Vintage Panerai: Die Pape-Radiomir Referenz 3646 / Typ D

Geschichtsträchtige Uhren

Volker Wiegmann
von Volker Wiegmann
am 30. Juli 2013

Sehr wenige von den ohnehin nur in geringen Stückzahlen produzierten Kampfschwimmeruhren von Panerai sind bis heute erhalten geblieben. Einige dieser Uhren sind erst nach Jahrzehnten wieder aufgetaucht und geben heute Auskunft über ihren einstigen Verwendungszweck. Von diesen wenigen Exemplaren sind es wiederum nur eine kleine Anzahl von Uhren, deren Geschichte heute zurück bis zum Zeitpunkt ihrer Verwendung vollständig dokumentiert werden kann. Historisch belegbare Tatsachen über die Umstände und Begebenheiten aus der Zeit des 2. Weltkrieges, im Zusammenspiel mit Zeitzeugenberichten der wenigen heute noch lebenden Veteranen, dokumentieren diese Sammlerstücke in beeindruckender Weise. Heute stellen wir eine weitere Panerai-Uhr mit Geschichte vor:

Die Pape-Radiomir (Referenz 3646 / Typ D)

Die Pape-Radiomir ist eine von 60 heute bekannten Uhren des Typs D, die wir in unserer Datenbank seit dem Jahr 2003 erfasst haben. Die Uhren des Typs D besitzen im Gegensatz zu Uhren des Typs C (siehe Artikel „Die Lehmann Radiomir“) eine sechsstellige Gehäusenummer (der Nummernkreis des Typs D erstreckt sich von 260408 bis 260838) und wurden in den Jahren 1943 und 1944 produziert.

Typisch für die Radiomir-Gehäuse von Panerai ist das 26 mm breite Armband, das an die am Gehäuse angelöteten Bandschlaufen angenäht ist. Es war lang genug, um während den Einsätzen über der Tauchermontur getragen zu werden.
Typisch für die Radiomir-Gehäuse von Panerai ist das Armband, das an die am Gehäuse angelöteten Bandschlaufen angenäht ist. Es war lang genug, um während den Einsätzen über der Tauchermontur getragen zu werden. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Ein markantes Merkmal dieser Uhr ist das unsignierte Zifferblatt ohne Panerai-Schriftzug. Da diese Version fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Verwendung bei deutschen Einsatzkräften steht, wird sie unter Sammlern auch „3646 Kampfschwimmer“ oder „Kampfschwimmer Panerai“ genannt. Das Zifferblatt der Uhr hat einen Durchmesser von 37 Millimetern. Die Konstruktion des in Sandwich-Bauweise gefertigten Zifferblatts ist bis auf die fehlende Gravur des Schriftzugs „Radiomir Panerai“ identisch. Für eine gewisse Anzahl von Uhren hatten die damaligen Auftraggeber auf den Panerai-Schriftzug verzichtet und Uhren mit „anonymen Zifferblättern“ geordert.

Das reduzierte Zifferblatt: Acht Balken-Indizes und vier Zahlen. Mehr braucht es nicht, um ein Klassiker zu sein, dessen Elemente man bis heute in den Uhren von Panerai wiederfindet. (Foto: Jörg Wischmann)
Das reduzierte Zifferblatt: acht Balkenindizes und vier Zahlen. Mehr braucht es nicht, um ein Klassiker zu sein, dessen Elemente man bis heute in den Uhren von Panerai wiederfindet. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Die gebläuten Stahlzeiger der Pape-Radiomir sind noch heute mit ihrer original Leuchtmasse belegt. Oft findet man bei Zeigern dieser Art deutliche Alterungsspuren in Form von Korrosion, da die pulverförmige Leuchtmasse mit Wasser angemischt wurde und schon beim Auftragen mit dem Stahl der Zeiger reagiert hat. Bei einigen Uhren ist im Laufe der Zeit die gealterte Leuchtmasse teilweise oder sogar vollständig herausgebrochen. In einzelnen Fällen wurde diese nachträglich mit einer Leuchtmasse auf Tritium-Basis ersetzt. Es obliegt dem persönlichen Geschmack des Sammlers, die natürlichen Alterungsspuren zu erhalten oder die Leuchtmasse zu erneuern, um den Zeigern wieder ihre ursprüngliche Eigenschaft – die gute Ablesbarkeit bei Dunkelheit – zurückzugeben.

