Produkt: UHREN-MAGAZIN 4/2021
UHREN-MAGAZIN 4/2021
UHREN-MAGAZIN 4/2021

Porträt: Walter Lange

Pionier des Wiederaufbaus nach 1990

30 Jahre nach der Wiedervereinigung setzt die Stadt Glashütte Walter Lange, der ab 1990 maßgeblich zum Wiederaufbau der sächsischen Uhrenindustrie beitrug, ein Denkmal. Mit der Bronzeskulptur auf dem neu gestalteten Kirchvorplatz ehrt sie einen Visionär, der sich wie sein berühmter Urgroßvater nicht nur um die Feinuhrmacherei, sondern auch um das Wohl der Glashütter verdient gemacht hat. Auf den Spuren einer sächsischen Erfolgsgeschichte.

Glashütte Walter Lange: Einweihung Denkmal
Feierliche Einweihung des Denkmals für Walter Lange an prominenter Stelle auf dem Glashütter Kirchvorplatz am 18. September 2020

»Sich zu beeilen nützt nichts. Zur rechten Zeit aufzubrechen, ist die Hauptsache.« Ob wohl diese Lebensweisheit des Dichters Jean de La Fontaine Walter Lange, dem Urenkel des Gründervaters der Glashütter Feinuhrmacherei, durch den Kopf ging, als er wie viele Millionen staunender Westdeutscher am Abend des 9. November 1989 die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze vor dem Fernseher verfolgte? Nach wochenlanger friedlicher Revolution war etwas geschehen, worauf die Menschen dies- und jenseits der Mauer nicht mehr zu hoffen gewagt hatten: Mit der Öffnung des Grenzübergangs Bornholmer Straße um exakt 21.20 Uhr durften die Bürger der DDR zum ersten Mal ohne Erlaubnis nach West-Berlin »ausreisen«, wie das damals im Beamtenjargon der Parteiführung hieß. Seit ihrer Errichtung im Jahr 1961 stand die Mauer als ein in Beton gegossenes Sinnbild für den Kalten Krieg und die Teilung Deutschlands. Die Bilder glückselig feiernder Ostdeutscher, die nach fast vierzig Jahren einfach hinübergehen konnten, gingen als Symbol für ein neues Zeitalter um die Welt.

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Glashütte Walter Lange: Sohn Benjamin Lange
Sohn Benjamin Lange ehrt mit symbolischer Geste seinen Vater beim Festakt.

Walter Lange, damals bereits 66 Jahre alt und im wohl verdienten Ruhestand, hatte den Traum niemals aufgegeben, das Familienunternehmen in Glashütte wieder neu aufzubauen und zu alter Größe zurückzuführen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der junge Soldat schwer verletzt wurde, half der Meisteruhrmacher noch tatkräftig beim Wiederaufbau, bevor es 1948 im sozialistischen Staat enteignet wurde. In einem Interview anlässlich seines 90. Geburtstages erinnerte sich Lange an jene unsichere und entbehrungsvolle Zeit, als sein Vater Rudolf und dessen Brüder Otto und Gerhard die Manufaktur leiteten: »Mit meinem Vater und Onkel Otto habe ich viel diskutiert, wie es mit dem Unternehmen weitergehen sollte. Wir begannen mit der Entwicklung des Kalibers 28 für eine Armbanduhr, aber ehe es in Serienproduktion gehen konnte, wurden wir enteignet und durften das Unternehmen nicht mehr betreten.« Und es kam noch schlimmer: Um der Zwangsverpflichtung im Uranbergbau bei der Wismut zu entgehen, musste er über Nacht nach Westdeutschland fliehen. Eine einschneidende Erfahrung, die ihn prägte, aber niemals von seinem Vorhaben abkommen ließ. So reiste Lange ab Mitte der 1970er-Jahre regelmäßig ins Erzgebirge, um den Kontakt zu den Menschen in seiner Heimat, die ihn nie losließen, zu halten.

