Calatrava: Wahrzeichen von Patek Philippe

Einfach schön

Mit ihrem klassisch-runden Gehäuse, der klaren Linienführung, dem schlichten Zifferblatt und der signifikanten »Clous de Paris«-Lünette ist die Calatrava ein Wahrzeichen der Genfer Manufaktur Patek Philippe. Nachdem seit 2018 keine Calatrava mit der berühmten Guillochierung mehr in der Kollektion war, rückt das Traditionshaus diese nun wieder ins Rampenlicht. Die Stil-Ikone erhält zudem ein zeitgemäßes Handaufzugkaliber mit langem Atem.

Patek Philippe: Calatrava
Patek Philippe: Calatrava

Wenn es um die Calatrava geht, muss ich ausnahmsweise mal etwas persönlich werden. Weil sie für mich eine besondere Uhr ist. Ich erinnere mich an meine erste Uhrenmesse in Basel vor nunmehr 21 Jahren und meinen Termin bei Patek Philippe. Es war mein letzter an jenem Messetag und ich äußerte zwei Wünsche, das Star Caliber 2000 zu sehen und eine Calatrava ans Handgelenk zu nehmen. Mein Gegenüber runzelte die Stirn: Das mit der Calatrava könne sie arrangieren.

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Voller Ehrfurcht vor dem als Meister der Komplikationen bekannten Uhrenhaus schlug mein Herz höher, als ich mir die damals neue Referenz 5120 mit der berühmten Clous de Paris-Lünette tatsächlich ans Handgelenk legen durfte. Für mich ist sie seitdem der stärkste Ausdruck reinen Uhrmacherhandwerks. In der Geschichte der Marke spielt die Calatrava eine entscheidende Rolle und gehört heute zur Quintessenz der Marke.

Als die Familie Stern 1932 die Leitung übernahm, engagierte sich das Unternehmen noch nicht allzu stark für Armbanduhren. Doch die Sterns hatten erkannt, wo die Zukunft lag und dass sie ihre Taschenuhrkompetenz ans Handgelenk bringen mussten. Noch im gleichen Jahr kam die inzwischen legendäre Referenz 96, übrigens als erstens Modell der Manufaktur mit Referenznummer, heraus.

Patek Philippe: Calatrava Lederband
Am Lederband vollendet die Schließe von Henry Stern das Ensemble.

In Anlehnung an das minimalistische Bauhaus-Prinzip, bei dem die Form der Funktion folgt, wurde sie seitdem in ungezählten Ausführungen immer wieder neu, aber stets unverwechselbar interpretiert. Sie trug flache oder leicht gerundete Lünetten, die glattpoliert, mit Edelsteinen besetzt oder guillochiert waren. Es gab extraflache oder Offiziers-Gehäuse mit Bodendeckel. Die stets schlichten Zifferblätter zeigten lediglich Stunden und Minuten, manchmal die Sekunden und gelegentlich das Datum an.

Die neue Referenz 6119 ist laut Patek Philippe eine Hommage an die Uhrenlegende 3919 aus dem Jahr 1985, die mehr als 20 Jahre produziert wurde, sowie deren Neuinterpretation von 2006 mit der Referenznummer 5119. Dabei ist ihr Gehäuse von einst 33,5 Millimeter (Referenz 3919) über 36 Millimeter (Referenz 5119) auf nunmehr zeitgemäße 39 Millimeter (Referenz 6119) im Durchmesser gewachsen. »Die Calatrava sollte maskuliner werden«, erklärt Präsident Thierry Stern dazu. Man habe zuerst mit 40 Millimetern angefangen, aber das war zu groß. Ein Millimeter mache erstaunlich viel aus.

Die Calatrava – immer neu, aber stets unverwechselbar interpretiert

Weitere Design-Nuancen sind von manch anderem Modellen inspiriert: Die aufgesetzten und mehrfach facettierten Obelisk-artigen Stundenindizes, einschließlich dem Doppelindex bei zwölf Uhr, führen zum Beispiel bis zu den Wurzeln des Calatrava-Designs und den Referenzen 96 von 1932 und 96D von 1934 zurück. Auch die mit drei Facetten versehenen Stunden- und Minutenzeiger in Dauphine-Form erinnern an die Referenz 96. Und nicht zuletzt führen die gebogenen Bandanstöße, die zwischenzeitlich mehrmals verworfen und wieder aufgegriffen wurden, ebenfalls bis ganz zu den Anfängen zurück. Nach dem Vorbild der ersten Calatrava schaffen sie einen ergonomisch perfekten Übergang vom Gehäuse zum Armband und sorgen für hohen Tragkomfort. Die weißgoldene Calatrava 6119G-001 wird an einem schwarz glänzenden Alligator-Lederband mit Weißgold-Dornschließe getragen. Deren charakteristische Form wurde vom ehemaligen Präsidenten Henri Stern, dem Großvater des aktuellen Präsidenten Thierry Stern, für den amerikanischen Markt entworfen.

