Klangkörper

Komplikationen: Uhren mit Schlagwerk

 Redaktion
von Redaktion
am 9. Juni 2011
Von IWC: die Portugieser Minutenrepetition in Platin (97.000 Euro)
Von IWC: die Portugieser Minutenrepetition in Platin (97.000 Euro)

Uhren mit Schlagwerk lassen die Zeit erklingen. Schlicht und unauffällig zeigen sich die Uhren meist von außen, doch die Mechanik im Innern gehört zu den kompliziertesten Aufgaben, die ein Uhrmacher zu lösen hat. Oft ist nur ein Schieber auf der linken Gehäuseseite einziges Indiz dafür, dass diese Uhrenmodelle ungefähr den Wert einer Luxuslimousine besitzen.

Eine Uhr mit Schlagwerk schlägt die Zeit durch kleine Hämmerchen auf einer Tonfeder. Die Repetition bleibt meist auf dem Zifferblatt verborgen, sie ist nur hörbar. Deshalb werden diese Uhren oft skelettiert, um den Mechanismus sichtbar zu machen. Schlagwerkuhren gehören deshalb zu den kompliziertesten Uhren, da es nicht nur schwierig ist, einen schönen Ton hinzubekommen, noch komplizierter ist es, die Zeit an den Schlagwerkmechanismus zu übermitteln und in entsprechende Schläge umzuwandeln.

Neben der Information, wie spät es ist, begeistert vor allem der schöne Klang der Uhren. Im Innern der Uhr wird dafür ein erheblicher Aufwand betrieben.

Die Idee des Schlagwerks in Armbanduhren gab es schon früh in der Geschichte. Die ersten Uhren mit Schlagwerk waren an Kirchtürmen oder Rathäusern schon um 1300 zu hören. Damals wurde die Zeit noch mit Hilfe der Sonne bestimmt. Später schlugen die mechanischen Uhren dann selbstständig die Stunden. Ende des 17. Jahrhunderts schlug die erste Taschenuhr auf Verlangen die Stunden und Viertelstunden. Später folgten Fünfminutenrepetitionen und die Minutenrepetition.

Derzeit gibt es eine Viertelstundenrepetition nur von Chronoswiss: Répétition à quarts (Edelstahl, 15.400 Euro)
Derzeit gibt es eine Viertelstundenrepetition nur von Chronoswiss: Répétition à quarts (Edelstahl, 15.400 Euro)

Am bekanntesten sind Uhren, die die Zeit erst Schlagen, wenn ein Drücker beziehungsweise Schieber betätigt wird. Mit diesem Schieber wird die Repetition ausgelöst und die Uhr zum Klingen gebracht: Beim Drücken des Auslösers wird eine Feder gespannt, die die Kraft kurzzeitig speichert. Die Feder muss dabei stark genug gespannt sein, um die komplette Zeit zu schlagen. Zudem muss es noch eine Alles-oder-Nichts-Schaltung geben. Die Kraft für das Schlagwerk bringt der Träger auf, indem er den Schieber bedient. Drückt er diesen nicht ganz durch, würde die Kraft für das Schlagen der ganzen Zeit nicht ausreichen. Die letzten Minuten würden fehlen. Um dies zu verhindern, gibt es die Alles-oder-nichts-Schaltung.

Bei der Viereltstundenrepetition werden zuerst die Stunden mit einem tiefen Ton geschlagen, dann die Viertelstunden mit einem Doppelton hoch-tief.

Präziser als die Viertelstundenrepetition gibt die Fünfminutenrepetition die Zeit an. Die vollen Stunden werden zuerst mit einem einfachen Ton geschlagen, danach folgen Doppeltöne für das Fünf-Minuten-Intervall.

Die Minutenrepetition ist die Königsdisziplin:
Sie schlägt die Stunden mit tiefem Ton, die Viertelstunden mit einem Doppelton hoch-tief und die Minuten mit einem hohen Ton. (Hier können Sie eine Minutenrepetition hören)

Bei allen Schlagwerkuhren muss ein Mechanismus dafür sorgen, dass die Zeit gleichmäßig und langsam geschlagen wird. Das geschieht mit der sogenannten Fliehkraftbremse, dem Windfang. Der Windfang ist ein Rad mit zwei Armen. Beim schnellen Drehen schleifen die Arme an der Platine und begrenzen so die Drehzahl. Da sich die Geschwindigkeit nur schwer regulieren lässt und der Windfang viel Platz benötigt, verwenden manche Hersteller ein Spitzankerrad, das einen Anker mit einem Gewicht am Ende oder eine Feder bewegt. Die Federlänge oder der Abstand des Gewichts zum Lagerpunkt kann über Exzenter eingestellt und die Ablaufgeschwindigkeit somit reguliert werden.