Glashütte Walter Lange: Die ausgestreckte Hand
Die ausgestreckte Hand, Pars pro Toto von Walter Lange, dem es ein Anliegen war, auf Menschen zuzugehen

Walter Lange – ein Visionär wie sein Urgroßvater

Das ambitionierte Ziel, nach vierzig Jahren Zwangspause einen Neustart zu wagen, datiert auf den gleichen Tag im Dezember, an dem Ferdinand A. Lange 145 Jahre zuvor nach ausgiebigen Lehr- und Wanderjahren im Ausland die erste Taschenuhren-Werkstatt in Glashütte gründete. Jahrhundertelang hatte die kleine Stadt vom Erzbergbau gelebt, doch die Lagerstätten waren erschöpft und die wirtschaftliche Lage schlecht. Mit der Gründung einer Manufaktur legte F. A. Lange den Grundstein für die bereits wenige Jahre später florierende sächsische Industrie und gab den Menschen in der Region eine neue Perspektive. Die rasant steigende Nachfrage nach präzisen Zeitmessern, die in Wissenschaft, Forschung und Medizin zum Einsatz kamen, begünstigte das Vorhaben. Nicht nur die eigene Firma wuchs, über die Jahre hinweg siedelten sich immer mehr Hersteller und Spezialwerkstätten an.

Unter F. A. Langes Ägide wandelte sich die Stadt, der er 18 Jahre lang als Bürgermeister vorstand, zu einem autarken Wirtschaftsstandort, der sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze bot. Es gelang ihm auch, einige talentierte Kollegen anzulocken. Zum Beispiel Julius Assmann, dessen preisgekrönte Taschenuhren auf der ganzen Welt nachgefragt waren, oder Carl Moritz Grossmann, einen engen Freund, der sich 1854 in Glashütte niederließ und sich auf die Herstellung höchst präziser Zeitmesser spezialisierte. Die 1878 auf seine Initiative hin gegründete »Deutsche Uhrmacherschule« stellte sicher, dass das Knowhow auch an die folgenden Generationen weitergeben wurde, und sorgte damit für den Erhalt des Standorts in der Zukunft.

Glashütte A. Lange & Söhne: Nachwuchsförderung
A. Lange & Söhne beschäftigt heute über 650 Mitarbeiter allein in Glashütte. Teilnehmer der Nachwuchsförderung bei einer Manufaktur-Tour

Als sich durch die Wiedervereinigung die Chance auf einen Neuanfang bot, zögerte Walter Lange nicht eine Sekunde. »Der 7. Dezember 1990 gehört zu den bedeutendsten Tagen meines Lebens. Damals meldete ich den Namen Lange wieder an, mit der geborgten Postadresse einer früheren Klassenkameradin aus der Volksschulzeit in Glashütte«, erzählte er später gern. »Das war ein Risiko, aber für mich der einzig richtige Weg. Schon die Familientradition gebot mir, nach Glashütte zurückzukehren und wieder die besten Uhren der Welt zu bauen. Genau wie mein Urgroßvater wollte ich den Menschen hier in einer schwierigen Zeit Arbeit und Perspektive geben.«

Die Parallelen der Geschichte sind in der Tat verblüffend. Wie zu Gründerzeiten hätte die Herausforderung kaum größer sein können. War Glashütte damals ein verarmtes Städtchen in einem vergessenen Winkel Sachsens, galt es nun, die technisch vollkommen überholte, auf sozialistische Massenproduktion ausgelegte Herstellung wieder auf das hohe Niveau der Vorkriegszeit anzuheben. Sicher, der Zeitgeist nach der Wende war von Aufbruchsstimmung geprägt, doch die Herausforderung war enorm. Wie fast alle Industriezweige konnte das Kombinat der Glashütter Uhren- und feinmechanischen Industrie, das in der Sozialistischen Republik mit über 1000 Angestellten der größte Arbeitgeber in der Gegend war, nicht mit den konkurrierenden Firmen des Westens mithalten. Die Altlasten der Planwirtschaft wogen schwer, ebenso die Entscheidungsmacht der Treuhandanstalt, die die rasche Privatisierung ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität vorantrieb.

