Interview mit Patek-Philippe-Präsident Thierry Stern – Baselworld 2014

Patek-Chef Thierry Stern, Baselworld 2014
Patek-Chef Thierry Stern, Baselworld 2014

Auf der Baselworld 2014 sprach ich mit Patek-Philippe-Präsident Thierry Stern über die Messe, die aktuelle Strategie und junge Uhrenkäufer. Thierry Stern war gut gelaunt und zum Scherzen aufgelegt. Auf meine Frage, welche Jubiläumsuhren Patek Philippe im Herbst zum 175-jährigen Bestehen bringt, antwortete er: “eine iWatch”, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. Die ernsthaften Antworten lauteten wie folgt:

Herr Stern, das letzte Mal sahen wir uns bei der Patek-Philippe-Ausstellung KunstWerkUhr in München im Oktober 2013. Wie sind Sie rückblickend mit dieser Ausstellung zufrieden? Das war ein großer Erfolg. Wir hatten sehr viele Besucher, über 20.000, und haben uns sehr darüber gefreut, zumal wir lang dafür gearbeitet hatten. Man hat auch gesehen, dass die Besucher ein großes Verständnis für Patek Philippe mitbrachten, dass sie unsere Uhren kennen und schätzen.

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Patek Philippe feiert in diesem Jahr sein 175-jähriges Bestehen. Sie werden das mit mehreren Jubiläumsmodellen feiern. Trotzdem zeigen Sie noch keines davon auf der Baselworld. Warum nicht? Ich denke, die Messe ist dafür nicht ganz der richtige Ort. Hier gibt es so viele Marken, die Besucher sind abgelenkt, und wir selbst hätten auch nicht die Zeit, alles entsprechend zu präsentieren. Man muss die Zeit auch nutzen, um über geschäftliche Dinge zu sprechen. Im Oktober werden wir die Jubiläumsmodelle präsentieren. Auf der Baselworld zeigen wir unsere aktuellen Neuheiten. Es gibt 23 neue Modelle.

Sie haben einen neuen Messestand zum Jubiläum. Letztes Jahr wäre etwas knapp geworden, denn wir wollten einen komplett neuen Stand entwickeln, und das braucht seine Zeit.

Was ist die Idee, die hinter der Architektur liegt? Die Öffnung. Er ist sehr transparent. Wir können unsere Produkte so präsentieren, dass man sie gut von außen sehen kann. Das war uns wichtig, denn die Besucher, die nicht in der Branche arbeiten, die also als Privatinteressierte hierher kommen, müssen immerhin 60 Franken Eintritt bezahlen und wollen dann auch Uhren sehen und nicht nur einen geschlossenen Stand. Gleichzeitig muss der Stand es unseren Mitarbeitern ermöglichen, hier effizient zu arbeiten. Die IT muss stimmen und so weiter. All das muss der Stand leisten. Die Perfektion, die dahinter steckt, ist auch ein Teil von Patek Philippe.

Sie sprechen von Offenheit. Was muss eigentlich ein Uhreninteressent, der nach Genf kommt, tun, um Patek Philippe von innen zu sehen? Er kann in unsere Boutique kommen. Dort zeigen wir alle unsere Uhren; es ist im Prinzip der einzige Ort auf der Welt, wo man die gesamte Kollektion sehen kann.

Kann man auch die Manufaktur in Plan-les-Ouates besichtigen? Ja, aber das geht nur auf Einladung eines unserer Konzessionäre. Sonst hätten wir zu viele Besucher, das würde den Rahmen sprengen.

Wo liegt heute die Einstiegspreislage für Patek-Philippe-Uhren? Unsere Damenuhr Twenty-4 mit Quarzwerk beginnt bei 9820 Euro, und die Aquanaut für Herren ist ab 15.300 Euro erhältlich.

