Produkt: UHREN-MAGAZIN Digital 2/2018
UHREN-MAGAZIN Digital 2/2018
IWC Ingenieur Chronograph: Der neue Klassiker im Test +++ Marktübersicht: 80 Modelle unter 1000 Euro +++ Schwerpunkt: Retrouhren +++ Test: Longines Big Eye +++

100 Jahre Citizen

Geschichte, Strategie und Neuheiten des japanischen Uhrengiganten

Citizen ist seit Langem eine der bekanntesten und erfolgreichsten Uhrenmarken der Welt. Das war ­jedoch nicht immer so: Vor 100 Jahren waren der Segen eines Kaisers, der Einfluss eines Bürgermeisters und das Bekenntnis zu erschwinglichen Zeitmessern nötig, um Citizen aus den Startlöchern zu helfen.

Die Anfänge von Citizen: Der Tokioter Juwelier Kamekichi Yamazaki gründete 1918 das Shokosha Watch Research Institute
Die Anfänge von Citizen: Der Tokioter Juwelier Kamekichi Yamazaki gründete 1918 das Shokosha Watch Research Institute

Im frühen 20. Jahrhundert kontrollierten die damaligen Uhrennationen Schweiz und USA den japanischen Markt. Doch, das in seinen Anfangsjahren vor allem mit einer Taschenuhrenproduktion experimentierte. Yamazaki und sein Team nahmen sich reichlich Zeit, bevor sie im Dezember 1924 ihr erstes Produkt, die Taschenuhr Citizen Kaliber 16, vorstellten. Den Namen „Citizen“ steuerte der damalige Tokioter Bürgermeister Shinpei Goto bei, der mit Yamazaki bekannt war.

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Er bezog sich damit auf Yamazakis Grundidee, das Luxusprodukt Uhr einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Goto glaubte, dass Yamazaki irgendwann einen Zeitmesser produzieren würde, den sich jeder Bürger ­Japans (englisch „citizen“) leisten könne. Damals ahnte er noch nicht, dass Citizen eines Tages dazu beitragen würde, die japanische Uhrenindustrie durch die Quarzrevolution zu führen – eine Revolution, die den Rest der Uhrenwelt in die Krise stürzte –, und dass die Marke eines Tages einer der größten Uhrenproduzent aller Zeiten werden würde.

Das erste Produkt: Taschenuhr Kaliber 16 von 1924
Das erste Produkt: Taschenuhr Citizen Kaliber 16 von 1924

Etwa zur gleichen Zeit entstand das Gerücht, der damals amtierende Kaiser Hirohito habe eines der ersten Kaliber-16-Modelle von Yamazaki geschenkt bekommen. Taschenuhren waren kein exotischer Anblick im kaiserlichen Palast; aber dass dieses Modell in Japan entstanden war, beeindruckte den jungen Führer so sehr, dass er Yamazaki eine Nachricht sandte und ihn ermutigte, sein Unternehmen weiterzuentwickeln.

Ein neuer Name

Das Shokosha Watch Research Institute wuchs in diesen frühen Jahren nur langsam und wurde deshalb 1930 in ein offizielles Unternehmen unter neuer Führung umgewandelt: Die Citizen Watch Co. war geboren. Die dreißiger Jahre waren dann von starkem Wachstum geprägt, denn Citizen hatte begonnen, Uhren nach Südostasien und in die Südpazifikregion zu exportieren. 1939 überschritten die japanischen Uhrenexporte erstmals die Fünf-Millionen-Grenze – mit Citizen als größtem Produzenten.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die japanische Uhrenproduktion auf verheerende Weise: Die Citizen-Fabriken wurden von alliierten Bomben zerstört, und die Fertigung zog von Tokio aufs Land. Es sollten 20 Jahre vergehen, bis Japan wieder fünf Millionen Uhren pro Jahr exportierte.

Frühe Armbanduhr: Dieses Modell im tonneauförmigen Gehäuse stammt von 1931
Frühe Armbanduhr: Dieses Modell im tonneauförmigen Gehäuse stammt von 1931

Was Citizen in dieser Zeit in Sachen Produktionskapazität fehlte, machte das Unternehmen durch die Schaffung interner Strukturen wett. So entstand 1949 die Citizen Trading Co., die fortan das Marketing und den Vertrieb weltweit steuerte. In den fünfziger Jahren gelang der Uhrenmarke eine Reihe technischer Durchbrüche auf dem japanischen Armbanduhrenmarkt, wie die erste Kalenderuhr, der erste stoßgesicherte Zeitmesser, das erste Modell mit Alarmfunktion und die erste wasserdichte Uhr. 1958 führte Citizen schließlich sein erstes Automatikwerk ein, das Kaliber 3 KA mit 21 Steinen.

