5 außergewöhnliche Uhren

Freakige Uhrendesigns von Christophe Claret, MB&F, HYT & Co.

 Redaktion
von Redaktion
am 8. Januar 2017

Wir glauben zu wissen, was eine Uhr ausmacht: ein rundes Gehäuse, drei Zeiger, ein Zifferblatt. Doch abseits dieser „normalen“ Uhren gibt es eine Welt, die uns ganz andere Perspektiven eröffnet: Sieben Uhr, der Wecker klingelt. Aufstehen, Zähne putzen, Frühstück und dann an die Arbeit. Jeden Morgen nehmen wir den gleichen Weg zur U-Bahn, mit dem Rad oder zu Fuß. Manchmal zwingt uns jedoch eine Baustelle, einen Umweg zu machen. Immer wenn wir die ausgetretenen Pfade verlassen, entdecken wir eine Menge Neues: An der Ecke steht ein schicker Sportwagen, neben dem Toreingang hat ein Feinkostladen eröffnet und im Café gegenüber kann man neuerdings auch Fußballspiele anschauen. Auf unserer üblichen Strecke gibt es all das nicht, sie ist nur praktisch und jeden Tag gleich. Es lohnt sich also, hin und wieder neue Wege zu gehen, nicht nur wegen Fußball oder Autos.

Was so banal und unbedeutend scheint, ist für Designer freakiger Uhren ganz normal. Ihnen geht es darum, andere Perspektiven zu eröffnen und mit Sehgewohnheiten zu spielen. Wenn wir jemandem erklären sollten, wie eine Armbanduhr aussieht, lautete die Kurzfassung wahrscheinlich: „rund, drei Zeiger und Ziffern“. Heute werden die meisten Uhren nach diesem Prinzip entworfen, da es zur Konvention geworden ist. Konventionen bieten Verlässlichkeit, sie bringen jedoch auch Regeln und Grenzen mit sich. Designer ungewöhnlicher Uhren brechen aus diesem Kreis aus, sie wollen etwas Neues schaffen und experimentieren mit anderen Formen, Funktionen und Materialien.

Außergewöhnliche Uhr #1: Christophe Claret X-TREM-1

Christophe Claret: X-Trem-1
Bei der aktuellen Version seiner X-Trem-1 kombiniert Christophe Claret Damaszener Stahl mit Goldelement. Das verleiht dem auffälligen Zeitmesser einen martialischen Look.

In fremde Welten stößt auch der Uhrmacher Christophe Claret vor. 2012 präsentierte er erstmals seine X-TREM-1, die auf den ersten Blick gar keine Uhr zu sein scheint. Das Modell hat weder Zifferblatt noch Zeiger, und doch misst es die Zeit. Auch die aktuelle Version, die Claret auf der Baselworld 2016 präsentiert hatte, schließt sich dem an: Wo sich bei üblichen Armbanduhren ein Zifferblatt befindet, ist bei der X-TREM-1 nur ein getöntes Saphirglas mit darunterliegendem Räderwerk zu sehen. Die eigentliche Zeitanzeige übernehmen zwei Skalen am rechten und linken Gehäuserand. Dabei weist die linke Skala die Stunden, die rechte ist für die Minuten zuständig. Das Highlight sind zwei transparente Saphirglasröhren an den Gehäuseflanken, in denen je ein Metallkugel schwebt. Auch wenn der Betrachter zunächst nicht seinen Augen trauen mag, die hohlen Stahlkugeln schweben tatsächlich. Der Trick dahinter sind von außen nicht sichtbare Magneten, die die Metallkugeln mit einem magnetischen Feld in der Luft halten. Die Magnete sind an dünnen Seidenfäden befestigt und werden mit einem Seilzug gesteuert. Anhand der Position der Kugeln und der zugehörigen Skala kann der Betrachter Stunden und Minuten ablesen.
Wie kommt man auf die Idee, statt Zeigern schwebende Metallkugeln in Glasröhren zu verwenden? Die Inspiration dazu bekam Christophe Claret von Magnetschwebebahnen und Weltraumfahrstühlen. Letzterer Begriff meint den Science-Fiction-Traum eines Aufzugs, der sich an einem Seil zwischen Erde und Raumstation bewegt. Die magnetische Zeitanzeige der X-TREM-1 bringt beide Inspirationsquellen zusammen. So sind die hohlen Stahlkugeln gewissermaßen kleine Magnetschwebebahnen. Das Konzept eines Weltraumfahrstuhls setzt Claret mit den an Seidenfäden befestigten Magneten um.

Außergewöhnliche Uhr #2: Urwerk UR-105 T-Rex

Einen ganz anderen Weg geht Felix Baumgartner mit seiner Marke Urwerk. Optisch erinnern die Uhren der Genfer Manufaktur meist an Raumschiffe, und tatsächlich hat Urwerk-Designer Martin Frei eine Vorliebe für Luft- und Raumfahrttechnik. Das verraten auch die Poster im Atelier der Marke, auf denen Mr. Spock, Captain Kirk und andere Figuren aus „Raumschiff Enterprise“ zu sehen sind.