Ich frage wegen der nachwachsenden Generation. Patek Philippe wirbt seit Jahren mit dem Thema Vererben, Ihre Anzeigenmotive zeigen Eltern und Kinder. Was bieten Sie dem jungen Publikum? Wir bieten eine Vielzahl an Uhren an, von der erwähnten sportlichen Stahluhr Aquanaut bis zur ultrakomplizierten Sky Moon. Eine Aquanaut oder Nautilus eignet sich schon gut für jüngere Menschen. Sie sollten noch keine Minutenrepetition tragen. Wir haben 186 verschiedene Referenzen in der Kollektion. Es ist schwer, bei Patek etwas nicht zu finden. Junge Käufer, die etwa Mitte zwanzig sind, mögen aber auch unsere Jahreskalender, obwohl der Preis dafür schon relativ hoch ist. Aber da ist es die interessante Technik, die begeistert.

Sie haben zwei Söhne. Tragen die bereits eine Patek Philippe? Nein, das wäre viel zu früh. Sie sind 11 und 12 Jahre alt. Dem Älteren habe ich gerade eine Tissot gekauft, der jüngere trägt eine Plastik-Swatch. Vorgestern sagte er mir, er hätte gern eine Patek, aber da muss er noch warten.

In welchem Alter haben Sie Ihre erste Patek erhalten? Mit 18, eine Nautilus Referenz 3800.

Welche Uhr tragen Sie heute? Die Referenz 5970, einen Chronographen mit ewigem Kalender in Gelbgold. Diese Uhr war für mich eine Herausforderung, denn mein Vater sagte vor einigen Jahren: Diese Uhr musst du neu gestalten, ein Redesign vornehmen. Das war nicht einfach, denn die alte 3970 war eine Ikone. Ich habe zwei Jahre lang am Gehäuse gearbeitet, und als die Uhr dann herauskam, war sie ein Riesenerfolg. Zuvor hatte ich ganz schön geschwitzt. Daher mag ich sie so gern.

Tragen Sie sie täglich? Ich wechsle ab mit einer zweiten Uhr, der Aquanaut Travel Time. Die nehme ich gern zum Reisen. Insgesamt besitze ich acht oder neun Uhren, aber zu 90 Prozent der Zeit trage ich diese beiden. Ich besitze auch den Chrono 5070 in Platin, aber den trage ich nur auf Events. Dann noch eine Nautilus, eine Taschenuhr, eine 10 jours – und natürlich immer wieder Prototypen. In unserer Familie trägt man nicht so viele unterschiedliche Uhren. Wir haben vor allem Spaß daran, die Uhren herzustellen.

Sie zeigen in diesem Jahr einige neue Uhren in Edelstahl, zum Beispiel die Referenz 5960, einen Chronograph mit Jahreskalender, oder die Nautilus Travel Time Chronograph. Zielen diese Modelle auch auf ein jüngeres Publikum? Nicht unbedingt. Diese Uhren kosten immerhin über 40.000 Euro. Das ist für junge Leute schon sehr teuer. Bei diesen Uhren ging es mir darum, etwas Anderes zu machen. Sie haben Recht, diese Uhren sehen jung aus, aber gerade darum sind sie auch für Ältere interessant. Ähnlich war es damals, als wir die Aquanaut vorstellten. Mit der 5960 wird es ähnlich sein: Sie wird von Älteren und von Sammlern gekauft werden, aber auch von Jüngeren. Wir hatten immer Stahluhren, aber es war und ist nie unser Ziel, viele Stahluhren anzubieten.

In den letzten Jahren gibt es immer Menschen, die sich eine Patek Philippe als reine Wertanlage kaufen, ohne vielleicht die ganz großen Enthusiasten zu sein. Wie reagieren Sie darauf? Auf der einen Seite bedeutet das, dass Patek Philippe recht stark ist und es der Marke ganz gut geht. Auf der anderen Seite sehen wir es gern, wenn die Leute unsere Uhren auch tragen. Manchmal flunkere ich ein bisschen und sage diesen Kunden, es sei nicht gut für die Uhr, im Safe zu liegen, sie müssten sie auch tragen. Natürlich ist das nicht wahr, aber für uns ist es natürlich schöner, wenn die Uhren, in die wir so viel Arbeit und Liebe stecken, benutzt werden. Wir wollen auch nicht unsere Produktion künstlich limitieren, um so einen großen Hype zu schaffen.