Die Entstehung der Quarzuhr

1960 veränderte die amerikanische Marke Bulova die Welt mit der Markteinführung der ersten elektronischen Armbanduhr namens Accutron. Citizen reagierte 1964 mit der Schaffung des Tokorozawa Technical Laboratory, dessen Fokus allein auf der Entwicklung elektronischer Uhren lag. Zwei Jahre später lancierte Citizen die X-8 als Japans ersten elektronischen Zeitmesser. Es war allerdings der große Konkurrent Seiko, der die Quarzrevolution ab Dezember 1969 mit kommerziell erfolgreichen Modellen ins Rollen brachte. Dafür konnte Citizen 1975 die weltweit genaueste Uhr vorstellen: Die Abweichung der Crystron Mega betrug maximal drei Sekunden pro Jahr! 1976 brachte Citizen die weltweit erste solarbetriebene Analog-Quarzuhr – ein Vorbote der heute legendären Eco-Drive-Technik –, und 1981 erschien die erste Quarzuhr mit Temperaturkompensation.

Der heutige Chef: Toshio Tokura ist CEO und Präsident der Citizen Watch Co.
Der heutige Chef: Toshio Tokura ist CEO und Präsident der Citizen Watch Co.

Während der frühen achtziger Jahre fiel die Schweiz mit ihrer Uhrenproduktion hinter Japan zurück. 1986 produzierte Citizen 80 Millionen Uhren und Werke pro Jahr und stellte damit 40 Prozent der japanischen Uhrenproduktion. Im selben Jahr wurde das Unternehmen zum größten Uhrenhersteller weltweit – und sollte es für den Rest des Jahrhunderts bleiben.
Seitdem gab es eine ganze Reihe von Meilensteinen in der Firmengeschichte, aber keiner von ihnen ist so wichtig wie die Einführung der solargetriebenen Eco-Drive im Jahr 1995, die bis heute Citizens bekannteste und meistverkaufte Linie darstellt. Zwei Faktoren haben zu diesem sensationellen Erfolg geführt: Umweltfreundlichkeit und Erschwinglichkeit. 2007 rechnete Citizen vor, dass die Eco-Drive-Technik mittlerweile allein in Nordamerika die Entsorgung von zehn Millionen Uhrenbatterien verzichtbar gemacht habe, da sich der Akku der neuen Uhren durch Lichteinstrahlung beliebig oft aufladen lässt. Außerdem sind die Zeitmesser, die meist unter 500 Euro und oftmals sogar unter 300 Euro kosten, auch an den Handgelenken der preisbewusstesten Uhrenfans zu finden. Yamazaki wäre stolz.

Citizen heute

Während der letzten zehn Jahre hat Citizen die Uhrenwelt mehrere Male kräftig durchgerüttelt. Der erste Paukenschlag kam 2008, als die Japaner die amerikanische Traditionsmarke Bulova für über 200 Millionen Euro kauften. Unter dem neuen Dach floriert Bulova mit Modelllinien wie der Precisionist, die die Jagd nach der höchstmöglichen Präzision symbolisiert.
Während die Übernahme von Bulova noch mit einer seit 1960 währenden Import-Export-Kooperation der beiden Unternehmen zu begründen ist, war Citizens nächster Schritt für viele ein echter Schock: 2012 kauften die Japaner den Werkehersteller La Joux-Perret, zu dem auch die Luxusmarken Arnold & Son und Angélus gehören, und ebneten sich damit den Weg in die Schweizer Uhrenindustrie. Der nächste Coup folgte 2016 mit dem Erwerb der kleinen Unternehmensgruppe Frédérique Constant Holding SA, zu der neben Frédérique Constant auch die Marken Alpina und Ateliers deMonaco gehören.

Bei Sammlern beliebt: Bullhead-Chronographen aus den siebziger Jahren
Bei Sammlern beliebt: Bullhead-Chronographen aus den siebziger Jahren

Die Entwicklung von Unternehmen und Marken ­außerhalb des Mutterhauses war ein grundlegender Strategiewechsel. Dieser diente nicht nur der Erhöhung von Marktanteilen, sondern eröffnete dem Unternehmen ganz neue Zielgruppen bis hin zu etablierten Uhrenkennern und Sammlern. Jeffrey Cohen, Präsident von ­Citizen Watch America, beschreibt es so: „Die Marke ­Citizen treibt als Motor eine Gruppe an, deren Uhrenportfolio auf Technik ausgerichtet ist. Bulova ist unsere Marke für erschwinglichen Luxus mit klassischen Designs und Ausstattungsmerkmalen. Alpina sehen wir als unsere Marke für bezahlbare Luxussportuhren, und ­Frédérique Constant ist eine Schweizer Uhrenmanufaktur mit klassischem Design und attraktiven Preisen. Bei Ateliers deMonaco und Arnold & Son sprechen wir von höchster Präzision und Highend-Zeitmessern für den gehobenen Luxusuhrenmarkt.“ Mit all diesen Übernahmen in relativ kurzer Zeit ­investiert die Citizen Group in ihre Zukunft – und in die Zukunft der Uhrmacherei. Mehr Marken bedeuten mehr Kunden, und daraus folgen wiederum mehr Uhren mit verschiedenen Ausstattungsmerkmalen für ein möglichst breites Publikum.