Auf den Bildern ist deutlich erkennbar, dass sich die Leuchtmasse des Zifferblatts im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte unterschiedlich stark verfärbt hat. Die Ziffern 3, 6, 9 und 12 sowie einige der Balkenindizes weisen Risse auf. Die Indexe bei 5, 10, 11 und 2 Uhr sind hingegen ohne Risse und erscheinen deutlich heller. Durch die feinen Risse in der obersten Lackschicht kam die darunter befindliche Leuchtmasse in Kontakt mit Sauerstoff und alterte dadurch stärker als die Balkenindizes, deren Lackschicht ohne Risse sind. Je nach Alterungsprozess findet man heute Uhren mit teilweise sehr unterschiedlich erscheinenden Zifferblättern, deren Leuchtmasse ein Farbspektrum von Honiggelb bis Tiefrot aufweisen. Dies hat zur Folge, dass fast jede dieser seltenen Uhren über die Jahre ein eigenes Gesicht bekommen hat. Bei einer neu aufgetauchten Uhr ist es immer wieder spannend zu entdecken, wie sich die im Zifferblatt erkennbaren Alterungsspuren darstellen.

Die Gravur des Gehäusebodens gibt Auskunft über den Zeitraum, in dem die „Einsatzgruppe Keller“ ihre Einsätze durchführte. Auch die Initialen des Erstbesitzers Heinz Pape („HP“) sind erkennbar. Foto: Jörg Wischmann
Die Gravur des Gehäusebodens gibt Auskunft über den Zeitraum, in dem die „Einsatzgruppe Keller“ ihre Einsätze durchführte. Auch die Initialen des Erstbesitzers Heinz Pape („HP“) sind erkennbar. Foto: Jörg Wischmann
[Foto: ©wischmann.de]

Auf dem Gehäuseboden befindet sich die mit einem umgebauten Rasierapparat angefertigte Gravur der „Einsatzgruppe Keller“ mit den Initialen ihres Trägers: Heinz Pape. Die auffälligen Gravuren wurden im Mai 1945 (während der Kriegsgefangenschaft im Lager von Rantum auf der Insel Sylt) von einem Uhrmacher angefertigt, der zum Begleitpersonal der „Einsatzgruppe Keller“ gehörte. Er hat auch die Gravuren auf den Uhren der Kampfschwimmer angefertigt, die anderen Einsatzgruppen zugeteilt waren und ebenfalls auf nordfriesischen Insel interniert waren (siehe Artikel „Die Lehmann-Radiomir“).

