Retrograde Anzeigen

Was mit seiner Bewegung Uhrenliebhaber entzückt, war früher den hochkomplizierten Zeitmessern vorenthalten. Heute ist die retrograde Anzeige bei Uhren so beliebt, dass viele Uhren ihre Zeiger springen lassen und damit auf interessante historische Vorbilder verweisen.

Das Element der Uhr ist der Kreis: Hier ziehen die Zeiger ihre Bahnen, um Stunde und Minute, eventuell auch Sekunde oder Datum anzuzeigen.
Umso faszinierender ist es, wenn die Zeiger aus der Reihe tanzen: Nach einem Viertel- oder Halbkreis springen sie zurück an ihren Ausgangspunkt – so lautet die Kurzdefinition der retrograden Anzeige.
Schon um 1650 soll der Augsburger Uhrmacher Hans Buschmann die erste Taschenuhr angefertigt haben, die mittels solch rückspringender Anzeige die Stunden mitteilt.

Anzeige

Doch in früheren Zeiten war die retrograde Anzeige eher ein originelles Beiwerk, das nicht im Mittelpunkt stand. Anders bei der “Sector Watch” von Record Watch aus Tramelan, die als erste serienmäßig hergestellte Taschenuhr mit retrograder Anzeige gilt. Die von 1903 bis 1908 gefertigte Uhr konzentriert sich voll und ganz auf die ungewöhnliche Anzeigeform: Stunden und Minuten werden retrograd angezeigt, das Dreieck von Zifferblatt, Gehäuse und sogar Werk folgt der sich daraus ergebenden Form.
Erfunden wurde die Uhr von dem Italiener Giovanni Sgherlino aus Turin, der sie 1903 in der Schweiz zum Patent anmeldete.

Das Patent wurde von zwei Kaufleuten erworben, die für die Realisierung eine neue Firma gründeten: Record Watch in Tramelan, einem Örtchen rund 25 Kilometer von Biel entfernt. Doch die Umsetzung der ungewöhnlichen Form machte Probleme: Der Münchner Uhrenhändler Manfred Unkel von Star Times Uhren GmbH hat einen alten Artikel ausfindig gemacht, in dem die Herstellung der “Sector Watch” wie ein Krimi beschrieben sei. “Vor allem die Fertigung des Uhrglases hat die Firma vor große Schwierigkeiten gestellt”, weiß Unkel. Die Gehäuse wurden in Silber gefertigt, sind unterschiedlich dekoriert und zu großen Teilen mit Jugendstilornamenten verziert.

Entweder waren es Schwierigkeiten bei der Herstellung oder die mangelnde Begeisterung der Kundschaft. Jedenfalls wurden statt der geplanten 5.000 Uhren nur einige hundert, “maximal tausend Stück” hergestellt, wie Unkel mutmaßt. Die Firma Record Watch hat dennoch länger Bestand, denn ab 1905 werden auch normal runde Taschenuhren, später Armbanduhren produziert. Über das Ende von Record Watch gibt es verschiedene Angaben: In einigen Quellen heißt es, Longines habe das Unternehmen 1961 übernommen, bevor es 1991 seine Aktivitäten einstellte. Andere Quellen sprechen davon, dass die Firma bereits in den 1970er-Jahren aufgegeben wird. Das bekannteste Modell, die “Sector Watch”, ist heute selten: Hin und wieder taucht ein Exemplar bei Uhrenauktionshäusern oder Händlern auf, aktuell bietet Manfred Unkel ein Modell an – zusammen mit der spannenden Entstehungsgeschichte.

Gerd-Rüdiger Lang, Gründer von Chronoswiss, zählt die “Sector Watch” zu seiner großen Sammlung historischer Uhren. Sie inspirierte ihn in den 1990er-Jahren zu einer der ersten modernen Armbanduhren mit retrograder Anzeige: Die “Delphis” kombiniert eine springende Stunde mit retrograder Minute und Zentralsekunde. Einziger Mitbewerber ist damals Gérald Genta. Die beiden Marken begründen eine neue Beliebtheit der retrograden Anzeige, die heute in einer Vielzahl verschiedenster Modelle gipfelt.

Retrograde Anzeigen – aktuelle Ausführungen

Am beliebtesten ist die retrograde Anzeige des Datums. Einziger Wermutstropfen: Wer bei diesen Modellen das begehrte Schauspiel des rückspringenden Zeigers beobachten will, muss darauf einen ganzen Monat warten.
Attraktiver ist der minütliche Sprung der retrograden Sekunde – eine ebenfalls häufige Anzeigenform der aktuellen Uhrenmodelle. Einzelne Hersteller, zum Beispiel Cartier und Girard-Perregaux, kombinieren sogar mehrere retrograde Anzeigen.
Diese funktionieren meist nach folgendem technischen Prinzip: Eine Schnecke beziehungsweise Kurvenscheibe ist auf eine Räderwelle aufgepresst. Bei der retrograden Minutenanzeige ist es die Welle des Minutenrads. Ein Abtasthebel wird von der Schnecke beziehungsweise Kurvenscheibe aufgehoben und fällt am Ende des entsprechenden Zeitraums auf den Anfang der Schnecke beziehungsweise Kurvenscheibe. Da der Abtasthebel mittels Verzahnung mit dem Zeiger der retrograden Anzeige in Kontakt steht, springen die Zeiger zurück.

Damit der Zeiger diesen Sprung vollführen und die Strecke bis zu seinem Ausgangspunkt zurücklegen kann, benötigt er Kraft. Diese wird während der Zeigerbewegung aufgebaut und durch eine separate Spiralfeder, auch Rückholfeder genannt, gespeichert. Die separate Feder ist wichtig, da sie die nötige Kraft für den Zeigersprung liefert. Sie wird während der Bewegung des Zeigers bis zum Endpunkt der Anzeige kontinuierlich und langsam gespannt. Am Ende des Zeitintervalls setzt sie die gesamte Energie auf einmal frei und lässt den Zeiger zurückspringen.

Die Kräfte, die dabei frei werden, lassen laut Gerd-Rüdiger Lang diesen Mechanismus schneller verschleißen. Die Bewegung, das schnelle Auslösen der Zeiger sowie das Zurückfallen des Hebels würden zu mehr Abnutzung führen. Daher wird empfohlen bei Uhren mit retrograder Anzeige die Serviceintervalle – in der Regel sind dies fünf Jahre – besonders genau einzuhalten.

Text: Iris Wimmer-Olbort
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