Helden und Zielgruppen

Heute ist Citizens Zukunft nicht mehr ausschließlich mit uhrmacherischen Innovationen und neuen Produktvorstellungen verknüpft. Auf der Baselworld 2018 verkündete die Uhrenmarke eine Partnerschaft mit Disney, was nicht nur ein Meilenstein in Citizens Uhrenmarketing ist, sondern wahrscheinlich auch der größte Deal dieser Art in der Geschichte der Uhrmacherei.
Während Citizen durch ein größeres Markenportfolio wächst, erhebt sich Disney im Moment in ungeahnte Höhen. Von Marvel, Star Wars und Pixar bis hin zu Themenparks, die jedes Jahr Millionen von Menschen anziehen, gibt es Gründe genug, warum eine Partnerschaft mit Disney für eine Uhrenmarke erstrebenswert ist. Dazu ­gehören unter anderem das Citizen-Logo an bestimmten Uhren in Disney-Parks weltweit sowie Musiklizenzgeschäfte und ein Red-Carpet-Sponsorship für den Marvel-Film „Avengers: Infinity War“ und dessen für 2019 geplanten Nachfolger.

Neue Uhren

2018 besann sich Citizen auf seine Vergangenheit und brachte einen historischen Uhrentyp zurück: In den siebziger Jahren war die Marke nicht nur für ihre Quarzuhren bekannt, sondern auch für eine Kollektion von mechanischen Bullhead-Chronographen mit Drückern am oberen Gehäuserand, die heute unter Sammlern beliebt sind. Das neue Modell namens Promaster Land Eco-Drive Flyback Chronograph besitzt allerdings ein modernes elektronisches Werk.

Neue Bullhead-Uhr: Promaster Land Eco-Drive ­Flyback Chronograph (695 Euro)
Neue Bullhead-Uhr: Promaster Land Eco-Drive ­Flyback Chronograph (695 Euro)

Die faszinierendste Neuheit für Fans von Citizens ­Innovationskraft ist ein Modell, das äußerlich an die Zeit von Yamazaki, Hirohito und Goto erinnert: die Taschenuhr Kaliber 0100. Das Innenleben hätten sich diese drei für Citizen wichtigen Personen jedoch im Traum nicht vorstellen können, denn das Konzeptkaliber 0100 mit Eco-Drive-Antrieb weicht weniger als eine Sekunde pro Jahr vom Zeitnormal ab. Damit ist die Kaliber 0100 die genaueste von externen Reguliereinheiten wie zum Beispiel Funksignalen unabhängige tragbare Uhr der Welt. Für das neue Uhrwerk hat Citizen einen eigenen Quarzoszillator entwickelt, der die Einflüsse von Temperaturwechseln und Bewegungen auf das Gangverhalten minimiert. Das geschieht zum Teil durch die kleineren Vibrationen des Oszillators selbst sowie durch seine ­Fähigkeit, die Schwingfrequenz des Quarzes zu über­wachen und bei Temperaturwechseln anzupassen. ­Während ein herkömmlicher Quarz mit 32768 Hertz schwingt, beträgt die Frequenz des neuen Kalibers 0100 mit 8388608 Hertz das 256-Fache davon. Citizen hat es geschafft, das Eco-Drive-Uhrwerk so zu konstruieren, dass es den nötigen Strom für diese schnellen Schwingungen bereitstellt und trotzdem sechs Monate lang ohne neues Aufladen durch Lichteinstrahlung läuft.

Unverkäufliche Konzeptuhr: die Kaliber 0100 weicht weniger als eine Sekunde pro Jahr vom Zeitnormal ab
Unverkäufliche Konzeptuhr: die Kaliber 0100 weicht weniger als eine Sekunde pro Jahr vom Zeitnormal ab

Das Werk lässt sich durch einen Glasboden betrachten, und auf der Vorderseite erinnern sechseckige Indexe und das genauso geformte Gegengewicht des Sekundenzeigers an den Quarzkristall, der die extreme Präzision hervorbringt. Des Weiteren verfügt das Kaliber über eine erhöhte Stoßfestigkeit und die Fähigkeit, die Zeiger nach einem starken Schlag automatisch wieder in die richtige Position zu bringen. Citizen verspricht, dass der Konzeptuhr im Jahr 2019 ein Serienmodell folgen wird. An Innovationen wie dieser lässt sich in etwa vorhersagen, wohin die Reise beim nun 100-jährigen Unternehmen Citizen geht. Man kann davon ausgehen, dass der Konzern für alles, was in den nächsten 100 Jahren kommen wird, gewappnet ist.

Text: Logan R. Baker | Übersetzung aus dem Englischen: Alexander Krupp

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Produkt: UHREN-MAGAZIN Digital 1/2018
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