Neue große Zeiten in Fleurier

 Redaktion
von Redaktion
am 10. November 2008
FEF-Gebäude aus der Blütezeit der Uhrmacherei: Chopard Manufacture SA
FEF-Gebäude aus der Blütezeit der Uhrmacherei: Chopard Manufacture SA

Chopard erweitert nach über zehnjähriger Präsenz in Fleurier seine Rohwerkeproduktion. Diese wird hinter historischen Mauern in der ehemalige Fabrique d’Ebauches ablaufen.

 
 

Die Fabrique d’Ebauches in Fleurier (FEF) im Schweizer Kanton Neuenburg ist 1920 aus dem Familienunternehmen des Uhrmachers Jules Jéquier und dessen Söhnen Jules sowie Charles hervorgegangen. Mit der sogenannten Quarzkrise 1979 kam der Niedergang der Rohwerkeproduktion und die FEF wurde von der rasch expandierenden Rohwerkeholding Ebauches S.A. einverleibt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte und fertigte die FEF zahlreiche Handaufzugskaliber für Damen-‑ und Herrenarmband sowie Taschenuhren.

In den siebziger Jahren traf die große Quarz-Krise den auf Mechanik fixierten Rohwerkehersteller mit voller Wucht. Die Geschäfte liefen immer schlechter. 1979 blieb dem Management keine andere Wahl, als die Maschinen abzuschalten und dem Personal die Kündigungsschreiben zu überreichen. Parmigiani und ab 1996 auch die neu gegründete Chopard Manufacture SA bescherten Fleurier ein unverhofftes Comeback. Hier gab es sie noch, jene händeringend gesuchten Handwerker, die sich trefflich auf Mechanik verstanden. Zufall oder nicht: Zuerst mietete die Chopard Manufacture SA eine Etage im ehemaligen FEF-Fabrikgebäude, welches der Swatch Group als Rechtsnachfolgerin der Ebauches SA gehörte. Dann erforderte die stürmische Expansion kontinuierlich weitere Maschinen, zusätzliches Personal und damit zwangsläufig auch mehr Platz. Nach intensiven Verhandlungen konnte Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele das Bauwerk erwerben. Seitdem vollzog

Karl-Friedrich Scheufele sah die Bedeutung Fleuriers für den luxuriösen Uhrenbau

sich ein rasanter Wandel, 2008 sollen etwa 5000 L.U.C-Uhrwerke entstehen. Mit Blick auf das Genfer Siegel erfährt ein Teil davon in Genf seine Fertigstellung. Mittelfristig peilt Chopards Co-Präsident eine Verdoppelung der Produktion hochwertiger L.U.C Mechanik-­Kaliber an. Auch neue Materialien sind ein heißes Thema für die Mitarbeiter der neu gegründeten Abteilung Chopard Technologies. Spätestens im kommenden Jahr soll das 10-Hertz-Schwing- und Hemmungssystem mit Silizium-Ausstattung in ausgesuchten L.U.C-Uhrwerken zu finden sein. Zwei Patente sind dafür bereits angemeldet. Eines davon bezieht sich auf die Kraftübertragung mittels 50-zahnigem Silizium-Ankerrad. Das andere hat Plateau und Hebelstein zum Gegenstand, welche sich auf der Unruhwelle befinden.

Daneben wird das L.U.C-Tourbillon mit Aluminium-Drehgestell ab 2009 auch eine Silizium-Ankerhemmung besitzen. Das ist die eine Seite der Chopard-Medaille mit dem Namenszug Fleurier. Die zweite ist gerade im Entstehen, und ihre Struktur trägt abermals die Signatur Scheufeles: „Einerseits wollen und müssen wir auch bei den übrigen Chopard-Uhren unabhängiger werden von den angestammten Ebauches-Lieferanten, zum anderen dürfen wir das hohe L.U.C-Niveau durch industriell in größeren Stückzahlen produzierte Ebauches nicht verwässern.” Die logische Konsequenz besteht in einem zweiten Rohwerke-Standbein, das Chopard jüngst unter dem Namen Fleurier Ebauches SA ins Leben gerufen hat. Und damit kehrt exakt nach 30 Jahren die altehrwürdige Fabrique d’Ebauches de Fleurier unter neuen Vorzeichen, aber wieder als Familienunternehmen, zurück.

