Ungehemmte Innovation

Die Hemmung

 Redaktion
von Redaktion
am 21. November 2008
Völlig neue Konstruktion: Die Constant-Hemmung mit Siliziumfederblatt und flügelförmigem Rahmen von Girard-Perregaux

Jede mechanische Uhr ist auf eine Hemmung angewiesen. Dass nicht alle Hersteller die überlieferte Technik als Krone der uhrmacherischen Schöpfung ansehen, beweisen Patek Philippe und Girard-Perregaux mit zwei neuartigen Lösungen.

Allen mechanischen Hemmungen kommen zwei fast konträre Aufgaben zu: Einmal hemmen sie, ihrem Namen gemäß, den ungebremsten Ablauf des federkraftgetriebenen Räderwerks. Andererseits erteilen sie dem Gangregler – der Unruh samt Spirale – regelmäßige Antriebs­impulse, die für möglichst gleichmäßige Schwingungen sorgen. Die drei Schwingphasen der Unruh heißen Antriebsbogen, Ergänzungsbogen und Rückschwung. Während der Antriebsphase erhält die Unruh vom Uhrwerk – auf dem Weg über die Hemmung – ihren Kraftimpuls. Beim weiteren Weg bis zu ihrem Umkehrpunkt, also während des Ergänzungsbogens, verbraucht die Unruh die ihr zugeführte Energie. Der Rückschwung in die entgegengesetzte Richtung erstreckt sich bis zum Beginn des Antriebsbogens. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert dominiert die robuste, zuverlässige und präzise Schweizer Ankerhemmung das Geschehen. Sie lässt sich relativ preisgünstig herstellen und leicht handhaben. Gravierende Nachteile sind bei regelmäßiger Pflege und Wartung nicht zutage getreten. Bei der Energiebilanz schneidet sie indessen nicht sonderlich gut ab: Allein der Hemmungs­mechanismus verbraucht bis zu zwei Drittel der übertragbaren Energie; den eigentlichen Unruhimpulsen steht folglich nur ein bescheidenes Drittel zur ­Verfügung.
Kein Wunder, dass die Uhrenbranche seit Jahren nach einer Lösung mit höherer Energieausbeute sucht.
Nach Omegas Koaxialhemmung (1999), der weltweit ersten Siliziumhemmung von Ulysse Nardin (2001) sowie weiteren Innovationen von ­Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre, Paul Gerber und der Parmigiani-Schwester Atokalpa (jeweils 2006) dürfte auch das Jahr 2008 in die Hemmungsgeschichte eingehen. Es bringt zwei neue, hinsichtlich Geometrie und Kraftfluss völlig unterschiedliche Konstruktionen.
Nach den Referenzen 5250 und 5350 zündet Patek Philippe heuer die dritte Stufe eines ambitionierten Innovationsprogramms namens Advanced Research, die logischerweise 5450 heißt. Hinter den Nummern
Materialinnovation: Die Pulsomax-Hemmung von Patek Philippe mit Ankerrad, Unruhspirale und erstmals auch Anker aus dem patentierten Werkstoff Silinvar
verbergen sich drei streng limitierte Armbanduhren, denen unter anderem ein Jahreskalender und das patentierte Material Silinvar gemein sind.
Allem voran ging im Jahr 2001 die Gründung der Forschungsabteilung Nouvelles technologies, deren wesentliche Aufgabe es ist, durch neue Bauteile und Techniken die Leistung und Zuverlässigkeit mechanischer Uhren zu verbessern. 2002 begannen Patek Philippe, Rolex und die Swatch Group, die Anwendungsmöglichkeiten von Silizium auszuloten. Dieses Material, das schon lange als Grundstoff für Schaltungen und Mikrochips diente, besitzt in monokristalliner Form die gleiche Kristallstruktur wie Diamant. Silizium ist rund 60 Prozent härter und 70 Prozent leichter als Edelstahl. Darüber hinaus besticht es durch amagnetische Eigenschaften, Korrosionsfestigkeit und – nach der Hightech-Bearbeitung – eine absolut glatte Oberfläche, was einen schmiermittelfreien Betrieb möglich macht. Negativ schlug hingegen die Tatsache zu Buche, dass Silizium leicht bricht. Also optimierten Ingenieure am schweizerischen Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) und dem Institut für Mikrotechnik der Universität Neuenburg den faszinierenden Werkstoff für die Erfordernisse der Uhrenindustrie.
