Zeitenwechsel

 Redaktion
von Redaktion
am 11. November 2008
Firmenzentrale in Ruhla: Zuerst VEB-Uhrenwerk, dann Gardé Uhren

Artur Kamp und die Ruhlaer Uhrenproduktion sind untrennbar verbunden. Kamp startete bereits 1960 als Ingenieur für Feinwerktechnik im örtlichen VEB-Uhrenwerk. 1991 kaufte er mit zwei Kollegen das inzwischen brachliegende Unternehmen und gründete die Firma Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla GmbH.

Uhrmacher-Ingenieur wurde Artur Kamp aus Freude an Feinmechanik. Mit einem Stipendium ging der junge Kamp 1956 nach Glashütte in Sachsen, wo er an der Deutschen Uhrmacherschule studierte. 1960 machte er den Abschluss als Ingenieur in Feinwerktechnik und trat im VEB-Uhrenwerk Ruhla, das damals 4000 Mitarbeiter beschäftigte, seine erste und letzte Stelle an. Die von den Gebrüdern Thiel 1862 gegründete Metallwarenfabrik hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Uhren- und Maschinenfabrik entwickelt. Artur Kamp ist in Ruhla geblieben – bis heute.

Nach Kriegsende übernahm die Sowjetunion die Uhrenschmiede, 1952 avancierte sie zum Volkseigenen Betrieb (VEB) der noch jungen DDR. Während der folgenden Jahrzehnte bis zum Niedergang des sozialistischen Deutschlands änderte sich die Situation nicht. In alter Thielscher Tradition wurden in Ruhla bis 1990 zwei Drittel des Umsatzes mit Uhren, der Rest mit Maschinen erwirtschaftet. Besonders erfolgreich war eine Universal-Fräsmaschine, die jetzt noch vielerorts in Betrieb ist.

Wenige Monate, nachdem Kamp in Ruhla angefangen hatte, zog man in ­Erwägung, die ganze DDR-Uhrenindustrie – Glashütte, Ruhla, Weimar, Seebach und was dazu gehörte – zu schließen. DDR-Bürger sollten russische Uhren kaufen. Tatsächlich war die sowjetische Uhrenindustrie nach dem Krieg sehr stark ausgebaut worden, wobei Kopien Schweizer und französischer Kaliber produziert wurden.  Die Produktionskapazität wurde so groß, dass Moskau ohne weiteres den ganzen Ostblock mit Uhren versorgen konnte. Dieses Projekt stieß in der DDR auf wenig Gegenliebe. Dem jungen und energischen Manager Heinz Wedler gelang es durch Verbindungen zu Persönlichkeiten der Staats- und Parteiführung, die heimische Uhrenindustrie zu retten – und dies nicht zuletzt, weil in Ruhla ein originelles, kontaktgesteuertes elektrodynamisches Kaliber entwickelt wurde, das damals als Spitzentechnologie galt.

Gründete Gardé Uhren: Artur Kamp neben einem Demonstrationsmodell des mechanischen Weckerwerks Kaliber 6 aus dem Jahr 1946

Natürlich produzierte das VEB-Uhrenwerk Ruhla weiterhin primär mechanische Uhren. Es gab zwei Kaliber mit den Bezeichnungen 44 und 54, mit kleiner Sekunde sowie Sekunde aus der Mitte. Sie wurden 1940 beziehungsweise 1928 zur Thiel-Zeit konstruiert. Als Kamp in Ruhla antrat, wurden davon eine dreiviertel Million pro Jahr hergestellt. Ein sehr wichtiges Ruhla-Produkt war der mechanische Wecker, der gleich nach Kriegsende konstruiert wurde. 1954 nochmals technisch überarbeitet produzierte man bis zur Wende bis zu 2,5 Millionen Einheiten pro Jahr. 1948 ergänzte ein Herrenkaliber mit Schweizer Ankerhemmung das Sortiment, dazu kam 1955 ein Damenkaliber, ebenfalls mit Ankerhemmung. Die Konstruktion war sehr robust, doch waren Uhren mit solchen Werken schwer verkäuflich. Verschiedene Komponenten dieser Uhren mussten aus der Bundesrepublik oder der Schweiz importiert werden, insbesondere Zugfedern, Unruhen, Spiralfedern und die Ankerhemmung. Das kostete Devisen, darum wurde die Produktion dieser beiden Luxuskaliber – die 150 000 Stück pro Jahr nie übertraf – 1963 sowie 1971 eingestellt.

