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Automatikuhren: Zentralrotor oder Mikrorotor?

Montage des Zentralrotors bei einem Automatikwerk von Glashütte Original
© PR
Bei Automatikuhren spielt die Schwungmasse eine entscheidende Rolle. In den heutigen Kalibern gibt es beides: zentrale und Mikrorotoren. Während sich der Zentralrotor durchgesetzt hat, stellen Mikro- oder Dreiviertelrotoren eher die Ausnahme dar. Wir ergründen die Ursachen.
Ohne Bewegung geht nichts bei mechanischen Uhrwerken. Das gilt vor allem für solche mit automatischem Aufzug. Dabei spielt die Form oder Ausprägung jenes Elements, welches die kinetische Energie des Handgelenks in ein Energiepotenzial zum Antrieb des Räderwerks umformt, eine maßgebliche Rolle. Die alles entscheidende Schwerkraft wirkt naturgemäß nicht in waagrechter Lage des Zeitmessers. Ergo geht es darum, die Schwungmasse so zu gestalten, dass sie ihre Aufgabe möglichst effizient erfüllen kann.

In den 50er-Jahren waren flache Automatikuhren gewünscht

Seit etwa 50 Jahren werden Rotoren den Anforderungen moderner Selbstaufzugswerke optimal gerecht. Heutzutage mag man kaum glauben, dass in den frühen 1950er-Jahren die Kunden immer öfter nach eleganten, sprich relativ flachen Automatik-Armbanduhren verlangten. Da war guter Rat teuer. Denn die überlieferten Konstruktionen mit – wie auch immer gearteten – Pendelschwungmassen widersetzten sich den Bemühungen um flache Bauweisen ebenso hartnäckig wie diejenigen mit mittig angeordneten, über dem ganzen Uhrwerk zirkulierenden Drehkörpern.
Chopard: Automatikwerk L.U.C 1.96 mit Mikrorotor © PR
Fachleute sahen damals kaum Möglichkeiten, die Dimensionen unter etwa 5,5 Millimeter Bauhöhe zu drücken, weil sich dem die zentrale Lagerung von Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger sowie des Rotors hartnäckig in den Weg stellte. Mit anderen Worten: Ein spürbares Weniger verlangte nach unkonventionellen, aus technischer Sicht vielleicht sogar widersinnigen Lösungen, wie sie die Uhrenmanufaktur Büren Watch im Juni 1954 präsentierte. Drei Jahre später folgten dann die ersten, mit dem Kaliber 1000 ausgestatteten Uhren. Das in der Tat außergewöhnliche automatische Uhrwerk brachte lediglich 4,2 Millimeter zwischen die Backen der Schieblehre. Beim Kaliber 1001 mit Datumsanzeige waren es 0,4 Millimeter mehr. Das Ensemble verblüffte durch einen kleinen, in die Werksebene integrierten Rotor samt zugehörigem Aufzugsmechanismus.

Bürens Mikrorotor schreckte die Konkurrenz auf 

Der Verkaufserfolg der sogenannten "Super-Slender"-Kaliber ließ nicht lange auf sich warten. Dieser rief dann wiederum einige Mitbewerber auf den Plan. Sie verwiesen auf die theoretischen Grundlagen, wonach das Drehmoment eines Rotors mit der dritten Potenz seines Radius ansteigt und bemängelten im gleichen Atemzug die Verwendung eines derartigen Mikrorotors. Dabei ließen sie bewusst oder unbewusst unerwähnt, dass die kleine Schwungmasse wesentlich dicker ausfallen konnte als der übliche Zentralrotor. Außerdem drehte sie mit weniger Verlusten, und unerwünschte Schwingungen erfuhren eine rasche Dämpfung durch die Zugfeder. Im Kampf um Marktanteile waren und sind bekanntlich alle Mittel recht.

Hier geht es weiter mit der Geschichte der Mikro- und Zentralrotoren.

Elf Monate später beantragte Universal patentrechtlichen Schutz für eine ähnliche Konstruktion, den "Polerouter". Man verständigte sich, und Universal zahlte fortan eine reduzierte Lizenzgebühr von vier Schweizer Franken pro Werk an Büren. 1959 schlossen die beiden Firmen zusammen einen Lizenzvertrag mit der Complication SA. Deren neues Uhrwerk mit Mikrorotor, das Kaliber Piaget 12 Pl, war nur 2,3 Millimeter hoch und für lange Zeit das weltweit flachste Automatikwerk. Für den Erfolg des Mikrorotor-Prinzips sprechen die beträchtlichen Lizenzeinnahmen Bürens, welche sich bis 1971 auf knapp eine Million Schweizer Franken summierten. Die Konkurs-Liquidation des Unternehmens konnten sie dennoch nicht verhindern.

