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Lesedauer 8 Min.

Superluminova oder warum Uhren im Dunkeln leuchten

Von radioaktivem Radium über Tritium-Gasröhrchen bis zu modernem Superluminova – die Geschichte der Leuchtmasse.
Roger Dubuis Excalibur Blacklight Spin-Stone Monobalancier
Roger Dubuis Excalibur Blacklight Spin-Stone Monobalancier
© Roger Dubuis
Bei völliger Dunkelheit die Zeit auf dem Zifferblatt ablesen zu können, ist für jeden Uhrenfreund essenziell. Um dies zu erreichen, müssen Zeiger, Indexe oder ganze Zifferblätter das Leuchten lernen. Mit welchen Mitteln und Ergebnissen das geschieht, beleuchten wir im folgenden Artikel.superluminova-beschichtete-zeiger-und-zifferblätter.jpg

Welche Leuchtmittel für Uhren gibt es?

Grundsätzlich lässt sich jeder Stoff zum Leuchten bringen, wenn man ihn stark genug erhitzt. Doch nur bestimmte Substanzen zeigen eine „kalte" Lichtemission – sie nehmen Energie auf und wandeln sie in sichtbares Licht um, ohne auf hohe Temperaturen gebracht zu werden. Diese Erscheinung nennt man Lumineszenz. Erfolgt die Lichtemission nahezu verzögerungsfrei, spricht man von Fluoreszenz. Die verzögerte Rückkehr in den Grundzustand heißt Phosphoreszenz. Sie basiert auf der Speicherung angeregter Elektronen in sogenannten Fallen: In ein Kristallgitter eingebaute Fremdatome dienen als Anregungs-, Speicher- und Leuchtzentrum. Diese Phosphoreszenz – die Abgabe von Licht über einen längeren Zeitraum – ist für die Uhrenherstellung interessant. Das kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch selbstleuchtende Indexe und Zeiger oder durch solche, die nach Anregung inaktiv nachleuchten.
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Zinksulfid und radioaktive Leuchtstoffe 

Zinksulfid ist bis heute das universelle lumineszierende Material, das sich durch Bestrahlung mit Licht oder Ultraviolettstrahlung zum Leuchten anregen lässt. Die Leuchtkraft erschöpft sich allerdings schnell. Wesentlich bessere Effekte lassen sich erzielen, wenn geringe Mengen schwach radioaktiver Stoffe eingebaut werden, durch die das Zinksulfid selbstleuchtend wird – ohne Aufladung durch eine externe Lichtquelle. Mit der Entdeckung des Radiums 1898 kamen selbstleuchtende Beschichtungen auf Zeiger und Zifferblätter. Bis Mitte der 1960er-Jahre wurden vor allem Militäruhren mit nicht unerheblichen Mengen Radium belegt. Von solchen Uhren geht auch heute noch Strahlung aus, denn die Halbwertzeit liegt bei 1.622 Jahren. Ende der 1950er-Jahre verdrängten schwach radioaktive Isotope wie Tritium das Radium.mit-superluminova-beschichtete-zifferblätter-von-uhren-und-anderen-instrumenten.jpg
Tritium ist ein radioaktives Isotop, das nur schwache Beta-Strahlen abgibt, die nicht in der Lage sind, Metallgehäuse oder Gläser zu durchdringen. Tritium zerfällt in einer Halbwertzeit von 12,3 Jahren zu Helium. Moderne Armbanduhren mit Tritium-Dauerleuchtziffern geben keine Strahlung außerhalb des Gehäuses ab.
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Trigalight – Tritium in Glasröhrchen 

Die Anregung von Zinksulfid durch Tritium geschieht in Tritium-Gaslichtquellen, den sogenannten „GTLS" (Gaseous Tritium Light Sources). Dieses Leuchtsystem wird unter der Bezeichnung Trigalight von der Schweizer Firma mb-microtec ag in Niederwangen bei Bern angeboten. Die Leuchteinsätze sind luftdicht verschlossene Röhrchen aus Mineralglas, die innen mit einem Leuchtstoff beschichtet und mit gasförmigem Tritium gefüllt sind. Die Leuchtkraft wird für zehn Jahre garantiert. Aus Erfahrung weiß man jedoch, dass das Leuchten über 20 Jahre anhält. Dabei strahlen „GTLS" nahezu hundertmal stärker als herkömmliche Tritium-Leuchtfarben.
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Leuchtstark: So sieht die Traser P68 Pathfinder Automatic bei Nacht aus.  Dank selbst anregender Tritiumgasröhrchen besitzen Zeiger und Stundenindexe eine gleichbleibende Leuchtkraft über Jahre hinweg © PR