Nach offizieller Doktrin musste die DDR-Produktion störfrei arbeiten, was unabhängig vom kapitalistischen Ausland bedeutet, das jederzeit einen Lieferstopp verhängen konnte. Ruhla schuf 1963 einen eigenen Automatisierungsbereich für die Uhrenproduktion, der bis zu 350 Mitarbeiter beschäftigte. In der Folge entwickelten die Ruhla-Konstrukteure das Kaliber 24 von 10½ Linien, das zum Renner wurde: Die Produktion erreichte innerhalb weniger Jahre fünf Millionen Stück. Ruhla war inzwischen zu 96 Prozent autark, Messinggehäuse wurden von Weimar, Goldgehäuse von der Schmuckfabrik Zwickau zugeliefert. Zifferblätter und Zeiger fertigte man im Haus, Steine und Spiralfedern bezog man aus Glashütte. Zur Zeit der Wende war Ruhla auf 7700 Mitarbeiter angewachsen. Glashütte und Weimar hatten noch je 2000 Mitarbeiter, beide Betriebe gehörten seit 1967 zu Ruhla. 60 Prozent der Produktion wurde ins westliche Ausland exportiert, vorwiegend in die Bundesrepublik, wo der Vertrieb primär über Warenhäuser und Versandhäuser erfolgte. Eine weitere Million Werke wurden jährlich nach Hongkong exportiert. Der Rest der Werke-Produktion wurde zu Fertiguhren verarbeitet. Das Kaliber 24 erreichte so viel Popularität, dass es sich lohnte, die Werkmontage zu automatisieren. In dieser Hinsicht war man in Ruhla weltweiter Pionier, man baute 1971 drei parallele, vollautomatische Montagelinien.

Werkversammlung: (untere Reihe v.l.) Kaliber 26 der elektrischen Armbanduhr, 1969; Kaliber mechanische Armbanduhr Start, 1928; (mittlere Reihe v.l. u. o.) Kaliber 13 der Quarzuhr, 1984, sowie zwei Kaliber der mechanischen Armbanduhr, 1963

1978 gab es eine Umstrukturierung der Uhrenindustrie, fortan gehörte diese zum Kombinat Mikroelektronik Erfurt. Die Uhrenindustrie der DDR wurde jedoch von Ruhla aus weiter zentral geleitet. Kamp avancierte bereits ein Jahr zuvor zum Direktor für Forschung und Entwicklung. Insgesamt wurden enorme Summen investiert und auch der Maschinenbau auf Mikroelektronik-Maschinen umgestellt. Das elektrodynamische Uhrwerk trug die Bezeichnung Kaliber 25/26. Das Kaliber 25 wurde auch in Taschenuhren, Uhren fürs Lenkrad bzw. das Armaturenbrett, Tischuhren und Wecker eingebaut. Die Produktion war sehr lehrreich, denn man musste lernen, freitragende Flachspulen für die Montage auf der Unruh zu fertigen. Samarium-Cobalt-Magnete, Goldkontakte und Knopfbatterien waren weitere Bauteile, mit denen man in der DDR bisher noch keine Erfahrung hatte und die sich später als wichtige Voraussetzungen für die Konstruktion von Quarzuhren erwiesen. Mit der Entwicklung eines Quarzarmbanduhrwerks begann man 1969, wobei die Entwickler von der elektrodynamischen Uhr in mancher Hinsicht profitierten. Der Lavet-Motor – die ideale Lösung für den Antrieb – war in Ostdeutschland nicht sehr bekannt. Man baute eigene Prototypen und eine Vorserie von 100 Stück unter Verwendung eines Ankermotors. Dieses Uhrwerk mit der Bezeichnung Kaliber 29 erforderte einen in keinem Verhältnis stehenden Arbeitsaufwand und war nicht so zuverlässig, wie erwartet.

