Moritz Grossmann: Von null auf hundert

Markenporträt

Rüdiger Bucher
von Rüdiger Bucher
am 17. Juni 2013

Am Anfang war nur der Name: In den letzten vier Jahren hat die Uhrmacherin Christine Hutter in Glashütte aus dem Stand eine Manufaktur aufgebaut. Bald sind die ersten 100 Uhren der neuen Marke Moritz Grossmann fertiggestellt. Das Porträt erschien in der Chronos-Ausgabe 01.2013.

Uhrmacherin Chrinstine Hutter
Uhrmacherin Chrinstine Hutter

„Eigentlich wollte ich Sport studieren.“ So, wie Christine Hutter diesen Satz ausspricht, könnte man ihn fast überhören. Ist ja auch etwas Alltägliches. Haben wir alle nicht irgendwann einmal etwas beginnen wollen, aus dem dann nichts wurde? Und dann kommt etwas dazwischen. Im Fall von Christine Hutter war es eine Verletzung. So konnte sie die Aufnahmeprüfung fürs Studium nicht absolvieren, und ihre berufliche Laufbahn bewegte sich in eine ganz andere Richtung.
Zwar verbrachte sie die Jahre nach dem Abitur wie geplant in München, aber nicht in Hörsaal und Turnhalle, sondern in der Werkstatt eines Münchner Juweliers am Rotkreuzplatz. Dort wurde sie zur Uhrmacherin ausgebildet. Begriffe wie Rad und Rotation, Antrieb und Geschwindigkeit bekamen nun eine andere Bedeutung. Statt sich selbst zu bewegen, musste sie dafür sorgen, winzige Metallteile am Laufen zu halten. „Das mechanische Arbeiten hat mir eine neue Seite an mir gezeigt“, sagt Hutter heute. Doch ihre eigene innere Unruhe trieb sie fort vom Werktisch. In den Folgejahren lernte sie die Uhrenbranche von allen möglichen Seiten kennen. Die Stationen hießen Wempe, Maurice Lacroix, Glashütte Original und A. Lange & Söhne. Sie beriet im Laden, führte Schulungen und Seminare durch und organisierte Events. Sie arbeitete in der Verkaufsförderung und baute Vertriebsstrukturen im Ausland auf. Bei Lange hatte sie zum Schluss sogar zwei Jobs: Sie verantwortete weltweit das operative Marketing und war zugleich zuständig für den Mittleren Osten. Nach München, Glashütte und vielen Reisen nach Übersee ging sie 2004 in die Schweiz – und damit zurück in den Fachhandel, zu Juwelier Schindler nach Zermatt.

Das bisher einzige Modell von Moritz Grossmann heißt Benu. Während die Produktion der 50 Weißgoldmodelle gerade anläuft, sind die 100 Exemplare in Roségold bereits ausverkauft.
Das bisher einzige Modell von Moritz Grossmann heißt Benu. Während die Produktion der 50 Weißgoldmodelle gerade anläuft, sind die 100 Exemplare in Roségold bereits ausverkauft.

Oktober 2012. Ich treffe Christine Hutter in ihrer heutigen Funktion, als Geschäftsführerin der jungen Marke Moritz Grossmann. 2010 wurde die erste Uhr vorgestellt; eine schöne, feine Dreizeigeruhr in Rotgold für 16.800 Euro, limitiert auf 100 Exemplare. Danach hörte man eine Weile nichts Neues. Aber bei meinem letzten Besuch in Glashütte sah ich das neue Manufakturgebäude. Hochmodern, riesengroß und designt wie ein Schiff. Ganz oben, auf der Rotunde, prangt der Name: Moritz Grossmann. So ein Gebäude für 100 Uhren? Und wenn es 500 wären! Meine Neugier war geweckt; ich wollte wissen, was da drin vor sich geht.