Auf der Baselworld 2019 stellte Traser mit der Konzeptuhr T1000 ei besonders helle selbstleuchtende Uhr vor. Sie ist mit 318 Tritiumgasröhrchen ausgestattet und leuchtet 50-mal stärker als herkömmliche Traser-Modelle.

Superluminova – der beliebteste Leuchtstoff für Uhren

Die meisten Uhrenhersteller verwenden heute inaktiv nachleuchtende Stoffe. Der bekannteste unter ihnen ist Superluminova. Aufgrund verbesserter Lichtspeicherkapazität kann dieser Stoff als Leuchtmarkierung auf Zifferblättern, Indizes und Zeigern mit guten Ergebnissen eingesetzt werden. Das Patent dieser Nachleuchtpigmente liegt seit 1994 bei dem japanischen Unternehmen Nemoto & Co. Ltd. Da die Schweizer Firma RC Tritec Ltd. bereits vor der Patentanmeldung diesen Leuchtstoff unter dem Namen „SuperLite" fertigte, gründeten die beiden Unternehmen 1998 die Joint-Venture-Firma LumiNova AG Switzerland. Seit 2007 ist die bei europäischen Uhrenherstellern verwendete Leuchtmasse Superluminova ein zu 100 Prozent nach Swiss-Made-Bestimmungen hergestelltes Produkt.

Superluminova gibt es in zahlreichen Farben © PR

Eigenschaften von Superluminova 

Superluminova ist ein reiner Phosphoreszenzleuchtstoff auf Erdalkali-Aluminat-Basis und frei von radioaktiven Zusatzstoffen. Gegenüber bisherigen inaktiven Nachleuchtpigmenten zeichnet sich Superluminova durch eine etwa hundertfach größere Leuchtdichte aus. Das Funktionsprinzip ist mit dem einer Batterie vergleichbar. Nur wenn die Leuchtpigmente durch Tages- oder Kunstlicht angeregt werden, können sie im Dunkeln die aufgenommene Lichtenergie über mehrere Stunden wieder abgeben.

Pigmente auf der Basis von Erdalkali-Aluminaten © PR

Das gespeicherte Licht wird mit abfallender Intensität emittiert – zuerst sehr intensiv, dann immer schwächer. Der Ladungs- und Entladungsprozess ist beliebig oft wiederholbar. Ein weiterer Vorteil gegenüber herkömmlichen Stoffen auf Zinksulfid-Basis ist die Lichtechtheit. Selbst intensivste Sonnenlichtbestrahlung bewirkt keine Vergrauung der Pigmente. Bei der Farbe sind kaum Grenzen gesetzt. Am geeignetsten ist jedoch Grün, da das menschliche Auge in diesem Wellenlängenbereich die höchste Empfindlichkeit aufweist.

Die Taucheruhr T1 von Sinn Spezialuhren ist mit unterschiedlichen Nachleuchtfarben ausgestattet © Sinn

Leuchtmasse für Band und Gehäuse 

Moderne Uhren gehen noch einen Schritt weiter. Bell & Ross integriert bei der BR 03-92 Full Lum Superluminova nicht nur auf dem Zifferblatt, sondern auch im Kautschukband. Panerai verwendet bei der Luminor Marina PAM 01117 ein weiterentwickeltes Superluminova X1, das heller und länger leuchtet. Das leuchtende Material findet sich auf Zeigern, Ziffern, Indexen, Rehaut, Gehäuse und sogar bei den Nähten des Armbandes. Roger Dubuis entwickelte für die Excalibur Twofold eine besondere Leuchtmasse namens LumiSuperBiwiNova (zusammen mit der Biwi AG entwickelt). Sie sitzt unterhalb der äußersten Schicht des Kautschukbands und behält so auch bei Abnutzung ihre Leuchtkraft.