Glashütte Walter Lange: Enthüllung der mannhohen Bronzestatue
Bürgermeister Markus Dreßler und Hartmut Knothe, ehemaliger Lange-Geschäftsführer, seit 2007 Berater der Geschäftsführung, enthüllen die mannshohe Bronzestatue

Wie sein Urgroßvater erhielt Walter Lange tatkräftige Unterstützung von Gleichgesinnten, die seine Vision teilten und das Potenzial der im Dornröschenschlaf versunkenen Firma erkannten. Allen voran Günter Blümlein, damals Geschäftsführer des Uhrenverbundes Les Manufactures Horologères (LMH), zu dem auch IWC und Jaeger-LeCoultre gehörten. Die LMH, wiederum eine Tochtergesellschaft des VDO Mannesmann-Konzerns, übernahm die Aktienmehrheit an der neu gegründeten Lange Uhren GmbH. Sie bot finanzielle Unterstützung im großen Stil, so dass die Partner die Gebäude der ehemaligen Rechenmaschinenfabrik Archimedes und des Präzisionsuhrenspezialisten Strasser & Rohde erwerben und zu einer topmodernen Luxusmanufaktur umbauen konnte.

Glashütte A. Lange & Söhne: Tourbograph Perpetual Honeygold Jubiläumsedition
Tourbograph Perpetual Honeygold: Eine von drei limitierten Jubiläumseditionen. Die große Komplikation vereint den Kette-Schnecke-Antrieb, das Tourbillon, einen Rattrapante-Chronographen und einen ewigen Kalender mit einem Zifferblatt aus schwarz-rhodinierten Honiggold. Das Kaliber L133.1 besteht aus 684 Einzelteilen

Am 24. Oktober 1994 wurden die ersten Modelle vorgestellt. Sie knüpften an die einstige Lösung, die »besten Uhren der Welt zu bauen«, an. Mit dem spektakulären Großdatum der heute schon legendären Lange 1, die mit ihrem dezentral gestalteten Zifferblatt bald das Gesicht der neuen Ära werden sollte, gelang der Marke A. Lange & Söhne auf Anhieb ein fulminanter Neustart. Drei weitere Zeitmesser, die Arkade, die Saxonia und das Tourbillon »Pour le Mérite«, das sich mit seinem von historischen Lange-Taschenuhren inspirierten Antrieb über Kette und Schnecke auf Anhieb die Anerkennung von Branchenexperten, der Presse und des Handels sicherte, läuteten die neue Epoche der Lange-Dynastie ein. In den kommenden drei Jahrzehnten setzte A. Lange & Söhne mit immer komplizierteren und raffinierteren Konstruktionen, die von den ersten Entwürfen bis zum Endprodukt in der eigenen Manufaktur gefertigt werden, neue Maßstäbe in der Feinuhrmacherei: Vom Zero-Reset-Rückstellmechanismus, über einen Monatsläufer mit Nachspannwerk, den ersten Sekundenstopp für das Tourbillon, bis hin zum ersten Dreifach Rattrapante für mehrstündige Vergleichszeitmessungen – um nur einige zu nennen. Besonders die Produktion eigener Unruhspiralen ab 2003 hat dem Unternehmen höchsten Respekt beschert. Bereits über 60 Lange Kaliber wurden seit der Neugründung vorgestellt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, werden alle Werkteile inhouse produziert und jedes einzelne von Meisterhand dekoriert.

Glashütte A. Lange & Söhne: Uhrwerk
Meisterwerke der Uhrmacherkunst: A. Lange & Söhne ist berühmt für die Komplexität und handwerkliche Vollendung der Uhrwerke. Seit 2007 hält die Manufaktur den ersten Platz im Ranking deutscher Luxusmarken

Heute gehört A. Lange & Söhne zum Richemont-Konzern und beschäftigt weltweit etwa 750 Menschen. Mehr als 250 internationale Produktauszeichnungen und Wirtschaftspreise belegen das Renommee der Marke. Nicht ohne Grund belegt die Manufaktur seit 2007 den ersten Platz im Wirtschaftswoche-Ranking der deutschen Luxusmarken.

