Junghans Max Bill: Alles über die legendäre Bauhaus-Uhr

Von der Küchenuhr zur deutschen Uhrenikone

 Redaktion
von Redaktion
am 14. November 2017

Mit der Reduktion auf das Wesentliche schuf Max Bill ein Uhrendesign, das absolut zeitlos ist. Die Vorlage zur Junghans-Armbanduhr gab in den 1950er-Jahren eine Küchenuhr. Heute repräsentiert die Max Bill wie keine zweite Uhr die Kollektion von Junghans.

Sie interessieren sich für Junghans? Hier sind die 5 wichtigsten Fakten zu der Marke.

Eine aktuelle Version der Max Bill von Junghans mit Handaufzugskaliber Eta 2801-2 für 625 Euro.
Eine aktuelle Version der Max Bill von Junghans mit Handaufzugskaliber Eta 2801-2 für 625 Euro.

Der Architekt und Künstler Max Bill (1908-1994) erhielt Mitte der 1950er-Jahre den Auftrag von der Schramberger Uhrenfirma Junghans, eine Uhr zu gestalten. Genauer gesagt eine Küchenuhr mit Kurzzeitmesser. Junghans wollte einen alltäglichen Gebrauchsgegenstand aus der Hand eines Mannes, der nicht nur Produktdesigner war, sondern ebenso Maler, Bildhauer, Grafiker und Architekt.

Der Architekt, Designer und ehemalige Bauhaus-Schüler Max Bill im Jahr 1967
Der Architekt, Designer und ehemalige Bauhaus-Schüler Max Bill im Jahr 1967

Max Bill entwickelte die Junghans-Küchenuhr, die 1956 herauskam, zusammen mit seinen Studenten an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Als Antrieb für die neue Uhr gab Junghans Max Bill das mechanische Acht-Tage-Werk Exakta an die Hand; außerdem entschied der Auftraggeber, dass die Uhr aus Keramik sein solle und über einen Kurzzeitmesser zu verfügen habe. Alles Weitere war Max Bill und seinem Team überlassen. Die Junghans-Küchenuhr setzte die gestalterischen Tugenden, die das funktionalistische Design seit dem Bauhaus forderte, exemplarisch um: Ein Gegenstand sollte so gestaltet sein, dass er seine Funktion optimal erfüllte.

Max Bills erste Uhr: Die Junghans Küchenuhr mit Kurzzeitmesser von 1956 hat Design-Geschichte geschrieben.
Max Bills erste Uhr: Die Junghans Küchenuhr mit Kurzzeitmesser von 1956 hat Design-Geschichte geschrieben.

Voraussetzung für Max Bill: Die perfekte Ablesbarkeit der Uhr

Bei einer Uhr musste es daher in erster Linie um die perfekte Ablesbarkeit gehen. Also reduzierte Max Bill das Zifferblatt auf die Elemente, die hierfür essenziell sind: Eine Minutenskala, deren Balken gut sichtbar voneinander getrennt sind, wird durch etwas längere Striche für die Stunden, die außerdem durch arabische Ziffern gekennzeichnet sind, gegliedert. Drei gut voneinander zu unterscheidende Zeiger laufen über das Zifferblatt. Die arabischen Ziffern selbst lehnen sich an Typen der modernen Druckgrafik an und geben bei aller Nüchternheit ein unverwechselbares Bild, bei dem besonders die eigenwillige »4« von der kreativen Hand spricht, die hinter diesen Zahlen steht. Das Zifferblatt der Küchenuhr besitzt die logischste, am deutlichsten auf die Funktion bezogene aller Uhrenformen: Sie ist kreisrund und entspricht damit der Form, die die sich drehenden Zeiger beschreiben.
Dieses Küchenuhren-Zifferblatt sollte der Ausgangspunkt für alle weiteren Max-Bill-Uhren sein. Die Skala des Kurzzeitmessers lehnt sich an das Zifferblatt an und ist ebenso übersichtlich. Als kleinerer Kreis ist der Kurzzeitmesser unter dem Kreis des Hauptzifferblatts angeordnet. Die äußere Form der Küchenuhr scheint sich direkt aus dieser Anordnung zu ergeben; sie umfasst ganz einfach die beiden Kreise – was mit einleuchtender Logik zu einer Tropfenform führt. Gleichzeitig fügt sich diese so logische Tropfenform nahtlos ins Formenspektrum der fünfziger Jahre mit ihren Nierentischen und stromlinienförmigen Haushaltsgeräten. Auch das Himmelblau des Uhrengehäuses passt in ein Jahrzehnt, das nach der Tristesse des Krieges in Pastellfarben schwelgte.

Modernes Innenleben für ein modernes Design: Das Elektora-Batteriewerk trieb Bills Küchenuhr an
Modernes Innenleben für ein modernes Design: Das Elektora-Batteriewerk trieb Bills Küchenuhr an

Ein zweites rundes Modell erschien ebenfalls im gleichen Farbton. In den Folgejahren sorgte Junghans mit seinen ganz speziellen Kompetenzen dafür, dass die äußerlich so moderne Küchenuhr auch in ihrem Inneren auf dem neuesten Stand blieb: Junghans hatte sich schon früh mit der Entwicklung elektronischer Uhren befasst und baute für die Küchenuhr das kleine, über eine Laufzeit von einem Jahr verfügende Batteriewerk Elektora. In den Sechzigern schließlich erhielt die Küchenuhr das transistorgesteuerte ATO-Mat-Werk.