Bell & Ross: BR 03-92 Full Lum bei Nacht © Bell & Ross

 Bei IWC wird der faszinierende Leuchteffekt der Ceralume-Technologie durch die Zugabe von Superluminova-Pigmenten zu den keramischen Rohstoffen erreicht. Die Leuchtmasse verhält sich wie eine Lichtspeicherbatterie, die Lichtenergie absorbiert, speichert und bei Dunkelheit wieder abgibt. In Dunkelkammertests strahlten die Ceralume-Uhrengehäuse über 24 Stunden lang ein helles, bläuliches Licht aus.

Mit der Luminor Marina 44 mm PAM 01117 erinnert Panerai an die Bedeutung von Leuchtmasse für die Marke. Vor 70 Jahren setzte Panerai die Leuchtmasse Luminor auf Tritiumbasis zum ersten Mal ein. Beim aktuellen Modell befindet sich das leuchtende Material nicht nur auf Zeigern, Ziffern und Indexen, sondern auch auf dem Rehaut, dem Gehäuse und sogar bei den Nähten des Armbandes. Zudem verwendet Panerai eine weiterentwickeltes Superluminova X1, das heller und länger leuchten soll, als das bisherige Superluminova.

IWC Ceralume Keramikgehäuse
IWC Ceralume Keramikgehäuse © IWC
Panerai: Luminor Marina 44 mm PAM 01117 © Panerai
Auch Roger Dubuis verwendet das leuchtende Material bei der Excalibur Twofold nicht nur auf dem Zifferblatt, sondern auch für das Armband. Dafür sorgt eine besondere Leuchtmasse namens LumiSuperBiwiNova (die zusammen mit der Biwi AG im schweizerischen Glovelier entwickelt wurde). Sie wird nicht etwa auf das Armband aufgetragen, sondern sitzt unterhalb der äußersten Schicht des Kautschukbands und behält so auch bei Abnutzung des Armbands seine Leuchtkraft. Auch Werkteile wie die sternförmige Brücke und die Umrandung des Doppeltourbillons sowie Stundenindexe und Markenschriftzug leuchten in der Nacht.
Roger Dubuis: Excalibur Twofold im Dunkeln © Roger Dubuis
Ebenfalls großzügig mit Leuchtmasse arbeitet Zenith bei der Defy 21 Carl Cox. Der Schweizer Hersteller integrierte bei der auf 200 Stück limitierten Uhr Superluminova in die Karbonlünette. Auch die Nähte des Armbands leuchten im Dunkeln, genauso wie die kleine Sekunde, die im Stil einer Vinylscheibe gestaltet ist.
Zenith: Defy 21 Carl Cox © PR
Auf der Watches & Wonders 2021 präsentierte Roger Dubuis die Excalibur Single Flying Tourbillon Glow Me Up. Die Roségolduhr besitzt eine mit 60 Baguette-Diamanten besetzte die Lünette.
Roger Dubui: Excalibur Single Flying Tourbillon Glow Me Up bei Nacht © Roger Dubuis

Ihre Besonderheit zeigt sich jedoch erst im Dunkeln: Die Diamant-Fassungen wurden mit verschiedenfarbiger Superluminova gefüllt. Damit leuchten die Diamanten im Dunkeln farbig. Zusätzliche Leuchtmasse befindet sich auf den sternförmigen Brücken und Kanten des Uhrwerks. Die leuchtstarke Uhr ist bereits ausverkauft. 2023 führt Roger Dubuis diesen Ansatz weiter. Mit der 42 mm-großen Excalibur Blacklight Spin-Stone Monobalancier aus EON-Gold zeigt Roger Dubuis Edelsteine, die in einem lebhaften Farbspektrum von der Lünette bis zum Flansch leuchten. Die rote und blaue Farbe der Edelsteine wird durch eine Superluminova-Beschichtung erzeugt, die sowohl am Tag als auch in der Nacht und unter UV-Licht fluoresziert. Um die genauen Farbtöne, die Gleichmäßigkeit und die gewünschte Lumineszenz zu erreichen, wurden die sogenannten Spin-Stones in einem speziellen Verfahren synthetisch gezüchtet. Dieses Konzept wurde von der Manufaktur patentiert.