A. Lange & Söhne – ein Katalysator für die deutsche Uhrenindustrie

Im Fahrwasser des Erfolges hat sich in den letzten 30 Jahren nicht nur in der Erzgebirgsstadt eine diverse und höchst lebendige Uhrenszene entwickelt, sondern auch im Rest der Republik. Über die Stadtgrenze hinaus wirkte die »Faszination Glashütte«, die A. Lange & Söhne mit weiteren bedeutenden Manufakturen, wie Glashütte Original, Nomos Glashütte, Tutima Glashütte, Mühle-Glashütte und Wempe Glashütte mit neuem Leben füllte, wie ein Katalysator für das neu erwachte Interesse an der mechanischen Uhr. Heute zählt das Uhrenland Deutschland um die 80 Hersteller, die über die ganze Republik verteilt sind. Für seine Verdienste um die sächsische Uhrenindustrie wurde Walter Lange, der 2017 im Alter von 92 Jahren verstarb, 1998 der Verdienstorden des Freistaats Sachsens und 2015 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Glashütte Walter Lange mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Lange CEO Wilhelm Schmid
Walter Lange mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Lange-CEO Wilhelm Schmid im Jahr 2015 bei der Einweihung des neuen Produktionsgebäudes

2020, im 175. Jubiläumsjahr Glashütter Feinuhrmacherei, setzte auch die Stadt ihrem Ehrenbürger ein würdiges Denkmal. Die Bronzeskulptur des Hamburger Künstlers Thomas Jastram wacht fortan auf dem Vorplatz der St.-Wolfgang-Kirche über Glashütte.

Glashütte Walter Lange: Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf
Kurt Biedenkopf, Sachsens Ministerpräsident a. D., gedenkt des Lebenswerks von Walter Lange

Am 18. September 2020 wurde sie in einem feierlichen Festakt vor geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Presse enthüllt und damit das Vermächtnis des Uhrmachers gewürdigt. »Als 1989 die Berliner Mauer fiel, ging es ihm nicht nur darum, den Namen A. Lange & Söhne neu zu beleben«, hob Lange-CEO Wilhelm Schmid in seiner Rede hervor. »Es war ihm stets ein großes persönliches Anliegen, den Menschen hier eine Perspektive zu geben. Beides war ihm gleichermaßen wichtig.« Dies sei für A. Lange & Söhne auch weiterhin Herausforderung und Verpflichtung zugleich.

sz

Produkt: Download: Tutima M2 Pioneer Chronograph im Test
Download: Tutima M2 Pioneer Chronograph im Test
Das UHREN-MAGAZIN testet den Einsatzzeitmesser M2 Pioneer Chronograph von Tutima. Kann er die Nachfolge der legendären Bundeswehr-Pilotenuhr von 1984 antreten?

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Meine letzte Begegnung mit Walter Lange ereignete sich am 31. Oktober 2014, als er in Genf den Grand Prix d’horlogerie de Genève Special Jury Prize für seine Lebensleistung erhielt. Als er in seinem hohen Alter auf die Bühne trat, hatte ich Angst um Ihn. Die Angst war unbegründet. Er hielt eine wunderbare, würdige und berührende Ansprache auf einer Weltbühne. Dieser Preis gilt auch als der “Oscar” der Uhrenindustrie.
    Wir begegneten uns früher immer wieder auf Veranstaltungen anlässlich der Basler Messe, wo er mit seiner bescheidenen und verbindlichen Art ein denkwürdiger und anregender Gesprächspartner war. Ich schulde Ihm besonderen Dank für seine Unterstützung und seinen Beitrag zur Sonderauktion A.Lange & Söhne Glashütter Uhren, die ich am 27. April 1991 im Frankfurter Hof abhielt und bei der Walter Lange selbstverständlich mit anderen Persönlichkeiten aus Glashütte zu gegen war.
    Helmut Crott

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