Westminsterschlag: Jaeger-LeCoultdre Hybris Mechanica à Grande Sonnerie (Set mit 3 Uhren: 1,8 Mio. Euro)
Westminsterschlag: Jaeger-LeCoultdre Hybris Mechanica à Grande Sonnerie (Set mit 3 Uhren: 1,8 Mio. Euro)

Während normalerweise die Zeit auf einer beziehungsweise zwei Tonfedern geschlagen wird, besitzt das Carillon (franz. Glockenspiel) sogar drei Tonfedern. Für jede Viertelstunde erklingt dann die Abfolge von drei Tönen. Es gibt auch Repetitionsuhren mit vier Tonfedern. Diese können den Westminsterschlag – den Schlag von Big Ben – imitieren. Kompliziert daran ist, dass bei jeder Viertelstunde nicht nur eine zusätzliche Sequenz gespielt wird, sondern sich alle Sequenzen auch bei jeder Viertelstunde ändern. Bei der ersten wird „gis, fis, e, h“ geschlagen, bei der zweiten Viertelstunde dann „e, gis, fis, h“ und zusätzlich „e, fis, gis, e“. (Hier können Sie Carillon und Westminsterschlag hören)

Die Jaeger-LeCoultre Hybris Mechanica à Grande Sonnerie schlägt bei den vollen Stunden zusätzlich nochmal die vier Tonfedern. Die Uhr besteht aus 1.300 mechanischen Teilen und besitzt neben der Minutenrepetition, einem ewigen Kalender und fliegendem Tourbillon auch eine Grande und Petite Sonnerie.

Die Sonnerie (franz. Geläut) ist ein Selbstschlagwerk, das im Grunde die Funktion der Turmuhren nachahmt: Die Petite Sonnerie schlägt normalerweise nur die Stunden, die Grande Sonnerie zusätzlich die Viertelstunden. Das klingt einfach, benötigt aber einige Bauteile, die in der Minutenrepetition nicht vorhanden sind. Dazu gehört ein zusätzliches Federhaus mit passendem Aufzugsmechanismus. Denn die Kraft kann nicht, wie bei der Repetition, durch das Bewegen des Schiebers jedes Mal erzeugt werden. Zudem benötigt eine Sonnerie einen Drücker zum Umschalten von Grande auf Petite Sonnerie und auf Stille, schließlich soll die Uhr ja nicht die ganze Zeit schlagen. Dieser Umschalter wird meist über eine Säulenradschaltung wie bei einem Chronographen gelöst.

Die Zeitwerk Striking Time von A. Lange & Söhne (Weißgold 75.000 Euro)
Die Zeitwerk Striking Time von A. Lange & Söhne (Weißgold 75.000 Euro)

Deutlich umfangreicher ist das Tonrepertoire der Girard-Perregaux Opera III: Diese Musikuhr lässt zur vollen Stunde oder nach Betätigen eines Drückers sogar ein ganzes Musikstück ertönen. Man kann zwischen Mozart oder Tschaikowski wählen. Im Innern dreht sich dann eine Musikwalze, die mit 150 handgesetzten Stiften 20 verschiedene Tonplättchen anzupft. In Rosé- und Weißgold kostet das Modell 503.500 Euro, in Platin 525.000 Euro.

Die Opera III von Girard-Perregaux (Platin: 525.000 Euro, Rosé- und Weißgold: 503.500 Euro)
Die Opera III von Girard-Perregaux (Platin: 525.000 Euro, Rosé- und Weißgold: 503.500 Euro)

 

Bei Ulysse Nardins Alexander the Great bewegt sich was
Bei Ulysse Nardins Alexander the Great bewegt sich was

Die frühen Schlagwerkuhren schlugen erst auf Glocken, später dann aus Platzgründen auf das Gehäuse. Als Erster setzte Abraham-Louis Breguet Tonfedern ein, die einen wohltönenden Klang erzeugen konnten. Diese Tonfedern bestehen aus rundem Stahldraht und liegen mit einer Umdrehung außen um das Werk. Die genaue Legierung, die von den Manufakturen für die Tonfedern benutzt wird, ist weitgehend unbekannt. Aber auch das Gehäuse spielt als Resonanzkörper eine große Rolle. Jaeger-Le-Coultre verschweißt die Federn sogar teilweise mit dem Saphirdeckglas, weil das einen schönen Klang ergibt. Patek Philippe und auch Blancpain setzen eine Kathedralenfeder ein. Sie ist wesentlich länger, da sie zweimal statt einmal um das Uhrwerk gelegt ist.

Bestellen Sie unseren Newsletter

Was gibt's Neues auf Watchtime.net?

Damit Sie stets rund um das Thema mechanische Uhr informiert sind, gibt Ihnen der Watchtime.net-Newsletter mehrmals wöchentlich den Überblick.

Zusätzlich und nur für kurze Zeit:
Ihr 5-EUR-Gutschein!*

Datenschutzbestimmungen habe ich gelesen und akzeptiert.**
*Mindestbestellwert 20 Euro
**Pflichtfeld
Schweizer Geheimtipps Feature-Box 2018

Uhren-Datenbank

In der weltweit größten Datenbank finden Sie aktuell 33793 Modelle von 802 Herstellern.

Datenbank-Suche