Ein weiteres wichtiges Ruhla-Produkt der DDR-Zeit war der Quarzwecker Kaliber 62 mit Lavet-Schrittschaltmotor, der 1983 lanciert wurde. Ausschließlich für den eigenen Markt produzierte Ruhla jährlich eine halbe Million vollelektronischer Quarzkaliber mit Flüssigkristallanzeige (LCD). Die DDR-Regierung war der Ansicht, dass sich die digitale Uhr universell durchsetzen würde, während Artur Kamp sie als relativ kurzlebige Modeerscheinung betrachtete, womit er Recht behielt. Heute produziert man in Ruhla nur noch eine analog anzeigende Funkuhr, bei der zwei ins Zifferblatt integrierte LCD-Anzeigen das komplette Datum, die Kalenderwoche, die Stoppfunktion und den Alarm anzeigen.

Als das Ende der DDR nahte, machte die Geschichte auch vor den Uhrenwerken nicht halt: Die Treuhandanstalt übernahm das ehemalige VEB-Unternehmen und wandelte es zur GmbH um. Die meisten Mitarbeiter wurden auf Kurzarbeit null gesetzt und die Fabrik wurde zur leeren Hülle. Ende Juni 1991 lag die Uhrenproduktion vollständig brach. Ein trauriger Niedergang, waren in der DDR doch insgesamt 14 Millionen Uhren produziert worden, davon 43 Prozent Quarzuhren. Kamp machte sich selbstständig. Mit zwei Kollegen gründete er die Firma Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla GmbH. Dank kreativer Ideen gelang es, eine längere Durststrecke zu überwinden. Der Uhrenhersteller fräste bis 1994 in Millionen von Telefonkarten eine 0,3 Millimeter hohe Tasche zur Aufnahme des Elektronik-Chips. Die erforderlichen Hartmetallfräser fertigte man selbst, sie wurden zu einem Produkt, das heute noch erfolgreich ist. Gardé Uhren erhielt im selben Jahr einen ersten Kredit. Die Uhrenmontage konnte wieder aufgenommen werden, doch ausschließlich mit zugekauften Teilen. Die Uhrwerke bezog man von der Schweizer Ronda, die Gehäuse kamen ebenfalls aus der Alpenrepublik. Auch fand sich ein neuer Partner in Nordenham, für den das mechanische Innenleben eines Fehlerstromschalters produziert wurde.

Von der Armbanduhr bis zum Wecker: Heritage im firmeneigenen Museum

Mit der Entwicklung einer Funkuhr begann man 1993 und stellte zwei Jahre späterdas serienreife Produkt vor. Dieser Zeitmesser entwickelte sich zum Renner. Im Bereich konventioneller Quarzuhren und mechanischer Uhren arbeitet Gardé bis heute mit der Vertriebsfirma Point-Tec in Ismaning bei München zusammen und montiert für sie Uhren der Marken Zeppelin und Junkers. Inzwischen profitiert Gardé von mehreren Standbeinen. Die Feinmechanik erwirtschaftet 60 Prozent des Umsatzes, wobei man eng mit der Reifenfabrik Continental zusammenarbeitet. Gardé fertigt ein spezielles Ventil für die Reifenform, das die Bildung von Noppen an der Oberfläche neuer Reifen verhindert und für bessere Auswuchtung sorgt. Zudem produziert man Komponenten für DOM-Sicherheitsschlüssel.

Funkuhren und gewöhnliche Quarzuhren sind weiterhin sehr wichtige Standbeine. Für die von Gardé angebotenen mechanischen Uhren und Chrono­graphen werden Eta-Werke eingekauft. Gardé besetzt einige Nischen mit Produkten, die es in China nicht gibt, insbesondere Blinden-Armbanduhren, 24-Stunden-Wilduhren für Jäger, dazu kommen auch Private-label- und Werbeuhren. Schachuhren baute Ruhla schon 1953, dieses Programm hat Gardé als Spezialität übernommen. Gardé beschäftigt aktuell zwischen 50 und 60 Mitarbeiter und könnte expandieren, wenn sich nur Uhrmacher fänden. Seit 2004 ist Artur Kamp im Ruhestand, doch als Berater ist er noch aktiv. Ehrenamtlich ist er Beirat des Uhrenmuseums, das ­unter seiner Regie entstand. Während der sozialistsischen Jahren sammelte Kamp über 1300 Exponate, die er durch die Wirren der Wende rettete. Das Museum ­öffnete 2002 und zieht jährlich rund 6000 Besucher an.

Lucien F. Trueb, aus Chronos: 6-2008

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