Hands-on: Junghans Aquaris Diver
Größe zeigen im Wasser
Viele denken bei Junghans zuerst an Max Bill. Das ist seit langem so, schwächt sich in den letzten Jahren aber ab. Denn die Schramberger haben viel getan, um als Marke vielfältiger zu sein, gleichzeitig wurde die Kollektion klarer strukturiert. Zuletzt haben Firmenchef Hannes Steim und seine Mitstreiter die Meister-Kollektion leicht gestrafft und Linien wie die sportliche 1972 und die Fliegeruhrenlinie Pilot gepusht. Letztere, die früher auch unter „Meister“ firmierte, hat zudem eine stärkere eigene Identität erhalten.
Junghans‘ erste professionelle Taucheruhr
Anfang 2026 kam der nächste Schritt, und der war ein großer: Junghans stellte seine erste Taucheruhr vor, mit dem Namen Aquaris. Intimkenner der Marke mögen einwenden, dass es in den frühen 1970er-Jahren schon mal eine Junghans 600.30 Taucher gab, doch der Beiname war angesichts der damaligen 10 bar Wasserdichtheit etwas überambitioniert. Nein: Junghans, die deutsche Traditionsmarke, die in den letzten Jahrzehnten unter anderem mit Flieger-, Funk- und Solaruhren von sich reden gemacht hat, baut sich mit ihrer ersten professionellen Taucheruhr ein zusätzliches Standbein auf.
Die Aquaris gibt es in zwei verschiedenen Ausführungen. Für dieses Hands-on haben wir uns für die Aquaris Diver entschieden. Und zwar für die Variante, bei der der Viertelkreis des Innendrehrings und die Umrandung des Minutenzeigers in Orange ausgeführt sind (es gibt auch eine Variante in Grün). Daneben hat Junghans ein Modell Aquaris ohne den Zusatz „Diver“ lanciert – sie bietet die gleichen Funktionen, ist aber mit schmaleren Zeigern, kürzeren Indexen, kleineren Zahlen und einem Sonnenstrahlzifferblatt in Rot oder Blau optisch etwas lifestyliger ausgeführt.
Seit wir das erste Mal hörten, dass Junghans eine Taucheruhr herausbringen will, waren wir gespannt. Wie würde sie aussehen? Welche Features würde sie Trägern abseits des Wassers bieten? Eine Taucheruhr von Grund auf neu zu gestalten, ohne historische Vorbilder, ist alles andere als trivial. Nicht zuletzt muss man es bewerkstelligen, gestalterisch nicht zu nah an bestehenden Modellen anderer Marken zu segeln.
Bulliges Gehäuse im Compressor-Stil: Junghans Aquaris Diver
WatchTimeDesign aus eigenem Hause
Das hat Junghans geschafft: Die Aquaris erinnert einen nicht an bekannte Taucheruhren, die Schramberger grenzen sich hier deutlich von anderen Marken ab. Glücklicherweise besitzt Junghans eine eigene Inhouse-Designabteilung mit Gestaltern, die seit vielen Jahren für das Unternehmen tätig sind. Sie kennen die Marke, ihre Geschichte und ihre Codes in- und auswendig. Sie haben die Aquaris nach einem Vorbild aus dem eigenen Haus modelliert. Die optische Basis bildet das kissenförmige Gehäuse der 1972 Chronoscope Sports Edition, das sich auch bei der 1972 Mega Solar findet. Diese Modelle sind freilich mit einem Durchmesser von 43,3 mm und einer Bauhöhe von 11,3 beziehungsweise 10 mm kleiner als die Aquaris. Und sie unterscheiden sich von ihr auf der rechten Seite, wo sich bei ihnen zwei Drücker und eine mittig platzierte Krone befinden.