Daher gibt es auch nicht viele limitierte Modelle. Wenn man das macht, braucht man einen guten Grund, wie dieses Jahr unser Jubiläum. Aber man sollte es nicht übertreiben.

Man hört immer, eine große Komplikation von Patek Philippe könne sich nicht jeder kaufen; die Kunden müssen Ihnen persönlich bekannt sein. Ja und nein. Wenn Sie eine Uhr wie eine Minutenrepetition nehmen: Da wollen wir schon wissen, wer die Leute sind. Es ist nicht so, dass Sie bereits 20 Uhren von Patek Philippe gekauft haben müssen. Wir wollen aber einschätzen können, dass Sie, wenn Sie so eine Uhr kaufen, diese auch behalten und sie nicht morgen auf einer Auktion für 30 Prozent mehr wieder verkaufen. Wir können auch nicht beliebig viele dieser komplizierten Uhren herstellen; sie haben einen gewissen Seltenheitswert. Und das wird auch so bleiben.

Wie viele Uhren fertigen Sie pro Jahr? 55.000. Davon 10.000 mit Quarzwerk. Das ist etwas weniger als vor einigen Jahren, als es noch 12.000 waren, denn die Damen mögen immer mehr mechanische Uhren. Dazu kommen 12.000 Uhren mit Handaufzug sowie 33.000 Automatikuhren.

Wie geht es mit der Siliziumtechnologie weiter? Wir sind schon sehr weit. Wir verwenden mittlerweile in den meisten unserer mechanischen Uhren Hemmungsbauteile aus Silizium; nur in einigen  Komplikationsuhren findet das noch nicht statt.

In wieviel Prozent der Uhren befindet sich Silizium? 80 Prozent haben bereits eine Unruhspirale aus Silizium. Anker und Ankerrad kommen jetzt. Den Regulator haben wir bereits herausgebracht. Auch die Referenz 5200 mit Achttagewerk kommt demnächst heraus. Am Anfang hat es gedauert, weil man viele Tests machen musste. In Deutschland waren unsere Kunden am Anfang eher zurückhaltend gegenüber Silizium. Aber Patek Philippe hat schon immer mit neuen Technologien gearbeitet. Warum sollte ich heute damit aufhören? Es bringt ja eine höhere Präzision.

Sind die Deutschen diesbezüglich konservativer? Oh ja. Das Neue macht immer etwas Angst. Aber wenn man das gut erklärt, wird es schon akzeptiert. Man muss ja auch sehen, dass ein mechanisches Uhrwerk rund 130 Teile hat, und wir sprechen hier nur über vier Teile aus Silizium. Die aber dafür sorgen, dass die Uhr viel besser läuft. Und man kann die Uhren künftig auch besser reparieren.

Wie wird das Patek-Philippe-Siegel akzeptiert? Es gibt keinerlei Fragen dazu. Viele Leute sagen, das bräuchten wir nicht zu machen, unser Name reicht aus. Als das Siegel neu war, dachte ich, es würde viel mehr Erklärungsbedarf geben.

Sind Sie mit der Werkefamilie, die Sie derzeit haben, zufrieden? Nein, niemals (lacht).

Wo gibt es Bedarf? Das kann ich nicht sagen. Aber was ich sagen kann, ist, dass wir die gesamte Entwicklung bis 2022 bereits geplant haben. Wir sind damit sogar spät dran, denn eigentlich sollte die Planung schon bis 2025 gehen. Die Entwicklung eines relativ einfachen Kalibers dauert allein vier Jahre. Bei großen Komplikationen mindestens acht Jahre. Deswegen müssen wir so weit im Voraus planen. Es dauert auch deshalb so lang, weil wir sicherstellen wollen, dass technisch alles perfekt ist und die Uhr auch in 20 Jahren noch repariert werden kann.

Können Sie alle alten Patek-Philippe-Uhren reparieren, auch wenn sie aus dem 19. Jahrhundert stammen? Ja. Zurückgehend bis 1839. So eine Restauration kann natürlich dauern, aber das verstehen die Leute auch. Es gibt Marken, die garantieren Reparaturen nur rückwirkend bis 30 Jahre. Das wäre uns zu wenig.

buc

 

 

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