Patek Philippe: Calatrava Gehäuseboden
Hinter Saphirglas erstrahlt das neue Handaufzugwerk 30-255 PS in seiner ganzen Schönheit.

Zurück zum Zifferblatt. Im Falle der weißgoldenen Calatrava zeigt es sich in angesagtem Anthrazit mit vertikalem Satinschliff. Die Index-Appliken und Dauphine-Zeiger bestehen aus Weißgold und damit dem gleichen Material wie das Gehäuse. Mit ihren zahlreichen Facetten spielen sie im Licht, sorgen aber auch für ausreichend Kontrast und beste Ablesbarkeit. Und wenn man einmal genauer hinschaut, fällt einem die feine Abstimmung der Linien, Winkel und Kanten zwischen den Indizes und Zeigern auf.

Neu ist ganz am Rand die Minuten-Schienenskala, welche zwölf kleine halbkugelförmige Stunden-Appliken integriert. Bei sechs Uhr zieht eine Kleine Sekunde mit feiner Nadel ihre Kreise. Der haardünne Zeiger bewegt sich über ein kreisrund geschliffenes Hilfszifferblatt, das durch ein Fadenkreuz in vier Abschnitte gegliedert ist und die Sekunden in Fünferschritten durch fein gezeichnete Index-Linien markiert. Über allem wölbt sich ein Saphirglas in sogenannter Box-Form, das von der berühmten Clous de Paris-Lünette umfangen wird.

Clous de Paris ist eine spezielle Art des Guillochierens oder Prägens, wobei aus sich kreuzenden Schnitten winzige Pyramidenformen mit quadratischen Grundrissen entstehen. Wörtlich übersetzt heiß Clous de Paris: Nägel von Paris. Und in der Tat gehen die pyramidenförmigen Spitzen auf einst in Paris hergestellte Nägel zurück, weshalb man beim Clous de Paris auch vom »Hufnagelmuster« spricht. Die Pyramiden werden von den Handwerkern der Manufaktur nach allen Regeln der Kunst aus dem vollen Material durch Motordrehen herausgearbeitet und anschließend poliert. Dabei führt der Guillocheur mit der einen Hand den Stichel horizontal, während die andere Hand ihn vertikal bewegt. Als Ergebnis entstehen mit leicht abgeschrägtem Profil zwei konzentrische Kreise, auf denen sich winzig kleine Pyramiden aneinanderreihen – mit dem Effekt, ein raffiniertes Lichtspiel hervorzurufen und dadurch dem Zifferblatt Tiefe zu verleihen. Die Lünette der Calatrava ist eines der berühmtesten Beispiele für die Clous de Paris-Handwerkskunst. Man kennt sie aber auch von Audemars Piguet oder Breguet, allerdings nicht vom Gehäusering, sondern eher von den Zifferblättern.

Patek Philippe: Calatrava Zifferblatt
Auf dem Zifferblatt bestimmen verschiedene Schliffe und geometrische Formen das Antlitz der neuen Calatrava.

1932 lanciert, wurde die Calatrava bereits 1934 zum ersten Mal mit einer Clous de Paris-Lünette vorgestellt. Spätestens seit der Lancierung der berühmten Referenz 3919 im Jahr 1985 ist sie ein Paradebespiel für die stilbildende Eleganz von Patek Philippe.

Lange Zeit stattete Patek Philippe die Calatrava mit dem Handaufzugkaliber 215 PS aus, wobei »PS« für kleine Sekunde (Petite Seconde) steht. Die Entwicklung des neuen Handaufzugkalibers 30-255 PS, ebenfalls mit kleiner Sekunde, für die Referenz 6119 basierte auf dem Wunsch nach einem Uhrwerk mit größerem Durchmesser für die Realisierung außergewöhnlich schlanker Gehäuse. Das Werk gilt bei Patek Philippe als ein Meilenstein und erweitert die umfangreiche Kollektion der Manufakturkaliber.

Patek Philippe: Kaliber 30-255 PS
Kaliber 30-255 PS: Architektur mit sechs Brücken und Kloben. Gut zu erkennen sind die zwei Federhäuser, das zentrale Ritzel und Zwischenrad. Aufzugsräder befinden sich unter der Brücke.

