Die kleinen Komplikationen: Gangreserve

Mechanische Uhren zeigen auf verschiedenste Weise die verbleibende Gangreserve an

 Redaktion
von Redaktion
am 10. August 2018

Was ist die Gangreserve bei Uhren?

Wie beinahe jedes technische Gerät braucht auch eine mechanische Uhr Energie, um zu funktionieren. Diese erhält sie von der im Federhaus befindlichen Zugfeder, die über die Aufzugskrone – bei Automatikwerken auch über den Rotor – gespannt wird. Die Zeit, die eine Uhr vom Vollaufzug der Zugfeder bis zu deren völliger Entspannung läuft, ohne dass ihr erneut Energie zugeführt wird, bezeichnet man als Gangdauer oder Gangautonomie. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Gangreserve und Gangdauer synonym verwendet.

Die erste Uhr mit Gangreserveanzeige war die Powermatic von Jaeger-LeCoultre.
Die erste Uhr mit Gangreserveanzeige war die Powermatic von Jaeger-LeCoultre.

 

Inhalt:

  1. Ursprünge der Gangreserveanzeige
  2. Indikation der Gangreserve über einen zusätzlichen Zeiger
  3. Die Gangreserveanzeige – eine Funktion für alle Preisklassen
  4. Auswahl aktueller Uhren mit Gangreserveanzeige:

Ursprünge der Gangreserveanzeige

Es empfiehlt sich nicht, die Gangreserve einer Uhr vollständig ablaufen zu lassen, bevor neue Energie zugeführt wird. Denn grundsätzlich gilt: je gespannter die Feder, desto gleichmäßiger der Gang. Entsprechend nützlich ist eine Gangreserveanzeige, die dem Träger mitteilt, wann die Uhr wieder aufgezogen werden muss. Ursprünglich wurden Gangreserveanzeigen vor allem in Präzisionszeitmesser wie Marinechronometer oder Eisenbahner-Taschenuhren eingebaut. Nachdem die Marke Breguet bereits 1933 einen entsprechenden Armbanduhren-Prototypen vorgestellt hatte, machte Jaeger-LeCoultre die Gangreserveanzeige im Jahr 1948 einem breiten Publikum zugänglich: Die weltweit erste Serienarmbanduhr, die die Federspannung anzeigte, hieß Powermatic. Die Uhrenhersteller führten die Gangreserveanzeige ein, da die Kunden Ende der 1940er-Jahre dem Selbstaufzug, also einer Uhr mit Automatikwerk, misstrauten. Sie befürchteten, dass ihre Uhr trotzdem irgendwann stehen blieb. Der Ausweg bestand darin, den Spannungszustand der Zugfeder permanent auf dem Zifferblatt anzuzeigen. Die durch einen Zifferblattausschnitt sichtbare Gangreservescheibe bedruckte Jaeger-LeCoultre mit Stundenzahlen und informierte so besonders exakt über die verbleibende Kraft. Seitdem wird die Gangreserveanzeige oftmals auch in Uhren mit Automatikwerk eingebaut, obwohl sie dort im Grunde verzichtbar ist.

Meist indiziert ein zusätzlicher Zeiger die Gangreserve

Ansonsten übernimmt meist ein Zeiger die Indikation der Gangreserve, der über ein Getriebe mit dem Aufzugsmechanismus in Verbindung steht. Beim Aufziehen wandert der Zeiger an das eine Ende der Skala; wenn die Zugfeder an Kraft verliert, bewegt er sich – deutlich langsamer – auf das andere Ende zu. Bei historischen Präzisionsuhren waren die Skalenenden meist mit „Auf ” und „Ab” beschriftet, weshalb viele Marken diese Bezeichnungen auch heute noch bei klassisch gestalteten Modellen benutzen.

A. Lange & Söhne: Lange 1 in Rotgold
Der Klassiker Lange 1 von A. Lange & Söhne zeigt über den Hinweis “Auf/Ab” ebenfalls klassisch die verbleibende Gangreserve an.

Besonders interessant wird die Funktion der Gangreserveanzeige bei Handaufzugs- und Automatikuhren mit großer Laufdauer: So muss ein Zeitmesser mit Zehn-Tage-Werk dank der Anzeige nicht durch zu häufiges Aufziehen strapaziert werden.

Das Manufakturwerk 112 der Oris Artelier Kaliber 112 benötigt erst nach zehn Tagen wieder neue Energie.
Das Manufakturwerk 112 der Oris Artelier Kaliber 112 benötigt erst nach zehn Tagen wieder neue Energie.

Auch Uhrenfans, die Zusatzfunktionen mit rotierenden Zeigern langweilig finden, haben Wahlmöglichkeiten: So läuft bei vielen Manufakturuhren von Panerai die Anzeige der verbleibenden Gangreserve dank eines Zahnrechens linear auf einer waagerechten Skala entlang.

Die Gangautonomie der Panerai Radiomir 8 Days stammt aus dem Kaliber P.2002 mit drei Federhäusern.
Die Gangautonomie der Panerai Radiomir 8 Days stammt aus dem Kaliber P.2002 mit drei Federhäusern und wird auf einer waagerechten Skala bei sechs Uhr angezeigt.

