Wenn Licht ins Dunkle kommt: die Geschichte der Leuchtmasse
Wer nachts auf die Uhr blickt und die Zeit mühelos ablesen kann, nimmt das als selbstverständlich hin. Dabei gehört eine aufleuchtende Masse auf Zifferblatt & Co. zu den wichtigsten Innovationen der modernen Uhrengeschichte. Zeiger und Indizes mit Leuchtkraft sind heute fester Bestandteil unzähliger Sport-, Flieger- und Taucheruhren. Doch hinter diesem scheinbar einfachen Detail verbirgt sich eine faszinierende Geschichte voller wissenschaftlicher Durchbrüche, militärischer Anforderungen, gesundheitlicher Risiken und technologischer Fortschritte.
Problem der Dunkelheit
Über Jahrhunderte waren Uhren ausschließlich bei Tageslicht oder mit einer externen Lichtquelle ablesbar. Was im Alltag kaum zu Einschränkungen führte, stellte für bestimmte Berufsgruppen ein ernstzunehmendes Problem dar. Seeleute, Soldaten, Eisenbahner oder auch Piloten benötigten auch nachts zuverlässige Zeitinformationen. Im 19. Jahrhundert experimentierten Uhrmacher daher mit unterschiedlichsten Materialien, eine wirklich praktikable Lösung existierte zunächst jedoch nicht. Erst eine wissenschaftliche Entdeckung sollte dies ändern.
Radium-Revolution
1898 entdeckten Marie und Pierre Curie das Element Radium. Die neue Substanz faszinierte Wissenschaftler weltweit, denn sie strahlte permanent Energie ab und konnte bestimmte Leuchtstoffe dauerhaft zum Glühen bringen, und das ohne vorheriges Aufladen durch Licht. Um 1910 begannen Hersteller damit, Radium mit Zinksulfid zu vermischen und auf Zeiger sowie Zifferblätter aufzutragen. Der Effekt war spektakulär: Erstmals konnten Uhren die ganze Nacht hindurch leuchten. Besonders während des Ersten Weltkriegs gewann diese Technologie enorme Bedeutung. Soldaten waren in der Lage, ihre Zeitmesser nachts abzulesen, ohne eine Taschenlampe zu verwenden und damit ihre Position zu verraten. Was damals niemand wusste: Die neue Technologie hatte einen hohen Preis. In den Fabriken arbeiteten überwiegend junge Frauen, die angewiesen wurden, die Pinselspitzen regelmäßig mit den Lippen anzufeuchten. Dabei gelangten winzige Mengen Radium in den Körper. Die Folgen waren verheerend. Viele dieser als „Radium Girls“ bekannt gewordenen Arbeiterinnen entwickelten schwere Erkrankungen. Knochenschäden, Krebs und andere gesundheitliche Probleme führten in den 1920er-Jahren zu einem der bekanntesten Arbeitsschutzskandale der Industriegeschichte. Für die Uhrmacherei bedeutete dies allerdings nicht sofort das Ende von Radium. Die Vorteile waren schlicht zu groß.
Bei Bell & Ross leuchtet nicht nur das Zifferblatt, sondern auch Teile des Gehäuses.
Bell & RossDer sichere Nachfolger
Bis in die frühen 1960er-Jahre blieb Radium die wichtigste Leuchtmasse der Branche. Viele der heute begehrtesten Vintage-Uhren verwendeten die Substanz. Sammler schätzen die charakteristische Alterung dieser Zifferblätter, die häufig warme Creme-, Beige- oder Honigtöne entwickeln. Ab den 1960er-Jahren begann die Industrie zunehmend, auf Tritium umzusteigen. Auf historischen Zifferblättern sind deshalb häufig Markierungen wie T Swiss T zu finden. Tritium ist zwar ebenfalls radioaktiv, sendet jedoch nur sehr schwache Beta-Strahlung aus. Dadurch ließ sich das Risiko erheblich reduzieren. Technisch betrachtet besitzt Tritium jedoch einen Nachteil. Seine Halbwertszeit beträgt nur etwa 12,3 Jahre. Die Leuchtkraft nimmt daher kontinuierlich ab. Für Liebhaber ist das Material jedoch besonders spannend, da im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls individuelle Alterungserscheinungen entstehen. Aus ursprünglich weißen Indizes werden gelbliche, cremefarbene oder sogar karamellfarbene Details. Jedes Zifferblatt altert anders.