Christine Hutter holt mich am Dresdner Hauptbahnhof ab, wir fahren mit dem Auto nach Glashütte. Das Auto hat ein Schweizer Kennzeichen: AI, Appenzell-Innerrhoden. Zwar ist die am 11. November 2008 gegründete Grossmann Uhren GmbH ein Glashütter Unternehmen, aber die sieben Tage ältere Muttergesellschaft Grossmann International Uhren AG sitzt in der Schweiz. Von dort stammen auch die Investoren, die die junge Firma mit Geld ausstatten. Christine Hutter hat Glück: Das Kapital gibt ihr die Zeit, in Ruhe eine Manufaktur aufbauen zu können, ohne den Druck, vom ersten Tag an Geld verdienen zu müssen. Ein Zuckerschlecken ist es trotzdem nicht. Am Anfang war ja buchstäblich nichts da. Kein Gebäude, keine Mitarbeiter, keine Maschinen. Nur ein Name.

Weißgoldvariante der Benu
Weißgoldvariante der Benu

Der historische Moritz Großmann, der seinen Familiennamen mit einem scharfen S schrieb, gehörte zu den bedeutenden Uhrmachern der Stadt Glashütte. 1854 eröffnete der Zeitgenosse von Ferdinand Adolph Lange hier ein Atelier für Taschenuhren, Chronometer und Präzisionspendeluhren. 1878 wurde auf seine Initiative hin die Deutsche Uhrmacherschule in Glashütte gegründet, außerdem schrieb er wichtige Bücher über Konstruktion und Regulierung von Uhren. Irgendwann in ihrer Zeit bei Glashütte Original und Lange entdeckte Christine Hutter, dass die Markenrechte an Großmanns Namen noch frei waren, und ließ sie von einem Familienmitglied eintragen. Doch erst, als sie die Schweizer Investoren für die neue Marke begeistern konnte, kam die Sache ins Rollen.

Beim auf 25 Exemplare limitierten Platinmodell der Benu sind die Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht brauviolett sondern braun angelassen.
Beim auf 25 Exemplare limitierten Platinmodell der Benu sind die Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht brauviolett sondern braun angelassen.

Wir fahren über die Landstraße nach Glashütte. Der Weg führt über Dörfer mit wenig einladenden Namen. Eines heißt Elend, ein anderes Oberhäslich. Die Ortsansässigen legen Wert darauf, dass das Ä lang und das S weich ausgesprochen wird. Glashütte selbst ist in den letzten Jahren immer attraktiver geworden. Zwar gibt es nach wie vor keine repräsentativen Hotels – die großen Marken bringen ihre Besucher in Dresden unter –, aber die Firmengebäude können sich sehen lassen. Zu Lange und Glashütte Original, zu Nomos im neuen Bahnhof und Wempe in der Sternwarte, zu Tutima im neuen Domizil, zu Mühle und Union gesellt sich nun auch noch Moritz Grossmann. Und stiehlt mit seinem Schiff den anderen fast die Schau. Piratenschiff, das war meine Assoziation, als ich es zum ersten Mal sah. Nicht, dass es so aussehen würde, ganz im Gegenteil. Aber wenn man weiß, wie wenig grün sich manche Glashütter Marken sind, ahnt man, wie groß die Begeisterung bei den Mitbewerbern sein mag angesichts der Tatsache, dass Moritz Grossmann hier vor Anker gegangen ist. Und nannte man den Nachbarn Nomos nicht früher „Piratenmarke“? Im Innern des 80 Meter langen Gebäudes fühlt man sich jedenfalls wie der Kapitän auf der Brücke, wenn man die Fensterfront entlangläuft. Von hier hat man ganz Glashütte im Blick. Ganz rechts, von Christine Hutters Büro aus, kann man direkt in das Besprechungszimmer von Nomos schauen. Ganz links ist man schon auf der Höhe von Lange. Dazwischen liegt Tutima, dahinter Glashütte Original.

Erinnert an ein Schiff: das vor knapp einem Jahr bezogene Produktionsgebäude
Erinnert an ein Schiff: das vor knapp einem Jahr bezogene Produktionsgebäude
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