In den Sechzigern verwendete Junghans das transistorgesteuerte ATO-Mat-Werk für die legendäre Küchenuhr
In den Sechzigern verwendete Junghans das transistorgesteuerte ATO-Mat-Werk für die legendäre Küchenuhr

Die ersten Junghans-Armbanduhren von Max Bill

Dieses Küchenuhren-Zifferblatt war der Ausgangspunkt für alle weiteren Max-Bill-Uhren. Mit der Küchenuhr und der Wanduhr, die 1959 erschien, war der gestalterische Grundstein gelegt für das, was zu der zukunftsträchtigsten Kooperation zwischen Junghans und Max Bill werden sollte. Ab 1961 brachte Junghans Armbanduhren von Max Bill heraus. Ihre Zifferblätter sind Varianten der Küchenuhr: Ein Modell weist innerhalb der Strich-Minuterie Stundenziffern in der Bill’schen Typografie auf, außerhalb befindet sich eine weitere Minutenskala.

Junghans: Max Bill Automatic mit Stunden- und Minutenzahlen
Junghans: Max Bill Automatic mit Stunden- und Minutenzahlen

Die zweite Uhr verzichtet auf Ziffern und zeigt stattdessen eine Strichskala. Leuchtpunkte bei Drei, Sechs und Neun sowie ein Doppelpunkt bei der Zwölf ermöglichen das Ablesen auch nachts.

Junghans: Max Bill Automatic mit Strichindexen
Junghans: Max Bill Automatic mit Strichindexen

Junghans stattete die Armbanduhren von Max Bill mit dem Automatitkkaliber J84 aus. In diese Uhren floss das ganze Know-how des Schramberger Unternehmens, das sich intensiv mit der Werkeherstellung befasste und sogar Kaliber in Chronometerqualität produzierte.

Geschmacksmuster für eine der frühen Armbanduhren von Max Bill
Geschmacksmuster für eine der frühen Armbanduhren von Max Bill

Mit den puristischen Max-Bill-Armbanduhren setzte Junghans ein Zeichen. Sie waren meilenweit entfernt vom manchmal recht prätentiösen Uhrendesign der Epoche und wiesen in eine Zukunft, in der das Thema Design einen großen Aufschwung erlebte. Im Möbeldesign brach diese Phase in den Achtzigern an; in der Uhrenwelt mussten in der Dekade erst einmal die gravierenden Veränderungen bewältigt werden, die die rasante Entwicklung der Quarztechnologie mit sich brachte. Als sich die hochwertige mechanische Armbanduhr als international gefragtes Luxusprodukt etabliert hatte, erlebten die Max-Bill-Uhren von Junghans eine neue Blüte. 1997 begann das Schramberger Unternehmen mit einer Neuauflage unter dem Titel max bill by junghans. Die Modelle der Max-Bill-Kollektion sind seither zu Ikonen eines puristischen Uhrendesigns geworden und werden als solche von Uhrenliebhabern ebenso geschätzt wie von Design-Interessierten. Sogar ins Programm des MoMA-Store, des renommierten Design-Geschäfts des Museum of Modern Art in New York, haben die Max-Bill-Uhren Aufnahme gefunden.

Das Erbe von Max Bill: die aktuelle Uhrenkollektion

Junghans fertigt die Max-Bill-Uhren heute in vielen Varianten. Mit Handaufzugswerk oder automatisch gesteuert, mit farbigem Zifferblatt oder schlicht weiß. Es stehen diverse Bänder zur Auswahl und es gibt einen Chronographen, bei Junghans Chronoscope genannt. Hier wurde das unverwechselbare Bill’sche Uhrendesign um eine Chronographenversion erweitert, deren Gestaltung sich exakt an die formalen Vorgaben von Bills Dreizeigeruhren anlehnt.

Junghans: Max Bill Chronoscope mit Chronographenkaliber Eta/Valjoux 7750, Edelstahl, 40 mm, 1.695 Euro
Junghans: Max Bill Chronoscope mit Chronographenkaliber Eta/Valjoux 7750, Edelstahl, 40 mm, 1.695 Euro

Und natürlich gibt es auch eine Max Bill für Damen. Dem Original am nähesten ist die Handaufzugsversion in 34 Millimeter Stahl, mit oder ohne Ziffern auf einem hellen Zifferblatt für 625 Euro.

Die Junghans Max Bill für Damen mit blauem Zifferblatt. Edelstahl, 32 mm, Quarzwerk Eta 955.412, 495 Euro
Die Junghans Max Bill für Damen mit blauem Zifferblatt. Edelstahl, 32 mm, Quarzwerk Eta 955.412, 495 Euro

Das gewölbte Hart-Plexiglas der Max-Bill-Uhren wird heute bei allen Modellen mit dem Schutzlack Sicralan beschichtet. Dadurch werden die Gläser kratzfester, UV- und chemikalienbeständiger und erhalten einen tieferen Glanz. Auch Wand- und Tischuhren im Design Max Bills stellt Junghans heute wieder her – mit Ziffern oder ohne und entweder mit Quarzwerk ausgestattet oder mit der Funktechnologie, für die Junghans berühmt ist. Seit mehr als einem halben Jahrhundert bewähren sich die Entwürfe Max Bills für Junghans durch ihr konsequent durchdachtes, funktional und ästhetisch kompromissloses Design. Bis heute erscheinen sie wie der Inbegriff einer Uhr: Zeitmesser, wie ein Kind sie zeichnen würde. Sie haben sich als „so zeitlos, wie das eben gehen würde, ohne die zeit zu vergessen“ erwiesen – ganz wie Max Bill es wollte.

Junghans: Max Bill Edition 2017 im Set bestehend aus Armband- und Tischuhr
Junghans: Max Bill Edition 2017 im Set bestehend aus Armband- und Tischuhr, limitiert auf 222 Stück, 990 Euro

 

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