Interview mit Stefan Johansson: Von der Motorrennsportlegende zum Uhrendesigner

Uhren als zweite Leidenschaft

Angus Davies
von Angus Davies
am 1. August 2014

Im Jahr 2011, nicht lange nach der Gründung meiner Website Escapement, erhielt ich eine Nachricht von einem Herren namens Stefan Johansson. Er schrieb, dass er unser Online-Magazin sehr gern liest und dass er seine eigenen Uhren gestaltet, interessanterweise unter dem Namen Stefan Johansson Växjö. Zuerst war ich vor allem geschmeichelt, dann begann ich, über den Namen nachzudenken. Er klang sonderbar vertraut.

Stefan Johansson: Von der Motorrennsportlegende zum Uhrendesigner
Stefan Johansson: Von der Motorrennsportlegende zum Uhrendesigner

Ich erinnerte mich daran, wie ich als 18-Jähriger Formel-1-Rennen geschaut habe und mir kam das Bild eines Fahrers namens Stefan Johansson vor Augen, im Ferrari-Overall und blondem Haar, ganz wie man sich einen Schweden vorstellt. Aber es konnte sich doch sicher nicht um ein und dieselbe Person handeln!
In der Tat war aber genau jener 57-jährigen Uhrendesigner auch der Rennfahrer, der für Ferrari, McLaren und Ligier fuhr, bevor er zu IndyCar wechselte und in Le Mans für Porsche startete – kein anderer also, als die Motorsportlegende, an die ich mich noch aus meiner Jugend erinnern konnte.

Stefan Johansson im Ferrari, Monaco 1986
Stefan Johansson im Ferrari, Monaco 1986

Es erschien mir leicht bizarr, dass jemand, bei dem es in der Vergangenheit hauptsächlich um Geschwindigkeit ging, der auf der Strecke um jede Zehntelsekunde kämpfte und seinen Körper an das absolute Limit physischer Belastbarkeit brachte, nun sein Alltagsleben eher in Schrittgeschwindigkeit führte. Natürlich verlangen sowohl Motorsport als auch Uhren ein Einfühlungsvermögen für mechanische Komponenten, die im Einklang miteinander zusammenarbeiten, um eine gewisse Funktion zu erfüllen. Dennoch fiel es mir schwer, die psychologischen Voraussetzungen, die man als ein Rennfahrer auf dem höchsten Niveau professionellen Motorsports benötigt, mit der erforderlichen Geduld in Einklang zu bringen, die man braucht, um unglaublich lange am Schreibtisch zu sitzen und sich in mühevoller Kleinarbeit Gedanken über winzige Designdetails zu machen.

Die Uhren von „Little Leaf“

Stefan begann schon früh, als er noch in Växjö/Schweden, lebte, ein Interesse für Motorsport zu entwickeln. Sein Vater, Roland Johansson, war Rennfahrer und nahm an Tourenwagen-Wettbewerben teil, beispielsweise mit dem Lotus Cortinas. Rolands Spitzname „Leaf (Blatt)“ ging darauf zurück, dass er aus Leaftown stammte. Stefan entdeckte seine Leidenschaft für den Motorsport, als er seinen Vater zu Rennen begleitete: „Ich bin quasi damit aufgewachsen”, erzählte er mit im Interview. “Bereits als Dreijähriger begleitete ich meinen Vater zu Rennen. Mein erstes Kart bekam ich mit acht und seitdem wusste ich, dass ich Rennfahrer werden wollte und nichts anderes.“
Stefan bekam schnell den Spitznamen „Little Leaf”, auf Deutsch: “Kleines Blatt“. Später trug er während seiner gesamten Karriere ein Blattsymbol auf seinen Rennhelmen, und auch die Uhren, die seinen Namen tragen, sind mit einem Blattsymbol verziert.

Stefan Johansson Växjö: Mark IX
Stefan Johansson Växjö: Mark IX

Stefan nimmt noch immer an Wettbewerben teil. Während unseres Gesprächs stellte sich heraus, dass er gerade erst vom Nürburgring zurückgekehrt war, wo er an der Vorqualifikation zu einem kommenden 24-Stunden-Rennen teilgenommen hatte. Dieses Rennen wird auf der 20,8 Kilometer langen Nordschleife ausgetragen. Dabei handelt es sich um eine Strecke, auf der seit einigen Jahren keine Formel-Eins-Rennen mehr gefahren werden, weil dort keine ausreichenden Auslaufzonen zur Verfügung stehen. Ich fragte Stefan nach diesem gefährlichen Aspekt der alten Strecke und den minimalen Fehlerspielraum, der sich daraus ergibt.
“Mein letztes Rennen dort fuhr ich 1983 mit einem Porsche 956. Wenn ich heute auf der Strecke fahre, kann ich nur feststellen, dass das damals der reine Wahnsinn war”, sagt er heute. “Der Fehlerspielraum ist mehr als gering, da die Strecke so schmal ist. Es gibt so gut wie keine Auslaufzone, sie ist weniger als 10 Fuß lang. Und die Absperrung befindet sich direkt neben einem. Es gibt noch einen kleinen Streifen Gras, etwa fünf bis sechs Fuß breit, mehr nicht. Jede Ecke wird im fünften oder sechsten Gang gefahren. Es ist schnell. Früher als ich mit dem Porsche 959 Rennen fuhr, erreichten wir auf den Geraden Geschwindigkeiten von 400 Kilometern. Es ist vollkommen verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Wenn man das Maximale aus einem Rennwagen herausholen möchte, dann auf dieser Strecke. Sie ist einfach atemberaubend.“ Wenn Stefan begeistert über seinen Sport spricht wird schnell klar, dass er immer Rennfahrer bleiben wird.

Uhren – die zweite Leidenschaft

Vor meiner Begegnung mit Stefan wäre ich wahrscheinlich davon ausgegangen, dass kein Rennfahrer über die notwendige Denkweise verfügt, um Uhrmacher oder Uhrdesigner zu werden. Stefan jedoch hat diesen Weg mit Erfolg eingeschlagen und bis dato mehrere Uhren unter seinem Namen hergestellt.
Ich fand es schwierig mir vorzustellen, dass man die Veranlagung, ungeduldig, aggressiv und hoch kompetitiv zu sein, mit der Gelassenheit und Ruhe eines Uhrenateliers in Einklang bringen kann. Stefans Charakter scheint jedoch zwei Seiten zu vereinen, und deshalb kann er in beiden Bereichen erfolgreich sein.

Hier geht es weiter mit dem Interview von Stefan Johansson

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