Bei der Aquaris finden sich stattdessen zwei Kronen, getrennt durch einen weit aus dem Gehäuse herausstehenden Flankenschutz. Beide sind verschraubt, was zur hohen Wasserdichtheit von 50 bar oder 500 Metern beiträgt. Mit der oberen stellt man den Innendrehring ein, die untere dient zum Einstellen der Uhrzeit und zum Aufziehen von Hand. Das ist bei einer Automatikuhr wie der Aquaris eigentlich nicht nötig, kann aber sinnvoll sein, wenn die Uhr stehengeblieben ist und schnell wieder Energie braucht. Ein schönes Detail: Beide Kronen tragen unterschiedliche Gravuren, die einen daran erinnern, was ihre jeweilige Funktion ist. Im Fall der Krone bei vier Uhr ist es das Junghans-Logo mit dem achtzackigen Stern und dem Junghans-J in der Mitte. Die Krone bei zwei Uhr zeigt dagegen drei stilisierte Fische. Sie symbolisieren die Tauchfunktion. Beim Start eines Tauchgangs kann man so die dreieckförmige Nullmarkierung mit dem Minutenzeiger synchronisieren, um später zu sehen, wie lange man schon unter Wasser ist. Das ist wichtig, da man nach einer bestimmten Tauchzeit nicht zu schnell wieder auftauchen darf, um keine gesundheitlichen Schäden zu erleiden. Aus diesem Grund lassen sich die Lünetten von Taucheruhren nur entgegen dem Uhrzeigersinn bewegen. Bei einem versehentlichen Verstellen zeigt die Uhr dann einen längeren Aufenthalt unter Wasser an, aber keinen kürzeren.
Zusätzlich zum Stahlband liefert Junghans ein Kautschukband mit.
JunghansDoppelter Schutz
Mit der Verschraubung der Krone und dem einseitig drehbaren Ring ist die Aquaris gleich doppelt gegen ein unabsichtliches Verstellen geschützt – anders als manche Modelle, denen ein Innenring mit aufzuschraubender Blockierung genügt und die den Ring selbst beidseitig drehbar gestalten. Wie bei den meisten Taucheruhren ist der Drehring für die erste Viertelstunde minutengenau beschriftet, danach gibt es für alle fünf Minuten eine Markierung. Obwohl für die Lünette 60 Rastungen ausreichen würden, arbeitet Junghans mit 120. Daraus ergibt sich ein weicheres Drehgefühl. Der Ring hat allerdings etwas Spiel, sodass man genau hinschauen muss, um ihn exakt auf die passende Markierung zu stellen.
Genauso wichtig wie die Wasserdichtheit ist bei einer Taucheruhr die Ablesbarkeit. Und bei der bleiben keine Wünsche offen: Stunden- und Minutenzeiger sind sehr unterschiedlich designt und leicht auseinanderzuhalten sowie großzügig mit Leuchtmasse belegt. Bei Dunkelheit beziehungsweise unter Wasser leuchten Zeiger und Lünettenbeschriftungen in einem satten Neongrün, während die Stundenindexe ebenfalls leuchten, aber schwächer und dadurch im Hintergrund bleiben.
Die mit Stahlband 214 g schwere Taucheruhr ist 14,5 mm hoch.
JunghansGroß, massiv, schwer
Wenn man die Aquaris Diver zum ersten Mal in die Hand nimmt, bekommt man sofort den Eindruck einer großen, massiven, sehr schweren Uhr. Junghans hat hier nicht am Material gespart. Stattdessen verkörpert die Taucheruhr mit ihrem bulligen Gehäuse im Compressor-Stil die 500 Meter Wasserdichtheit auch optisch. Dementsprechend stark spürt man sie am Handgelenk. Mit einem gemessenen Gewicht von 214 Gramm ist sie fast so schwer wie die Rolex Deepsea in Stahl mit Stahlband, die mit Ringlock-Gehäuse und 3.900 Metern Wasserdichtheit noch aufwendiger konstruiert ist.
Wie bei vielen Taucheruhren ist der Boden der Aquaris geschlossen und bietet damit Platz für eine Verzierung. Während andere Hersteller ihre Böden mit stilisierten Tauchern, Helmen oder Seesternen schmücken, hat sich Junghans für einen Fischschwarm entschieden. Insgesamt sind es 17 Fische, die aus dem Boden herausgearbeitet und blank poliert sind. So heben sie sich ab von der matten Bodenbasis.
Genauso massiv wie das Gehäuse ist das dreireihige Edelstahl-Gliederband ausgeführt. Es passt ideal zum Gehäuse. Sämtliche Glieder sind auf ihren Oberflächen satiniert, nur die Innenkanten poliert – das sorgt für interessante, nicht erwartete Lichteffekte. Daraus ergibt sich ein betont sportlicher Eindruck mit einer Prise Eleganz, was gut mit dem Charakter der Uhr harmoniert. Das Band verfügt zudem über ein Schnellwechselsystem, „Doppel-Pin Quick Release“ genannt. Dessen Bedienung ist allerdings nicht sehr einfach: Man muss zwei dünne, aber nicht leichtgängige Stifte zusammenpressen, die sich dabei unangenehm unter die Fingernägel schieben – und das Ganze mehrmals, falls es beim ersten Mal nicht klappt. Dadurch ist die Freude an dem mitgelieferten Kautschukband nicht ganz so groß.