Es traf sich gut, dass in unmittelbarer Nachbarschaft ein dringend sanierungsbedürftiges Fabrikgebäude aus jener Zeit zum Verkauf stand. Nicht weniger als 5100 Quadratmeter stehen zur Verfügung. Alles wird in neuem Glanz erstrahlen. Nur die historische Fassade soll bleiben, obwohl sie nicht unter Denkmalschutz steht. Wenn die neue Fabrik ihren Betrieb aufnimmt, wird Chopard circa 25 Millionen Schweizer Franken investiert haben. Mittlerweile hat das tickende Erstlingswerk bei der exakt gegenüber liegenden Chopard Manufaktur Gestalt angenommen. Der Prototyp arbeitet zufriedenstellend und kann sich durchaus sehen lassen.

Vorder- und Rückseite des Prototyps mit der vorläufigen Bezeichnung GT 151…

„Natürlich fangen wir bei diesen Uhrwerken nicht am Nullpunkt an”, erläutert Karl-Friedrich Scheufele nicht ohne Stolz den Fleurier Ebauches-Debütanten mit Selbstaufzug durch einen Zentralrotor. „Industrialisierung heißt bei Chopard nicht, dass wir billige Kaliber herstellen werden. Wir transferieren nur das Bestehende auf einen niedrigeren Level.” Dahinter verbergen sich fürs Erste zwei durchdachte Adaptionen des 2006 zum zehnten L.U.C-Jubiläum vorgestellten Chronographenkalibers 10 CF, das nach einigen Modifikationen und Verbesserungen inzwischen 11 CF heißt. Die erste der beiden, derzeit GT 151 genannt, ist eine gerippte, also vom Chronographen-Schaltwerk befreite Automatik mit springendem Fensterdatum und Zentralsekunde. Der Durchmesser liegt bei 12½ Linien, die Höhe beträgt 4,95 Millimeter. Das Spannen der Zugfeder besorgt ein Zentralrotor mit wartungsfreiem Keramik-Kugellager in beiden Drehrichtungen. Das hoch effiziente Planetenrad-Automatikgetriebe, das für 62 Stunden Gangautonomie sorgt, hat Chopard unverändert vom Kaliber 11 CF übernommen.

…Dieses Kaliber mit Selbstaufzug durch Zentralrotor soll aus neuer Produktionsstätte kommen

Die konventionelle Glucydur-Unruh des 31-steinigen Newcomers vollzieht stündlich 28 800 Halbschwingungen. Bezüglich der Provenienz des Schwing- und Hemmungssystems hüllt sich Karl-Friedrich Scheufele in Schweigen. Ein Teil scheint wohl von Nivarox zu kommen. Ein Sekundenstopp ist ebenso vorhanden wie eine Schnellschaltung für die springende Datumsindikation. Der zweite Schritt wird dann in einer abgespeckten Großserienversion des Chronographenkalibers 11 CF bestehen. An der Flyback-Funktion wird es ihr ebenso wenig mangeln wie an der Alles-oder-nichts-Sicherung oder dem intelligenten Nullstell-Mechanismus für den Sekundenzeiger. Darüber hinaus handelt es sich jedoch um eine exklusive Konstruktion, die sich deutlich vom Üblichen abhebt. Wann dieses Uhrwerk Realität wird, steht noch nicht fest. Wenn Fleurier Ebauches Komponenten für jährlich bis zu 30 000 Rohwerke produziert, sollen rund 40 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste stehen. Weil eines Tages auch Uhrwerke montiert werden, dürfte der Personalstand auf 60 oder gar mehr anwachsen. Uhrmacher möchte Karl-Friedrich Scheufele gleichfalls ausbilden, ganz in der Tradition von Fleurier, wo früher eine Uhrmacherschule für qualifizierten Nachwuchs sorgte. Auf diese Weise könnte es durchaus sein, dass Fleurier eines Tages in altem uhrmacherischen Glanz erstrahlt. Das Fundament ist gelegt. Nun heißt es darauf bauen.

Gisbert L. Brunner, aus: Chronos 6-2008

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