Chronographen mit Geschichte: Neue Modelle mit historischem Hintergrund
Kaum eine Uhrengattung ist so eng mit technischen Entwicklungen, sportlichen und historischen Ereignissen verbunden wie der Chronograph. In seiner reichen Geschichte finden die heute aktiven Marken eine Menge an Inspirationsquellen – von der Zahl und Anordnung der Hilfszifferblätter über Tachymeterskalen bis hin zur Rechenschieberlünette. Die Art und Weise, wie solche Anregungen nutzt, ist dabei ähnlich vielfältig und reicht von der nahezu originalgetreuen Reproduktion bis zur Neuinterpretation historischer Funktionen oder der Restaurierung originaler Kaliber. Vier Chronographen-Neuheiten des Jahres 2026 zeigen, wie unterschiedlich dieser Umgang mit der Geschichte ausfallen kann. Besonders interessant sind dabei die Verbindungen zwischen historischem Vorbild, aktueller Gestaltung und moderner Uhrwerktechnik.
Breitling Navitimer B09 und B02 Cosmonaute: Die Rückkehr der Twin-Jet-Ära
Breitling: Navitimer B09 Chronograph 41 Twin Jet
BreitlingDie Navitimer ist nicht nur einer der bekanntesten Chronographen, sie gehört auch zu den bedeutendsten Ikonen der Uhrengeschichte insgesamt. Als Breitling sie 1952 vorstellte, war sie vor allem als Instrument für Piloten gedacht. Ihre charakteristische Rechenschieberlünette erlaubte verschiedene Berechnungen, die im damaligen Cockpit zum Alltag gehörten. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Navitimer zu einem der prägenden Modelle der Marke.
Mit zwei neuen Varianten knüpft Breitling nun besonders eng an die Gestaltung der 1960er-Jahre an. Die Navitimer B09 Chronograph 41 und die Navitimer B02 Chronograph 41 Cosmonaute übernehmen nicht nur die charakteristische Zifferblattgestaltung mit kontrastierenden Totalisatoren, sondern tragen auch das historische Twin-Jet-Logo. Das goldfarbene Emblem mit den stilisierten Flugzeugen geht auf die späten 1950er-Jahre zurück und gehörte zu den markanten Kennzeichen früherer Navitimer-Generationen.
Die beiden Uhren stehen für unterschiedliche Kapitel der Modellgeschichte. Die Navitimer B09 orientiert sich an den klassischen Chronographen der 1960er-Jahre, die u. a. von so illustren Rennfahrern wie den Formel-1-Weltmeistern Jim Clark und Graham Hill, die beide auch passionierte Privatpiloten waren, getragen wurden. Mit schwarzem oder blauem Zifferblatt, weißen Totalisatoren und umlaufendem Rechenschieber greift sie deren unverwechselbare Formensprache auf. Auch der Verzicht auf eine Datumsanzeige unterstreicht die Nähe zum historischen Vorbild.
Breitling: Navitimer B02 Chronograph 41 Cosmonaute Twin Jet
BreitlingNoch unmittelbarer ist der historische Bezug der Cosmonaute. Sie geht auf jene besondere Navitimer zurück, die Breitling 1962 für den amerikanischen Astronauten Scott Carpenter entwickelte. Carpenter trug sie am 24. Mai 1962 während seines Raumflugs mit Mercury-Atlas 7. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal war damals wie heute die 24-Stunden-Anzeige. Sie erlaubt es, Tag und Nacht auch unter Bedingungen auseinanderzuhalten, bei denen sich der natürliche Rhythmus von Sonnenauf- und -untergang nicht wie gewohnt wahrnehmen lässt.
Beide Neuheiten besitzen ein 41 mm großes Edelstahlgehäuse, einen beidseitig drehbaren Rechenschieber und ein Manufakturkaliber mit Handaufzug. In der B09 arbeitet das gleichnamige Breitling-Chronographenwerk mit konventioneller Zwölfstundenanzeige, während die Cosmonaute vom Kaliber B02 mit 24-Stunden-Anzeige angetrieben wird. Beide Werke sind COSC-zertifiziert und verfügen über rund 70 Stunden Gangreserve.
Die eigentliche Neuigkeit liegt allerdings in der Positionierung innerhalb der Kollektion: Nachdem historisch inspirierte Navitimer mit Handaufzug in jüngerer Zeit vor allem als limitierte Sondereditionen angeboten wurden, gehören beide Varianten nun dauerhaft zum regulären Sortiment.
Navitimer B09 Chronograph 41 | Edelstahl, 41 mm | Kaliber B09, Handaufzug | ca. 70 h Gangreserve | wasserdicht bis 30 m | Kalbslederband mit Faltschließe oder 7-gliedriges Edelstahlband | ab 7.450 Euro
Navitimer B02 Chronograph 41 Cosmonaute | Edelstahl, 41 mm | Kaliber B02, Handaufzug | ca. 70 h Gangreserve | wasserdicht bis 30 m | Kalbslederband mit Faltschließe oder 7-gliedriges Edelstahlband | ab 10.000 Euro
Seiko Prospex Speedtimer: Japanische Chronographengeschichte neu interpretiert
Himmelblaues Zifferblatt: Seiko Speedtimer HBD001
SeikoAuch Seiko kann auf eine lange Chronographentradition zurückblicken. Der japanische Hersteller gehörte 1969 mit dem Kaliber 6139 zu den Pionieren des automatischen Armbandchronographen. Das Werk verband einen automatischen Aufzug mit einer Chronographenkonstruktion, die über ein Säulenrad und eine vertikale Kupplung verfügte. Beide technischen Merkmale sind auch heute noch typisch für zahlreiche hochwertige Chronographenkaliber.