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TAG Heuer zeigte auf der Watches & Wonders 2022 die Aquaracer Professional 200 Solargraph die ihre Energie von Sonnenstrahlen erhält, die durch ein lichtdurchlässiges Zifferblatt auf eine dahinter liegende Solarzelle fallen. Die Sonne lädt außerdem die Leuchtmasse auf Zifferblatt und Lünette auf. Als spannendes Gestaltungsdetail wird der Drehring aus einer Carbon-Superluminova-Mischung ähnlich wie bei der Zenith-Uhr gefertigt, was bei Dunkelheit grünliche Strukturen zum Vorschein bringt.
TAG Heuer Aquaracer Professional 200 Solargraph bei Nacht © PR
Bell & Ross – BR-X3 Night Vision
Bell & Ross – BR-X3 Night Vision © Bell & Ross

Nachtsicht fürs Handgelenk

Bell & Ross greift bei der BR-X3 Night Vision auf seine Expertise im Bereich der Instrumentenuhren zurück und verwandelt das Modell in ein präzises Werkzeug für Einsätze bei Dunkelheit – zugleich mit einer markant grafischen Ästhetik. Die Farbgestaltung orientiert sich an der Luftfahrt: Grün dominiert als Leuchtfarbe moderner Head-up-Displays in Cockpits, da das menschliche Auge diesen Farbton besonders kontrastreich und ermüdungsarm wahrnimmt. Dieser Effekt wird gezielt auf das Handgelenk übertragen. Die applizierten Indizes sind schwarz glasperlgestrahlt und mit weißer Superluminova versehen, die im Dunkeln intensiv grün strahlt. Dasselbe Leuchtmaterial findet sich in den skelettierten Stunden- und Minutenzeigern wieder und sorgt für ein stimmiges Gesamtbild. Auf der Drei-Uhr-Position befindet sich ein großzügiges Datumsfenster, während bei neun Uhr die Anzeige der 70-stündigen Gangreserve integriert ist. Das Ergebnis ist eine Uhr, die maximale Ablesbarkeit mit einer klar definierten visuellen Identität verbindet und Funktionalität mit futuristischem Design konsequent vereint.

 

Der schnelle Fakten-Check – was Sie noch nicht über Superluminova wussten

  • Superluminova lääst sich beliebig oft auf- und entladen
  • Es existieren die unterschiedlichsten Farbspektren, von Weiß und Gelb bis hin zu Grün und Blau
  • Superluminova muss man mit Licht aufladen
  • Die Leuchtkraft lässt mit der Zeit nach, die Leuchtstärke richtet sich nach der vorhandenen Menge des abgespeicherten Lichts durch vorherige Aufladung
Sehen Sie mehr Modelle in der Galerie

IWC: Mark XX, Zifferblatt
IWC Mark XX © IWC
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Davosa Ternos Professional Megalume © PR
Montblanc 1858 Iced Sea Automatic Date Nachtansicht
Die Farben des Eises vereint bei Nacht die Superluminova auf dem Zifferblatt der 1858 Iced Sea Automatic Date von Montblanc. © Montblanc
Circula SuperSport Autoamtik Nachtansicht
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Gute Sicht: Die von Seiko entwickelte Leuchtmasse Lumibrite bietet die für Seiko bekannte beste Ablesbarkeit bei schlechten Lichtverhältnissen © PR
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Dank kräftiger Zeiger und Indizes sowie guter Beleuchtung in Grün und Blau ist der Omega Seamaster Planet Ocean 600M Co-Axial Master Chronometer Chronograph gut ablesbar © Omega
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Die Junghans Meister Driver Chronoscope offenbart auch bei Nacht ihren Retro-Charme. Ziffern und Zeiger sind mit grün leuchtender Superluminova beschichtet. © PR
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Bei Dunkelheit erstrahlen die Chromalight-Einlagen in Indizes und Zeigern bei der Rolex Datejust 41 in Blau - bei Datum und Rolex-Krone fehlen diese jedoch © Rolex
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