisse für tragbare Präzisionsuhren.

Versuchschronometer mit Ankergang
Versuchschronometer mit Ankergang, speziellem Auf- und Abwerk und Gradmaß-Zifferblatt, 1936 im Auftrag der Deutschen Seewarte Hamburg hergestellt.

1922 legte Helwig die Meisterprüfung ab. Sein Meisterstück: eine technisch komplizierte und äußerlich unprätentiöse Taschenuhr mit fliegendem Tourbillon. Sie hatte zwei hintereinander geschaltete Federhäuser, eine Ankerhemmung und das Tourbillon eine Umlaufzeit von fünf Minuten. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verkaufte der Meister die Uhr an einen Sammler, heute ist sie leider verschollen. Um ein fliegendes Tourbillon zu bauen, sind Geschick und Ausdauer nötig. Nur wenige Schüler der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte wagten sich daran. Sie benötigten das Einverständnis von Alfred Helwig und Schuldirektor Dr. Karl Giebel. Beide schätzten die Fähigkeiten der Schüler offenbar richtig ein, denn nur zwei brachen die Arbeit ab. So entstanden 20 Taschenuhren mit fliegendem Tourbillon. Etwa 18 Monate dauerte es, bis ein solches Kunstwerk vollendet war. Diese Schuluhren sind heute begehrte
Sammlerstücke, mehrere sind nicht mehr auffindbar.

Ein international anerkannter Fachautor

Helwig verstand es nicht nur, sein Wissen im Klassenzimmer zu vermitteln, sondern war auch ein versierter Fachautor, der europaweit für sein umfassendes Wissen aus Theorie und Praxis geschätzt wurde. Vielen Uhrmachern und Lehrern dienten seine Publikationen – etwa 40 Zeitschriftenbeiträge und Bücher verfasste er im Laufe seines Lebens – zur Weiterbildung. Im Jahr 1927 veröffentlichte er eine Abhandlung über Drehganguhren, so nannte er die Tourbillons, sein vielleicht wichtigstes Werk.

Drehganguhren Werk
Drehganguhren: Helwig beschreibt, wie Tourbillons und Karusselluhren gebaut werden. Das Werk ist bis heute aktuell

Ein Themenschwerpunkt war die Konstruktion mit zwei hintereinander geschalteten Federhäusern zur Verbesserung der Gangreserve. Bis heute werden manche seiner Publikationen als Nachschlagewerke von Konstrukteuren, Regleuren und Hobby-Uhrmachern genutzt. Das gilt besonders für das Buch »Feinstellung der Uhren« und die Reihe »Die Lehre an der Deutschen Uhrmacherschule«. Wichtig für Präzisionsuhren ist die Anzeige der Federspannung, auch Gangreserveanzeige genannt. Das im sächsischen Fachjargon so bezeichnete Auf- und Abwerk zeigt die Restgangdauer der Uhr in Stunden an. Helwig schilderte 1927 in »Differentialwerke « die Vor- und Nachteile einzelner Bauarten. Bruno Schriever, Schüler der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte, fertigte 1927 eine Ankerhemmungs Tischuhr mit großer Nickelstahlkompensationsunruhe, Wendelfeder und Differential- Auf- und Abwerk. Dafür erhielt er von der Grossmann-Stiftung eine Anerkennungsurkunde. 1937 konstruierte Helwig das Handmuster einer Fliegerarmbanduhr mit Gradmaß-Zifferblatt und Rattrapante-Funktion (Schleppzeiger) – zur schnellen und sicheren Standortbestimmung. Als die Deutsche Seewarte Hamburg 1936 nach Verbesserungen für Marine-Chronometer anfragte, fertigte Alfred Helwig ein Versuchschronometer mit Ankergang, einem speziellen Auf- und Abwerk und Gradmaß-Zifferblatt. Diese Präzisionsuhr erzielte sehr gute Prüfergebnisse und war unempfindlich gegenüber Stößen und Magnetfeldern, wichtige Eigenschaften für das Bestehen auf hoher See. Alfred Helwig starb am 18. Mai 1974. Der Name und sein Vermächtnis leben weiter: Seit 2002 ist die Uhrmacherschule von Glashütte Original nach dem genialen Uhrmacher, passionierten Lehrer und weithin anerkannten Autor benannt. Auch das fliegende Tourbillon, die Königsklasse des Wirbelwinds, bezaubert weiterhin in exquisiten Haute Horlogerie-Kreationen – nicht nur in Glashütte, sondern auch in der Schweiz. In diesem Jahr widmet sich eine Ausstellung im Foyer des Deutschen Uhrenmuseums Glashütte dieser technischen Raffinesse und erklärt Funktionsweise und Bedeutung. Sie wurde in Zusammenarbeit mit der Marke Glashütte Original realisiert, die zum Jubiläum in 2020 das »Alfred Helwig Tourbillon 1920« lancierte. In einem offenen Gestell drehen sich Unruh und Hemmung genau einmal pro Minute konstant um die eigene Achse. Diese auf 25 Stück limitierte Uhr in der Tradition des großen Meisters ist das technische Highlight der Ausstellung und zeigt, wie die Erfindung bis heute nachwirkt.

Alfred Helwig Bugatti
Alfred Helwig legte 1915 als dritter Einwohner von Glashütte die Führerscheinprüfung ab.
Sein erstes Auto, einen edlen Bugatti, steuert er behutsam und stolz über die noch nicht befestigten Straßen
Produkt: Sonderheft exklusiv für Juwelier Wempe: Baselworld 2016 – Die neuen Uhren
Sonderheft exklusiv für Juwelier Wempe: Baselworld 2016 – Die neuen Uhren
Hier finden Sie die neuen Uhren der Baselworld 2016 im Überblick.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Danke für den tollen Bericht. Ist schon unglaublich welche Fähigkeiten manche Uhrmacher hatten und haben. Da hätte ich gerne eine Scheibe von abbgekommen.

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