Den Boden der Aquaris Diver ziert ein Fischschwarm-Motiv.
JunghansEine Schließe, die viel kann
Die Schließe, bei vielen Uhren ein kaum beachtetes Feature, spielt bei der Aquaris eine herausgehobene Rolle. Technisch bietet sie eine Menge: zum einen eine Schnellverlängerung, die man auch jenseits des Wassers nutzen kann. Das ist von Vorteil, wenn an einem heißen Sommernachmittag oder nach längerem Spazierengehen der Arm angeschwollen ist und nach mehr Platz verlangt. Die Rasterverstellung umfasst zehn Stufen und lässt sich bedienen, ohne dass man die Uhr abnehmen muss. So kann man das Band um insgesamt 22 Millimeter verlängern. Zum anderen ist eine richtige Tauchverlängerung integriert, die über einen Klappmechanismus funktioniert. Das ist wie ein zusätzliches Glied, das sich herausklappen lässt und unabhängig von der Schnellverlängerung funktioniert. Hieraus ergibt sich eine weitere Verlängerungsmöglichkeit um sogar 26 Millimeter. So kann man die Uhr bequem über dem Tauchanzug tragen.
Um die Uhr vom Handgelenk zu nehmen, muss man erst den Schutzbügel hochklappen und dann die darunter liegenden Drücker zum Öffnen nutzen. Das ist aber etwas, was man bewusst tun muss. Intuitiv greift man unwillkürlich nach den weiter außen stehenden, größeren und mittiger positionierten Drückern für die Schnellverlängerung. Wenn man die Aquaris erst seit kurzem besitzt, wird man aus Versehen immer wieder die Schnellverstellung betätigen, anstatt die Uhr zu öffnen. Das ist ein Umstand, an den man sich erst gewöhnen muss.
Dank der innovativen Schließe lässt sich das Band verlängern, ohne dass man die Uhr abnehmen muss.
WatchTimeKooperation mit Seiko
Beim Werk vertraut Junghans einmal mehr auf die gute Zusammenarbeit mit Seiko, die man seit über anderthalb Jahrzehnten pflegt. Das Automatikkaliber J830 basiert auf einem nicht genannten Seiko-Kaliber der 1998 eingeführten 9S-Generation, die auch bei Grand Seiko zum Einsatz kommt. Wahrscheinlich handelt es sich um das 9S55 mit Datumsfunktion. Es wird von Seiko nach Vorgaben von Junghans gefertigt, mit individualisierten Brücken und Unruhkloben sowie einem eigenen Rotor und markenspezifischen Finissierungen. Die Feinregulierung erfolgt über einen Rücker mit Exzenterschraube.
Die Werke der 9S-Generation sind auf eine außergewöhnlich hohe Präzision hin konzipiert. Grand Seiko reguliert sie standardmäßig auf eine Gangabweichung zwischen minus drei und plus fünf Sekunden pro Tag ein – das ist noch genauer als die Vorgaben der Schweizer Prüfstelle COSC, die Werte zwischen minus vier und plus sechs Sekunden verlangt. Bei unserem Gangtest auf der Witschi-Zeitwaage bestätigte sich die Präzision des Werks mit einem durchschnittlichen Vorgang von +3,9 Sekunden in 24 Stunden, wobei sich die Werte in den einzelnen Lagen zwischen null und acht Sekunden Vorgang bewegten. Lediglich beim sogenannten „Abfall“ gab es vereinzelt zu hohe Werte, was auf eine leichte Unregelmäßigkeit beim Ticken hinweist. Unterm Strich ist das aber ein gutes, wenn auch nicht sehr gutes Ergebnis.
Fazit
In einer Zeit, in der die Durchmesser der Uhren generell schrumpfen, ist die fast 47 Millimeter große und 14,5 Millimeter dicke Junghans Aquaris Diver eine echte Statement-Uhr mit großer Präsenz am Handgelenk. Für den Tauchgang ist sie eine zuverlässige Begleiterin, beim Schwimmen mag sie der eine oder die andere zu schwer finden. Die Uhr überzeugt durch ihr markeneigenes Design und die hohe Zuverlässigkeit. Auf die zusätzlichen 214 Gramm am Arm muss man aber vorbereitet sein. Für den Preis von 2.790 Euro bietet sie viel.