Christopher Ward: Eine Marke wird erwachsen

Englische Uhrenmarke mit Manufakturkaliber

Roger Rüegger
von Roger Rüegger
am 29. September 2016

Die englische Marke Christopher Ward bietet seit über zehn Jahren Uhren ausschließlich im Online-Direktvertrieb an. Seit dem Zusammenschluss mit dem Bieler Werke- und Modulexperten Synergies Horlogères im Jahr 2014, mit dem auch Meistersinger zusammenarbeitet, schlägt sie mechanisch neue Wege ein.

Mit der C9 Harrison 5-Day Automatic fand das SH21 In-house-Kaliber im Jahr 2014 Einzug in die Kollektion. Und das zu einem Preis von rund 2.000 Euro.
Mit der C9 Harrison 5-Day Automatic fand das SH21 In-house-Kaliber im Jahr 2014 Einzug in die Kollektion. Und das zu einem Preis von rund 2.000 Euro.
[Foto: Please credit: Andy Cahill - Photoworks if images are used commercially]

Christopher Ward wurde 2004 von Mike France, Peter Ellis und dem namensgebenden Chris Ward in England ins Leben gerufen. Das erste Modell, die klassische Dreizeigeruhr C5 Malvern Automatic auf Basis des Eta 2824-2, folgte ein Jahr später. Das Dreigespann hatte sich von Anfang an dafür entschieden, Uhren ausschließlich direkt und ohne Vertriebsnetz an Online-Endkonsumenten zu verkaufen, was sich im Endpreis der Uhren auch entsprechend bemerkbar macht. Das Unternehmen hält sich dabei bis heute an die Faustregel, die Summe der Einzelkomponenten-Preise mit dem Faktor drei zu multiplizieren, um unter dem Strich profitabel operieren zu können.

Namensgeber und einer der drei Gründer der englischen Marke: Chris Ward.
Namensgeber und einer der drei Gründer der englischen Marke: Chris Ward.

Durch den Verzicht auf den Aufbau eigener Produktionskapazitäten vertraut Christopher Ward bei der Wahl einzelner Komponenten und bei der Fertigung der Swiss-Made-Uhren somit auf mehrere externe Zulieferer. Eine zentrale Rolle dabei übernimmt die in Biel ansässige Synergies Horlogères SA, die sich 2006 als Generalunternehmen auf die Herstellung und den Vertrieb von Uhren und Uhrenkomponenten spezialisiert hat und seit acht Jahren unter anderem auch für Christopher Ward tätig ist. Geführt wird das rund 15-köpfige Unternehmen von Jörg Bader, der zuvor für die Fossil-Gruppe den Aufbau der Swiss-Made-Uhrensparte mitverantwortet hatte. In Kombination mit einem weiteren Betrieb in der italienisch-sprachigen Schweiz können so sämtliche Uhrenmodelle von Christopher Ward in der Schweiz assembliert und ausgeliefert werden, wobei man sich in Biel eher auf die etwas komplizierteren mechanischen Modelle konzentriert. Zudem bildet Synergies Horlogères derzeit Uhrmacher aus England in Biel weiter, damit einfache Reparaturen in Zukunft vermehrt am Firmenstandort außerhalb von London ausgeführt werden können.

Während der C9 Worldtimer über ein Standardkaliber verfügt, wählte man für das Modul eine Eigenentwicklung mit optischer Darstellung des Standorts.
Während der C9 Worldtimer über ein Standardkaliber verfügt, wählte man für das Modul eine Eigenentwicklung mit optischer Darstellung des Standorts.

Der Weg zum Manufakturkaliber SH21

Als Full-Service-Dienstleister für unterschiedliche Uhrenmarken war auch Synergies Horlogères früh gefordert, eine Antwort auf die Frage parat zu haben, wie man ­­­­­­­­­­­– nach dem absehbaren Entscheid der Schweizerischen Wettbewerbskommission – weiterhin über mechanische Werke verfügen könnte, ohne wie bisher auf die Swatch Group zurück greifen zu können. Sellita erwies sich als geeigneter Ansprechpartner, um den Bedarf an Basiswerken langfristig decken zu können. Entsprechend werden heute für die mechanischen Dreizeiger-Uhren hauptsächlich SW 200-1 und Eta 2824-2 verwendet und je nach Uhrenmodell um eigene Module ergänzt, beispielsweise bei der Mondphase und dem Worldtimer.

Johannes Jahnke, technischer Direktor von Synergies Horlogères, zeichnet für die Entwicklung des In-House-Kalibers SH21 verantwortlich.
Johannes Jahnke, technischer Direktor von Synergies Horlogères, zeichnet für die Entwicklung des In-House-Kalibers SH21 verantwortlich.

Parallel dazu entschied sich Synergies Horlogères vor rund fünf Jahren, die Entwicklung eines eigenen Basiskalibers in Angriff zu nehmen. Mit der Konstruktion wurde der deutsche Uhrmacher (und mittlerweile technische Direktor von Synergies Horlogères) Johannes Jahnke beauftragt, der zuvor für Lang & Heyne in Dresden gearbeitet und dort seine Ausbildung mit einem viel beachteten Eindrücker-Chronographen mit Schaltrad abgeschlossen hatte. Damit wird klar, weshalb Christopher Ward seit 2012 einen Eindrücker-Chronographen im Angebot hat, den C900 Mono-Pusher Chronograph mit Handaufzug.