Urwerk: UR-105 T-Rex
Wie aus einem Science-Fiction-Film: die UR-105 T-Rex von Urwerk

Bei dem Modell UR-105 T-Rex glaubt man, ein Objekt aus einem Science-Fiction-Film vor sich zu haben. Das Gehäuse aus Bronze mit seiner Rippenstruktur erinnert an längst ausgestorbene Reptilien, die wieder zum Leben erwacht sind. Die Zeitanzeige sitzt hinter einem länglichen Saphirglasfenster mit einer gelben Minutenskala. Eine Scheibe, auf der die Stunden – ebenfalls in Gelb – angezeigt werden, wandert von rechts nach links an der Skala entlang. Die UR-105 T-Rex kombiniert dadurch Stunden- und Minutenanzeige über eine Anzeige. Zudem kann der Träger selbst entscheiden, wie das Kaliber UR 5.02 seine für die Zeitanzeige benötigte Energie erhält. Stellt er den Hebel auf der Gehäuserückseite auf die Position „Full“, wird jede Bewegung des Handgelenks zum Aufziehen der Federhausfeder genutzt. In der Position „Stop“ muss der Träger dem Kaliber über die Aufzugskrone selbst regelmäßig Energie zuführen.

Allein die Modellbeispiele von Christophe Claret und Urwerk zeigen: Das Informieren über die Zeit steht bei solch außergewöhnlichen Uhren nicht im Vordergrund. Vielmehr setzen sich die Designer mit der Art und Weise der Zeitanzeige auseinander. Dabei spielen sie mit Versatzstücken aus Bereichen, die nicht unbedingt eine Verbindung zu Uhren haben. Diese Teile setzen sie neu zusammen oder bringen sie in eine neue Form. Das Ergebnis muss nicht zwangsläufig etwas noch nie Dagewesenes sein; im Gegenteil: Viele Designer lassen sich von der Kunst und Technik der Vergangenheit inspirieren.

Außergewöhnliche Uhr #3: MB&F Horological Machine N°8

Eben jenes Gefühl, ein Objekt aus einer anderen Zeit vor sich zu haben, vermitteln Max Büsser & Friends (MB&F) mit der Horological Machine N°8 „Can-Am“. Die Horological Machine (HM) scheint alles zu sein, nur keine Uhr – und doch kommt sie einem irgendwie bekannt vor. Der Namenszusatz „Can-AM“ deutet es an: Die Designer haben sich an der legendären Rennserie Can-Am, dem Canadian-American Challenge Cup, aus den sechziger und siebziger Jahren orientiert, bei der viele der Sportwagen offene Motoren geschützt mit Überrollbügeln besaßen. So auch bei der Horological Machine N°8Das Automatikwerk auf Girard-Perregaux-Basis liegt gut sichtbar unter der Motorhaube aus Saphirglas, die von zwei Titanstreben überspannt wird.

MB&F: Horological Machine N°8
Bei der Horological Machine N 8 von MB&F lenkt ein Prisma die auf Scheiben gedruckten Stunden- und Minutenziffern so um, dass der Autofahrer die Uhr am Lenkrad ablesen kann

Autos sind nicht die einzige Inspirationsquelle des Modells. Als Vorlage diente auch eine Uhr der Marke Amida mit dem Namen Digitrend, die ebenfalls aus den 70er-Jahren stammt. Wie diese zeigt die Horological Machine N°8 die Zeit senkrecht und digital in einem Fenster am unteren Bandanstoß an. Die Zahlen für Stunden und Minuten sind auf zwei horizontale Scheiben gedruckt. Sie werden von einem speziellen Prisma um 20 Prozent vergrößert und um 90 Grad umgelenkt.

Pedanten könnten einwenden, dass die Horological Machine N°8 zwar schön, aber nicht gerade leicht abzulesen ist. Sobald der Uhrenträger jedoch hinterm Lenkrad sitzt, muss er das Handgelenk nicht mehr drehen, um die Ziffern zu sehen. Die Horological Machine N°8 ist also nicht nur gestalterisch von Autos inspiriert, sondern auch funktional fürs Autofahren konzipiert.

Außergewöhnliche Uhr #4: ZR012

Manche Marken bauen nicht nur verrückte Uhren, sondern haben schon als Marke an sich eine außergewöhnliche Form. Zu dieser seltenen Spezies gehört das sogenannte Experiment C3H5N3O9, das Max Büsser und Urwerk-Gründer Felix Baumgartner ins Leben riefen. Die befreundeten Uhrmacher wollten eine gemeinsame Uhr entwerfen, jedoch gründeten sie dafür keine Marke im üblichen Sinne, sondern ein Projekt mit experimentellem Charakter. Hinter dem Namen dieses Experiments verbirgt sich die chemische Formel von Nitroglycerin.