Nur wenige Jahre später präsentierte Seiko weitere sportliche Chronographen, deren Gestaltung die Ästhetik der frühen 1970er-Jahre widerspiegelte. Zu ihnen gehörte der 1972 erschienene sogenannte Panda-Chronograph, an dessen Erscheinungsbild die beiden neuen Speedtimer-Modelle HBD001J1 und HBD002J1 anknüpfen. Beide Neuheiten gehören zur Prospex-Kollektion und verbinden das historische Design mit zeitgemäßer Uhrwerktechnik. Beide Modelle besitzen drei Hilfszifferblätter, markante Chronographendrücker und eine Tachymeterskala. Ihre abgerundeten Gehäuseformen und die kontrastierende Gestaltung der Totalisatoren erinnern deutlich an die Sportchronographen der frühen Siebziger.
Seiko interpretiert das historische Vorbild allerdings nicht vollständig originalgetreu. Insbesondere die Farben verleihen den beiden Neuheiten einen eigenständigen Charakter. Die HBD001J1 kombiniert ein hellblaues Zifferblatt mit drei dunkelgrauen Totalisatoren. Himmelblaue Akzente finden sich auch auf dem zentralen Stoppsekundenzeiger sowie auf den Zeigern der Chronographenzähler. Die Uhr wird an einem mehrreihigen Edelstahlband getragen.
Seiko: Speedtimer HBD002 mit Zifferblatt in Silbergrau
SeikoDie zweite Variante HBD002J1 präsentiert sich zurückhaltender. Ihr silbergraues Zifferblatt ist mit farblich abgestimmten Hilfszifferblättern versehen. Die hellblauen Akzente sind hier vor allem auf die Chronographenzeiger konzentriert. Ein graues Lederband unterstreicht die klassischere Ausrichtung.
In beiden Uhren arbeitet das Automatikkaliber 8R48 mit Säulenradsteuerung und vertikaler Kupplung, dessen Gangreserve bei rund 45 Stunden liegt. Beide Modelle kommen in einem 42 mm großen und 14,6 mm hohen Edelstahlgehäuse mit besonders widerstandsfähiger Oberflächenbeschichtung. Ein doppelt gewölbtes Saphirglas schützt das Zifferblatt, die Wasserdichtheit liegt bei 100 Metern. Mit Preisen von 2.780 Euro für die HBD001J1 und 2.680 Euro für die HBD002J1 liegen die beiden Speedtimer-Modelle deutlich unterhalb der meisten anderen Chronographen dieser Auswahl.
Seiko Prospex Speedtimer | Ref. HBD001J1 bzw. HBD002J1 | Edelstahl mit Hartbeschichtung, 42 mm | Kaliber 8R48, Automatik | ca. 45 h Gangreserve | wasserdicht bis 100 m | Edelstahlband bzw. graues Lederband, jeweils mit Sicherheitsfaltschließe | 2.780 bzw. 2.680 Euro
Angelus Chronographe Tachymètre: Die Ästhetik der frühen Chronographen
Angelus: Chronographe Tachymètre Stahl in Perlgrau mit Petrolblau
AngelusWährend die bisher vorgestellten Uhren auf konkrete historische Modelle zurückgreifen, steht bei Angelus vor allem die Formensprache klassischer Chronographen im Mittelpunkt. Der neue Chronographe Tachymètre nimmt Anleihen bei den Uhren, mit denen sich die 1891 in Le Locle gegründete Marke zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren einen Namen machte.
Schon die Gehäuseproportionen erinnern an diese Epoche: Mit nur 37 mm Durchmesser und einer Höhe von 9,25 mm fällt der Chronographe Tachymètre deutlich kleiner und flacher aus als viele aktuelle mechanische Chronographen. Die geschwungenen Bandanstöße, das gewölbte Saphirglas und die beiden symmetrisch angeordneten Hilfszifferblätter verstärken den Vintage-Charakter.
Besonders deutlich wird der historische Bezug auf dem Zifferblatt. Die kleine Sekunde bei 9 Uhr und der 30-Minuten-Zähler bei 3 Uhr sind azuriert, während eine Tachymeterskala den äußeren Bereich der Anzeige einnimmt.
Angelus bietet drei Varianten an, deren Farbgestaltung ebenfalls von historischen Automobilen inspiriert ist. Zur Ausführung aus Gelbgold (s. Bild ganz oben) gehört ein goldfarbenes Zifferblatt mit englischgrünen Akzenten. Die beiden Edelstahlmodelle kombinieren Korallenrosa mit Grau beziehungsweise Perlgrau mit Petrolblau.