Mit der „Einsatzgruppe Keller“ 1945 an der Ostfront

Die hier vorgestellte Panerai-Uhr (Buch „History1“, Kapitel II) gehörte Heinz Pape. Er war 1944 von Ende Juli bis zum 22. August zur Hallen-Ausbildung der Kampfschwimmer in Valdagno (Italien) stationiert. Dort erfolgte eine intensive Schwimm- und Tauchausbildung sowie das Erlernen des Umgangs mit dem Sauerstofftauchgerät. Ab 23. August 1944 absolvierte er seine Meeresausbildung auf San Giorgio in der Lagune von Venedig, bevor er am 18. November auf die „Weisskoppel“ nach Sylt, dem damaligen Hauptquartier der Kampfschwimmer, verlegt wurde. Dort beendete er am 1. Februar 1945 seine Ausbildung und war ab 25. Februar 1945 bei der „Einsatzgruppe Keller“ („Kampfschwimmergruppe Ost“) im Einsatz, wo er bis kurz vor Ende des 2. Weltkrieges mehrere Einsätze gegen Pontonbrücken der vorrückenden Sowjettruppen durchführte. Dazu gehört auch ein Einsatz in der Oder bei Fürstenberg (dem heutigen Eisenhüttenstadt) mit zwei Gruppen zu je vier Kampfschwimmern. Die Oder bildete im Frühjahr 1945 bis zum Überschreiten der Sowjettruppen eine natürliche Frontlinie, die nur mit Pontonbrücken überwunden werden konnte. Gegen diese Pontonbrücken, aber auch gegen noch wenige intakte Eisenbahnbrücken, führten die Kampfschwimmer der „Einsatzgruppe Keller“ ihre Einsätze durch, in dem sie beim Anschwimmen an die Ziele ihre mitgeführten Sprengsätze an Brückenpfeilern oder Verankerungen der Pontons platzierten und per Zeitzünder aktivierten. Da neben der hier gezeigten Panerai-Uhr auch noch ein seltenes Tagebuch mit detaillierten Aufzeichnungen aus den letzten Wochen des 2. Weltkriegs existiert, war es möglich, die Einsatzroute der Kampfschwimmer um Heinz Pape entlang der Ostfront zu verfolgen. Heinz Pape machte in seinem Tagebuch viele Notizen über die Umstände der Einsätze, darunter auch Angaben über die Wassertemperatur oder die Fließgeschwindigkeit des Flusses – Angaben, mit denen es heute möglich ist, sich ein genaues Bild über die Einsatzbedingungen der Kampfschwimmer zu machen.

Heinz Pape im Jahr 1944 in seiner Marine-Uniform. Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann
Heinz Pape im Jahr 1944 in seiner Marineuniform. Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann

Die Einsätze erfolgten stets in der Nacht und führten teilweise durch an beiden Ufern bereits vom Feind besetztes Gebiet oder während heftiger Feuergefechte auch direkt entlang der Frontlinie. Je nach Einsatzziel transportierten die Kampfschwimmer kleinere Sprengsätze oder aber große Torpedominen im Schlepptau, die mit mehreren Kampfschwimmern an Haltetauen durch den Fluss an die Zielobjekte schwimmend transportiert wurden. Die Entfernung von der Einstiegstelle am Flussufer bis zum Ziel betrug oft mehrere Kilometer, wodurch die Kampfschwimmer stundenlang durch den Fluss schwimmen mussten. Starke Strömungen, Sandbänke und eisige Temperaturen. Das Wasser in der Oder hatte zum Zeitpunkt der Einsätze nur eine Temperatur von 3 Grad. Dieser Umstand erschwerte den Angriff erheblich.

 

Die „Einsatzgruppe Keller“ im März 1945 an der Ostfront. An den Handgelenken der Kampfschwimmer sind Panerai-Uhren und -Kompasse erkennbar. Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann
Die „Einsatzgruppe Keller“ im März 1945 an der Ostfront. An den Handgelenken der Kampfschwimmer sind Panerai-Uhren und -Kompasse erkennbar. Foto: Archiv Ehlers & Wiegmann

Zur Koordination mit anderen Einsatzgruppen war es für die Kampfschwimmer lebensnotwendig, in völliger Dunkelheit und unter Wasser die genaue Uhrzeit ablesen zu können, um zu einer vorher vereinbarten Zeit das Wasser pünktlich wieder zu verlassen und nach Möglichkeit zu den eigenen Linien zurückzukehren. Eine wasserdichte Panerai-Uhr mit Leuchtzifferblatt war ein wichtiges Instrument, welches ein Kampfschwimmer neben einem Armband-Kompass über seiner Tauchermontur trug. Unter den wenigen heute noch existierenden Exemplaren zählen Panerai-Uhren wie die hier gezeigte Radiomir von Heinz Pape mit einer solch umfangreichen Dokumentation zu den seltensten Einsatzzeitmessern ihrer Art.

Weitere Informationen über die Pape-Radiomir und deren Vorbesitzer sind im Buch „History1“ (Kapitel II) von Ralf Ehlers und Volker Wiegmann veröffentlicht. Hardcover, 26 x 26 cm, 420 Seiten Inhalt, mehr als 250 Fotos und 30 technische Illustrationen, trilingual (Deutsch, Italienisch, Englisch) Preis 189,- EUR. www.vintagepanerai.com

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