ZR012
Die Inspiration für die einzigartige Zeitanzeige der ZR012 lieferte die typische Kolbenform des Wankelmotors
[Foto: GUY LUCAS de PESLOUAN/ARTSIGHT.FR]

Das Produkt der hochexplosiven Mischung wurde 2012 präsentiert und heißt ZR012. Auf dem zunächst chaotisch wirkenden Zifferblatt der Uhr wird die Zeit auf zwei halbkreisförmigen Skalen in der unteren Zifferblatthälfte angezeigt. Die untere Skala ist für die Stunden zuständig, die obere Skala für die Minuten. Zu diesen Anzeigen gehören zwei dezentral und übereinander angeordnete „gerundete“ Dreiecke. Sie weisen mit ihren roten Markierungen an den Spitzen auf die Skalen.

Der Ursprung der ungewöhnlichen wie ungewohnten Zeitanzeige ist der sogenannte Wankelmotor, erfunden von Felix Wankel zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Kolben dieses heute nur noch selten verbauten Motortyps hat im Querschnitt eben jene Form eines gerundeten Dreiecks und vollzieht die gleiche Bewegung wie die „Zeiger“ der ZR012.

ZR012
Die Uhr als Experiment: die ZR012 von Max Büsser und Urwerk-Gründer Felix Baumgartner

Für die Konstruktion und den Bau des komplexen Uhrwerks zeichnen die Urwerk-Mitglieder Felix Baumgartner, Martin Frei und Cyrano Devanthey verantwortlich. Entwurf und Bau des Gehäuses stammen von Max Büsser und Serge Kriknoff, die mit dem unabhängigen Designer Eric Giroud zusammenarbeiteten.

Außergewöhnliche Uhr #5: HYT H1 Iceberg2

Die Gründer der Marke HYT nehmen für sich in Anspruch, dass sie eine jahrtausendealte Technik auf hochmoderne Weise zu neuem Leben erwecken. Das mag vermessen erscheinen, doch genau das tun die sogenannten Hydro Mechanical Horologists. Sie nutzen das Prinzip der Wasseruhren aus dem alten Ägypten, bei denen der Wasserstand in einem speziellen Gefäß über die Zeit informierte.

HYT H1 Iceberg2
Inspiriert von den Farben eines Eisbergs: die HYT H1 Iceberg2

Diese flüssige Zeitanzeige setzt HYT bei dem Modell H1 Iceberg2 mit einem runden Röhrchen um, in dem sich eine blaue und eine durchsichtige Flüssigkeit befinden. Die beiden Flüssigkeiten werden in zwei Faltbälgen gespeichert, die oberhalb einer gravierten Plakette mit der Sechs angeordnet sind. Mit fortschreitender Zeit verdrängt die blaue Flüssigkeit die durchsichtige und zeigt so auf einer Skala am Zifferblattrand die Stunden an. Wenn die blaue Flüssigkeit bei der Sechs angekommen ist, saugt der linke Faltenbalg die Flüssigkeit in zehn Sekunden zum Anfang der Skala.  Die Minuten werden vom Totalisator bei der Zwölf angezeigt, die Sekunden über ein Schaufelrad auf der linken Zifferblatthälfte. Dem Gegenüber befindet sich die Anzeige für die Gangreserve. Das Handaufzugskaliber bietet 65 Stunden Gangautonomie und wurde von Renaud & Papi nach Vorgaben von HYT entwickelt.

Ob Flüssigkeiten, Dreiecke oder schwebende Kügelchen – die Uhren von Christophe Claret, Urwerk, MB&F und HYT zeigen: Rechts und links der ausgetretenen Pfade gibt es nahezu unendlich viele Möglichkeiten, eine Uhr und ihre Funktionen „neu“ zu erfinden oder zumindest auf neue Weise darzustellen. So unterschiedlich die Uhren auch sein mögen, sie alle zeichnen sich durch ihren experimentellen Gestaltungscharakter aus. Experimentell meint jedoch nicht in erster Linie eine fixe Idee oder ein unausgereiftes Konzept. Vielmehr steht das Spiel mit den gestalterischen Möglichkeiten im Vordergrund, ohne Rücksicht auf Konventionen, Sehgewohnheiten und Trends zu nehmen. Dabei eröffnen uns solche Avantgardeuhren neue Perspektiven und zeigen uns Dinge, die wir in dieser Form oder Kombination noch nicht gesehen haben. Zugegeben – der Betrachter hat es nicht immer leicht, alle Funktionsdetails sofort und auf einen Blick zu erfassen. Doch wer einen zweiten Blick investiert, sieht nicht nur etwas Neues, sondern gewinnt möglicherweise auch eine andere Sicht auf die üblichen, „normalen“ Uhren.

Text: Julia Knaut

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