Angelus: Chronographe Tachymètre Stahl Korallenrosa mit Grau
AngelusDas flache Handaufzugskaliber A5000 mit Säulenrad und horizontaler Kupplung bedingt einen Monopusher-Mechanismus, d. h. die Stoppfunktion wird über einen in die Krone integrierten Drücker gesteuert; Start, Stopp und Nullstellung laufen zwingend hintereinander ab. Diese Technik ist typisch für frühe Chronographen, denn der zweite Drücker setzte sich erst ab den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts langsam durch. Das 4,2 mm hohe Kaliber ist mit 3 Hertz getaktet, die Gangreserve liegt bei 42 Stunden. Goldfarbene Brücken, Genfer Streifen und aufwendig bearbeitete Kanten unterstreichen den klassischen Charakter.
Der Chronographe Tachymètre baut auf dem 2025 vorgestellten Chronographe Télémètre auf, mit dem Angelus beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève den Preis für den besten Chronographen gewann. Die neue Variante ersetzt dessen Entfernungsmessskala durch einen Tachymeter und erhält damit einen stärker vom Motorsport geprägten Charakter.
Chronographe Tachymètre, Ref. 0CHCQ.H01A.V1168Q (Gold), 0CHCS.P02A.V1156S (Stahl/Rosa), 0CHCS.U01A.V1155S (Stahl/Grau) | Gelbgold oder Edelstahl, 37 mm | Kaliber A5000, Handaufzug | 42 h Gangreserve | wasserdicht bis 30 m | Kalbslederband mit Dornschließe | limitiert auf 15, 30 bzw. 50 Exemplare | 18.500 CHF in Stahl, 34.600 CHF in Gold
Singer Reimagined Heritage V72: Ein legendäres Chronographenwerk lebt weiter
Singer: Heritage V72 in Stahl und Gold
SingerEinen besonders ungewöhnlichen Ansatz verfolgt Singer Reimagined mit der Heritage V72. Während andere Hersteller historische Gehäuseformen und Zifferblattgestaltungen neu interpretieren, steht hier ein originales Uhrwerk aus vergangenen Jahrzehnten im Mittelpunkt. Die Schweizer Marke verwendet das berühmte Valjoux 72, einen der bedeutendsten mechanischen Chronographen der Nachkriegszeit. Das 1938 eingeführte Handaufzugskaliber wurde über Jahrzehnte in zahlreichen bekannten Chronographen eingesetzt, u. a. in frühen Rolex Daytonas. Seine Konstruktion mit Säulenrad und horizontaler Kupplung gilt als klassisches Beispiel traditioneller Chronographentechnik.
Für die Heritage V72 greift Singer auf historische Werke zurück, die restauriert und neu veredelt werden. Zu den Arbeiten gehören fein gestrahlte Brücken und Platinen, polierte Kanten sowie neu bearbeitete Stahlkomponenten. Die restaurierten Werke tragen die Gravur „Restored by Singer“ und erhalten eine eigene Kaliberbezeichnung: SG7201. Die wesentlichen technischen Eigenschaften des Valjoux 72 bleiben erhalten.
Besonders interessant ist die Gestaltung des Gehäusebodens. Singer verwendet ein eigens entwickeltes, stark gewölbtes Saphirglas, das den Blick nicht nur auf die Rückseite des Werks, sondern auch auf seitliche Bereiche seiner Konstruktion ermöglicht. Damit wird die Mechanik, die ursprünglich vor allem als funktionales Instrument entwickelt wurde, selbst zum gestalterischen Mittelpunkt.
Auf der Vorderseite kombiniert Singer die klassische Anordnung der drei Hilfszifferblätter mit einer zeitgenössischen Gestaltung. Die kleine Sekunde befindet sich bei neun Uhr, der 30-Minuten-Zähler bei drei Uhr und der 12-Stunden-Zähler bei sechs Uhr. Ein goldfarbener äußerer Höhenring und die charakteristischen Singer-Zeiger sorgen für einen eigenständigen Auftritt.
Die Heritage V72 wird in zwei Ausführungen angeboten. Das Edelstahlmodell SR621 besitzt ein steingraues Zifferblatt und ist auf 50 Exemplare limitiert. Die Version SR620-1 aus 18-karätigem Gelbgold kombiniert ein tiefschwarzes Zifferblatt mit goldfarbenen Akzenten und erscheint in einer Auflage von 20 Exemplaren. Beide Varianten messen 38,8 mm im Durchmesser. Ihre Gestaltung ist bewusst modern und verzichtet darauf, einen bestimmten historischen Chronographen nachzubilden.
Singer Reimagined Heritage V72, Ref. SR621 (Edelstahl) beziehungsweise SR620-1 (Gelbgold) | Edelstahl oder 18 Karat Gelbgold, 38,8 mm | Kaliber SG7201 auf Basis eines restaurierten Valjoux 72, Handaufzug | 44 h Gangreserve | wasserdicht bis 50 m | Leder- bzw. Textilband mit Dornschließe | limitiert auf 50 bzw. 20 Exemplare | 23.000 bzw. 45.000 CHF zzgl. Steuern