Swatch: Kreativchef Carlo Giordanetti im Interview
Swatch war nie nur eine Uhr, sondern immer schon ein Statement. Eine Haltung, die Pop, Provokation und Pioniergeist miteinander verband. Nun überträgt die Marke diesen Geist in die Ära der künstlichen Intelligenz. Mit AI-Dada präsentiert Swatch ein KI-gestütztes Design-Tool, das es erstmals ermöglicht, eine persönliche New-Gent-Uhr innerhalb weniger Minuten selbst zu gestalten – ohne Vorkenntnisse, allein durch Vorstellungskraft. Doch was bedeutet es für eine Marke, die seit über vier Jahrzehnten von radikaler Kreativität lebt, wenn plötzlich Algorithmen am Entwurfsprozess beteiligt sind? Wird Design demokratisiert oder neu kuratiert? Und bleibt Swatch auch im digitalen Zeitalter das, was es immer war: Ausdruck von Individualität? Carlo Giordanetti, Kreativchef von Swatch, spricht über Pioniergeist, Kontrollverlust, Systemarchitektur – und darüber, warum trotz künstlicher Intelligenz der Mensch im Mittelpunkt steht.
Carlo Giordanetti, Kreativchef von Swatch, im Gespräch mit Johannes Beer, Junior Editor von WatchTime Germany
WatchTimeWatchTime: Swatch wurde immer eher als Haltung denn als bloßes Produkt verstanden. Wie kann diese Haltung in Zeiten beschleunigter Technologie glaubwürdig weiterentwickelt werden?
Carlo: Das ist eine gute Frage. Ja, Swatch ist definitiv eine Haltung. Diese Haltung wird meist als leicht, positiv und verspielt wahrgenommen. Aber es gibt auch eine weniger sichtbare Seite, die ich die pionierhafte Seite nenne. Wenn man in die Geschichte der Marke blickt, erkennt man viele wirklich innovative, fast schon bahnbrechende Gesten. Denken Sie an unsere Telekommunikationsprojekte, an das Engagement bei der Entwicklung eines Citycars, das schließlich zur Partnerschaft mit Mercedes und zum Smart führte. Oder an die ersten interaktiven Digitaluhren, an den Pager – wahrscheinlich eine der hässlichsten Uhren überhaupt. Heute wirkt das fast peinlich. Ich erinnere mich an den Albtraum, eine Kollektion darum herum gestalten zu müssen, weil die technischen Einschränkungen enorm waren. Aber dieser Anspruch, vorne dabei zu sein, mehr zu experimentieren als nur Technologie einzusetzen – genau das macht uns dynamisch, lebendig und letztlich auch glaubwürdig. Nicht jeder weiß das, die breite Öffentlichkeit schon gar nicht. Aber es ist eines dieser Dinge, die die Marke stolz und glaubwürdig machen.
WatchTime: Swatch gehört zu den wenigen Uhrenmarken, die industrielle Massenproduktion offen mit kreativer Freiheit verbinden. Wie definieren Sie dieses Gleichgewicht?
Carlo: Wenn Sie mich fragen: 99 Prozent Design, 1 Prozent System. (lacht) Nein, im Herzen von Swatch steht natürlich dieser industrielle Gedanke. Die Innovation, die wir heute für selbstverständlich halten, war damals eine absolute Revolution in der Uhrmacherei – im Denken, in der Konstruktion, in den Materialien. Alles war disruptiv. Heute nehmen wir das als gegeben hin und übertreiben vielleicht sogar ein wenig aus Designperspektive – aber wir entwerfen weiter, entwickeln neue Ideen, neue visuelle Sprachen. Gleichzeitig wird es nur Realität, wenn wir als Team arbeiten, Hand in Hand. Besonders bei Innovationen ist das entscheidend. Die IT muss liefern, die Denker – in diesem Fall besonders unser CEO Herr Hayek – geben die Richtung vor, und die Produktion muss folgen. Gerade bei Projekten wie der Zusammenarbeit mit Omega bei der MoonSwatch war das Gleichgewicht interessant. Designseitig war es spannend, die Kollektion und ihre Editionen zu entwickeln. Technologisch jedoch war es eine enorme Herausforderung, das Speedmaster-Gehäuse mit einem anderen Werk neu zu interpretieren und Farben in einem neuen Material zu realisieren. Hier waren die technischen Teams ein integraler Bestandteil.