Das 30-255 PS bringt es auf einen Gesamtdurchmesser von 31 Millimetern gegenüber 21,9 Millimetern des Kalibers 215 PS. Mit 2,55 Millimetern bleibt die Bauhöhe unverändert, wie auch an der Bezeichnung zu erkennen ist. Um diese Höhe bei modernem Funktionsanspruch, wie einer Gangautonomie von 65 Stunden oder einem Sekundenstopp zu bewahren, mussten neue konstruktive Lösungen gefunden werden. Zum Beispiel gibt es für die Kraftübertragung ein zentrales Ritzel, das über ein Zwischenrad ins Minutenrad eingreift, eine impulsgebende Sekundenstoppfeder und einen Aufzug, der so konstruiert ist, dass Sperrrad und Kronrad nicht über, sondern unter der Federhausbrücke liegen.

Patek Philippe: Kaliber 215 PS
Kaliber 215 PS: Das langjährige und gestandene Vorgängeruhrwerk in ebenfalls offener Brückenbauweise und mit sichtbarem Aufzuggetriebe.

Das zentrale Ritzel und das Zwischenrad sorgen dafür, dass die zwei parallel geschalteten Federhäuser ihre Energie gleichzeitig an das Räderwerk abgeben können – eine eher selten angewandte Konstruktion. Im Unterschied zu in Serie geschalteten Federhäusern sorgt die Parallel-Konstruktion für ein höheres Drehmoment des Uhrwerks, da sich die Kräfte der Federhäuser addieren. Diese Lösung ermöglicht maximale Kraft trotz flacher Bauweise und den Einsatz einer Unruh mit sehr hohem Trägheitsmoment von zehn Milligramm x Quadratzentimetert. Das Trägheitsmoment gibt an, wie behäbig ein drehbar gelagerter Körper gegenüber der Änderung seines Bewegungszustandes ist. Im 30-255 PS handelt es sich um das höchste Trägheitsmoment unter allen Vier-Hertz-Uhrwerken bei Patek Philippe. Es garantiert hohe Gangstabilität und erleichtert das Feinregulieren des Uhrwerks über die vier Gewichte am Gyromax-Unruhreif. Dieselben Ziele verfolgt auch die Frequenz von 28.000 Halbschwingungen in der Stunde.

Das Kaliber 30-255 PS erfüllt mit einer maxi0-255 PS – ein Meilenstein unter den Patek-Philippe-Kalibern

Bei der Architektur des neuen Uhrwerks wurde selbstverständlich auf das Einhalten altüberlieferter Traditionen geachtet, nach denen jedes Rad oder jede Funktion eine eigene Brücke erhält. Deshalb präsentiert sich das Kaliber 30-255 PS hinter dem Saphirglasboden mit sechs wohlgeformten Brücken und Kloben, die in schönster Uhrmachertradition finissiert sind. Dazu gehören Genfer Streifen, Perlage und Satinierungen sowie anglierte Kanten und polierte Schrauben. Die ansprechende Ästhetik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Kaliber 30-255 PS angesichts seiner Konstruktionen und technischen Lösungen ausgesprochen robust und mit Sekundenstopp und einer Gangdauer von fast drei Tagen absolut auf der Höhe der Zeit ist.

Patek Philippe: Calatrava Clous de Paris
Clous de Paris: Aus sich kreuzenden Schnitten entstehen Pyramiden, die sich hier zu zwei konzentrischen Kreisen auf der Lünette aneinanderreihen.

Obwohl die Tradition der Calatrava bis auf die Referenz 96 aus dem Jahr 1932 zurückgeht, wird der Name selbst zur Bezeichnung der schlicht-eleganten Patek-Philippe-Uhrenfamilie erst seit 1982 verwendet. Und für viele Uhrenkenner ist gar die erst 1985 lancierte Referenz 3919 mit dem Handaufzugkaliber 215 PS das Calatrava-Modell und die Referenz einer schlicht-eleganten Uhr schlechthin.

Die Calatrava-Geschichte reicht für Patek Philippe jedoch viel weiter zurück. Schon beinahe hundert Jahre früher, am 27. April 1887 ließ die Genfer Manufaktur das Calatrava-Kreuz offiziell als gesetzlich geschütztes Markenzeichen eintragen. Das ästhetisch überzeugende Symbol eines spanischen Ritterordens des ausgehenden 12. Jahrhunderts bleibt auch als Markenzeichen von Patek Philippe von jeglichen Launen der Mode unbeeinflusst.

Mir wird bewusst, dass ich mit der Calatrava Referenz 6119 einem Zeitmesser von seltener Perfektion begegne – wie schon der Referenz 5120 damals 2001 in Basel. In diesem Moment meiner Träume ging die Tür auf und ein Uhrmacher kam mit dem Star Caliber 2000 herein. MaRi

Produkt: Download: Patek Philippe Aquanaut Chronograph im Test
Download: Patek Philippe Aquanaut Chronograph im Test
Patek Philippe hat die Aquanaut erstmals mit einem Chronographenkaliber ausgestattet - eine Komplikation die zu der sportlichen Linie passt. Das UHREN-MAGAZIN hat die Luxussportuhr getestet.

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