Das Material war freilich nur ein Aspekt: In den nicht öffentlichen Ateliers von Patek Philippe beschäftigten sich die Techniker zudem mit passenden Formen und Geometrien für die zu erwartenden Siliziumbauteile. Der erste sichtbare Output bestand 2005 in einem Ankerrad aus dem für Patek Philippe und seine Partner patentierten Werkstoff Silinvar, den die Genfer Nobelmanufaktur in nur 100 Exemplaren der weißgoldenen Jahreskalender-Referenz 5250 verbaute. Seitdem sind drei Jahre ins Land gezogen. Im Rahmen einer ersten Bilanz brachte Projektleiter Jean-Pierre Musy seine Freude darüber zum Ausdruck, „dass die Referenz 5250 in 900 Tagen Tragetests seit ihrer Lancierung eine hervorragende Amplitudenstabilität bewiesen hat. 75 Prozent der Uhrwerke in den Trageuhren haben ihre Unruh­amplitude bewahrt oder gar gesteigert. Bei den restlichen 25 Prozent bewegte sich die Amplitude im Rahmen der gesteckten Toleranzen. Die erwartete Ganggenauigkeit konnte bei allen Testuhren eingehalten werden. Und das Ziel ölfreier Funktion gilt bis zum heutigen Tag als erreicht.”
 
Materialeinheit: Nicht nur das individuell geformte Ankerrad, sondern auch der Anker in Patek Philippes Pulsomax-Hemmung besteht rundum aus dem Siliziumwerkstoff Silinvar, was die Zuverlässigkeit steigert
Materialeinheit: Nicht nur das individuell geformte Ankerrad, sondern auch der Anker in Patek Philippes Pulsomax-Hemmung besteht rundum aus dem Siliziumwerkstoff Silinvar, was die Zuverlässigkeit steigert
Der zweite Streich folgte durch Hinzufügen der Spiromax-Unruhspirale. Die mittlerweile ebenfalls fast 900 Tage währenden Trageversuche belegten aufgrund der flachen Spirale aus Silinvar mit patentierter Endkurve bei allen Uhren einen deutlich verbesserten Gang. Ob alle 300 stolzen Eigentümer der roségoldenen Referenz 5350 zu dem gleichen Ergebnis gekommen sind, lässt sich ­indessen schwer beurteilen. Etliche davon bewahren ihr seltenes Prachtstück wohl eher im Tresor auf, als es im Alltag zu tragen.
Viele positive Resultate haben Patek Philippe in diesem Jahr zu einem weiteren wichtigen Schritt in der Siliziumtechnik ermutigt. Er gründet sich einmal mehr auf die positiven Materialeigenschaften von Silinvar, das aus reinem Silizium hergestellt wird. Der dabei angewendete Vakuum-Oxidationsprozess bewirkt eine molekulare Oberflächenveränderung, die die Siliziumbauteile zur Verwendung in mechanischen Uhrwerken prädestiniert. Im Gegensatz zu Komponenten aus nicht oxidiertem Silizium kompen­sieren sie Tem­peraturschwankungen. Überdies benötigt Silinvar keine Oberflächen­beschichtung, die im Laufe der Zeit ­Schaden nehmen oder sich abnützen könnte. Somit war die neue Pulsomax-Hemmung mit Ankerrad und erstmals auch Anker aus Silinvar eine logische Konsequenz. Von der dritten Siliziumuhrengeneration wird Patek Philippe abermals 300 Exemplare, diesmal in Platin, fertigen. Das Ziel der einmal mehr zum Patent angemeldeten Innovation besteht in einer optimierten Feinstellung und Zuverlässigkeit mechanischer Kaliber.
Im Gegensatz zu anderen Hemmungskonzepten unserer Tage bleibt Patek Philippe bei seiner Pulsomax den Prinzipien der millionenfach ­bewährten Schweizer Ankerhemmung treu. Gleichwohl bringt Silinvar die gute alte Technik einen beträchtlichen Schritt nach vorn, bedingt durch die extreme Genauigkeit bei der Komponentenfertigung im Tiefätzverfahren DRIE (Deep Reactive Ion Etching) und die nunmehr mögliche Addition einer zweiten Bearbeitungsebene.
