Eterna wird chinesisch

Ein neues Kapitel Schweizer Uhrenindustrie

 Redaktion
von Redaktion
am 8. November 2011

Die Familie Porsche hat die Grenchner Uhrenmanufaktur Eterna an die China Haidian Holdings Limited verkauft. Damit beginnt ein neues Kapitel in der Schweizer Uhrenindustrie.

Die „fliegende“ Federhauslagerung des Kalibers 3510 soll auch in die neue Kaliberfamilie 3900 einfließen
Die „fliegende“ Federhauslagerung des Kalibers 3510 soll auch in die neue Kaliberfamilie 3900 einfließen

A m 27. Juni dieses Jahres sickerte die Nachricht durch, dass Eterna in chinesische Hände verkauft sei. Zwei Tage später folgte die offizielle Bestätigung der Manufaktur aus Grenchen: Eterna sei zu 100 Prozent von der International Volant Limited, einer Tochter von China Haidian, übernommen worden. Damit ging ein monatelanges Rätselraten über die Zukunft Eternas zu Ende. Gleichzeitig beginnt ein neues Kapitel in der Schweizer Uhrenindustrie, denn es ist das erste Mal, dass eine Traditionsmanufaktur an ein chinesisches Unternehmen verkauft wurde. Obwohl Eterna keine betrieblichen Zahlen kommuniziert, stand nie außer Frage, dass die Firma in den zurückliegenden Jahren ohne Gewinne operiert hatte. Ganz im Gegenteil: 2010 hatte das 1995 durch die F. A. Porsche Beteiligungen GmbH erworbene Unternehmen Verluste in beträchtlicher Höhe produziert. 20,6 Millionen Schweizer Franken sollen es gewesen sein – eine Summe, die die im Jahr 2010 realisierten Verkäufe um 9,8 Millionen Franken überstieg. So viel lässt sich jedenfalls Berichten entnehmen, die an der Börse in Hongkong zirkulieren. Dort nämlich ist die China Haidian Holdings Limited kotiert.

Hon Kwok Lung, Präsident von China Haidian
Hon Kwok Lung, Präsident von China Haidian

Große Pläne

In Sachen Uhren ist die Käuferin kein unbeschriebenes Blatt: Neben der Schweizer Uhrenmarke Codex gebietet sie unter anderem zu 91 Prozent über die schnell wachsende Zhuhai Rossini Watch Industry Ltd. (Jahresumsatz 2010: rund 32,7 Millionen Euro), die Shenzhen Permanence Commerce Co. Ltd. (ein Distributeur von Citizen, Casio und Calvin-Klein-Uhren in China) sowie die EBOHR Luxuries International Company Ltd. (Jahresumsatz 2010: rund 30,3 Millionen Euro). Letztere ist eine 100-prozentige Muttergesellschaft der Swiss Chronometric SA mit Sitz in Luzern. Diese wiederum verlor 2010 zwar umgerechnet 1,63 Millionen Euro, besitzt jedoch große Pläne: Codex soll eine neue Luxusuhrenmarke mit Tourbillons und anderen mechanischen Komplikationen werden, gestaltet und produziert in der Schweiz. Der Vertrieb soll über freie Konzessionäre erfolgen: über die am 1. Juli 2010 eröffnete Swiss Chronometric Boutique und andere Verkaufspunkte der Gruppe. Diese unterhält davon allein in China zurzeit mehr als 1140; auf diese Weise kontrolliert Haidian gut 40 Prozent des chinesischen Uhrenmarkts. Insgesamt setzte Haidian 2010 mit unterschiedlichen Aktivitäten, zu denen auch industrielle Produkte gehören, rund 1,497 Milliarden Hongkong-Dollar (134,7 Millionen Euro) um. Der ausschütt bare Gewinn lag bei umgerechnet 22,45 Millionen Euro. Für jene 22,9 Millionen Franken (19,6 Millionen Euro), die Eterna kostete, bekam Haidian nicht nur Hardware in Gestalt von Immobilie und Maschinen, sondern auch ein ganzes Paket unterschiedlicher Handaufzugs- und Automatikkaliber bis hin zum legendären „Indicator“, kreiert in den zurückliegenden Jahren. Und genau diese Werkepalette einschließlich der im Entwicklungsstadium befindlichen Kaliberfamilie 39xx passt perfekt ins Zukunftskonzept der Verantwortlichen von Haidian, Präsident Hon Kwok Lung (56) und CEO Shang Jianguang (59). Außerdem währt der 1998 unterzeichnete Vertrag zur Fertigung von Uhren der Marke Porsche Design noch weitere acht Jahre. Dieser Sachverhalt hatte die rund 70 Eterna-Mitarbeiter auf ein Engagement der Stuttgarter Porsche Holding hoffen lassen. Aber ganz offensichtlich war Oliver Porsche als amtierendem Executive der F. A. Porsche Beteiligungen GmbH die Lust auf Uhren längst vergangen. Verkaufsgerüchte kursierten angesichts anhaltender Verluste in Millionenhöhe nicht erst seit gestern. Dem Vernehmen nach hatten die milliardenschweren Salzburger der Eterna einen Familienkredit in Höhe von 43 Millionen Franken eingeräumt. Es steht zu vermuten, dass er auch abgerufen wurde und im Zuge der Veräußerung abgeschrieben werden muss. Gut vorstellbar, dass für den 50-jährigen Oliver Porsche mit dem nun abgeschlossenen Verkauf ein chronometrischer Albtraum endet. Noch am 20. Juni 2011 hatte Eternas CEO Patrick Schwarz ein mangelndes Interesse Schweizer und anderer europäischer Investoren festgestellt. Ein paar Tage danach erfolgte der Verkauf an China Haidian. Schwarz war schon am 5. Juli 2011 nicht mehr für eine Stellungnahme zu erreichen, offiziell befand er sich „im Urlaub“. Dass er CEO der Manufaktur bleibt, erscheint unwahrscheinlich.

Shang Jianguang, CEO von China Haidian
Shang Jianguang, CEO von China Haidian
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