Chopard und Patek Philippe sind bekannt für Mikrorotor-Kaliber

Nach dem Auslaufen der Patente im Jahr 1972 stellten auch andere Firmen Mikrorotor-Kaliber vor. Einer der prominentesten Vertreter ist mit nur 2,4 Millimetern Bauhöhe das im Jahr 1977 von Patek Philippe lancierte Kaliber 240. Die Ingenieure der Genfer Manufaktur haben den Mikrorotor wegen der damit verbundenen Möglichkeit einer flacheren Ausführung des Uhrwerks gewählt. Außerdem störte die Konstruktion so gut wie nicht bei der Installation von Zusatzfunktionen wie etwa der Anzeige von 24 Zeitzonen im Kaliber 240 HU oder eines Ewigen Kalenders in der Version 240 Q. Die Aufzugsleistung soll derjenigen des Zentralrotorkalibers 315 aus gleichem Hause in nichts nachstehen, heißt es. Allerdings kann man bei diesem einen geringeren Durchmesser wählen. Man muss sich also entscheiden: Entweder eine niedrigere Bauhöhe oder ein kleinerer Durchmesser.
Patek Philippe: Automatikwerk 240 mit Mikrorotor © Patek Philippe
Eine weitere bekannte Adresse für Kaliber mit Mikrorotoren ist die Manufaktur Chopard. Mit der Haute-Horlogerie-Kollektion L.U.C hat man sich hier das Ziel gesetzt, Außergewöhnliches anzubieten. Dies ist mit dem Kaliber L.U.C 1.96 mit seinem in die Werksebene integrierten Mikrorotor- Mechanismus durchaus gelungen. Nach Chopard spielen bei der Betrachtung von Mikrorotor-Uhrwerken vor allem zwei Aspekte eine Rolle: Einerseits erlaubt die Integration der Schwungmasse in die Werksebene eine freie Sicht auf das Uhrwerk mit seinen schönen Dekorationen, und andererseits resultiert aus dem Einsatz eines Mikrorotor-Mechanismus ein deutlich flacheres Uhrwerk. Nicht zuletzt liebt die Manufaktur Komplikationen. Eine integrierte Schwungmasse, gekoppelt an ein Doppelfederhaus-System stellt eine recht anspruchsvolle technische Lösung dar.

Eine Glashütte Variante: Dreiviertelrotoren

Ähnliche Gedanken bewegten auch die beiden sächsischen Manufakturen A. Lange & Söhne sowie Glashütte Original bei der Entwicklung ihrer Uhrwerke mit etwas größeren Mikrorotoren, den sogenannten Dreiviertelrotoren. Glashütte Original lässt zum Beispiel ein Tourbillon-Kaliber durch einen solchen Rotor aufziehen. Vor allem aber bieten die kleineren Rotoren ungestörte Blicke auf die für Glashütter Werke so bekannten Unruh- und Gangpartien mit ihren gravierten Brücken und Kloben und den verschiedenen Schwanenhals-Feinregulierungen. Die Verwendung eines Zentralrotors betrachten allerdings beide Hersteller als die klassische und technisch effektivste Variante. Durch die zentrale Position der Schwungmasse werden ein größeres Drehmoment und damit der größte Wirkungsgrad beim Aufzug erreicht.
A. Lange & Söhne: Automatikwerk L085.1 Sax-o-Mat mit Dreiviertelrotor © PR
Alles in allem gerät der Mikrorotor im Vergleich zu seinem großen Bruder, dem Zentralrotor immer ins Hintertreffen. Aber gerade das macht ihn für Sammler interessant. Und dann gibt es ja auch noch das starke Argument der Ästhetik. Mikrorotor-Kaliber verbergen nichts, sondern zeigen ungestört fast alles, was in ihnen steckt. Dafür müssen natürlich Abstriche bei den Dimensionen der Unruh und anderer Komponenten hingenommen werden. Zaubern kann auch in der mechanischen Uhrmacherei niemand. Text von Gisbert L. Brunner/Martina Richter Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im Mai 2015

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