Der neue Silinvar-Anker bringt drei beachtliche Innovationssprünge mit sich:
1. Es handelt sich um ein Monoblockgebilde ohne eingelackte Rubinpaletten. Durch die Integration der Paletten ist keine Justage der Eingriffstiefe ins Ankerrad nötig, und das steigert die Zuverlässigkeit. Die herkömmliche Schweizer Ankerhemmung stützt sich auf zwei formidentische Paletten. DRIE machte es möglich, jeder der beiden Paletten zur Maximierung des Energieflusses vom Ankerrad auf den Anker eine optimale Form zu verleihen. In diesem Sinne haben die Techniker die Impulsfläche, also die Oberfläche, von der aus die Energieübertragung erfolgt, hinsichtlich ihrer Länge und Ausrichtung für jede der beiden Paletten maßgeschneidert. Diese neue Geometrie hat Patek Philippe zum Patent angemeldet.
2. Die zweite Innovation ­bezieht sich ebenfalls auf die Ankerpaletten: Die klassische Schweizer Ankerhemmung verlangt nach Begrenzungen für die Winkelbewegung des Ankers. Sobald er während der Antriebsphase die nötige Energie an die Unruh weitergeleitet hat, wird der Anker blockiert. Aus dieser Stellung heraus kann er der Unruh nach ihrem Rückschwung einen weiteren Impuls verleihen. Uhrwerke einfacherer Bauart verwenden zum Begrenzen der Ankerbewegungen kleine Stifte. Die Zuerkennung des Gütesiegels Poinçon de Genève bedingt hingegen deutlich aufwändigere, in die Platine eingelassene Wandungen, französisch Etoqueaux genannt. Pulsomax braucht weder das eine noch das andere, denn der Anker steckt sich durch die Form seiner Paletten selbst die unabdingbaren Grenzen. Nach jeder Halbschwingung wird er abwechselnd durch die eine oder andere Palette vorübergehend in jener Position arretiert, aus der er beim nächsten Durchgang aktiv wird. Zu diesem Zweck hat Patek Philippe die Paletten mit einer zusätzlichen Funktionsfläche versehen. Die neuartige Rückstellfläche bildet zusammen mit der von herkömmlichen Paletten bekannten Ruhefläche eine so genannte Ruhekerbe. Hierin darf sich der jeweilige Zahn des Ankerrades nach getaner Impulsarbeit für einen kurzen Moment ausruhen. Im Funktionsablauf trifft der Zahn des Ankerrads also auf besagte Rückstellfläche. Er gleitet auf dieser herab, rutscht auf die Ruhefläche und kommt schließlich in der Ruhekerbe auch ohne die bis dato üblichen Wandungen zum Stehen. Patek Philippe bricht hier ganz bewusst mit dem Genfer Siegel, das bislang alle Werke der Manufaktur zierte. „Dieses System”, so Musy, „garantiert eine bessere Ausrichtung des Ankers sowie eine Optimierung der gemessenen Amplitude und damit auch der Ganggenauigkeit.”
3. Die dritte technische Innovation gilt dem hinteren Ende des Ankers. Bei genauer Betrachtung geht es um die Funktion des zwischen den Ankergabeln befestigten Sicherheitsstifts. Dieser kooperiert mit der kleinen Hebelscheibe auf der Unruhwelle und unterbindet während des Ergänzungsbogens der Unruh ein ungewolltes Verschieben der Ankergabel, wenn beispielsweise die Uhr einen Schlag erhält. Das ungewollte Ausschwingen des Ankers brächte ein Uhrwerk zwangsläufig zum Stehen. Infolge ihrer Anlehnung an die Schweizer Ankerhemmung kommt auch die Pulsomax-Hemmung nicht ohne diese Schutzvorrichtung aus. Allerdings übernimmt – der DRIE-Technik sei Dank – diese Aufgabe eine kleine, auf einer zweiten Horizontalebene angebrachte Brücke zwischen den beiden Gabelenden des Ankers. Sie ersetzt allerdings nicht nur den Sicherheitsstift, sondern dient zusätzlich auch einer Verstärkung der Gabelenden. Auch dieses Detail hat sich Patek Philippe durch ein Patent schützen lassen.