Geburt von Superluminova
In den 1990er-Jahren begann schließlich das moderne Zeitalter der Leuchtmasse. Den Grundstein für diese neue Generation nicht-radioaktiver Leuchtstoffe legte das japanische Unternehmen Nemoto & Co. Ltd. mit der Entwicklung von Luminova. Unter dem Namen Superluminova trat die weiterentwickelte Technologie, die vom Schweizer Spezialisten RC Tritec AG produziert wird, ihren weltweiten Siegeszug an. Der Unterschied zu früheren Lösungen ist grundlegend: Anders als Radium oder Tritium erzeugt Superluminova keine eigene Energie. Stattdessen speichert das Material Licht und gibt es anschließend über Stunden wieder ab. Dadurch entstehen gleich mehrere Vorteile: keine Radioaktivität, höhere Sicherheit, deutlich stärkere Leuchtkraft, lange Lebensdauer sowie vielfältige Farbvarianten.
Bei der Big Pilot’s Watch Perpetual Calendar Ceralume von IWC leuchtet praktisch alles – selbst Gehäuse und Band.
IWCWie Superluminova funktioniert
Anders als häufig angenommen „leuchtet“ das Material nicht von selbst, es handelt sich lediglich um einen sogenannten photolumineszenten Werkstoff. Die Grundlage bildet meist Strontiumaluminat, das mit seltenen Erden wie Europium und Dysprosium dotiert wird. Trifft Licht auf dessen Oberfläche, werden die Elektronen innerhalb der Kristallstruktur angeregt und auf ein höheres Energieniveau gehoben. Man kann sich diesen Vorgang vereinfacht wie das Aufladen eines winzigen Energiespeichers vorstellen. Wird die Lichtquelle entfernt und die Umgebung dunkler, kehren die angeregten Elektronen langsam in ihren ursprünglichen Energiezustand zurück. Dabei geben sie die zuvor aufgenommene Energie in Form von sichtbarem Licht wieder ab. Genau dieses Phänomen nimmt das menschliche Auge als Nachleuchten wahr. Entscheidend für die außergewöhnliche Leistungsfähigkeit moderner Leuchtmassen ist die besondere Kristallstruktur des Materials. Sie verfügt über sogenannte „Elektronenfallen“. Diese mikroskopisch kleinen Defekte innerhalb des Kristallgitters halten einen Teil der angeregten Elektronen vorübergehend fest und verhindern deren sofortige Rückkehr in den Grundzustand. Dadurch wird die gespeicherte Energie nicht schlagartig, sondern über viele Stunden hinweg freigesetzt. Je stärker die Uhr zuvor „aufgeladen“ wurde, desto intensiver fällt die anfängliche Leuchtkraft aus. Direkt nach einer intensiven Lichtexposition erreicht Superluminova ihre maximale Helligkeit und verliert anschließend relativ schnell einen Teil ihrer Strahlkraft. Anschließend verlangsamt sich der Prozess deutlich, sodass die Zeit meist die ganze Nacht hindurch ablesbar bleibt. Die verschiedenen Farbtöne entstehen durch unterschiedliche Pigmentmischungen. Besonders verbreitet sind das grün leuchtende C3 sowie das blau leuchtende BGW9. Ein weiterer Vorteil gegenüber historischen Materialien wie Radium oder Tritium liegt in der praktisch unbegrenzten Lebensdauer. Da keine radioaktive Strahlung zum Einsatz kommt und die chemische Struktur des Materials äußerst stabil ist, verliert Superluminova auch nach Jahrzehnten kaum an Leistungsfähigkeit.
Die Zukunft leuchtet noch heller
Die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen. Aktuelle Forschungsprojekte beschäftigen sich mit neuen Pigmenten, längeren Nachleuchtzeiten und verbesserten Leuchteigenschaften. Gleichzeitig arbeiten Hersteller daran, Leuchtstoffe noch stärker als Designelement einzusetzen. Was einst als praktische Lösung für professionelle Nutzer begann, ist heute ein wesentliches Merkmal moderner Luxusuhren. Die Leuchtmasse entscheidet nicht nur über die Ablesbarkeit einer Uhr, sondern oft auch über ihren Charakter, ihre Sammlerattraktivität und ihre Identität. Denn wenn das Licht ausgeht, zeigt sich, wie durchdacht eine Uhr wirklich ist.
Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Uhrenmythen entlarvt: 10 Irrtümer, die selbst unter Sammlern verbreitet sind
Dieser Artikel erschien ursprünglich in der WatchTime-Ausgabe 04/2026.