Die Apple Watch drängt Schweizer Uhrenhersteller in die Defensive

Zeitumstellung steht bevor

Thomas Wanka
von Thomas Wanka
am 6. März 2015
Mit einer von Apple bisher unbekannten Anzahl an Varianten soll die Apple Watch demnächst auf den Markt kommen
Mit einer von Apple bisher unbekannten Anzahl an Varianten soll die Apple Watch demnächst auf den Markt kommen

Eine Firma wie Apple, die es in einem Quartal schafft, 17 Milliarden Dollar zu verdienen, muss man ernst nehmen. Mittlerweile müssen sich schon die Chefs von Autokonzernen unbequeme Fragen stellen lassen, welche ihr Kerngeschäft des Blechbiegens betreffen. Einer anderen Industrie, die ähnlich wie die automobile durch ein extremes Wachstum in China seit Jahren ihre Bequemlichkeit auslebt, indem man den Märkten Produkte nur zuteilt statt sie verkaufen zu müssen, scheint der Schreck aber schon gehörig in die Glieder gefahren zu sein. Und das nicht ohne Grund: Wir haben mit dem Marktforschungsinstitut Responsio deren in ihrem Uhren-Monitor erhobenen Daten aus 5.000 Interviews mit Personen, die bereit sind, mehr als 1.000 Euro für eine Armbanduhr auszugeben, nach Kaufabsichten für eine Smartwatch durchleuchtet. Das Ergebnis mag alle überraschen, die den Einfluss einer Apple Watch auf die Träger einer mechanischen Uhr kategorisch verneinen. 59 Prozent aller Befragten, die in den nächsten zwölf Monaten mit Sicherheit eine Uhr für mehr als 1.000 Euro kaufen werden, werden sich sicher oder wahrscheinlich eine Smartwatch zulegen. Unter denen, die nur mit hoher Wahrscheinlichkeit demnächst eine Uhr über 1.000 Euro kaufen wollen, sind es immerhin noch 44 Prozent. Das Interesse an einer Smartwatch ist bei Käufern einer teuren Uhr also überdurchschnittlich groß im Vergleich zu den 23 Prozent in der Gesamtbevölkerung (auch das ist immerhin fast jeder Vierte), die den Kauf einer Smartwatch in Erwägung zieht.

Nur eine Erweiterung des iPhone oder ein Angriff auf das Handgelenk? Die Apple Watch sorgt jetzt schon für Diskussionen.
Nur eine Erweiterung des iPhone oder ein Angriff auf das Handgelenk? Die Apple Watch sorgt jetzt schon für Diskussionen.

Das hat auch in der Uhrenindustrie einige Verantwortliche aufgeweckt. Jetzt setzt man auf einen altbekannten Marketing-Trick: Man kündigt im Wochentakt eigene Produkte an, in der Hoffnung, den Käufer zu verunsichern und ihn zumindest zeitweilig vom Kauf einer Apple Watch abzuhalten, weil das eigene Produkt das vielversprechendere sei. Aus dem Stand fällt mir das E-Strap von Montblanc ein. Eine tolle Idee, Mechanik und Kommunikation zu verbinden. Der Prototyp auf der Genfer Uhrenmesse mit seinem klötzchenartig auflösenden Display verriet aber, wie weit entfernt von der praktischen Umsetzung das Modell noch ist. Auch Jean-Claude Biver, zuständig für TAG Heuer, kündigt eine Smartwatch an. Wenn aber selbst ein Marketing-Genie wie er nicht konkreter wird, besteht die Vermutung, dass nichts wirklich in der Pipeline ist. Immerhin hätte man durch die Mobilfunktelefonie in der Sparte zumindest theoretisch Zugriff auf entsprechende Technologien. Und während die Swatch Group im letzten Jahr noch betonte Gelassenheit beim Thema zur Schau stellte, kündigte deren Chef Nick Hayek jüngst doch eine eigene Smart Watch an. Frédérique Constant und die Schwesterfirma Alpina konnten unlängst Smartwatches vorstellen und H. Moser & Cie kündigt tapfer eine Smartwatch an, welche besonders stromsparend sein soll. (Diese Mitteilung hat sich mittlerweile als Verschaukelung der Öffentlichkeit herausgestellt, indem man seinen Ewigen Kalender mit Springender Datumsanzeige als “smarte watch” verstanden wissen möchte, um auch auf den Zug aufzuspringen). Angesichts der Markenbekanntheit von Apple dürften derlei Ankündigungen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Exekutive in Cupertino bleiben. Neben diesen vereinzelten Pfiffen im Walde scheint die Branche in Duldungsstarre zu verfallen, und darauf zu hoffen, dass die Apple Watch die hochgesteckten Erwartungen an das “nächste große Ding” einfach nicht erfüllt. Eine Position der Stärke sieht anders aus. Man sieht sich einem Gegner gegenüber, dessen disruptive Technologien schon andere Märkte nachhaltig verändert haben. Einen Musikplayer, der Songs nicht nur spielt, sondern deren Kauf ermöglicht. Ein Telefon, mit dem kaum gesprochen, aber dennoch mehr kommuniziert wird als jemals in der Menschheitsgeschichte und nun eine Uhr, welche die Zeitanzeige am Handgelenk zur Nebensache machen wird.
Am kommenden Montag werden mein Kollege Jens Koch und ich die Keynote mit einem Pro- und Contra-Wettstreit unterhaltsam begleiten. tw

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