Zur Steigerung des Wirkungsgrads der Pulsomax-Hemmung haben die Ingenieure von Patek Philippe die integrierten Ankerpaletten vergrößert. So lässt sich mehr Antriebskraft vom Anker an die Unruh weiterreichen. Diese neuartige Geometrie des Silinvar-Vollankers bedingte zwangsläufig eine modifizierte Geometrie des Silinvar-Ankerrads. Anstelle der bislang üblichen 20 Zähne besitzt das neue nur 16. Auf diese Weise vergrößert sich der Zahnabstand beim Pulsomax-Ankerrad, und die deutlich breiteren Paletten des Pulsomax-Ankers passen dazwischen.
Formvollendet: Im Gegensatz zur Schweizer Ankerhemmung (links) sind die Pulsomax-Paletten (rechts) durch modifizierte Funktionsflächen genau auf ihre ­Anforderungen zugeschnitten
Formvollendet: Im Gegensatz zur Schweizer Ankerhemmung (links) sind die Pulsomax-Paletten (rechts) durch modifizierte Funktionsflächen genau auf ihre ­Anforderungen zugeschnitten
Die um 15 Prozent erhöhte Energieübertragung führt beinahe zwangsläufig auch zu einer Steigerung der Gangautonomie. Im Fall der Pulsomax-Hemmung sind es beachtliche 30 Prozent, das heißt aus 48 Stunden bei einem Uhrwerk mit Schweizer Ankerhemmung werden nun 62 Stunden. Infolge des spürbaren Energiegewinns hat ­Patek Philippe die Räder des ganzen Uhrwerks neu dimensioniert. Dank Pulsomax ließ sich das neue, aus 356 Komponenten zusammengefügte Au­to­matikkaliber 324SIRMQALU mit vier Hertz Unruhfrequenz (28 800 A/h) und unidirektional wirkendem Goldrotor prinzipiell auf eine geringere Anfangsamplitude auslegen, welche rund 40 Stunden lang weitgehend konstant gehalten werden kann. Zu nennen bleibt die ölfreie Funktionsweise, die für eine längere Lebensdauer spricht.
Brücke statt Stift: Der Sicherheitsstift der Schweizer Ankerhemmung (links) unterbindet ein ungewolltes Verschieben der Ankergabel bei Stößen. Bei der Pulsomax-Hemmung (rechts) übernimmt diese Aufgabe eine Verbindungsbrücke zwischen den Gabelenden des Ankers
Brücke statt Stift: Der Sicherheitsstift der Schweizer Ankerhemmung (links) unterbindet ein ungewolltes Verschieben der Ankergabel bei Stößen. Bei der Pulsomax-Hemmung (rechts) übernimmt diese Aufgabe eine Verbindungsbrücke zwischen den Gabelenden des Ankers
Von der relativen Einfachheit überlieferter Konstruktionen ist die neueste Girard-Perregaux-Kreation weit entfernt. Die „Constant” genannte Hemmung der altehrwürdigen Manufaktur, die zwischenzeitlich zu knapp einem Viertel der Luxusgütergruppe Pinault-Printemps-Redoute (PPR) gehört, gehorcht gänzlich anderen Gesetzen. Sie entspricht weitestgehend einem Patentantrag von Rolex aus dem Jahre 1998, der schließlich aufgegeben wurde.
Nicolas Déhon, der kluge Kopf hinter der neuartigen Konstruktion, arbeitet nicht mehr für Rolex, sondern steht mittlerweile in den Diensten von Girard-Perregaux’ CEO Dr. Luigi Macaluso. Beide zusammen strebten keine Evolution bekannter Mechanismen an, sondern eine echte Revolution, für die nun auch Girard-Perregaux ein ­Patent begehrt. Die in der Patentanmeldung formulierten Ansprüche konzentrieren sich laut einer offiziellen Stellungnahme auf die Verbesserungen der von Rolex skizzierten Prinzipien, und diese Verbesserungen seien durch langjährige Forschung in den entsprechenden Abteilungen bei Girard-Perregaux sowie durch zahlreiche Investitionen möglich geworden.