Außerdem gibt es Modelle mit Gangreserveanzeige auf der Werkrückseite.

Die Rückseite der Panerai Radiomir 8 Days Titanio 45mm PAM00735 zeigt die verbleibende Gangreserve des Handaufzugwerks P.2002 an
Panerai: Radiomir 8 Days Titanio 45mm PAM00735 mit Gangreserveanzeige auf der Gehäuserückseite

Die Gangreserveanzeige – eine Funktion für alle Preisklassen

Eine Gangreserveanzeige ist nicht allein Uhren mit Manufakturwerken vorbehalten. Die Funktion findet sich bereits bei Zeitmessern ab circa 400 Euro. Hier werden Standardwerke von Eta und Sellita eingesetzt. Doch selten genießt die Gangreserveanzeige die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Trägers. Die schlichteste Variante ist die Kombination mit einer kleinen Sekunde.

Erschwingliche deutsche Uhr mit Gangreserveanzeige: Junkers Bauhaus
Das Modell Bauhaus von Junkers gehört zu den erschwinglichen Uhren mit Gangreserveanzeige.

Hier sehen Sie eine Auswahl aktueller Uhren mit Gangreserveanzeige:

Bei der Patek Philippe Referenz 5960/01 befindet sich unter dem Datumsfenster bei 12 Uhr die Gangreserveanzeige mit einem kleinen Zeiger zwischen Minus (Uhrwerk abgelaufen) und Plus (Uhrwerk voll aufgezogen).
Das Handaufzugskaliber RM 70-01 der Richard Mille RM70-01 Tourbillon Alain Prost verfügt über 70 Stunden Gangreserve. Die zugehörige Anzeige ist bei fünf Uhr untergebracht.
Bei der IWC Portofino Hand-Wound Moon Phase indiziert eine Gangreserveanzeige bei neun Uhr klassisch über einen Zeiger die restliche Gangdauer
Bei der Richard Lange Springende Sekunde von A. Lange & Söhne wird die verbleibende Gangreserve unterhalb des Sekundenkreises in einem kleinen Ausschnitt angezeigt. Diese springt zehn Stunden vor Ablauf der 42-stündigen Gangreserve von Weiß auf Rot.
Bis zu sieben Tage ohne erneutes Aufziehen läuft die H. Moser & Cie. Endeavour Perpetual Calendar Purity Cosmic Green. Die schlichte Gangreserveanzeige bei neun Uhr fügt sich gut in das puristische Zifferblatt ein.
Bei der Grand Seconde Ceramic Clous de Paris Power Reserve von Jaquet Droz wird die verbleibende Gangreserve retrograd über einen Zeiger bei neun Uhr angegeben.
Zur ungewöhnlichen Zeitanzeige kombiniert Urwerk bei der UR-210 Black Platine eine klassische Gangreserveanzeige bei ein Uhr
Die Gangreserveanzeige ist bei der Senator Cosmopolite von Glashütte Original in das Hilfszifferblatt der Heimatzeit bei zwölf Uhr integriert.
Bei der Moritz Grossmann Atum Gangreserve setzt die balkenförmige weiß-rote Gangreserveanzeige auf dem puristischen Zifferblatt einen Akzent.
Die Greubel Forsey Différentiel d’Égalité verspricht über seine Gangdauer von 60 Stunden eine konstante Energieversorgung. Die Anzahl der verbleibenden Stunden der Gangreserve zeigt das Modell bei zwei Uhr
Hublot verwendet bei der Big Bang Meca-10 Magic Gold eine spezielle Form der Gangreserveanzeige. Sie wird mittels einer Zahnstangenübertragung realisiert, bei sechs Uhr kann der Träger auf einem Zahnrad die verbleibende Gangreserve in Tagen in einem roten Rahmen ablesen.
Bei der Chronomètre Ferdinand Berthoud FB 1.3 überträgt ein zum Patent angemeldeter Mechanismus die verbleibende Gangreserve von maximal 53 Stunden besonders genau auf das Hilfszifferblatt bei neun Uhr.
Neben Wochentage und Datums stellt die Vacheron Constantin Fiftysix Day-Date zwischen sechs und sieben Uhr eine Gangreserveanzeige dar.
Das Chronographen-Werk der Zenith Defy El Primero 21 ermöglicht das Stoppen auf die Hundertstelsekunde genau. Die Gangreserve des Stoppers reicht für 50 Minuten. Darüber, wann neue Energie zugeführt werden muss, gibt eine Gangreserveanzeige bei der Zwölf Auskunft.

Als interessante Komplikation mit geschichtlichem Hintergrund – und nicht zuletzt als Gestaltungselement – schätzen viele Uhrenträger die Gangreserveanzeige. Wer einen Überblick zum Thema “Uhren mit Gangreserveanzeige” sucht, sollte sich hier unsere kostenlose Marktübersicht zu Thema herunterladen.

Fortlaufend aktualisierter Artikel, erstmals online gestellt im Februar 2011.

Weitere Themen unserer Reihe “Uhren-Komplikationen” finden Sie hier:

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