Der Eindrücker-Chronograph C900 basiert auf dem 6497 von ETA und ist ab 3.140 Euro erhältlich.
Der Eindrücker-Chronograph C900 basiert auf dem 6497 von ETA und ist ab 3.140 Euro erhältlich.

Jahnke entschied sich beim Kaliber SH21 für ein vergleichsweise üppig dimensioniertes Werk mit 32,7 Millimetern Durchmesser (7,1 Milliter größer als das Eta 2824 und 2,7 Millimeter größer als das Eta-Valjoux 7750, das Chronographenwerk, das in punkto Robustheit und Zuverlässigkeit als Vorbild und Messlatte bei der Konstruktion diente) und mindestens 5,4 Millimetern Bauhöhe. Das macht das Werk robuster, was für eine geplante Industrialisierung wichtig ist. Zudem sind zukünftige Komplikationen im Werk schon berücksichtigt. Die Konstruktion erlaubt es, einzelne Baugruppen aus dem Werk zu entfernen oder neu anzuordnen. So kann das Kaliber SH21 beispielsweise mit Handaufzug und 27 Lagersteinen als auch als Automatik mit 31 Lagersteinen und 164 Teilen verbaut werden.

Das SH21 verfügt über 5 Tage Gangreserve und genügend Platz für weitere Komplikationen. Jedes Werk wird von der COSC zertifiziert.
Das SH21 verfügt über 5 Tage Gangreserve und genügend Platz für weitere Komplikationen. Jedes Werk wird von der COSC zertifiziert.

Seine Premiere feierte das Kaliber SH21 in der C9 Harrison 5-Day Automatic im Jahr 2014 – ungefähr zur gleichen Zeit stellte Meistersinger die Circularis mit dem eigenen Handaufzugswerk MSH 01 vor, das ebenfalls in Zusammenarbeit mit Synergies Horlogères entstand.

Darüber hinaus fand das Werk auch Verwendung in der zahlenmäßig populärsten Uhrenreihe der Marke, der Taucheruhr C60 Trident mit Keramiklünette, von der zahlreiche Werk-, Farboptionen und Gehäusegrößen erhältlich sind. Die Gangreserve des SH21 liegt dank zweier Federhäuser bei fünf Tagen (120 Stunden), die Frequenz beträgt vier Hertz, also 28.000 Halbschwingungen pro Stunde. Das SH21 kann als In-House-Entwicklung bezeichnet werden, die Fertigung der erforderlichen Einzelteile wird durch neun weitere Schweizer Zulieferer, darunter Concepto in La Chaux-de-Fonds, sichergestellt, und die COSC übernimmt die Zertifizierung als Chronometer. Synergies Horlogères verantwortet neben Assemblage und Kontrolle unter anderem auch das Setzen der Steine in der Grundplatine, und kann vor Ort konstruktive Eingriffe und Anpassungen selbst vornehmen, falls erforderlich. 

Derzeit befindet sich die zweite Serie des Kalibers in Produktion, wodurch sich die Summe der insgesamt produzierten Werke auf 7.000 Stück erhöhen wird. Erwartungsgemäß wird der Anteil eigener Werke und Module bei Christopher Ward in den kommenden Monaten also eher noch steigen, was auch die Attraktivität für Sammler steigern dürfte. Mitbegründer Mike France sieht die Marke zwar noch als Geheimtipp, es werden aber bereits über 20.000 Uhren pro Jahr produziert, und der Name Christopher Ward dürfte in den Statistiken der COSC bereits unter den ersten 20 Marken auftauchen. Mit Blick auf das angestrebte Wachstum gaben Christopher Ward und Synergies Horlogères im Sommer 2014 bekannt, künftig unter einer gemeinsamen Holding zu operieren.

Neuer Auftritt – neues Logo für die Uhrenmarke

Ein Jahr nach dem Zusammenschluss und der damit verbundenen mechanischen Emanzipation dank des Kalibers SH21 folgte der Startschuss zu einer stärkeren optischen Abgrenzung der Uhren. Mit Bekanntgabe der Verpflichtung des Schweizer Uhrendesigners Adrian Buchmann am Sitz in England sollte auch die bislang größte sichtbare Veränderung der Marke einhergehen: Im Frühling 2016 präsentierte Christopher Ward mit derDreizeigeruhr C65 unter anderem bereits ein neues Logo.

Mit der C65 wurde 2016 auch ein neues Logo bei 9 Uhr vorgestellt, die Uhr ist ab 680 Euro erhältlich und basiert auf dem SW 200-1 von Sellita.
Mit der C65 wurde 2016 auch ein neues Logo bei 9 Uhr vorgestellt, die Uhr ist ab 680 Euro erhältlich und basiert auf dem SW 200-1 von Sellita.

Damit einher geht logischerweise auch eine stärkere Profilierung der Uhren, was mittelfristig einerseits zu mehr Eigenständigkeit der gesamten Kollektion führen dürfte, andrerseits aber den bisherigen Rhythmus an Neuvorstellungen verlangsamen dürfte. Denn während man auch weiterhin ausschließlich auf den Online-Direktverkauf setzen wird, steigt der Anteil von Komponenten, die erst noch designt respektive konstruiert und produziert werden müssen, was unweigerlich zu einer längeren Entwicklungszeit führt. Dafür wird man laut Mike France damit rechnen können, Christopher Ward in Zukunft an ungewöhnlichen Orten zu begegnen, um neue Kunden zu erreichen. rr

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