Die Idee zur Constant-Hemmung hatte Nicolas Déhon beim Fahren in einem Zug der Schweizerischen Bundesbahnen. Als er das Papierticket zwischen seinen Händen bewegte, entdeckte er die „bistabilen” Eigenschaften einer durch Knickung beanspruchten Blattfeder. Sie verkörpert ein elastisches Element, das die aufgenommene Energie konstant freisetzen kann.
Dieses Prinzip der Federkrafthemmung wurde bereits in Präzisionspendeluhren umgesetzt. Bei Armbanduhren gestalten sich die Dinge freilich ganz anders: Zu den winzigen Dimensionen gesellen sich die ständige Bewegung am Handgelenk und andere Kraftverhältnisse. Das Ergebnis der Entwicklungsarbeit besteht aus fünf Komponenten, zu denen ein extrem feines Siliziumblatt gehört. Diese Feder, kaum dicker als ein menschliches Haar, verkörpert Herz und Seele der gesamten Konstruktion. Bei jeder Halbschwingung erfährt der Mikrokraftspeicher einen winzigen Knick. Dadurch nimmt er weniger als ein Millijoule Energie in sich auf, die beim anschließenden Übergang vom stabilen in einen metastabilen Zustand an den Gangregler – Unruh und Unruhspirale – abgegeben wird. (Metastabilität liegt vor, wenn sich ein Körper durch eine Verzögerungserscheinung noch in einem Zustand befindet, der den äußeren Bedingungen nicht mehr entspricht.) Das geschieht so lange, bis die Antriebskraft erschöpft ist.
Realität und Entwurf: Während das Kaliber mit Girard-Perregaux’ Constant-Hemmung bereits tickt, existieren von der zugehörigen Uhr im Moment lediglich Entwürfe
Realität und Entwurf: Während das Kaliber mit Girard-Perregaux’ Constant-Hemmung bereits tickt, existieren von der zugehörigen Uhr im Moment lediglich Entwürfe

Weil die mikroskopisch kleine Siliziumhemmungsfeder unabhängig vom Spannungszustand der Zugfeder stets das gleiche Energievolumen transportiert, handelt es sich bei diesem Newcomer um eine Hemmung mit sogenannter konstanter Kraft. Das heißt, eine nachlassende Zugfederspannung führt nicht zu einem ungenaueren Gang. Die Hemmung liefert konstruktionsbedingt bei jeder Halbschwingung einen Impuls.

Diese theoretischen Vorgaben sind schwer zu realisieren: Zunächst benötigt man zwei Hemmräder aus Silizium oder im „LIGA”-Verfahren („Lithographie, Galvanisierung und Abformung”) aufgebautem Nickel. Jedes davon besitzt sechs Zähne und dreht sich mit Hilfe stählerner Wellen. Kleine Flügel gestatten bei der Montage eine exakte Positionierung dieser beiden Räder zueinander und in Bezug auf die weit ausladende Spannwippe. Letztere besteht aus goldbeschichtetem Nickel und bewegt sich in einem exakt definierten Winkel um eine Stahlachse. Links und rechts außen ragen feine Stahlstifte durch winzige Öffnungen in der Blattfeder; sie dienen dazu, die Feder vorzuspannen. Zwei senkrecht stehende Rubinpaletten am vorderen Ende stellen den Kontakt zum Hemmrad-Duo her. Jedes Hemmrad besitzt ein Zahntrieb, in welches das beide verbindende und die Bewegungsenergie liefernde Sekundenrad greift.
Ohne die besagte Hemmungs­feder rührt sich die Constant-Hemmung keinen Millimeter. Das rund 20 Mikrometer dicke, ­einen Zehntelmillimeter breite und etwa zwei Zentimeter lange Siliziumfederblatt wird zusammen mit dem elliptischen Rahmen – der die beiden äußeren Federblattenden hält und eine passgenaue Positionierung gewährleistet – und einem Teil der Impulswippe in einem Stück aus monokristallinem Silizium gefertigt. Der Siliziumteil der Impulswippe bewegt sich um die gleiche Achse wie die Spannwippe. Sein Drehpunkt entspricht dem Knickpunkt des Federblatts. An seinem hinteren Ende trägt er den bekannten Sicherheitsstift.
Die andere Komponente der Impulswippe wird wiederum im LIGA-Verfahren, allerdings aus Nickel, gefertigt und mit Gold beschichtet. Sie besitzt zwei seitliche Ausleger mit je einem Rubinpalettenpaar, durch das die feine Hemmungsfeder läuft. Zwei zusätzliche Rubinpaletten gewährleisten die erforderliche Passgenauigkeit im Zusammenwirken mit dem Siliziumteil der Impulswippe.
Schließlich sitzen – ähnlich der klassischen Ankerhemmung – auf der Unruhwelle zwei Scheiben. Die größere der beiden trägt die eingepresste Ellipse, die kleinere weist einen Einschnitt für den Sicherheitsstift auf. Jedes der beiden Hemmräder besitzt kurvenförmige Hebe- und zahnförmige Ruheflächen. Die Geometrie des gesamten Konstrukts ist so ausgelegt, dass beide alternierend in Aktion treten.
1. In der Aufzugsphase hebt das linke Hemmrad die linke Rubinpalette der Spannwippe, deren ausladende Flügel mit der Hemmungsfeder verbunden sind. Letztere verformen die Hemmungsfeder. Die gebogene Hemmungsfeder begibt sich dadurch so weit wie möglich aus ihrem stabilen in einen metastabilen Status, wodurch ein Energiepotenzial aufgebaut wird. Während der Aufzugsphase bringt die Spannwippe auch die Impulswippe in die richtige Stellung, und die Unruh vollzieht ihren Ergänzungsbogen.
2. In der Hemmphase bewegt sich keines der Hemmungsteile. Die Rolle auf der Unruhwelle und die Unruh erreichen den Extrempunkt ihrer Linksschwingung. Die Impulswippe ist nun so positioniert, dass ihre Gabel während des Rückschwungs der Unruh die Ellipse erwartet. Die Hemmungsfeder in metastabilem Stadium ist bereit, das angesammelte Energiepotenzial freizugeben.
3. Wenn die Ellipse während der Auslösungsphase in die Gabel der Impulswippe greift, löst sie deren Rechtsbewegung aus. Dadurch begibt sich die Hemmungsfeder über ihr metastabiles Stadium hinaus. Diese winzige Bewegung reicht aus, dass sich die Spannwippe leicht nach rechts dreht und ihre linke Rubinpalette das linke Hemmrad freigibt. Während dieser Phase wird ein wenig Energie in umgekehrter Richtung von der Unruh auf die Spannwippe übertragen.
4. Unmittelbar auf die Auslösung folgt die Impulsphase. Die Rückbewegung der gebogenen Hemmfeder vom metastabilen in den stabilen Zustand wirkt auf die Impulswippe ein. Diese dreht sich sofort nach rechts und erteilt so der Ellipse und damit auch der Unruh einen kleinen Kraftstoß. Während dieser Phase wird die von der Hemmfeder freigegebene Energie übertragen: zum ­einen in Richtung Spannwippe, die nach links schwingt, bis ihre rechte Rubinpalette in Kontakt mit dem rechten Hemmrad gelangt; zum anderen in Richtung der Impulswippe und damit auch zur Unruh.
Ein Prototyp der ungewöhnlichen, dem Vernehmen nach auch ausgesprochen präzisen Constant-Hemmung tickte während des Genfer Uhrensalons im April munter vor sich hin. Was jetzt kommt, ist die weitaus schwierigere Phase der Überführung in eine Kleinserienreife. An große Stückzahlen, das betonte auch Markenchef Luigi Macaluso, ist wegen der Komplexität vorerst nicht zu denken. Und das dürfte der wirkliche Grund sein, warum Rolex auf diese heikle Mission verzichtet hat. Als Nischen-Luxusmarke kann sich Girard-Perregaux solche uhrmacherischen Delikatessen jedoch leisten. Und gerade das bringt die gewünschte Vielfalt ins tickende Geschehen.

Text: Gisbert L. Brunner; aus: Chronos 5-2008

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